Martina Thom’s Bekenntnisse

Durch Zufall stieß ich im Frühjahr 2021 beim Googeln auf ein bemerkenswertes Dokument, das

von der Leipziger Philosophie-Professorin Martina Thom (23.04.1934-17.09.2019) im Jahr 2004 verfasst und, wie sie selbst schreibt, „nur an einige ehemalige Kollegen“ verschickt worden ist. Das Schreiben trägt den Titel „Darstellung und Fakten zum Nachdenken und zur Erinnerung an gemeinsame Geschichte“. Martina Thom reagiert darin verärgert auf meine 2002/4 publizierten Darstellungen der geistigen Situation an der Sektion Marxistisch-leninistische Philosophie der Karl-Marx-Universität-Leipzig, an der ich von 1974 bis 1987 tätig war. In jenem Papier schüttet die Autorin mir und meinem ehemaligen Freund und Studenten Volker Caysa ihren ganzen, durch die Abwicklung verursachten Frust vor die Füße, die ihr Professorendasein abrupt beendete. Für eine Professorin, der angeblich nie etwas an ihrer Karriere lag, hatte sich in „zwölf Jahren wiederholter Unfairness“ (gemeint sind wahrscheinlich die Jahre von 1990 bis 2002) eine Menge Wut und Hass aufgeladen, die sich blitzartig anhand meiner spät veröffentlichten Analysen entlud. Das Kuriose an der Geschichte ist, dass ich schon vier Jahre an einem anderen Institut tätig war und selbst abgewickelt wurde als Martina Thom ihre Unbill erfuhr.

Was war wirklich passiert?

Nachdem bereits alle Eulen verflogen und alle Messen gelesen waren, hatte ich gewagt zu tun, was Michael Greven schon 1991 von mir gefordert hatte: Eine Meinung zum staatstragenden Philosophieren an o.g. Sektion aufzuschreiben und nach Möglichkeit zu veröffentlichen. Vergangenheitsbewältigung nennt man das wohl. Dass manches in Vergessenheit geraten kann, ist wohl verständlich und müsste dann gegebenenfalls nachgetragen werden. Leider kann ich Frau Thom nicht mehr fragen, warum sie ihre „Kritik“ an meinen Erinnerungen nicht auch an mich geschickt hat. Wäre das nicht moralisch geboten und der Wahrheitsfindung dienlich gewesen? Allerdings kann ich heute selbst nach mehrmaligem Lesen dieser merkwürdigen „Kritik“ keinen Hinweis auf Fehler entdecken. Das mag daran liegen, dass sich die Autorin nur oberflächlich mit meinen Thesen beschäftigt, da es ihr vielmehr um die Darstellung ihrer eigenen philosophischen Leistungen geht. So unverblümt ausgesprochenes Eigenlob wie in diesem Dokument wird man selten finden, ebenso eine so komplette Blindheit gegenüber dem eigenen intriganten Verhalten. Daneben enthält der Text derartig viele Irrtümer, Fehleinschätzungen und Zeugnisse eines tiefgreifenden Unverständnisses, dass ich hier unmöglich alle thematisieren kann. Ich werde mich bemühen, die wichtigsten Anwürfe aufzugreifen und richtig zu stellen.

Meine Motivation

Generell ging es bei meinen späten Analysen keinesfalls darum, eine billige Nach-Wende-Kritik an einem Institut der Universität zu üben, das die Aufgabe hatte, Lehrer für Marxismus-Leninismus auszubilden. Alle in der Leipziger Philosophieausbildung Tätigen – von den Studierenden bis zum Direktor, einschließlich des Autors dieser Zeilen – sind freiwillig, bewusst und mit Engagement einer Tätigkeit nachgegangen, die ganz klar eine staatstragende Funktion hatte – allerdings war das Engagement sowohl qualitativ als auch quantitativ bei den einzelnen Personen sehr verschieden: Vom nachplappernden Mitläufer bis zum Einpeitscher war alles dabei, von den selbständig Denkenden weiter unten. Und für die meisten angehenden oder gestandenen Lehrer für Philosophie galt, dass es ihnen politisch darauf ankam, den real existierenden Sozialismus für die Menschen besser zu machen, und zwar mit philosophischen Mitteln. Dabei konnte man leicht in Konflikt mit der Partei geraten, so dass sich später – nach dem Ende der DDR – selbst ein Nationalpreisträger und seine Zöglinge als Widerstandskämpfer gerieren konnten. Dass Martina Thom es für nötig hielt, ihre Kämpfe in Zusammenhang mit der „Sputnik“-Affäre (Verbot einer sowjetischen Zeitschrift in der DDR) hervorzuheben, zeigt, dass sie ebenfalls auf diesem Tripp war. Dabei macht sie den Fehler, zu insinuieren, ich hätte sie bei irgendeiner Parteileitung angeschwärzt. Allerdings hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits die Verantwortung für ein paar Dutzend protestierende Genossen einer ganz anderen Einrichtung.

Grabenkämpfe unter Genossen

Zu den philosophischen Differenzen, die es zwischen den verschiedenen, sich zum Teil bekämpfenden Gruppierungen an der Sektion Marx.-len. Philosophie gab, wäre – meine Analysen hiermit ergänzend – noch Folgendes zu sagen, da ja nicht einmal eine kluge Professorin verstanden hat, worum es dabei sowohl Caysa als auch mir (mit einer andersartigen Charakteristik) ging.
Natürlich war es für DDR-Philosophen eine Selbstverständlichkeit, Plato, Hegel, Heidegger etc. zu studieren und deren Philosophie kritisch in der Lehre darzustellen. Dafür brauchte man keinen Westimport. Mir zu unterstellen, dass ich genau diese Weltoffenheit kritisieren wollte, zeugt nur von den Vorurteilen der Autorin. Das Problem, das Martina Thom offensichtlich nicht sehen konnte, bestand vielmehr darin, dass einige sehr spezialisierte Experten den philosophischen Ansätzen beispielsweise von Hans Reichenbach, Rudolf Carnap, Martin Heidegger, Max Scheler und Karl Mannheim ein marxistisches Mäntelchen umhingen und beanspruchten, damit die Marxsche Philosophie darzustellen und weiterzuentwickeln. M.a.W., die Begeisterung einiger Kollegen und Studierenden über eine historische oder zeitgenössische Philosophie schwappte über auf ihre Interpretation des Marxschen Ansatzes. Dieser Effekt war natürlich institutionell bedingt, denn wer Philosoph sein wollte, musste in der DDR ein marxistischer Philosoph sein.
Ich hatte 1974 erfolgreich ein Physikstudium absolviert und nebenbei Hegel Wort für Wort und oft mehrfach gelesen (seine Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie, die Phänomenologie, alle Bände der Logik und Teile der Enzyklopädie). Aus intellektueller Neugierde wollte ich wissen, wie es mit Marx in der Philosophie weiterging. Deshalb bewarb ich mich um eine Aspirantur an jenem Institut. Meine Überraschung war groß, als ich feststellte, dass man dort nur wenige Professoren und Dozenten traf, denen ernsthaft an einer Rekonstruktion und Weiterentwicklung der Marxschen Philosophie gelegen war. Als ausgebildeter Naturwissenschaftler störte mich am meisten die sogenannte Marxistisch-leninistische Erkenntnistheorie, die ein eklektisches Gebräu zwischen Positivismus, Aristoteles und Popper war – das marxistische Mäntelchen nicht zu vergessen. Intuitiv hielt ich es schon immer mit Christa Wolfs Motto: Für Reinheit der Substanzen. Wenn Wein sein soll, dann Wein.

Das erklärt meines Erachtens hinreichend, warum mich neben zwei oder drei anderen Hochschullehrern Helmut Seidel am meisten interessierte. Zu meinem Desinteresse an Martina Thom weiter unten.

Der Stein des Anstoßes

Nachdem ich der ostdeutschen Philosophie also 1987 den Rücken gekehrt und bereits 13 Jahre lang in der Politikwissenschaft gearbeitet hatte und gerade dabei war, zur empirischen Wirtschaftsforschung überzuwechseln, habe ich mir erlaubt, die von Helmut Seidel theoretisch begründete Leipziger Praxisphilosophie – es war kaum mehr als ein begründender Ansatz – rückblickend, also in recht großer zeitlicher und theoretischer Distanz, einer kritischen Würdigung zu unterziehen. Ähnliches hatten vor mir schon andere Jungs und Mädels aus dem Umfeld des Philosophen getan, die man im Unterschied zu mir als seine Schüler bezeichnen kann (Klaus-Dieter Eichler und vielleicht auch Volker Caysa und Elke Uhl). Volker Caysa ist übrigens eine weitere Zielscheibe jener professoralen Schmähschrift, und die Story wird so dargestellt, als ob wir beide uns gegen eine „Wissenschaftlerin mit internationaler Ausstrahlung“ verschworen hätten, um ihr weithin scheinendes Licht zugunsten und im Auftrag von Helmut Seidel zu verdunkeln.

Den von mir gelieferten Stein des Anstoßes hatte ich anlässlich einer von Horst Müller (Nürnberg) 2004 ausgerichteten Tagung eingereicht, sie war aber dort – mir damals völlig unverständlich – nicht erschienen. Ein von den Kindern Martina Thoms veröffentlichter Brief an Horst Müller legt nun offen, warum. Thom schreibt: „Doch ein entscheidendes Problem ergibt sich für mich dadurch, dass ein Internet-Artikel von Georg Quaas aus dem Jahr 2002 aufgenommen werden soll, auf den mich mit berechtigter großer Empörung Prof. Dieter Wittich aufmerksam machte… Ich will Ihnen nun überhaupt nicht nahelegen, auf den Artikel von Quaas zu verzichten. Aber wenn…“ Usw. Martina Thom bezieht sich wahrscheinlich auf meine Darstellung des Ausgangspunktes Marxschen Philosophierens, die in einem Sammelband der Rosa-Luxemburg-Stiftung 2002 zum Thema der Zweiten Praxisdiskussion in der DDR erschienen ist (Herausgeber waren Volker Caysa, Helmut Seidel und (!) Dieter Wittich). Möglicherweise war ihr auch meine Darstellung des Leipziger Praxiskonzepts und seines Umfeldes unter die Augen gekommen, das dann etwas später in den Beiträgen zur Geschichte der Arbeiterbewegung erschienen ist (alle Texte sind auch auf meiner persönlichen Webseite einsehbar).

Feiges und intrigantes Agieren

Wie sich nun herausgestellt hat: Martina Thom hat nicht nur mit ihrer „Kritik“ hinter meinem Rücken agiert. Sie selbst schreibt, dass sie meine erste Berufung zum Hochschullehrer verhindert habe. In der vermeintlichen Annahme, ich würde deshalb ihre Leistungen in meiner Darstellung bewusst verschwiegen haben, versucht sie folgende Erklärung für meine geringe Aufmerksamkeit gegenüber ihrem philosophischen Lebenswerk: „Vielleicht gibt es aber, was Quaas betrifft, eine noch viel einfachere Erklärung. Als nämlich der damalige Sektionsdirektor Frank Fiedler und unser Fachgruppenleiter Helmut Seidel nach Berufung von Siegfried Kätzel nach Halle die freigewordene Dozentur für Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie über meinen Kopf hinweg mit Georg Quaas besetzen wollten, habe ich das gerade noch verhindert. Quaas hatte von Lenin etc. kaum Ahnung…“ Martina Thom hat recht, dass ich von Lenin keine Ahnung hatte (einmal abgesehen von seinen philosophischen Heften und seiner erkenntnistheoretischen Kampfschrift), aber, was sie offenbar nicht wusste, ich hatte auch kein Interesse, mein weiteres intellektuelles Leben mit diesem Gegenstand zu verbringen. Darum habe ich das Angebot nach drei Tagen Bedenkzeit und heißen Diskussionen in der Familie und unter Freunden abgelehnt. Nicht ohne Gewissensbisse, denn ich wusste, dass mir Frank Fiedler und Helmut Seidel helfen wollten, aus einer wissenschaftspolitischen Sackgasse herauszukommen.

Das Komische an diesem „Exilanten-Klatsch“ besteht wohl darin, dass ich von den Intrigen der Professorin erst nach Jahrzehnten erfahre und nun mit Erstaunen feststelle, dass ich eine Art Exekutor des Konkurrenzneides der grauen Eminenz Helmut Seidel gewesen sein soll. Offenbar hat Thom in ihrer Rage nicht bemerkt, dass ich in dem Beitrag „Ausgangspunkte“ Seidels Konzept kritisch eingeordnet habe. Dass ich irgendwelchen Groll gegen die Philosophin wegen irgendwelcher Machenschaften hinter meinen Rücken hegen müsste, war mir bis vor kurzem schlichtweg unbekannt. 2002/4 hatte ich schon lange kein Interesse mehr an einer Karriere als Philosoph, so dass meine Darstellung allein auf Erinnerungen, Aufzeichnungen und eigenen Analysen, keinesfalls aber auf irgendwelchen Karriereinteressen beruhen. Erkennbar ist, dass Martina Thom an meinem Text schmerzhaft ihren Anteil an der Ausarbeitung der Leipziger Praxisphilosophie vermisst hat. Das könnte ich gut verstehen und würde es bei der nächsten Gelegenheit auch berichtigen, wenn sie denn einen solchen Anteil gehabt hätte! Die Aufarbeitung der Frühschriften von Marx ist dafür jedoch keineswegs hinreichend. Was fehlt, ist vor allem ihr Interesse an der Rekonstruktion und Weiterentwicklung einer systematisch konzipierten, aber kaum ausgeführten Philosophie.

Ob mein Urteil in dieser Beziehung zu hart ist, mögen die zahlreichen Studierenden herausfinden, die nach den eigenen Worten der Professorin sie so sehr verehrt haben.

Persönliches

Wer war Martina Thom für mich? In der Tat keine Person, die meine Neugierde auf ihre philosophischen Ansichten erregt hätte. Was ich wahrnahm, zwangsläufig wahrnehmen musste, waren ihre ellenlangen Monologe in irgendwelchen Versammlungen. Bei Gelegenheit verspottete ich dieses politische Philosophieren als ein schier endloses Relativieren des gerade Gesagten, so dass sich Satz and Satz fügte, ohne das ein Ende absehbar war – und handelte mir damit missbilligende Blicke meiner Kollegen ein, weniger der Kolleginnen. Es gibt eine Stelle in Hegels „Geschichte der Philosophie“, in der er von einer Angst vor der Bestimmtheit spricht, und ähnlich sagt er in seiner „Phänomenologie“: „…die kraftlose Schönheit hasst den Verstand…“. Daran fühlte ich mich regelmäßig erinnert. Ich nahm mir vor, Thoms Darstellung der Herausbildung der Marxschen Philosophie bis 1844 heranzuziehen, falls ich jemals dazu käme, diesen Gegenstand zu bearbeiten. Dazu ist es bislang nicht gekommen. Was Kant betrifft, möchte ich mir seine Philosophie nicht durch Geschwätz verderben lassen.*

Ich kann mich nicht erinnern, in den 13 Jahren an der „Sektion Philosophie“ auch nur ein einziges Wort von Bedeutung mit Martina Thom gewechselt zu haben, erst recht kein böses. Bis vor kurzem gab es bei mir noch eine gute Erinnerung an diesen stets hochmoralisch auftretenden Menschen. Doch diese kleine Reminiszenz ist nun durch Offenlegung ihres intriganten und feigen Verhaltens zerstört worden. Aber, wie Danny DeVito den Abgewickelten eines gescheiterten Unternehmens ins Stammbuch schreibt: Wen juckt‘s?

Fußnote

*Als ein Beispiel für „Geschwätz“ nenne ich Thoms Behauptung, dass der Satz: „Wer die Würde anderer Menschen herabsetzen will, zeigt sich nur selbst würdelos“ eine Anwendung das Kantschen kategorischen Imperativs sei. Erstens ist der Wille allein nicht ausreichend, um sich würdelos zu zeigen. Zweitens, einmal angenommen, jemand setzt die Würde eines anderen tatsächlich willentlich herab; so folgt nach Thom daraus lediglich, dass er sich würdelos zeigt, aber keineswegs, dass er würdelos ist. Gesetzt nun drittens, dieser Missetäter wäre dann tatsächlich würdelos, was folgt daraus? Dass er ebenfalls würdelos behandelt werden kann? Das bleibt bei ihr wie so oft unklar. Nehmen wir also viertens an, dies würde tatsächlich daraus folgen. Wie kann eine solche Maxime Teil einer allgemeinen Gesetzgebung werden? Diese Gesetzgebung entspräche dem alttestamentarischen „Aug‘ um Auge, Zahn um Zahn“. Meines Erachtens entspricht der kategorische Imperativ Kants eher dem neutestamentarischen „Was dir nicht angetan werden soll, das tue auch keinem anderen an.“ Daran hätte sich Frau Thom selbst mal halten können.

Verweise

Quaas, G. (2002): Der Ausgangspunkt Marxschen Philosophierens – eine Textanalyse. In: Zum philosophischen Praxis-Begriff. Die zweite Praxis-Diskussion in der DDR. Leipzig 2002. S.69-93.
Quaas, G. (2005): Das Leipziger Praxiskonzept – Versuch eines Paradigmawechsels innerhalb einer staatstragenden Philosophie. In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung. 47. Jahrgang 2005, Heft 1. S. 117-134.
Thom, M. (2004) Darstellung und Fakten zum Nachdenken und zur Erinnerung an gemeinsame Geschichte, URL: https://docplayer.org/200656749-Martina-thom-darstellung-und-fakten-zum-nachdenken-und-zur-erinnerung-an-gemeinsame-geschichte-1.html
Thom, M: Brief an Horst Müller vom 16.01.2005,
http://www.max-stirner-archiv-leipzig.de/thomMartina.html

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