Später Nachruf auf Volker Caysa (24.06.1957-03.08.2017)

Leben heißt Sterben. Friedrich Engels, den ich soeben zitiert habe,

war ein Prozessdenker. Die Bewegung charakterisierte er als Sein und Nicht-Sein an einem Ort, beides zugleich und in ein und derselben Beziehung. Zwar meinte er damit die Ortsveränderung eines Körpers – doch trifft diese Charakteristik nicht auch auf das menschliche Leben zu? An einem Ort zu sein und zugleich nicht zu sein, ist das nicht ein Merkmal des lebendigen menschlichen Körpers? Mit diesem Objekt hatte Volker Caysa seinen Gegenstand gefunden, über den er auch andere nachdenken lassen wollte. „Der Leib leibt“ steht für viele Ausdrucksformen des menschlichen Lebens, die er damit zur Darstellung bringen wollte. Zugegeben, nicht gerade eine rationale Beschreibung, doch ist Engels philosophische Charakteristik der Bewegung (nach Hegels Logik) rationaler?

Mit Volker Caysa verband mich eine kurze Zeit des Lebens, seine Jahre als Student bis zu seiner Promotion. Wir lernten uns beim sogenannten „Studentensommer“ – Kartoffellesen auf den mecklenburgischen Feldern – kennen, als ich Aspirant und Betreuer der neu immatrikulierten Philosophie-Studenten des Jahrgangs 1975 war. Als Assistent im Lehrstuhlbereich Dialektischer Materialismus betreute ich seine ersten studentischen Arbeiten. Halbe Nächte haben wir an meinem Küchentisch philosophiert und dabei dem sächsischen Bier zugesprochen. Es war ein politisches, nicht ganz ungefährliches Philosophieren. Wir beide waren Suchende nach der Wahrheit über den real existierenden Sozialismus. Volker faszinierte nicht nur durch seine Aufnahmefähigkeit für philosophische Texte, sondern vor allem durch die rücksichtslose Konsequenz seines Denkens. Was er dachte, das lebte er; und was er lebte, machte er zum Gegenstand seines Denkens. Genau so stellen sich viele Menschen einen Philosophen vor.

Das Leben hat uns nach ca. 10 Jahren getrennt. Volker wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter am Franz-Mehring-Institut und ging seinen eigenen Weg. Doch genauer besehen war es die Philosophie, die uns trennte. Bei meinen Kollegen war unser geistig-intimes Verhältnis bekannt. So bekam ich den Auftrag von einem der Gutachter, der zugleich mein Chef war, eine Analyse der Promotionsschrift Volker Caysas zu schreiben, in der ich vor allem die positiven Seiten hervorhob, nicht ahnend, dass diese Zuarbeit dann mit wenigen Änderungen zum Gutachten avancierte. Was mir nicht gefiel, wollte ich ihm persönlich sagen. Das tat ich wenige Minuten nach seiner erfolgreichen Verteidigung und warf ihm dabei u.a. Kriegsverherrlichung à la Hegel vor. Das war das Ende unseres geistigen Austausches.

Im Zuge der Abwicklung staatsnaher Einrichtungen wurde Volker, wie viele andere an der Universität auch, unfair behandelt. Da die Zeit im Berufsleben für ihn zu kurz war, um den Status eines Hochschullehrers zu erlangen, verlor er ohne viel Federlesens seinen Job als Assistent. Hinzu kam, dass ihm die aus Ostdeutschen bestehende Personal-/Moral-Kommission Vorwürfe wegen seines Dienstes in den DDR-Grenztruppen machte. Meines Wissens nach hat er dabei unter Einsatz seines Lebens Minen geräumt. – Zufälliger Weise trafen wir uns wenige Stunden nach dem vernichtenden Urteil dieser nachweislich in arbeitsrechtlichen Frage inkompetenten Kommission. Da diente ich als Blitzableiter seines berechtigten Frustes. Ein Auftritt, für den er sich nach Jahren telefonisch entschuldigte.

Ich kann nicht beurteilen, ob die von fern zu beobachtenden Lebensentscheidungen Volker Caysas von wachsender Klugheit eines Freundes der Weisheit durchdrungen waren. Ich will es gern so sehen. Ich bin überzeugt, wir hätten uns theoretisch viel zu sagen gehabt, als wir uns wenige Jahre vor seinem Tod trafen. Wir bekundeten uns unsere gegenseitige Hochachtung – und beließen es beim Schweigen. Ich, aus Respekt vor dem Leben und Denken des anderen, aber wahrscheinlich auch aus Desinteresse an den Gegenständen und der Art, mit ihnen umzugehen, die der andere gewählt hatte. So wie ich Volker kennengelernt habe, würde ich vermuten, dass dasselbe Motiv für ihn zutrifft.

Ein Leben ist zu Ende gegangen, früh, zu früh. Nur wenige werden wissen, ob man es als glücklich preisen oder als zerrissen bedauern soll. Doch das spielt jetzt keine Rolle mehr. Er hat Spuren hinterlassen, denen man folgen kann, denen man aber die Ehre einer kritischen Reflexion nicht versagen sollte. Volker Caysa hat ein Leben geführt, das ohne Philosophie nicht möglich gewesen wäre. Er hat die Philosophie, seine Philosophie, gelebt. Insofern ist eine Darstellung seiner Philosophie, der empraktischen, ohne wahrheitsgemäße Darstellung seines Lebens und den darin getroffenen Entscheidungen nicht möglich. Ich hoffe, dazu einen kleinen Beitrag geleistet zu haben.

Georg Quaas
Leipzig, den 25.März 2021

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