Arbeitszeit und Wert in der ökonomischen Theorie von Karl Marx

Dass die in einem Arbeitsprozess aufgewandte Arbeitszeit den Wert der hergestellten Produkte bestimmt, ist eine grundlegende These der Arbeitswerttheorie, deren Geltung mehrere Bedingungen voraussetzt, die in der einige Jahrhunderte währenden werttheoretischen Tradition immer präziser formuliert worden sind. Im Folgenden wird die kurze, aber paradigmatisch wichtige Etappe in Karl Marx’ Erkenntnisentwicklung von 1859 bis 1867 unter dem speziellen Aspekt des Zusammenhangs von Arbeitszeit und Wert betrachtet, und zwar in Form eines Vergleichs des jeweiligen begrifflichen Apparats. Viele benachbarte Fragen und ihr Zusammenhang mit der hier vertretenen Auffassung bleiben aus Platzgründen unbeantwortet: Was versteht Marx unter abstrakter Arbeit? Wie bestimmt er die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit? Wie stellt sich der Wert auf dem Markt dar? Welche Determinanten, neben dem Wert, bestimmen den Preis? Usw. Antworten auf diese Fragen sind schon vielfach … gegeben worden; eine klare Abgrenzung zwischen den thematisierten Begriffen und eine Darstellung der verschiedenen Aspekte ihres Zusammenhangs erfolgte bislang nicht.

Der Fortschritt von 1859 bis 1867

In „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ (1859) beginnt Marx’ Darstellung so wie in seinem späteren Werk „Das Kapital“ mit der „ungeheuren Warensammlung“, als die der bürgerliche Reichtum im Kapitalismus erscheint. Die Analyse der Ware als Elementarform dieses Reichtums führt nach wenigen Schritten zu dem Kategorienpaar „Gebrauchswert“ und „Tauschwert“. Der Tauschwert wird definiert als „quantitatives Verhältnis, worin Gebrauchswerte gegeneinander austauschbar“ sind (MEW 13, 16). Im „Kapital“ geht Marx seit der ersten Auflage von 1867 einen Schritt weiter und führt zusätzlich den Begriff des Werts ein – nicht ganz ohne Bedenken, wie man selbst in der vierten Auflage noch nachlesen kann: „Der Tauschwert scheint … etwas Zufälliges und rein Relatives, ein der Ware innerlicher, immanenter Tauschwert … eine contradictio in adjecto.“ (MEW 23, 50f.) Doch die inhaltliche Analyse deckt auf, dass es im Tauschverhältnis zweier Waren etwas Gemeinsames, Drittes geben muss. Dieses Dritte ist der Wert. „Unabhängig von ihrem Austauschverhältniß oder von der Form, worin sie als Tausch-Werthe erscheinen, sind die Waaren daher zunächst als Werthe schlechthin zu betrachten…“ – so heißt es bei Marx (MEGA II/5, 19), und dieser Terminologie folgen alle weiteren Auflagen des „Kapital“.(1)

Der erweiterte begriffliche Rahmen hat Konsequenzen. Da in „Zur Kritik“ ein explizit formulierter Wertbegriff noch fehlt, ergab sich die logische Notwendigkeit, die bereits dargestellten Zusammenhänge, insbesondere zwischen der Arbeitszeit und dem Tauschwert, in den neuen Rahmen zu übersetzen und auf dieser Basis den Zusammenhang zwischen Wert und Tauschwert neu zu formulieren. Während es in „Zur Kritik“ über viele Seiten hinweg stets um das „Verständnis der Bestimmung des Tauschwerts durch Arbeitszeit“ geht, wird diese Problematik ab 1867 differenzierter dargestellt: Die (gesellschaftlich notwendige) Arbeitszeit bestimmt den Wert einer Ware und dieser bestimmt, in welchem Verhältnis die Waren getauscht werden, also den Tauschwert. Solche Aussagen wie: „Der relative Werth einer Waare kann wechseln, obgleich ihr Werth constant bleibt…“ etc. (MEGA II/5, 27) kann es in „Zur Kritik“ nicht geben, weil dort der Wertbegriff nicht explizit formuliert wird.

Aber der Wertbegriff ist in diesem Werk schon virulent vorhanden, indem die Arbeitszeit, die in einer Ware vergegenständlicht ist, die Position einnimmt, die später der Wertbegriff innehat. Hier ein Beispiel: „Verschiedene Gebrauchswerte enthalten in ungleichen Volumen dieselbe Arbeitszeit oder denselben Tauschwert.“ (MEW 13, 25) Der Zusatz „denselben Tauschwert“ ist aus der Sicht von 1867 ff. nicht korrekt, richtig müsste es heißen: „denselben Wert.“ An späterer Stelle bricht sich in „Zur Kritik“ der virulent bereits vorhandene Wertbegriff Bahn, wenn es zum Beispiel heißt: „Die Wertgröße einer Ware wird nicht davon berührt, ob wenig oder viel Waren anderer Art außer ihr existierten.“ (MEW 13, 27) Bezogen auf den Tauschwert wäre dieser Satz falsch, denn der Tauschwert stellt den Wert mit Hilfe anderer Waren dar und ist damit auch von deren Wert abhängig.

Das Determinationsverhältnis

Die Arbeitswerttheorie behauptet, dass der Wert einer Ware (und mittelbar damit auch ihr Tauschwert) elementar von der Arbeitszeit zur Herstellung der Ware abhängt. Diese Auffassung findet man u.a. bei William Petty, Adam Smith und David Ricardo, wenn auch nicht immer konsequent ausgeführt und angewandt. Marx präzisiert den Begriff seiner Vorgänger in mehreren Punkten: Eine selbständige, gegenständliche Existenz des Werts als gesellschaftliche Eigenschaft der Ware wird spätestens 1867 anerkannt; um den Austausch zu regulieren, muss der Wert eine quantitativ bestimmte Größe sein; wertbildend ist nicht die tatsächliche Arbeitszeit, sondern die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit; abstrahiert wird von der konkreten Natur der wertbildenden Arbeit; trotz Abstraktion bleibt der Sachverhalt im Blick, dass eine bestimmte Arbeitsmenge erforderlich ist, um eine Ware herzustellen. Der Kern des von Marx präzisierten arbeitswerttheoretischen Ansatzes kann in wenigen Sätzen ausgedrückt werden: „Ein Gebrauchswert oder Gut hat also nur einen Wert, weil abstrakt menschliche Arbeit in ihm vergegenständlicht oder materialisiert ist. Wie nun die Größe seines Werts messen? Durch das Quantum der in ihm enthaltenen ‚wertbildenden Substanz’, der Arbeit. Die Quantität der Arbeit selbst misst sich an ihrer Zeitdauer, und die Arbeitszeit besitzt wieder ihren Maßstab an bestimmten Zeitteilen, wie Stunde, Tag usw.“ (MEW 23, 53)(2)

Demnach bezieht sich der Wert über die abstrakt menschliche Arbeit auf andere Waren,(3) genauer gesagt, auf die Bedingungen, unter denen andere Waren in den vielen anderen Produktionsprozessen einer Gesellschaft hergestellt werden, denn der Wert ist aus Marx’ historisch materialistischer Sicht Ausdruck eines komplexen Produktionsverhältnisses. Sind diese Bedingungen gesellschaftlich „normal“, das heißt, entsprechen sie dem Durchschnitt, so ist die Arbeitszeit die entscheidende Determinante für den Wert einer Ware, genauer gesagt, für die Wertgröße.

Heißt das nun, dass der Wert Arbeitszeit ist (wenn auch gesellschaftlich notwendige)? Oder wenigstens, dass der Wert in Arbeitszeiteinheiten (Stunden, Tagen, etc.) gemessen wird? Liest man das „Kapital“ aus der begrifflichen Brille von „Zur Kritik“, in dem die Arbeitszeit noch die Rolle des Wertes einnimmt, so kann man in der Tat zu der folgenden Auffassung gelangen: „Die Wertgröße ist die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Deshalb sind Wertrechnungen Arbeitszeitrechnungen.“ So interpretiert jenen Satz mein ansonsten geschätzter Co-Autor Klaus Müller,(4) mit dem ich in diesem Punkt nicht übereinstimme. – Aber nicht nur er, wie noch zu zeigen sein wird.

Logische Widersprüche

Wie kann die Arbeitszeit (die gesellschaftlich notwendige, versteht sich) die Wertgröße bestimmen, wenn beide identisch sind? Müllers eben zitierte Interpretation eliminiert den deterministischen Zusammenhang, der das grundlegende Element der Arbeitswerttheorie ausmacht.

Wenn Arbeitszeit und Wert identisch wären, hätte folgende Proportionalität keinen Sinn: „Der Wert einer Ware verhält sich zum Wert jeder anderen Ware wie die zur Produktion der einen notwendige Arbeitszeit zu der für die Produktion der anderen notwendigen Arbeitszeit.“ (MEW 23, 54) Folgt man Müllers Auffassung und setzt überall dort, wo „Wert“ steht, „Arbeitszeit“ ein, wird Arbeitszeit mit derselben Arbeitszeit verglichen: die Proportionalität fällt in sich zusammen.

Marx fügt der eben zitierten Aussage ein Eigenzitat hinzu, das aus „Zur Kritik“ stammt. Dabei ersetzt er das Wort „Tauschwert“ stillschweigend durch den exakteren Begriff „Wert“ – was man heutzutage nicht mehr als korrektes Zitieren ansehen würde. Zwar ist diese Korrektur aus theoretischer Sicht notwendig, spiegelt sie doch Marx’ Erkenntnisentwicklung wider, aber ohne Hinweis auf die veraltete Begrifflichkeit, in der die Arbeitszeit die Rolle des Wertes übernommen hatte, besteht die Gefahr, dass dieses überholte Verständnis in den nunmehr exakteren begrifflichen Rahmen transportiert wird. Letzterer impliziert völlig eindeutig ein Ursache-Wirkungsverhältnis: „Es ist also … das Quantum gesellschaftlich notwendiger Arbeit oder die zur Herstellung eines Gebrauchswerts gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, welche seine Wertgröße bestimmt.“ (MEW 23, 54) Zuzugeben ist, dass Marx’ Terminologie schwankt und sich auch im reifen ökonomischen Werk noch Stellen finden lassen, die aus „Zur Kritik“ einfach übernommen worden sind.

Überholte Ausdrucksweisen

Ein logisches Problem gäbe es auch bei der Behandlung komplizierter Arbeit. „Kompliziertere Arbeit gilt nur als potenzierte oder vielmehr multiplizierte einfache Arbeit, so dass ein kleineres Quantum komplizierter Arbeit gleich einem größeren Quantum einfacher Arbeit.“ (MEW 23, 59) Marx hält sich nicht allzu lange bei diesem Problem auf: Es ist für seine Zwecke nebensächlich. Fakt ist, dass die von ihm mehrmals wiederholte These von der Bestimmung des Wertes durch die Arbeitszeit im ersten Teil des Satzes suspendiert wird: Plötzlich, so könnte man diese Passage interpretieren, gilt beispielsweise eine Ingenieursstunde so viel wie drei Stunden eines Straßenfegers (Müllers Interpretation a.a.O., 190). Mit dem Begriff der Geltung gelangt ein subjektives, willkürliches Moment in die objektive Wertlehre. Und dies völlig überflüssiger Weise, da Marx selbst den Ausweg aus diesem Dilemma weist: Zwischen Arbeitszeit und Wertgröße besteht „vielmehr“ eine multiplikative Beziehung. Das harmoniert zu 100 Prozent mit dem Konzept eines Determinationsverhältnisses. Demnach sind Wert und Arbeitszeit quantitativ gesehen durch einen Proportionalitätsfaktor verbunden, der den Kompliziertheitsgrad der Arbeit erfasst. Man könnte diesen Faktor auch als Wertproduktivität bezeichnen: Er stellt dar, wieviel Wert je (gesellschaftlich notwendiger) Arbeitszeit in einer bestimmten Branche neu erzeugt wird, wobei jede Branche ihre eigene, spezifische Wertproduktivität hat.

Die ontische Differenz

Der Wert ist ein quantitatives Merkmal, das die meisten Warenbesitzer intuitiv und die Werttheoretiker ganz bewusst den Waren zuordnen, also nützlichen Dingen, die ausgetauscht werden sollen. Dagegen ist die Arbeitszeit ein Merkmal des Prozesses, der jene auszutauschenden Dinge hervorgebracht hat. Prozess und Ding sind kategorial zwei Gegensätze, die unterschieden werden müssen: „Im Arbeitsprozess bewirkt … die Tätigkeit des Menschen durch das Arbeitsmittel eine von vornherein bezweckte Veränderung des Arbeitsgegenstandes. Der Prozess erlischt im Produkt… Was auf Seiten des Arbeiters in der Form der Unruhe erschien, erscheint nun als ruhende Eigenschaft, in der Form des Seins, auf Seiten des Produkts. Er hat gesponnen, und das Produkt ist ein Gespinst.“ (MEW 23, 195) Das Produkt eines Arbeitsprozesses ist ein Gebrauchswert, der einen Wert hat. „Bestimmte und erfahrungsgemäß festgestellte Quanta Produkt stellen jetzt nichts dar als bestimmte Quanta Arbeit, bestimmte Masse festgeronnener Arbeitszeit.“ (Ebd., 204) In diesem Zitat wird nicht der Wert, sondern die produzierte Gebrauchswertmenge als Repräsentant geronnener Arbeitszeit betrachtet. Jedoch würde kein Kenner des „Kapital“ jemals auf die Idee kommen, dass nach Marx geronnene Arbeitszeit mit der produzierten Gebrauchswertmenge identisch ist. Aber in Bezug auf den Wert erlaubt man sich diesen Fehlschluss.

Dem Fehlschluss liegt eine alltägliche Denkform zugrunde. Gefällt beispielsweise ein in Handarbeit hergestellter Mahagonitisch, so fallen leicht Urteile wie „das ist eine solide Arbeit“. Sie beziehen sich auf die lobenswerte Qualität eines Gebrauchswerts. Etwas näher am Wertbegriff ist das Urteil über einen gepflegten Garten: „Da steckt viel Arbeit drin.“ Das vorletzte Zitat (MEW 23, 195) macht jedoch deutlich, dass sich Marx’ Begrifflichkeit von dem umgangssprachlichen Verständnis, Arbeitsresultate als Arbeit zu betrachten, abgrenzt und die Arbeit im Kontext seiner ökonomischen Theorie als Prozess charakterisiert:(5) „Die einfachen Momente des Arbeitsprozesses sind die zweckmäßige Tätigkeit oder die Arbeit selbst, ihr Gegenstand und ihr Mittel.“ (23, 193) Daraus entspringt das scheinbare Paradoxon, dass vergegenständlichte Arbeit in der ökonomischen Theorie von Marx keine Arbeit ist.(6) Das zu verstehen sollte nicht schwerfallen, wenn man bedenkt, dass die „solide Arbeit“, die der Tisch verkörpert, sicherlich von niemanden mit der Arbeit des Tischlers verwechselt wird, die u.U. unter sehr unsoliden Bedingungen stattfindet.

Gegenständlichkeit und Fetischismus

Etwas kann ein Anderes nur darstellen, wenn beide verschieden sind, so verschieden wie ein Prozess und sein dingliches Resultat. Der Unterschied zwischen Arbeitszeit und Wert wird besonders deutlich im Abschnitt des „Kapital“ zum Fetischcharakter der Ware. Der mystische Charakter der Ware entspringt nach Marx nicht aus der Bestimmung der Wertgröße aufgrund der Quantität der zugrunde liegenden Arbeit (MEW 23, 85), sondern: „Das Geheimnisvolle der Warenform besteht … einfach darin, dass sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst … zurückspiegelt… Es ist … das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt… Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden…“ (Ebd., 86f.) Ohne die Gegenständlichkeit des Wertes als Reflex der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit gäbe es keinen Warenfetischismus.

Marx’ Darstellung von Werten

Man könnte auf die Idee kommen, dass Marx als Theoretiker, der den Fetischismus durchschaut hat, nun konsequent den Weg der Arbeitszeitrechnung geht. Doch wie stellt er die Warenwerte in seinem ökonomischen Hauptwerk dar? In der Wertformanalyse, je nach dem Entwicklungsgrad der Warenproduktion und des Warenaustausches, als Gebrauchswert in der Position des Wertspiegels, also als Warenmenge, die einen Wert hat; auf der höchsten Stufe der Entwicklung der Wertformen kann der Wert auch durch Papiergeld mit (oder ohne) Zwangskurs dargestellt werden, wobei die direkte Messung des Wertes durch ein Edelmetall im Hintergrund bestehen bleibt (MEW 23, 141). In der für das Marxsche Werk zentralen Theorie des Mehrwertes, die in mehreren Kapiteln dargestellt wird, werden die Warenwerte unter Voraussetzung einer Identität von Wert- und Preisrelationen in Pfund Sterling angegeben und parallel dazu auch die entsprechenden Arbeitszeiten als Maß für die zugrunde liegende abstrakt menschliche Arbeit – was für ein Determinationsverhältnis, bei dem Wert und gesellschaftlich notwendige Arbeit sich proportional zueinander verhalten, die typische Form der Darstellung ist und sein sollte. Fakt ist: Eine reine Arbeitszeitrechnung, die die Eigenständigkeit und Gegenständlichkeit der Wertgrößen einebnet und auf die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit reduziert, ist im reifen ökonomischen Werk von Karl Marx nicht zu finden.

Die Maßeinheit der Werte

Unter DDR-Ökonomen war die Auffassung, dass „das immanente Maß der Werte … die Arbeitszeit“ ist, verbreitet, oft unter Berufung auf das Werk „Zur Kritik…“(7) Daran ist richtig, dass die Arbeitszeit der wesentlichste Faktor ist, der den Wert bestimmt (sofern man lediglich das Nettoprodukt betrachtet). Doch die Darstellung des Werts in Zeiteinheiten, die von Müller konsequent umgesetzt wird,(8) hält einer kritischen Betrachtung, die Marx’ Erkenntnisentwicklung einbezieht, nicht stand. Außerdem konfligiert sie mit dem modernen Verständnis des Messprozesses. Die von Peter Ruben mit Blick auf die Dialektik der Wertform entwickelte Theorie des Messens wurde in der DDR überschattet von politischer Diffamierung und konnte so kaum Anhänger finden.(9) Doch Kernthesen der Messtheorie gelten in allen empirischen Disziplinen: Das, womit ein Merkmal durch direkten und wiederholten Vergleich gemessen wird, das Messmittel, muss mit dem zu messenden Gegenstand etwas gemein haben. Intelligenz kann nur anhand der Resultate intelligenter Verhaltensweisen gemessen werden, Längen nur anhand von ausgedehnten Objekten, ökonomische Werte nur vermittelt über Objekte, die selbst einen Wert haben. Damit ist klar: Die Arbeit (und damit auch die Arbeitszeit) kann prinzipiell kein Messmittel für die Warenwerte sein, denn sie hat keinen Wert (MEW 23, 561). M.a.W.: Die Arbeitszeit konstituiert keine Wertform.

Wie wenig diese Erkenntnis von den führenden Ökonomen der DDR verinnerlicht worden ist, zeigt die folgende Aussage aus einem sicherlich intensiv diskutierten Text: „Das Einheitsmaß für die Bestimmung der Wertgröße ist die einfache Durchschnittsarbeit, die jeder Mensch bei gegebenem Entwicklungsniveau der Produktion ohne besondere Qualifikation verrichten kann.“(10) Richtiger hätten die Autoren formulieren müssen, dass der Wert einer Arbeitskraft, die einfache Arbeit verrichtet, als Einheit definiert werden kann, mit deren Hilfe der Wert anderer Waren als Vielfache oder Bruchteile dargestellt werden kann. Damit ließen sich dann die von den gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeiten definierten relativen Positionen der Warenwerte auch mit Hilfe absoluter Zahlen darstellen.

Nicht alle DDR-Ökonomen sind jener „offiziellen“ Interpretation gefolgt. Hier ein Beispiel: Hans Klemm unterscheidet in seiner letzten größeren ökonomischen Schrift die Darstellung der Struktur des Reproduktionsprozesses „zu Werten“ von der „zu Produktionspreisen“ (S.36, 43, 69 usw.).(11) Wenn er das konstante Kapital „zu Werten“ mit c = 400 notiert, unterstellt er, dass es eine Werteinheit gibt, die mit 400 multipliziert werden muss, um den Wert des konstanten Kapitals korrekt darzustellen. Klemm macht sich allerdings nicht die Mühe, das Problem der Definition einer Werteinheit zu thematisieren.

Die Reduktion der Warenwerte auf die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist eine Methode, Werttheorie zu betreiben, ohne die selbständige Existenz und Gegenständlichkeit der Werte als Eigenschaft von Produkten anerkennen zu müssen. Bei der Anwendung der Werttheorie auf die Warenproduktion in der DDR gab es ein starkes Motiv, es so zu sehen: der Warenfetischismus schien per definitionem verschwunden zu sein. Mangelnde Logik und Konsequenz haben diese Schönfärberei unterstützt. Nach dem Ende des real existierenden Sozialismus gibt es keinen Grund, dieses Denken fortzusetzen.

Verweise

(1) Dass der Wertbegriff von Marx 1867 explizit eingeführt wird, bestätigt auch die neuere Marxforschung. Wert und Tauschwert werden in den folgenden Auflagen des „Kapital“ immer konsequenter unterschieden, während in der ersten Auflage noch eine gewisse Unentschiedenheit besteht, wenn Marx beispielsweise anmerkt: „Wenn wir künftig das Wort ‚Werth‘ ohne weitere Bestimmung brauchen, so handelt es sich immer vom Tauschwert.“ (MEGA II 5, S.19, Fn. 9.) Vgl. dazu auch Barbara Lietz, Winfried Schwarz: Wert, Austausch und Neue Marx Lektüre, in: Z. Nr. 125 (2021/1), S. 116, 119 Fn.14.
Eine Abgrenzung von der Neuen Marx Lektüre hat der Autor dieser Zeilen in den ersten Kapiteln seines Buches „Die ökonomische Theorie von Karl Marx“, Marburg 2016, vorgenommen.
(2) Marx’ höchster publizierter Erkenntnisstand über den hier behandelten Gegenstand liegt in der zweiten deutschen Auflage vor, die bis auf unwesentliche Kleinigkeiten mit der vierten Auflage übereinstimmt. Diesen Standpunkt vertritt auch Stephan Krüger: Wert, Wertgröße und Wertgesetz, in: Z. Nr. 127 (2021/3), S. 122. Jedoch folgt daraus, dass frühere Versionen, die im Band 2 und 3 vorliegen, nur sehr bedingt herangezogen werden können, um das Verhältnis von gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit, Wert und Marktwert zu klären. Vgl. Krüger, a.a.O. S.126 ff.
(3) Lietz, Schwarz a.a.O., S. 122 f.
(4) Klaus Müller, Georg Quaas, Kontroversen über den Arbeitswert. Eine polit-ökonomische Debatte, Potsdam 2020, 172. – Nach Helmut Dunkhase (Zu Klaus Müller, Historizität und Messbarkeit abstrakter Arbeit, Z. 108, 196) folgt aus Müllers Definition der abstrakten Arbeit, „dass eines von beiden, abstrakte Arbeit oder Wert, überflüssig wäre.“ Die von Müller behauptete Identität von Wertgröße und Arbeitszeit hat die falsche Annahme einer Identität von Wert und abstrakt menschlicher Arbeit zur Grundlage.
(5) In den Frühschriften versteht Marx dagegen unter „Arbeit“ stets „entfremdete Arbeit“. Vgl. Walter Tuchscheerer, Bevor „Das Kapital“ entstand. Köln 1968, S.198, Fn. 100.
(6) Wenn Lietz und Schwarz (a.a.O., S.112) wohl eher beiläufig bemerken: „Wert ist doch Arbeit“, so kann man ihnen in diesem Punkt nicht zustimmen.
(7) Beispielsweise Johannes Rudolph, Die Berechnung der Wertgröße der Produkte und der Abweichung der Effektivpreise von der Wertgröße, Wirtschaftswissenschaft, 1961 Heft 11, 1674-1691.
(8) Klaus Müller, Geld von den Anfängen bis heute, Freiburg 2015, 55, 61, 64 ff.
(9) Peter Ruben, Philosophie und Mathematik, Leipzig 1979, 94 ff.
(10) Autorenkollektiv, Politische Ökonomie des Kapitalismus und des Sozialismus, 13. Auflage, Berlin 1987, 67.
(11) Hans Klemm, Reproduktionsmodelle im Vergleich. Frankfurt a.M. 1997, 36, 43, 69 usw.

Anmerkung
Dieser Artikel ist zuerst erschienen in: Z. Zeitschrift für marxistische Erneuerung, Nr. 128, Dezember 2021, S. 75-81.

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