Eine Hommage an David Ricardo (1772–1823)

Im April dieses Jahres jährte sich der Geburtstag des englischen Nationalökonomen David Ricardo zum 250. Mal. Wenn man ähnliche Jubiläen als Referenzpunkt heranzieht, so wurde der Jahrestag dieses bedeutenden Klassikers in akademischen Kreisen wenig pompös gefeiert. Das mag mehrere Gründe haben, von denen die im Frühjahr 2022 infolge der Corona-Pandemie noch außerordentlich komplizierte Situation für die Organisation wissenschaftlicher Konferenzen mit Sicherheit eine große Rolle spielt. Zumindest in der Bundesrepublik Deutschland ist keine derartige Veranstaltung größeren Umfangs beworben worden.

Es mag auch zutreffen, dass einige Vertreter der modernen Economics jenseits theoriehistorischer Bezüge entweder gar nichts mit Ricardo als einem Hauptrepräsentanten der Political Economy des frühen 19. Jahrhunderts anzufangen wissen oder dass andere, im gewissen Gegensatz dazu, seine Theorien oder Teile davon bewusst für nicht erinnerungswürdig halten. Während man es im ersten Fall schlicht mit Ignoranz zu tun hätte, liegen die Dinge im zweiten Fall komplizierter. Wenn man wohlmeinend davon ausgeht, dass nicht tiefe Unkenntnis des Werks von Ricardo die Ursache derartiger Einschätzung ist, erscheinen Argumente wie wissenschaftliche Überholtheit, empirische Irrelevanz oder zweifelhafte Methodik als Motive für eine ablehnende Haltung nicht so trivial, dass man sie einfach beiseiteschieben könnte.

Als zusätzlich störend für eine angemessene theoriehistorische Einordnung und Beurteilung ist es zu bedauern, wenn Denker vergangener Epochen ausschließlich am aktuellen Stand ihres Fachs gemessen werden. Derartig anachronistische Attitüden führen in der Regel zu verzerrten Wertungen und werden ihrem Gegenstand nicht gerecht. Was ein unvoreingenommen nach wissenschaftlicher Erkenntnis strebender Denker wie Ricardo innerhalb seiner Schaffensperiode nicht zu leisten vermochte, interessiert lediglich unter dem Gesichtspunkt, wie er dennoch die wissenschaftliche Nachwelt zur Aufnahme seiner Ideen und ungelösten Probleme anzuregen imstande war.

Unter dieser Prämisse gibt es bis heute keinerlei Mangel an Anreizen für eine Aufarbeitung des Werkes von Ricardo, hat er doch Kernthesen der Ökonomik entweder selbst aufgestellt oder zu bereits vorhandenen Auffassungen dezidierte Stellung bezogen. Deutlich erkennbare Spuren seiner Argumente sind daher in der modernen Theorie fest verankert, unabhängig davon, ob man geneigt ist, sie mit seinem Namen zu verbinden, dies aus welchen Gründen auch immer vermeidet oder im Gegenzug dabei sogar übertreibt. Darüber hinaus ist Ricardos klassisches Werk zum Bezugspunkt für verschiedene Schulen und Strömungen der Ökonomik geworden, die selbst bereits wieder Gegenstand theoriehistorischer Analyse sind. Angesichts dessen lohnt sich ein nicht nur oberflächlicher Blick auf die theoretische Hinterlassenschaft Ricardos allemal.

Zur Person
David Ricardo wurde am 16. April 1772 in London als drittes von später 17 Kindern in eine aus Portugal stammende jüdische Familie hineingeboren. Seine Eltern kamen kurz vor seiner Geburt über die Niederlande nach England und wurden hier eingebürgert. Der Vater, ein wohlhabender und angesehener Börsenmakler, führte seinen Sohn bereits im Alter von 14 Jahren in das Geschäft ein, indem er ihn an die Londoner Börse mitnahm. Als David Ricardo mit 21 Jahren die Quäkerin Priscilla Anne Wilkinson heiratete und sich von der familiär gepflegten religiösen Weltanschauung löste, brach der Kontakt zur Familie ab und sein Vater enterbte ihn.

Offenbar hatte der Sohn aber genug beim Vater und auf den entsprechenden Schulen in England und Holland gelernt, denn das eigene Maklergeschäft, das seine Kräfte und Ressourcen für die nächsten Jahre band, machte David Ricardo zu einem der bekanntesten Stockbroker seiner Zeit. Zu seinem finanziellen Erfolg trug wesentlich bei, dass er, im Juni 2015, kurz vor der Schlacht von Waterloo, fast sein ganzes Vermögen auf die bislang größte Kriegsanleihe Englands gesetzt hat, weil er, durchaus risikobereit, an die Niederlage Napoleons glaubte – und damit Recht behielt. Die Kurse, die sich wegen des ungewissen Ausgangs der Schlacht im Sinkflug befunden hatten und nun wieder stiegen, machten ihn zu einem der reichsten Männer Englands.

Ricardo hat niemals eine Universität besucht, und Schumpeter bezeichnet ihn als im scholastischen Sinne nahezu ungebildet, aber dennoch als einen Gelehrten. Ricardo hat sich den Wissenschaften autodidaktisch zugewandt, zunächst faszinierten ihn mathematische, chemische und mineralogische Studien. Spätestens nach der Lektüre von Adam Smith‘ Werk „An Inquiry into the Nature and the Causes oft he Wealth of Nations“ von 1776, das ihm im Jahr 1799 anlässlich der Begleitung seiner Frau zu einem Kuraufenthalt in Bath in die Hände fiel, war Ricardos nationalökonomisches Interesse geweckt, dem er neben seiner praktischen Tätigkeit fortan auch nachging. Ab 1814 hat sich Ricardo auf seinen englischen Landsitz Gatcomb(e) Park in Gloucestershire, der heute der private Landsitz von Prinzessin Anne, der Tochter der englischen Königin Elisabeth II. ist, zurückgezogen, um sich der Politischen Ökonomie in höherem Maße widmen zu können. Bis dahin war er mit einigen kleineren Streitschriften hervorgetreten, in denen er sein wirtschafts- und währungspolitisches Credo aber bereits sehr deutlich herausstellte, große Aufmerksamkeit erregte und eine Währungsdiskussion auslöste, die auch im Parlament Kreise zog. Ricardos Hauptwerk “On the Principles of Political Economy and Taxation“ erschien 1817, wurde interessiert aufgenommen und erreichte noch zu seinen Lebzeiten die dritte Auflage. Ausführliche Diskussionen mit anderen Ökonomen dieser Zeit sind in Ricardos Briefwechsel dokumentiert, so unter anderem mit James Mill, Robert Thomas Malthus, Jean Baptiste Say und John Ramsay McCulloch.

1819 wurde Ricardo Mitglied des Unterhauses des britischen Parlaments. Dort trat er vor allem zu finanz- und währungspolitischen Fragen auf, diskutierte aber auch engagiert zu anderen Themen. Immer war die Gewährung bürgerlicher Freiheiten sein Credo. So trat er beispielsweise für geheime Wahlen, die Gleichbehandlung der Religionen und eine Strafrechtsreform ein. Die Politik der Bank von England beurteilte er unter dem Aspekt der Bereicherung ihrer Bankdirektoren argwöhnisch, 1823 legt er einen Plan zu ihrer Entmachtung und zur Gründung einer Nationalbank vor. Es war ihm nicht vergönnt, für diesen Plan nachdrücklich zu werben. Ricardo starb am 11. September 1823 im Alter von nur 51 Jahren an den Folgen einer Mittelohrentzündung. Hinterlassen hat er ein Œuvre mit vielen Facetten.

Ricardos geldtheoretischer Standpunkt
Die Beschäftigung mit monetären Problemen steht am Beginn des aufkeimenden theoretischen Interesses Ricardos und ist ein Reflex auf reale Gegebenheiten. Während der seit 1793 geführten Napoleonischen Kriege hatte die Bank von England im Mai 1797 die Goldeinlösepflicht der auf englische Pfund Sterling lautenden Banknoten aufgehoben, nachdem durch einen Banken-Run die Finanzsituation instabil geworden war. Obwohl sie kein gesetzliches Zahlungsmittel darstellten, blieben die Banknoten zunächst allgemein akzeptiert und die geld- und finanzpolitische Lage beruhigte sich etwas. Ab 1808 kam es jedoch zu einer erneuten Eskalation. Neben der Inkonvertibilität in Gold bei gleichzeitiger Erhöhung der Notenausgabe hatten eine hohe Kreditvergabe an Private, ein wachsendes Handelsbilanzdefizit und ein großer Goldabfluss zur Finanzierung des Krieges rasch zu einem Wertverlust der Banknoten gegenüber Gold geführt. Das Disagio der Pfundnoten betrug bis zu 30 Prozent, das Preisniveau erhöhte sich, und das bedeutete nichts anderes als eine nicht mehr klein zu redende Inflation.

Ricardo hat die Entwertung des Papiergelds auf die Erhöhung seiner Menge zurückgeführt und nahm damit einen quantitätstheoretischen Standpunkt ein. Anfang der 20er Jahre wurde dieser von der Currency-Schule adoptiert, der Ricardo als Bullionist gemeinsam mit Robert Torrens gegen die Banking-Schule von Thomas Tooke und John Fullarton zuneigte. Während letztere davon ausgeht, dass sich im Idealfall die Geldmenge an das Preisniveau anzupassen hat, empfahl die Currency-Theorie eine Begrenzung der Geldmenge durch die Bindung an Gold zur Vermeidung von Inflation. Der hohe Goldpreis und die damit verbundene Steigerung der Warenpreise sei durch eine zu starke Notenausgabe verursacht worden. Die Forderung nach einer Rückkehr zum Goldstandard ist die logische Konsequenz dieser Denkweise. Ricardo, der zunächst in Form von Zeitungsartikeln den Tauschwert des Pfund Sterling thematisierte, argumentierte anonym mit der kleineren Schrift „The Price of Gold“ (1809) und kurze Zeit später mit „The High Price of Bullion. A Proof on the Depreciation of Bank Notes” (1810) gegen die Real Bills-Doktrin von Henry Thornton. Damit hat Ricardo einen nachweislichen Einfluss auf den Bullion-Report des Parlaments von 1810 und das Gesetz von 1812 ausgeübt, mit dem die Annahme der Banknoten der Bank von England verpflichtend gemacht und die Rückkehr zur Goldeinlösung nach dem Ende des Kriegs beschlossen wurde. Ricardo galt als einer der hartnäckigsten Verfechter des Goldstandards in der sogenannten Bullion-Kontroverse, der leidenschaftlich seinen Standpunkt vertrat. Sein 1816 vorgeschlagener Plan für eine sichere Währung sah vor, Banknoten nur in Goldbarren und nicht in Goldmünzen umzutauschen und Papiergeld weiter als Hauptzahlungsmittel zirkulieren zu lassen, um einen sparsamen Umgang mit dem Edelmetall zu gewährleisten. Dieser Barrenplan wurde 1819 für ein paar Monate umgesetzt, bevor die Bank of England im Jahr 1821 zum Goldstandard unter Einhaltung der Parität von vor 1797 und wieder höherem Goldmünzenumlauf zurückkehrte und den Siegeszug der Currency-Schule über die Banking-Schule einleitete.

Während der langen Debatten hatte Ricardo sich immer stärker zum Theoretiker entwickelt. Seine Bekanntschaft mit James Mill, der ihn zur Publikation seiner Ideen ermutigte und mit Thomas Robert Malthus, dessen Ansichten er partiell teilte, aber von denen in einem ganz zentralen Punkt für den theoretischen Standort abwich, nämlich der Haltung zum Say’schen Theorem, waren für seine Reife zum klassischen Theoretiker mit Sicherheit fruchtbringend. Der inzwischen veröffentlichte Briefwechsel Ricardos dokumentiert auch die mit Mill und Malthus diskutierten Themen.

Ricardo als Verteilungstheoretiker
Obwohl Ricardo in den Worten von Karl Marx der Ökonom der Produktion par excellence ist, habe er nicht die Produktion, sondern die Distribution als das eigentliche Thema der Ökonomie gesehen. Das ist kein Widerspruch. Die Formen, in denen die Verteilung des gesellschaftlichen Nettoprodukts auf die Grundklassen der Gesellschaft vorgenommen wird, sind ein Spiegel für deren funktionaler Verankerung im Prozess der Produktion des gesellschaftlichen Reichtums. Bereits in seinem „Essay on the Influence oft the Price of Corn on the Profits of Stock” (1815) scheint diese Erkenntnis bei Ricardo auf, die er als Resultat einer theoretischen Auseinandersetzung mit Malthus über Wert- und Verteilungsfragen gewann.

Hintergrund des Disputs waren die 1815 eingeführten Korngesetze. Ricardo vertritt hier gegen Malthus die These, dass nicht das Angebot an und die Nachfrage nach Kapital die Profitrate in den produktiven Sektoren bestimmt, von der wiederum die Profitrate in der Landwirtschaft determiniert sei, sondern umgekehrt lege die Profitrate in der Landwirtschaft die Profitraten der anderen Sektoren fest, und zwar auf der Grundlage des inversen Verhältnisses zwischen Renten und Profiten und der Tendenz zum Ausgleich der Profitraten.

In seinem zwei Jahre später erscheinenden Hauptwerk vertieft Ricardo die Analyse zu Verteilungsfragen im Kontext der Ausarbeitung seiner Werttheorie. An den Anfang seiner „Principles“ hat Ricardo die These gestellt, dass das Auffinden jener Gesetze, welche die Verteilung des Produktionsergebnisses im Zusammenspiel von Arbeit, Maschinerie und Kapital bestimmen, das Hauptproblem der politischen Ökonomie darstellt. Er geht von jener Klassenstruktur der Gesellschaft aus, wie sie unter anderen von William Petty und Adam Smith bereits in die Analyse eingeführt worden war, nämlich die soziale Gliederung in die Klassen der Lohnarbeiter, Kapitalisten und Grundeigentümer.

Wie jene Autoren hat auch Ricardo die Wirtschaft zunächst am Beispiel der Landwirtschaft analysiert. Grund und Boden stellen in einer agrarkapitalistischen Gesellschaft das dominante Kapital dar, so dass sich das Verteilungsproblem auf Grundeigentümer, Pächter und ländliche Lohnarbeiter ausrichtet. Grundeigentümer streichen als Besitzer des Bodens für dessen Verpachtung Grundrente ein. Die Klasse der Pächter stellt die eigentlichen unternehmerischen Kapitalisten dar, die auf dem von den Grundeigentümern gepachteten Boden Lohnarbeiter beschäftigen. Sie erwarten sich von dieser Funktion ein Einkommen in Form von Profit, den Landarbeitern wird ein Lohn gezahlt. Jenseits dieser Feststellung geht es um die Frage nach den Mechanismen, durch die sich der Anteil der drei Klassen am erwirtschafteten Produkt regelt. Verteilung in diesem Sinne wird von Ricardo nicht als Machtkampf der Klassen aufgefasst, auch nicht wie bei John Stuart Mill als ein Mechanismus, in den die Gesellschaft korrigierend eingreifen können darf, sondern als ein quasi naturgesetzlich geregelter Prozess, den es zu durchschauen gilt, ohne auf metaphysische Begründungen zurückgreifen zu müssen.

Als einschränkende Annahme der von Ricardo modellierten Wirtschaft wird die Existenz nur eines einzigen Gutes, nämlich Getreide, herangezogen. Piero Sraffa, der Begründer der neoricardianischen Schule (s. u.) und Herausgeber der unter Mitarbeit von Maurice H. Dobb zwischen 1951 und 1973 erschienenen elfbändigen Werkausgabe Ricardos, hat dessen Verteilungstheorie daher als „Kornmodell“ (oder Getreidemodell) bezeichnet. Im Kornmodell werden die Löhne in Getreide gezahlt. Sie stellen Unterhalts- und Reproduktionsmittel dar und müssen außer dem zum Lebenserhalt nötigen Konsummittel auch das Saatgut für die nächste Periode enthalten. Alles Getreide, das über dieses für die Reproduktion der Wirtschaft erforderliche notwendige Produkt hinaus geerntet wird, stellt einen Überschuss (Surplus) dar, der als Mehrprodukt zwischen Pächtern und Grundeigentümern, also als Profit und Rente aufgeteilt wird. Profite und Renten stellen damit eine Größe dar, die sich aus der Differenz zwischen Gesamtprodukt und notwendigem Produkt ergibt.

Dabei geht Ricardo von der in der klassischen politischen Ökonomie üblichen These des „Minimum de Salaire“ aus, also einem Lohn, der es den Lohnarbeitern und ihren Familien gerade noch erspart, verhungern zu müssen und der somit einen Subsistenzlohn darstellt. In Anerkennung des Malthusianischen Bevölkerungsgesetzes ist ein folgenloses Herabdrücken des Reallohniveaus unter diese Marge nicht möglich, sondern die Reallöhne schwanken um das Existenzminimum. Sie können somit als relativ starr und langfristig konstant angenommen werden. Diese Ansicht ist später von Ferdinand Lassalle als „ehernes Lohngesetz“ übernommen worden.

Im nächsten Schritt wird von Ricardo untersucht, wie sich der Surplus zwischen Grundeigentümern und Pächtern aufteilt. Was die Grundrente angeht, nutzt Ricardo zwei Hypothesen, erstens die Annahme einer schon bei Sir William Petty auftauchenden Differentialrente und zweitens das von dem Physiokraten Anne Robert Jacques Turgot formulierte Ertragsgesetz. Nach der in zwei Varianten formulierten Differentialrententheorie erhalten die Bodenbesitzer Renteneinkommen in Abhängigkeit von Fruchtbarkeit und/oder Lage der von ihnen verpachteten Böden. Der jeweils beste Boden hinsichtlich der Ertragsfähigkeit respektive Lage zum Markt erzielt die höchste Rente, während der jeweils schlechteste Boden leer ausgeht. Die damit verbundene Ignoranz gegenüber einer absoluten Rente ist von Karl Marx scharf kritisiert worden, spielt aber für die von Ricardo in diesem Kontext benutzte Argumentation keine größere Rolle. Dagegen liefert das Ertragsgesetz, das von abnehmenden Grenzerträgen ausgeht, eine Begründung dafür, dass bei steigender Nachfrage nach Korn weitere Böden bebaut werden müssen, die bisher keine Berücksichtigung gefunden haben, weil ihre Qualität zu schlecht war, um eine Rente abzuwerfen. Mit zunehmender Bewirtschaftung immer schlechterer Böden steigt das Rentenaufkommen dagegen insgesamt, weil immer mehr Grundbesitzer in den Genuss von Differentialrente gelangen.

Abstrakt logisch muss die Konstanz der Reallöhne (bei möglicherweise steigenden Nominallöhnen) sowie die Erhöhung des Rentenaufkommens zwangsläufig die Folge eines in Relation zu den Grundrenten abnehmenden Anteils der Profite am Surplus haben. Die Profite erscheinen daher noch stärker als die Renten als Residualeinkommen und so wird Ricardo gewöhnlich die Formulierung in den Mund gelegt, dass die Profite zwischen Löhnen und Grundrenten „zerrieben“ werden, die Profitraten somit eine Tendenz zum Sinken haben. Das ist eine Schlussfolgerung, die Ricardo nicht nur auf das Kornmodell beschränkt. Die Höhe der Profitrate in der landwirtschaftlichen Produktion und die Profitraten in Industrie und Handel sind nach Ricardo weitgehend ausgeglichen, weil es sonst zu Wanderungsbewegungen in der Kapitalanlage käme. Die Idee einer allgemeinen oder Durchschnittsprofitrate hat hier ihren Ursprung. Wegen deren von Ricardo postulierten Neigung zum Sinken wurde er oft als Vorläufer des Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate bezeichnet, das später Marx ausformuliert hat. In Wirklichkeit hat Ricardo bezüglich der Einkommenshöhen aber nicht nur dieses, sondern viele Szenarien entworfen. Je mehr er sich vom reinen Kornmodell entfernte und eine industriekapitalistische Wirtschaft ins Auge fasste, desto deutlicher hob er, wie z. B. im Kapitel VI (Über die Profite) der „Principles“ hervor, wie stark die Entwicklung sowohl der industriellen als auch der agrikolen Profite insbesondere von der Entwicklung der Löhne und damit der Getreidepreise sowie der Preise der Rohprodukte abhängt, und er hat deutlich ausgesprochen, dass die Rente immer den Konsumenten und niemals den Pächter belastet. Der “natürlichen Tendenz“ des Profits zu fallen, die er durchaus als Gefahr für die Akkumulation sah, hat er, wie übrigens auch Marx, den technischen Fortschritt als entgegenwirkendem Faktor entgegenzusetzen gewusst. Die Akkumulationswirkungen sah er dabei für unterschiedliche Szenarien als sehr verschieden an, aber es stand für ihn fest, dass ein großes Land, in dem der Boden schlecht ist und die Lebensmitteleinfuhr unterbunden wird, von sinkenden Profitraten und steigenden Renten betroffen sein wird, selbst wenn seine Kapitalzufuhr und damit die beschäftigte Arbeit gering ist. Ein kleines, aber fruchtbares Land könnte dagegen bei unbegrenzten Lebensmittelimporten eine größere Kapitalakkumulation ohne größeren Rückgang der Profitrate und ohne größeres Ansteigen der Grundrente vornehmen.
Die Argumentation hält dem empirischen Befund seiner Zeit durchaus stand. Der realhistorische Hintergrund liegt in der Praxis der 1806 von Napoleon mit dem Berliner Dekret eingeleiteten Praxis der Kontinentalsperre, die bis zu ihrer Aufhebung 1813 weitgehend verhinderte, dass Getreide aus Kontinentaleuropa, vor allem aus dem Ostseeraum, von England importiert werden konnte. England war aber von Getreideimporten abhängig und konnte den Ausfall nur zum Teil kompensieren. Durch die längeren Transportwege stiegen in England nicht nur die Getreidepreise enorm an, sondern es wurde auch der Druck erhöht, die landwirtschaftliche Produktion auszudehnen. Während Hungersunruhen und steigende Preise die Folge waren, stieg der Anteil der Renten am zu verteilenden Surplus bei gleichzeitiger fortschreitender Industrialisierung.

Ricardos werttheoretischer Ansatz
Ob Ricardo ein Arbeitswerttheoretiker war oder doch eher nicht, wird in der Literatur nicht einheitlich beantwortet. Fest steht, dass er, wie andere Klassiker auch, nach letzten Bestimmungsgründen für die Preise suchte. Ricardo maß wie Adam Smith der für die Herstellung einer Ware verausgabten menschlichen Arbeit eine determinierende Funktion für die Höhe ihres Tauschwerts zu. Er hielt diese Erkenntnis für einen Lehrsatz von größter Bedeutung und bedauerte, dass die diffusen Vorstellungen, die sich in der politischen Ökonomie um den Wertbegriff ranken würden, zur stetigen Quelle von Irrtümern und Meinungsdifferenzen werden. Der „natürliche Preis“ als eine bereits bei William Petty verwendete Metapher für den durch Arbeit gebildeten Wert steht daher auch bei Ricardo für eine langfristige Größe, an der, mit Abweichungen nach oben oder unten, sich der kurzfristige Marktpreis orientiert.

Damit ist zum einen die Vorstellung einer objektiven Wertlehre verbunden, die eine gewisse Verbindlichkeit der Wertmessung erlaubt. Dinge, deren Tauschwert ausschließlich nach der subjektiv wertenden Anerkennung der Akteure bemessen wird, wie etwa der Wert von Gemälden oder seltenen Weinen, sind für Ricardo nicht repräsentativ genug, um die Gesetze der Preisbildung zu finden. Zum anderen hält er die Vorstellung, dass Angebot und Nachfrage nicht nur den Marktpreis, sondern auch den „natürlichen Preis“ bilden, für eine bloße Redensart, wie er gegen Malthus einwendet.

Tauschwertveränderungen genau zu messen, erscheint ihm gleichwohl schwierig, denn Tauschwerte sind relative Werte, die den Wert einer Ware in Bezug auf eine andere Ware verkörpern. Wenn sich der Tauschwert einer Ware verändert, könnte es daran liegen, dass sich tatsächlich der zu messende Warenwert geändert hat, es könnte aber auch sein, dass sich der Maßstab verändert hat, mit dem gemessen wird, so dass man letztlich immer noch vor dem ungelösten Problem steht, welchen Wert die interessierende Ware hat. Von einem zuverlässigen Wertmaßstab – so zuverlässig wie das in Paris lagernde Urmeter für die Längenmessung – erwartet Ricardo vor allem, dass er sich nicht mit der Verteilung des Wertprodukts auf Arbeits- und Nichtarbeitseinkommen (Löhne und Profite) ändert. Die Suche Ricardos nach einem solchen unveränderlichen Wertmaßstab schließt daher den Versuch ein, die Wert- von der Verteilungstheorie so zu separieren, dass absolute Wertmessungen nicht durch Verteilungsveränderungen verhindert werden.

Ricardo hat dazu verschiedene Wertmaßstäbe diskutiert, unter ihnen Gold, Warenkörbe und auch Arbeit. In dem Manuskript „Absoluter Wert und Tauschwert“, das er kurz vor seinem Tod verfasst hat und das erst viele Jahre später durch Piero Sraffa im Nachlass eines Nachfahren von James Mill entdeckt wurde und somit für Generationen von Ökonomen unbekannt blieb, kommen Ricardo Zweifel daran, dass Arbeit als geeigneter Wertmaßstab taugen könnte, obwohl er ihn noch immer für geeigneter hält als die anderen von ihm und weiteren Klassikern vorgeschlagenen Wertmaßstäbe. Aber resigniert stellt er fest, dass es in der Natur so etwas wie ein vollkommenes Wertmaß nicht gibt, auf das man zuverlässig zurückgreifen könnte.

Was ist die tiefere Ursache für Ricardos Zweifel an einem Wertmaßstab, der die Ware nach der zu ihrer Produktion verausgabten Arbeit bemisst? Folgen wir dazu seiner Argumentation. Falls Arbeit ein den Anforderungen erfüllender Wertmaßstab wäre, so müssten zwei Waren, die gleich viel Arbeit enthalten, gleich viel wert sein, enthalten sie dagegen unterschiedliche Mengen an Arbeit, wäre auch ihr Wert verschieden. In der Realität meint Ricardo jedoch etwas anderes beobachten zu können, nämlich, dass Tauschwerte und damit Preise jenseits der Berücksichtigung von Angebot und Nachfrage berechnet werden nach der Höhe des vom Produzenten vorgeschossenen Gesamtkapitals in Form von Sachkapital und Arbeit plus der darauf bezogenen Profitrate. Ricardo geht zusätzlich davon aus, dass gleich große Kapitale gleich große Profite abwerfen, eine Position, hinter der sich die Idee einer allgemeinen oder Durchschnittsprofitrate verbirgt. Die Formel für die Höhe des Tauschwerts resp. Preises wäre dann: P = c+v+r(c+v), wobei r die Durchschnittsprofitrate, c das konstante Kapital (Sachkapital) und v das variable Kapital (Löhne für die geleistete Arbeit) darstellen. Ricardo bemerkt richtig, dass das Verhältnis von c und v in unterschiedlichen Produktionszweigen, deren Gesamtkapital gleich groß ist, sehr unterschiedlich sein kann. Unter der Annahme einer Durchschnittsprofitrate würde sich diese später als organische Zusammensetzung des Kapitals bezeichnete Struktur aber gar nicht auswirken, denn alle Zweige würden gemäß der Durchschnittsprofitrate denselben Profit erzielen, der sich auf ihr identisches Gesamtkapital bezieht, unabhängig davon, ob sie viel oder weniger Arbeit anwenden. Damit ist für Ricardo klar, dass Arbeit kein geeigneter Wertmaßstab sein kann.

Ricardos Zweifel ist, nachdem Karl Marx diese Fragestellung im Rahmen seiner Werttheorie später wieder aufgegriffen hatte, letztlich zum Auslöser des berühmten Transformationsproblems geworden, in dem unter anderem die Frage zu beantworten war, wie das Wertgesetz und die Existenz einer allgemeinen Profitrate in Einklang zu bringen sind, um die Produktionspreise ermitteln zu können. Unabhängig davon, ob man das Transformationsproblem als gelöst und die Arbeitswerttheorie dadurch gerettet oder zumindest nicht falsifiziert ansieht oder das Transformationsproblem als Scheinproblem betrachtet, konnte Ricardo seinen Zweifel nicht beseitigen, obwohl er sich ernsthaft um eine Lösung bemüht hatte. Die Frage, ob man Ricardo mit guten Gründen als Arbeitswerttheoretiker bezeichnen darf, hängt also auch davon ab, welchen Stellenwert man diesen Bemühungen beimisst.

Das Theorem der komparativen Kostenvorteile
Dieser Kernsatz der Außenwirtschaftstheorie gilt in der Ökonomik als nahezu organisch mit dem Namen von Ricardo verbunden, so dass vermutlich nicht nur Studierende sofort eine entsprechende Assoziation herstellen. In der modernen Interpretation des Theorems wird nicht immer eindeutig gesagt, dass Ricardo auf arbeitswerttheoretischer Grundlage argumentiert, sondern man spricht von einer Ein-Faktoren-Theorie. Dieser eine Faktor jedoch ist Arbeit, so dass die Darstellung durch Ricardo als ein Anwendungsbeispiel der surplustheoretischen Zusammenhänge verstanden werden kann, die er in den Kapiteln 1 bis 6 der „Principles“ entwickelt hat. Das 7. Kapitel (Über den auswärtigen Handel) enthält das Theorem der Sache nach, wobei der Terminus „komparativer Kostenvorteil“ von Ricardo darin zwar nicht benutzt wird, aber als entsprechender Sachverhalt implizit in der Darstellung enthalten ist. Es erfolgt in diesem Kapitel kein direkter Bezug auf Adam Smith, von dem man weiß, dass er den auswärtigen Handel mit absoluten Kostenvorteilen erklärte. Auf jeden Fall greift Ricardo dieses Prinzip, das Spezialisierung und internationalem Handel bereits nahelegt, als impliziten Ansatzpunkt auf. Im Grunde aber geht es ihm um die interessantere, weil nichttriviale Frage, wie sich die Handelssituation gestaltet, wenn ein Handelspartner in der Arbeitsproduktivität aller für den Handel in Frage kommenden Güter dem anderen gegenüber überlegen ist. Warum sollte es Güter einführen, die es selber billiger produzieren kann? Und wie kommt das unproduktivere Land in die Situation, sich durch Spezialisierung für den Handel zu qualifizieren, wenn es doch in allen Produktionszweigen einen absoluten Kostennachteil hat? Die Beantwortung genau dieser Fragen, auch wenn sie durch Ricardo nur partiell und implizit erfolgt, macht exakt die Substanz des Theorems der komparativen Kostenvorteile aus: Unter bestimmten Bedingungen lohnt sich der Handel zwischen zwei Ländern für beide auch dann, wenn ein Land dem anderen gegenüber für die in Frage kommenden Handelsgüter die bessere Kostenkonstellation besitzt. Wenn sich jedes Land auf die Spezialisierung und den Export der Güter konzentriert, für deren Herstellung es die vergleichsweise höheren Kostenvorteile bzw. niedrigeren Kostennachteile hat, profitieren demnach beide.

Das Theorem der komparativen Kostenvorteile mit Bezug auf Ricardo wird in modernen Darstellungen meist in tabellarischer Form präsentiert, in der Kopfzeile und -spalte der Tabelle tauchen zwei Länder und zwei Güter auf, die Tabellenfelder sind mit vier „magischen Zahlen“ (Paul A. Samuelson) ausgefüllt. Eine solche Darstellung gibt es bei Ricardo allerdings nicht. Stattdessen hat er durchaus modellhaft, aber verbal entwickelt, was letztlich inhaltlich an die Aussage des Theorems heranführt. Die beiden Länder im Modell sind England und Portugal, die beiden Güter sind Tuch und Wein. Während es in England während eines Jahres die Arbeit von 100 Arbeitskräften erfordert, um Tuch herzustellen und 120 Arbeitskräfte nötig sind, um Wein zu produzieren, benötigt Portugal nur 90 Arbeitskräfte für die Tuchproduktion und 80 Arbeitskräfte für die Weinherstellung. Ricardo unterstellt also, dass Portugal in beiden Produktionszweigen produktiver ist als England, womit zwangsläufig die Frage entsteht, ob Portugal sich überhaupt auf ein Produkt spezialisieren sollte oder sich besser mit beiden Produkten selbst versorgt. Ricardos Zahlenbeispiel zeigt, dass es sich für Portugal durchaus lohnt, Wein im Austausch für Tuch zu exportieren, weil es, spezialisiert auf die Weinproduktion, von England mehr Tuch bekommt, als es selbst produzieren könnte, wenn es Teile seines Kapitals in der Tuchfabrikation eingesetzt hätte.

Mit diesem Hinweis Ricardos auf den Kapitaleinsatz deutet sich daher bereits an, dass das Modell nicht streng auf ein 1-Faktor-Modell in dem Sinne reduziert werden darf, dass Kapital überhaupt nicht vorkäme. Die Berücksichtigung des Produktionsfaktors Kapital in diesem Zusammenhang wird noch deutlicher, wenn Ricardo die Situation des Handelspartners England analysiert. Die Teilnahme Englands am Außenhandel erklärt er nämlich keineswegs mit einem gegenüber der Weinproduktion vergleichsweise geringeren Kostennachteil Englands in der Tuchproduktion, was eine explizite Darstellung der gegenseitigen komparativen Kostenvorteile wäre, sondern damit, dass sich die Gewinnsituationen, die innerhalb eines Landes gelten, von denen unterscheiden, die zwischen den Ländern entstehen. England gibt das Arbeitsprodukt von 100 Leuten gegen das von 80 Leuten, weil es Tuch gegen Wein exportiert. Im Inland, so Ricardo, wäre ein solches Austauschverhältnis niemals der Fall, weil das Kapital wandern würde, um sich die profitablere Anlage zu suchen. Kapitalwanderungen ins Ausland wären ungleich schwieriger.

Lediglich in einer Fußnote, die er aber nicht weiter kommentiert, deutet Ricardo fragend an, ob es sich nicht für beide Handelspartner (die in diesem Szenario zwei Individuen sind, die beide Hüte und Schuhe herstellen) trotz des absoluten Kostenvorteils des sowohl in der Schuh- als auch der Hutproduktion Produktiveren für beide lohnen würde, sich zu spezialisieren, der Überlegene dort, wo der Vorteil am größten ist, der Unterlegene in dem anderen Produktionsbereich. Dass Ricardo diese Frage nicht auch für das England-Portugal-Beispiel aufwirft, und damit unbeantwortet lässt, ob England als der unterlegene Handelspartner ebenfalls vom Handel profitiert, sollte nicht dazu verführen zu behaupten, Ricardo habe den Vorteil ausschließlich bei Portugal gesehen. Genau das ist aber passiert und hat zu einigen Verwirrungen beigetragen, die letztlich auch den weiter unten behandelten Prioritätenstreit um das Theorem der komparativen Kostenvorteils betreffen.

So haben einige darin einen Fehler Ricardos erkennen wollen, der angeblich erst zu Tage getreten sei, nachdem James Mill ihn wiederholt habe. Mill, der die Fußnote von Ricardo ernster als dieser selbst genommen hat, illustriert das entsprechende Kapitel in seinen „Elements of Political Economy“ von 1821 mit einem ähnlichen Beispiel wie Ricardo, diesmal sind die Länder Polen und England, die beiden Güter sind Korn und Tuch. Unglücklicherweise wählt Mill die „magischen Zahlen“ so, dass die Ausgangsverhältnisse dafür sorgen, dass bei Spezialisierung am Ende tatsächlich nur ein Land vom Handel profitieren würde, und zwar dasjenige, das in der Produktivität beider Güter absolut unterlegen ist. Dazu die Zahlen: England benötigt für die Produktion von Tuch 150 und für die Produktion von Korn 200 Arbeitskräfte. Polens Aufwendungen liegen bei 100 und 100. Das ist ein Beispiel dafür, dass beim Austausch der durch die jeweilig erforderlichen Arbeitskräfte produzierten und auf 1 normierten Mengeneinheiten der Tausch zwar für England, aber nicht für Polen gewinnbringend ist, weil es auch bei Spezialisierung auf Korn die gesamten 200 Arbeitskräfte benötigen würde, um eine Mengeneinheit für das Inland und eine für das Ausland im Austausch gegen eine Mengeneinheit Tuch produzieren zu können. Da Mill andererseits aber überzeugt war, dass beide Länder von den komparativen Vorteilen profitieren werden, die für England bei Tuch und für Polen bei Korn liegen, lässt er sich zu der falschen Aussage hinreißen, dass der gesamte Vorteil (gemessen in Arbeitskräften) sowohl dem einen als auch dem anderen Handelspartner zukommt.

Interessanterweise sollen auch John Stuart Mill und David Ricardo das Manuskript der „Elements“ vor dem Druck gelesen haben, aber keiner hat den Denkfehler bemerkt. Erst in der dritten Auflage von 1826 erfolgte die Korrektur dahingehend, das bei Vorliegen komparativer Kostenvorteile der Gewinn sich normalerweise auf beide Handelspartner verteilt. Für das obenstehende Beispiel ist das wie gezeigt nicht der Fall, was zeigt, dass es auch Grenzen gibt, außerhalb derer das Theorem der komparativen Kostenvorteile nicht zutrifft. Hinzu kommt verwirrenderweise, dass John Stuart Mill, der zwar Ricardo die Verursachung der Unzulänglichkeit in die Schuhe schob, aber dennoch sowohl ihn als auch seinen Vater verteidigen wollte, indem er nicht von einem Fehler, sondern von einem bloßen Versehen sprach. Es war Piero Sraffa, der klarstellte, dass weder ein Fehler noch ein Versehen vorlag. Sraffa, auf den eine der ersten tabellarischen Darstellungen des Ricardo-Beispiels zurückgeht, zeigt an den Zahlen, dass nicht nur Portugal, sondern auch England von dem gegenseitigen Handel profitiert. Seine Argumentation ist kurz und schlüssig: England tauscht Tuch, das von 100 Engländern produziert wurde, für Wein, produziert von 80 Portugiesen. Weil die Weinproduktion in England 120 Arbeitskräfte erfordern würde, werden in England bei Spezialisierung auf Tuch 20 Arbeitskräfte gespart. Portugal tauscht Wein, der von 80 Portugiesen erzeugt wurde für von 100 Engländern hergestelltes Tuch. Da die Tuchproduktion die Portugiesen 90 Arbeitskräfte gekostet hätte, sparen sie bei Spezialisierung 10 Arbeitskräfte, die zusätzlich in der Weinproduktion eingesetzt werden können. Sraffa zeigt also, weshalb an Ricardo in logischer Hinsicht absolut gar nichts auszusetzen ist. Wendet man das Argumentationsschema Sraffas auf Mills Beispiel an, so zeigt sich, dass der gesamte Vorteil der Einsparung von 50 Arbeitskräften England zukommt, während Polen nichts von der Spezialisierung hätte.

Eine andere, oben schon angedeutete Frage ist es, ob Ricardo trotz dieser Überlegenheit mit der numerischen Illustration tatsächlich der Urheber des Theorems ist. Edwin R. A. Seligman sieht in einem Aufsatz von 1903 einen anderen Stammvater, nämlich seinen Zeitgenossen Robert Torrens. In dessen bereits 1815, also zwei Jahre vor Ricardos Werk erschienenem Buch „An Essay on External Corn Trade“ sei nicht nur das Prinzip selbst, sondern mehrere Anwendungen enthalten und Torrens habe am Beispiel eines freien Getreidehandels auch die vorteilhaften Konsequenzen der Ausnutzung komparativer Vorteile aufgezeigt. Torrens selbst schreibt 1829 im Vorwort zur vierten Auflage dieses fast 500 Seiten umfassenden Werkes, dass Ricardo dieses Prinzip übernommen habe und dass es die Grundlage für jene Kapitel in dessen Hauptwerk bilde, die sich mit Außenhandel beschäftigen. Zu diesem Zeitpunkt konnte Torrens noch nicht wissen, dass in der Theoriegeschichte später nicht sein Name, sondern vorwiegend der von Ricardo mit dem Theorem der von John Stuart Mill als Terminus eingeführten „komparativen Kostenvorteile“ verbunden werden wird. Torrens, der selbst explizit von komparativen Vorteilen und Nachteilen der Produktion gesprochen hat, meinte aber schon zu seinen Lebzeiten zu bemerken, dass er durch Ricardos Publikation in den Hintergrund gedrängt wurde und alle Welt glaube, dass Ricardo es sei, der die fehlerhafte Theorie von Smith berichtigt habe. Dies merkt er 1857 im Vorwort zur 2. Auflage eines weiteren Buches, das die Peel’sche Bankakte zum Gegenstand hat, nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit an.

Als Jakob H. Hollander eine Monographie über Ricardo veröffentlicht, in der er Seligmans Behauptung über Torrens‘ Urheberschaft gegenüber dem Theorem der komparativen Kostenvorteile massiv in Frage stellt, bekommt Seligman die Chance, umgehend zu reagieren und in der Zeitschrift „The Economic Journal“ seine Position noch einmal darzustellen, die von Hollander an gleicher Stelle aber wiederum schärfstens zurückgewiesen wird. In der Folgezeit ist das Prioritätenproblem wiederholt aufgegriffen worden. Jacob Viner, Lionel Robbins und John S. Chipman erkennen die entsprechenden Passagen in Torrens‘ Buch von 1815 als so klar an, dass der Autor als der erste auf diesem Gebiet gelten dürfe. Andere, wie Piero Sraffa und Roy Ruffin, folgen Hollanders Plädoyer für Ricardo.

Die oben erwähnte Fußnote nimmt im Prioritätenstreit noch immer eine Art Schlüsselfunktion ein. Roy Ruffin will aus ihr herauslesen, dass hier von Ricardo der harte Kern des Theorems dargestellt wurde, der besage, dass arme Länder und reiche Länder miteinander Handel betreiben können und beide Seiten davon profitieren. Nur – es ist in dem Teil dieser Fußnote, der die Vorteilhaftigkeit anspricht, eben nicht von Ländern, sondern von Individuen die Rede. Außerdem muss man wohl Ernst nehmen, dass es sich um eine Fußnote handelt, deren Existenz einen eher komplementären als substanziellen Charakter für den Text darstellt, und die außerdem noch als Frage formuliert ist.

Wem also gebührt die Ehre eines Entdeckers der Idee der komparativen Kostenvorteile – David Ricardo, Robert Torrens, James und John Stuart Mill oder jedem von ihnen, wie John Aldrich in Anlehnung an George Stigler vorschlägt? Bezieht man insbesondere die Weiterentwicklungen des Theorems ein, das Paul A. Samuelson als eines der wenigen wirklichen Gesetze der Ökonomik für würdig befunden hat, und das in seiner modernen Form die Spuren der Ricardo’schen Arbeitswertlehre abgeschüttelt hat, ist es wahrscheinlich ratsam, darin einen Fall multipler Vaterschaft zu sehen, zu der Ricardo aber unbedingt gehört.

Jenseits der Frage nach seiner Genese steht das Theorem der komparativen Kostenvorteile zweifellos auch deshalb von jeher im Zentrum des Interesses, weil es eine wirtschaftspolitische Botschaft impliziert, die da lautet: Freier Handel kann wohlstandsfördernd sein. Während Skeptiker des Freihandelsprinzips nicht müde werden, die Restriktionen und einschränkenden Bedingungen des Theorems der komparativen Kostenvorteile zu diskutieren und seine Relevanz wegen mangelnder empirischer Evidenz zu bezweifeln, sollte an diesem Punkt daran erinnert werden, dass Ricardo seine außenhandelstheoretischen Überlegungen im Kontext der Verteilungsfrage anstellte. Worauf er in dem gesamten 7. Kapitel abzielt, das ist die Feststellung der Wirkungen einer höheren oder niedrigeren Arbeitsproduktivität, die durch Ausnutzung entsprechender Handelsbeziehungen Auswirkung auf die Verteilung im eigenen Lande hat. Wenn lebensnotwendige Güter (produziert im Lohngütersektor) billiger eingeführt werden können als man sie selbst produzieren kann, werden die Preise für Lebensmittel sinken und die Profite in Relation zu den Subsistenzlöhnen steigen. Ricardo hat klar ausgedrückt, dass sich die Lohnrate (und damit die Profitrate) nicht verändert, wenn die gehandelten Waren ausschließlich Luxusgüter sind, die von den Reichen konsumiert werden. Insofern spiegeln sich in seiner Feststellung der Vorteilhaftigkeit freien Handels mehrere Grundsäulen seiner Theorie, nämlich sein surplustheoretischer Ansatz, das Aufzeigen von Möglichkeiten, wie der von ihm im Allgemeinen angenommene Fall der Profitrate aufgehalten werden kann und die für seine Zeit übliche Annahme von Subsistenzlöhnen als „Minimum de Salaire“. Ergänzt werden Ricardos außenhandelstheoretische Überlegungen auch von seiner geldtheoretischen Position einer durch Gold gedeckten und an Gold gebundenen Währung, die dafür sorgt, dass die im Außenhandel durch Export- oder Importüberschüsse entstehenden Wechselkursveränderungen wieder ausgeglichen werden und tendenziell zu einer ausgeglichenen Handelsbilanz führen.

Die Weiterentwicklung des Theorems, zunächst durch Heckscher und Ohlin, die den Produktionsfaktor Kapital einbezogen haben, über die Betrachtung von mehr als zwei Gütern, die Einbeziehung von Transportkosten und nicht-konstanten Skalenerträgen usw., hat dafür gesorgt, dass das Theorem der komparativen Kostenvorteile zu einem kaum wegzudenkenden Bestandteil der modernen Außenwirtschaftslehre geworden ist, auch wenn einige meinen, dass es ein fataler Irrtum sei.

Freisetzungstheorie versus Kompensationstheorie
Ricardo ist über seine gesamte Lebensdauer ein Zeitzeuge der Periode, die als industrielle Revolution bezeichnet wird. Das berühmte Kapitel „Über Maschinerie“, und damit die Analyse der Wirkung von technischem Fortschritt auf die Beschäftigung, wurde von Ricardo allerdings erst in der 3. Auflage seiner „Principles“ von 1821 eingefügt. In diesem „Maschineriekapitel“ untersucht Ricardo die Wirkung des durch technischen Fortschritt möglichen erhöhten Kapitaleinsatzes, und offensichtlich hat er dazu einen Positionswechsel vorgenommen, den er selbst wie folgt beschreibt.

Zunächst sei er der Meinung gewesen, dass arbeitssparender Einsatz von Maschinerie das Gemeinwohl in dem Sinne fördert, dass alle sozialen Klassen davon profitieren, weil die Preise der produzierten Konsum- und Investitionsgüter sinken. Für die Klasse der Arbeiter nahm er dezidiert an, dass auch bei einer Substitution von Arbeit durch Kapital deren Reallohnniveau erstens nicht sinkt, weil durch den Einsatz von mehr Maschinen die Subsistenzgüter billiger werden und zweitens die Nachfrage nach Arbeit nicht geringer würde, weil die Bedürfnisse nach Konsum- und Luxusgütern unerschöpflich seien, so dass sie in immer weiteren Produktionszweigen Beschäftigung finden würden.

Diese Auffassung änderte Ricardo, weil er meint, einen Fehler gemacht zu haben. Der Fehler bestehe in der Annahme, dass immer dann, wenn sich das zu verteilende Nettoeinkommen einer Gesellschaft vergrößere, aus dem Profite und Renten gezahlt werden, sich auch das Bruttoeinkommen erhöhen müsse, das die Lohngüter umfasst. Im Maschineriekapitel demonstriert Ricardo an einem konstruierten Beispiel, dass Produktion und Verwendung von Maschinen bei gleichbleibendem Nettoeinkommen von einer Verringerung des Bruttoeinkommens begleitet sein können. Durch eine Veränderung der Produktionsstrukturen, indem z.B. mehr Investitionsgüter und weniger Lohngüter hergestellt werden, müssen sich zwar die Profite nicht verändern, aber es steht weniger zirkulierendes Kapital zur Zahlung von Löhnen (in Form von Lohngütern) zur Verfügung. Da, so Ricardo, die Fähigkeit einer Gesellschaft, ihre Bevölkerung zu erhalten und Arbeit zu beschäftigen stets vom Bruttoprodukt und nicht vom Nettoprodukt abhängt, wird eine Verringerung der Nachfrage nach Arbeit notwendigerweise eine Verringerung des Bruttoprodukts nach sich ziehen. Ein Teil der Beschäftigten verliert den Arbeitsplatz, was einem echten Freisetzungsprozess gleichkommt. Ein malthusianischer Bevölkerungsüberschuss und Pauperisierung wären die zu befürchtenden Folgen.

Eine wachsende Bevölkerung, die sich in den Jahren zwischen Ricardos Geburt und seinem Tod fast verdoppelte, und erhöhter Kapitaleinsatz bei technischem Fortschritt unterstützen die Freisetzungsthese ebenso wie der Protest, den die englischen Ludditen zwischen 1811 und 1817 in der Zerstörung der mit technischem Knowhow ausgestatteten Maschinen vor allem der Textilindustrie ausdrückten. Ricardo konzediert jedenfalls, dass die bei Arbeitern vorherrschende Meinung, dass die Verwendung von Maschinen ihnen nicht nütze, sondern schade, sich nicht auf Vorurteil und Irrtum stütze, sondern mit den Prinzipien der politischen Ökonomie vereinbar sei. Marx sah derartige Formen des Protests später als verfehlte Verwechslung der Maschinerie mit ihrer kapitalistischen Anwendung an, während Eric Hobsbawm die Maschinenstürmerei als einen ganz bewussten Widerstand gegen die Maschinenbesitzer betrachtet, mit der die Verhandlungsmacht der Arbeiter gestärkt worden sei.

Ricardo jedenfalls löste mit seiner Analyse den Beginn der Diskussion zwischen den Anhängern der Freisetzungstheorie gegen die Vertreter der Kompensationstheorie aus. Sein Verdienst besteht dabei darin, die Wirkung technischen Fortschritts theoretisch erörtert zu haben. Er selbst hat die Freisetzungsthese auch nicht als Absolutum vertreten, sondern als einen möglichen Fall, eine Situation, die denkbar sei. Gegen die Freisetzungsthese führt er erstens die Möglichkeiten an, die bei Ersparnis von Nettoeinkommen und damit erhöhter Nettoinvestition entstehen, sowie zweitens die erhöhte Produktivität der Maschinen bei der Produktion von Lebensmitteln und notwendigen Gütern, mit der Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsüberschuss verhindern werden könnten. Während Ricardo bis 1817 der Kompensationstheorie zuneigte, zieht er durch die Veröffentlichung des Maschineriekapitels auch die Freisetzungstheorie in Betracht.

Nicht zu verwechseln mit der Freisetzungsthese, die Ricardo im Kapitel „Über Maschinerie“ entwickelt hat, ist ein anderer von ihm erfasster Zusammenhang zwischen Löhnen, Preisen und Profiten. Eine Verbindung zur Freisetzungsthese besteht für diesen Zusammenhang aber immerhin darin, dass ein Anstieg des Lohnniveaus die Unternehmer veranlassen könnte, Arbeit durch Maschinen zu substituieren, weil ihre Profite sinken. Aber gibt es darüber hinaus überhaupt einen entsprechenden Kontext, der es erlauben würde, von einem Ricardo-Effekt zu sprechen?

Wirrwarr um den „Ricardo-Effekt“
Der Begriff „Ricardo-Effekt“ stammt von Friedrich A. von Hayek und ist nicht frei von Doppeldeutigkeiten. Was Hayek zum einen im Sinn hat, ist der folgende Zusammenhang, den er selbst im Rahmen seiner Konjunkturtheorie untersuchte. Wenn die Nominallöhne rigide sind und freiwillig gespart wird, fallen durch den Anstieg der Ersparnis und mögliche Nettoinvestitionen die Konsumgüterpreise. Dadurch steigen die Reallöhne und die Profite fallen. Unter der Bedingung flexibler oder fallender Investitionsgüterpreise besteht der Anreiz, Arbeit durch Kapital zu substituieren. Nach Hayek wird dadurch die Produktionsstruktur verlängert („Produktionsumwege“), die Produktion wird kapitalintensiver und zeigt eine negative Beschäftigungswirkung.

Aber was hat das alles mit Ricardo zu tun? Hayek hat mehrfach zum Besten gegeben, dass es Joseph A. Schumpeter gewesen sei, der ihm gegenüber wohlwollend vom „Hayek-Effekt“ gesprochen hätte, und dass er, Hayek, daraufhin den Vorschlag gemacht habe, besser die Bezeichnung „Ricardo-Effekt“ zu wählen. Die grundlegenden Überlegungen würden von Ricardo stammen, so dass dies gerechtfertigt sei, auch wenn er sich nicht länger dagegen sträuben würde, dass sein Namen mit dem von Ricardo in diesem Zusammenhang genannt würde.

Das Problem dabei ist nur, dass Hayek selbst an verschiedenen Stellen Interpretationen des Ricardo-Effekts anbietet, die erstens nicht unwidersprochen geblieben sind und zweitens Zweifel daran erlauben, ob der Bezug zu Ricardo überhaupt sinnvoll ist.

In „The Ricardo-Effect“ (1942) taucht die Bezeichnung zuerst auf und Hayek erläutert, dass er sich auf den „bekannten Ricardianischen Satz“ beziehe, nach dem „ein Steigen der Löhne die Kapitalisten ermuntern wird, Arbeit durch Kapital zu ersetzen“. Dieser Satz, so Hayek, sei zwar von zahlreichen Autoren bekräftigt worden, aber wohl noch nie zureichend begründet dargestellt worden. Eine solche Darstellung will Hayek daher selbst vornehmen. Allerdings stellt er dann einen ganz anderen Zusammenhang als Ricardo dar, der in Abschnitt 5 des 1. Kapitels der „Principles“ den Anreiz zur Anwendung von Maschinen bei steigenden Löhnen zwar erwähnt, den dabei aber vor allem die Wirkung von Lohnveränderungen bei unterschiedlichen Kapitalintensitäten und unterschiedlicher Lebensdauer der verwendeten Maschinen auf die relativen Preise der Waren interessierte. Da die Löhne nicht ohne ein Sinken der Profite steigen können (und vice versa), schließt Ricardo auf die Verteilungsabhängigkeit der relativen Preise. Hayek schließt daraus, dass die ursprüngliche Formulierung des Ricardo-Effektes besage, dass eine Steigerung der Löhne relativ zu den Warenpreisen die kapitalintensiveren Industrien oder Methoden weniger in ihrer Rentabilität treffen werde.

Das ist bereits eine Akzentverschiebung, die aber noch dadurch übertroffen wird, dass Hayek sich eigentlich für den inversen Satz interessiert, nämlich dass ein allgemeines Sinken der Löhne die entgegengesetzte Wirkung haben würde, also die kapitalintensiveren Industrien und Methoden stärker in ihrer verbesserten Gewinnsituation betroffen seien als jene Zweige und Methoden, in denen weniger fixes Kapital und mehr Arbeit angewandt wird. Hayek kehrt die Fragestellung von Ricardo somit gewissermaßen um. Der Effekt, den er demonstrieren will, ist eine durch Erhöhung der Nachfrage nach Konsumgütern hervorgerufene allgemeine Steigerung der Preise dieser Güter. Die Geldlöhne werden als konstant angenommen, wobei die Reallöhne wegen der Steigerung der Preise der Konsumgüter fallen. In den „Drei Erläuterungen zum Ricardo-Effekt“ (1969), beschreibt Hayek das Theorem als unter Bedingungen der Vollbeschäftigung eintretenden Effekt der Verringerung (Erhöhung) der Investition, der durch ein Ansteigen (Sinken) der Konsumgüternachfrage hervorgerufen werde, verbunden mit dem Übergang von kaptalintensiven zu weniger kapitalintensiven Methoden und umgekehrt.

Hayek hat permanent versucht, den von ihm als Ricardo-Effekt bezeichneten Zusammenhang in die österreichische Konjunktur- und Kapitaltheorie einzubinden. Da deren Stoßrichtung mit ihrer Warnung vor einer Abweichung des Zinssatzes vom natürlichen Zins aber eine ganz andere ist als die der Wert- und Verteilungstheorie des Klassikers David Ricardo, sollte man wohl doch eher von einem „Hayek-Effekt“ sprechen. Folgt man der Kritik von Nicolas Kaldor, so hat Hayeks „Ricardo-Effekt“ weder von den Annahmen, noch von der Herangehensweise noch von den Geltungsbedingungen her etwas mit Ricardos Intentionen zu tun. Kaldor vergleicht den „Hayek-Effek“ wegen der Denkfigur der verlängerten oder verkürzten Produktionsumwege (Roundabout) mit der Funktionsweise einer Ziehharmonika und gibt ihm den metaphorischen Namen „Concertina-Effekt“, wobei sich ein solcher Ziehharmonika-Effekt realiter in einem Konjunkturzyklus aber gar nicht nachweisen lasse.

In Ricardos Schriftwerk jedenfalls wird ein solcher Effekt schwerlich zu finden sein. Für Mark Blaug ist der Name indes auch gar nicht wesentlich, und er verweist auf eine ganze Ahnengalerie von Ökonomen, denen fälschlich die Ehre der Erfindung eines Theorems zugeordnet wird, weil diese sie entweder nicht zuerst formulierten oder ihre theoretische Aussagen allenfalls locker mit den behaupteten verbunden sind. Halten wir daher fest, dass Ricardos Äußerungen über Kapitalintensitäten, die von Hayek nicht ganz uneigennützig zum „Ricardo-Theorem“ stilisiert werden, zwar in den Rahmen der klassischen Wert- und Verteilungstheorie einzuordnen sind, aber keinen Pfeiler der Konjunktur- und Kapitaltheorie Hayeks darstellen.

Die Ricardianische Äquivalenz
Das Theorem der Ricardianischen Äquivalenz bezieht sich auf einen makroökonomischen Zusammenhang und geht von der Gleichwertigkeit zwischen der vom Staat erhobenen Steuer und dem Staatsdefizit als Referenzpunkt für das Handeln der Wirtschaftsakteure aus.

Angenommen, aus ökonomischen oder politischen Gründen würde eine Steuererhöhung (Steuersenkung) für notwendig gehalten, so würde dies unter sonst unveränderten Bedingungen einer Verringerung (Erhöhung) der Staatsschulden entsprechen. Normalerweise, d.h. ohne Berücksichtigung der Ricardianischen Äquivalenz, würde davon ausgegangen werden, dass eine Veränderung der Höhe der Steuern das mikroökonomische Verhalten der Haushalte (Konsumenten) in einer bestimmten Richtung verändert. Sollten beispielsweise die Steuern gesenkt werden, um die Konsumnachfrage zu erhöhen, würde man annehmen, dass die Sparquote der Haushalte zurückgeht, weil sich das für Konsumzwecke verfügbare Einkommen erhöht hat.

In Abweichung von dieser Denkweise besagt der „Ricardianische Äquivalenz“ genannte Zusammenhang, dass die Konsumenten beispielsweise bei einer Steuersenkung antizipieren würden, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt für das dadurch entstandene oder vergrößerte Staatsdefizit zur Kasse gebeten werden, weil der Staat die Steuern wieder erhöhen wird. Unter diesen Bedingungen würde nicht, wie erwartet, der Konsum, sondern die Ersparnis relativ zum Einkommen steigen. Im umgekehrten Fall der Erhöhung von Steuern, beispielsweise um dringende Ausgaben zu bestreiten ohne sich weiter zu verschulden, müsste der kluge Konsument gemäß der Ricardianischen Äquivalenz die Indifferenz zwischen Steuer- und Schuldenfinanzierung erkennen und nicht mit einer Steuererhöhung hadern, weil er weiß, dass er im Fall einer Staatsverschuldung für die anfallenden Zinsleistungen ebenfalls aufkommen müsste, wenn auch zeitverzögert.

Für den Erfolg einer zielgerichteten Wirtschafts- und Finanzpolitik ist es also nicht ganz unerheblich, ob der behauptete Zusammenhang der Ricardianischen Äquivalenz gilt. Während keynesianische Makroökonomen wie Paul Krugman der Ansicht sind, dass die Ricardianische Äquivalenz in der Praxis selten festgestellt werden kann, unter anderem, weil sich Erhöhung oder Verminderung von Konsum bzw. Ersparnis statistisch nicht eindeutig bestimmten Faktoren zuordnen lassen, wird dem Theorem in der neuklassischen Makroökonomie empirische Gültigkeit attestiert.

Aber welcher der Positionen folgt nun eigentlich Ricardo? Ähnlich wie beim Ricardo-Effekt ist beim Ricardianische Äquivalenz genannten Theorem eine relativierende Vorbemerkung angebracht. Ricardo hat zwar Überlegungen angestellt, die unmissverständlich in die Richtung des behaupteten Zusammenhangs weisen, aber er hat sie im Fortgang seiner Argumentation wieder verworfen. Damit ist die eigenartige Situation entstanden, dass ein Theorem nach ihm benannt ist, als dessen Begründer er zu Recht bezeichnet werden darf, weil er die entsprechende Argumentation entwickelt hat, aber es gilt auch, dass er die auf das Verhalten der entsprechenden Akteure gerichtete Grundaussage letztlich bezweifelt.

Die in der ökonomischen Literatur erwähnte Fundstelle für die Ricardianische Äquivalenz ist eine kleinere Schrift aus dem Jahr 1820, die Ricardo als Supplement für die Encyclopaedia Britannica geschrieben hat und die als „Essay on the Funding System“ bereits in die von McCulloch herausgegebene erste Gesamtausgabe des Werkes von Ricardo aufgenommen wurde. McCulloch schreibt dazu in seinem Vorwort, dass Ricardo sich im Hinblick auf eine Kriegsfinanzierung als entschiedener Freund des Plans einer Finanzierung der Kriegsausgaben durch ein entsprechendes Wachstum der Steuern bekenne. Wie ist das in den Kontext der Ricardianischen Äquivalenz einzuordnen?

Ricardo hat in dieser Schrift die Frage diskutiert, welchen Unterschied es macht, die Beteiligung an einem Krieg über zusätzliche Steuern oder zusätzliche Staatsverschuldung zu finanzieren. In dem von ihm konstruierten Beispiel sind die jährlichen Kriegskosten auf 20 Millionen Pfund angesetzt, die Zinsrate liegt bei 5 Prozent. Ricardo diskutiert drei Finanzierungsoptionen.

Im ersten Fall soll die Finanzierung durch eine zusätzliche Steuerhebung von 20 Millionen Pfund jährlich erfolgen. Das Land wäre bei Rückkehr zum Frieden vollständig von dieser Last befreit.

Die zweite Option schlägt die Ausgabe von ständigen Staatsanleihen in Höhe von 20 Millionen Pfund vor. Für jedes weitere Kriegsjahr wiederholt sich die Prozedur. Für die jeweils ausgeliehenen Summe von 20 Millionen Pfund entsteht eine ewige Steuerbelastung von einer Million Pfund jährlich, um die Zinsen auf die Staatsschuldenpapiere zahlen zu können. Es würde keine Entlastung von der Zinszahlung geben, selbst wenn längst Frieden wäre oder ein neuer Krieg geführt würde. Für jedes weitere Kriegsjahr steigt somit die Zinslast. Angenommen, der Krieg dauert 20 Jahre, so läuft von diesem Zeitpunkt immer noch eine jährliche Zinslast von 20 Millionen Pfund auf, die durch Steuern aufgebracht werden muss.

Im dritten Fall soll die Finanzierung ebenfalls durch jährlich aufzunehmende Staatsschulden von 20 Millionen Pfund erfolgen. Im Unterschied zum zweiten Fall soll es jedoch einen durch Steuern gebildeten Finanzierungsfonds geben, der zusätzlich zu der in Fall 2 erforderlichen Summe von einer Million Zinsen noch einen Betrag für die Tilgung (Zinseszinsen) enthält. Ricardo simuliert eine zusätzliche Geldmenge von 200.000 Pfund jährlich. Für Zinsen und Tilgung der Schuld kommen also jährlich 1,2 Millionen Pfund Steuergelder in den Fonds. Die Staatsanleihe würde dann auf 45 Jahre befristet, denn nach dieser Frist wäre bei einer jährlichen Verzinsung von 5 Prozent die Staatsschuld aus dem angewachsenen Fonds getilgt.

Vom rein ökonomischen Standpunkt aus, so Ricardo, mache es für den Steuerzahler nicht wirklich einen Unterschied, ob 20 Millionen auf einmal, eine Million jährlich für immer oder 1,2 Millionen für 45 Jahre gezahlt werden.

Bis hierher wird die Position gestützt, Ricardo habe das Äquivalenztheorem nicht nur begründet, sondern hänge ihm auch an. Doch Ricardo meint auch, dass die unterstellte Äquivalenz der Finanzierungsoptionen wahrscheinlich keine praktischen Konsequenzen zeitigen würde, weil die Menschen die Steuern gar nicht gemäß einer Weise bewerten würden, in der eine solche Gleichwertigkeit überhaupt erwogen wird. Vielmehr würden sie einer fiskalischen Illusion erliegen, indem sie die Steuerlast nur kurzsichtig betrachten. Es dürfte schwierig sein, einen Mann, der 20.000 Pfund oder irgendeine andere Summe besitzt, davon zu überzeugen, dass eine jährliche Steuerzahlung von 50 Pfund gleichwertig zur Belastung einer Einmalsteuer von 1.000 Pfund sei. Vor die Wahl gestellt, würde Ricardo selbst zwar für die Realisierung der ersten Variante plädieren, er hält ihre Realisierung aber letztlich für unwahrscheinlich, weil die Äquivalenz vermutlich nicht gesehen und einer Verschuldungsvariante der Vorzug gegeben würde.

Gerald P. O’Driscoll hat wegen dieser von Ricardo geäußerten Skepsis gegen Robert Barro und James Buchanan, die den Begriff Ricardianische Äquivalenz in Umlauf gebracht haben, den Einwand erhoben, dass Ricardo in diesem Kontext kein „Ricardianer“ gewesen sei und eigentlich ein Non-Äquivalenz-Theorem vertreten habe. Barro, der sich in einem die Diskussion auslösenden Artikel von 1974 seiner „Schuld“ gegenüber Ricardo überhaupt nicht bewusst war, zumal es den Terminus Ricardianische Äquivalenz noch gar nicht gab, hat 20 Jahre später unter dem Eindruck der umfassenden Verankerung der Ricardianischen Äquivalenz in der Makroökonomik diese Schuld längst beglichen und ist einer derjenigen, die das Konzept am reifsten ausgearbeitet haben.

Wenn Ricardo als Befürworter des Äquivalenztheorems gelten darf, dann vor allem deswegen, weil er als Vertreter des englischen Parlaments nach der Beendigung der Napoleonischen Kriege den Vorschlag gemacht hatte, die gesamte aufgelaufene Staatsschuld auf einen Schlag durch eine Vermögenssteuer zu beseitigen. Dieser Vorschlag wurde nicht in die Praxis umgesetzt.

War Ricardo ein Schulenbildner?
Wie diese Frage zu beantworten ist, hängt davon ab, wie eng oder weit der Begriff einer wissenschaftlichen Schule gefasst wird.

Schumpeter, der selbst ein „Schulverweigerer“ war, weil er in seiner Eigendarstellung weder einer Schule angehören wollte noch eine zu begründen anstrebte, spricht von der Ricardianischen Schule und ihren Ausläufern. Der ersten würden außer Ricardo genau vier weitere Autoren angehören, nämlich James Mill, John Robert McCulloch, Thomas Quincey und mit einem gewissen Abstand Edward West, der in der Wertung von Schumpeter ebenbürtig zu Ricardo war, aber nicht die Anerkennung fand, die ihm gebührte.

Zu den Ausläufern der Ricardianischen Schule zählt Schumpeter die Ricardianischen Sozialisten. Im engeren Sinne ist das eine Gruppe von Autoren, die sich in den 20er und 30er Jahren des 18. Jahrhunderts als Interessenvertreter der Lohnarbeiterklasse verstand. Zentraler Punkt ist eine strikte Auslegung der Wertlehre Ricardos, indem Arbeit als einziger wertschaffender Produktionsfaktor gegen das Kapital verteidigt werden müsse und entsprechend zu entlohnend sei. Zu den Vertretern gehören John Gray, John Francis Bray, Thomas Hodgskins, Charles Hall, Percy Ravenstone und William Thompson.

Die Aufnahme und Weiterentwicklung der Arbeitswertlehre durch Karl Marx hat zu einer eigenständigen Schule geführt, die eben wegen dieser Weiterentwicklung zwar mit Ricardo sympathisiert, sich aber nicht als ricardianisch versteht. Insbesondere die Lösung des von Ricardo hinterlassenen Profitratenrätsels, nämlich zu zeigen, wie sich Preise gemäß einer einheitlichen Profitrate nicht nur nicht in Verletzung zum Wertgesetz, sondern auf der Grundlage der Arbeitswerttheorie bilden, wird als Weiterentwicklung verstanden, die Marx geleistet habe. Dass die Marx’sche Lösung aber selbst strittig ist, hat die mehr als hundertjährige Geschichte des Transformationsproblems gezeigt. Ein Ausfluss der Marx’schen Wertlehre ist die Mehrwerttheorie, die als Ausbeutungstheorie interpretiert, Überschneidungen zur Gruppe der Ricardianischen Sozialisten zeigt. Insgesamt ist die Schule der Marxisten viel zu umfangreich und vielfältig als dass sie sich im engeren Sinne nur an Ricardo orientieren würde.

Eine enge Bezugnahme zu Ricardo liegt dagegen bei der Schule der Neoricardianer vor, die als Gegenstück zum neoklassischen Mainstream an den Fragestellungen und Lösungsansätzen der Klassik und insbesondere Ricardos preis- und verteilungstheoretische Grundlagen ansetzen. Begründet durch Piero Sraffa – weshalb die Bezeichnungen Neoricardianer und Sraffianer nahezu synonym verwendet werden – ist diese Schule innerhalb der kapitaltheoretischen Kontroverse angetreten, den Kapitalbegriff der Neoklassiker und die Bestimmung des Zinssatzes als Grenzproduktivität des Kapitals als zirkulär zu verwerfen. In der neoricardianischen Theorie sind der Wert des Kapitals und die Zinsrate simultan zu bestimmen. Die ricardianische Vorstellung einer allgemeinen Profitrate wird von den Neoricardianern aufrechterhalten. Ein Transformationsproblem im Sinne der Berechnung von Produktionspreisen aus Werten besteht nach ihrem Dafürhalten dagegen nicht. Auch die Annahme einer tendenziell sinkenden Profitrate findet keine Beachtung. Die Neoricardianer sind eine Schule, die zwar international aufgestellt ist, aber dennoch nur eine sehr begrenzte Anzahl von Mitgliedern umfasst. Zu ihnen gehören Luigi Pasinetti, Pierangelo Garegnani, John Eatwell, Ian Steedman, Krishna Bharadwaj, Geoffrey Harcourt, Edward J. Nell, Heinz D. Kurz, Bertram Schefold und Alessandro Roncaglia. In der Kritik der Neoklassik bestehen Überschneidungen zu Postkeynesianern wie Joan Robinson oder Jan Kregel.

Ricardo als Zielscheibe dogmenhistorischer Gesamturteile
Bedeutende Repräsentanten der Ökonomik haben sich daran versucht, Ricardos Verortung in der ökonomischen Theoriegeschichte pauschal auf den Punkt zu bringen. Auch wenn derartige Blitzbeurteilungen im Grunde genommen immer der näheren Überprüfung bedürfen, haben sie doch den Vorteil eines eingängigen Erkennungswerts gegenüber der betreffenden Person, aber auch gegenüber demjenigen, der das Urteil fällt. Man kann in ihnen nicht nur Anerkennung oder Ablehnung erkennen, sondern erfährt auch einiges darüber, was in der Entwicklung des Fachs für von einschneidender Bedeutung gehalten wird. Drei Beispiele sollen dies verdeutlichen.
Für Marx endet mit Ricardo die klassische englische politische Ökonomie. Was er damit ausdrücken wollte, ist nicht weniger, als Ricardo anders als dessen Nachfolgern und einigen Zeitgenossen, die sich mit ähnlichen Themen befassten, die Fähigkeit zu unbefangener wissenschaftlicher Forschung, nämlich frei von Apologetik und Ideologie für die Interessen des Kapitals, zu attestieren. Der Stellenwert, den Marx, der bekanntlich zwischen wissenschaftlicher Ökonomie und Vulgärökonomie unterscheidet, dem Klassiker Ricardo hier einräumt, ist der eines echten Wissenschaftlers, der nach Erkenntnis strebt und nicht nach rechtfertigender Begründung.

Keynes steht als Nachfragetheoretiker nicht nur der gesamten angebotsorientierten Klassik skeptisch gegenüber, sondern insbesondere Ricardo. Bekannt und viel zitiert ist sein klagender Wunsch: Wäre doch Malthus und nicht Ricardo die Stammwurzel der Nationalökonomie des 19. Jahrunderts geworden, ein um wie viel weiserer und wohlhabender Platz wäre die Welt dann heute. Hintergrund für diese Differenzierung zwischen Malthus und Ricardo ist die Haltung zum berühmten Say’schen Theorem, nach dem sich jedes Angebot seine Nachfrage schaffe. Während Ricardo es in einigen Varianten sogar selbst formulierte, lehnte Malthus es strikt ab und wird in diesem Punkt ein Vorläufer von Keynes. Bis heute ist das Say’sche Gesetz eines der signifikanten Merkmale, nach denen angebotsorientierte und nachfrageorientierte Ökonomik sich unterscheiden, mit Folgewirkungen für wirtschaftspolitische Empfehlungen.

Die Methodik von Ricardo ist es, die für Schumpeter zum Stachel einer wertenden Pauschalaussage wird. Schumpeter spricht vom „Ricardianischen Übel“ („Ricardian Vice“), das er darin sieht, dass Ricardo in seiner Art, abstrakt und modellartig zu argumentieren, häufig von unrealistischen Annahmen ausgehe, unzulässige Konstanten annehme und auf dieser Basis wirtschaftspolitische Empfehlungen treffen würde. Außerdem gehe Ricardo gänzlich unhistorisch vor, ihm fehle der wichtige Sinn für Geschichte, den auch ein Faktenstudium nicht ersetzen könne. An einem Beispiel ironisiert Schumpeter, was er von der theoretischen Methode Ricardos hält. Ricardo sage, dass der Profit vom Weizenpreis abhänge. Unter den gemachten Annahmen sei das, so Schumpeter, aber nicht nur zutreffend, sondern unleugbar und sogar eine Trivialität. Der Profit könne von gar nichts anderem abhängen, da alles andere gegeben und unveränderlich sei. Was herauskomme, sei eine fabelhafte Theorie, die niemals widerlegt werden kann und die alles habe, nur keinen Sinn.

Dass Schumpeter hier völlig unsachlich und ungerechtfertigt argumentiert, ist beispielsweise von Heinz D. Kurz gezeigt worden, der statt von einem „Ricardianischen Übel“ lieber von einem „Schumpeterianischen Unverständnis“ sprechen möchte. Es ist aber nicht zu übersehen, dass derartige Methodenkritiken gegenüber Modellbildung und Mathematik auch in jüngster Zeit wieder verstärkt unter einigen Ökonomen greifen, die die Tautologie analytischer Sätze dahingehend missverstehen, dass sie meinen, dass sie sinnlos seien, weil nichts herauskomme, was man nicht schon hineingesteckt habe. Wäre das so, wären Mathematik und Logik keine Wissenschaften. In der Ökonomik steht als zusätzliches und hilfreiches Mittel die empirische Überprüfung, d.h. die Konfrontation mit den Fakten zur Verfügung. In diesem Sinne kann, wie Ricardo intendierte, eine gute Theorie zur besten Praxis werden.

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