Arbeitswerttheorie und Monopolprofite

Anmerkungen zu einer antiquierten werttheoretischen Erklärung

von Georg Quaas

Unter dem Titel „Arbeitswerttheorie und technologischer Wandel“ stellt der Informatiker Hans-Gert Gräbe seine eigene theoretische Erklärung der „riesigen Profite“ von Internetkonzernen vor. Doch diese Erklärung steht der Produktionsfaktorentheorie von Adam Smith näher als der ökonomischen Theorie von Karl Marx. Somit läuft der Versuch, die arbeitswerttheoretischen Grundlagen neu zu durchdenken, darauf hinaus, Marx‘ entwickelte und wohldurchdachte Theorie auf den widersprüchlichen und längst überholten Ansatz eines ihrer Vorläufer zu reduzieren.

Hans-Gert Gräbe bewegt die Frage: „Woher kommen die riesigen Profite der Internetkonzerne?“ (Gräbe 2019: 101, im Weiteren nur mit Seitenzahlen zitiert.) Eine pauschale Erklärung durch vermehrte Ausbeutung (Krämer 2017: 156) weist er als unbegründet zurück (101), obwohl sie sich mit Hilfe der entgegenwirkenden Faktoren zum tendenziellen Fall der Profitrate sehr gut begründen ließe. In dem lobenswerten Bestreben, angesichts aktueller Problemlagen die arbeitswerttheoretischen Grundlagen neu zu durchdenken (94 f.), entwickelt Gräbe eine nicht auf dem Begriff der Ausbeutung beruhende Theorie der Entstehung des Mehrwerts als Produkt des vorgeschossenen Kapitals (99). Demnach erzeugt die lebendige Arbeit nur einen Teil des Wertes der Waren, der andere Teil wird durch die tote, vergegenständlichte Arbeit – das Kapital – geschaffen. Diese „Schöpfung“ findet nicht etwa auf dem allseits bekannten Weg der Wertübertragung c (Abschreibungen + Vorleistungen) statt, sondern als echte Neuwertschöpfung von über c hinaus gehendem Wert. – Damit hat der Autor den paradigmatischen Ausgangspunkt und den Rahmen der Marxschen Arbeitswerttheorie aufgekündigt – ohne sich konsequenterweise zu entschließen, dann auch auf die entsprechende Bezeichnung zu verzichten.

Nun könnte man meinen: Namen sind Schall und Rauch. Warum soll es in der sich an Marx und seinem Werk orientierenden Gemeinschaft nicht auch alternative Erklärungen der Wertschöpfung geben? Ist es nicht so, dass in der modernen Gesellschaft Kapital und Arbeit stets zusammenwirken müssen, um eine produktive Verbindung einzugehen? Der anhand des „Kapital“ geschulte Leser wird vielleicht antworten: Ja, das ist so, wenn man die Wertschöpfung unter physischem Aspekt betrachtet. Unter wertmäßigem Gesichtspunkt besteht der Clou einer Arbeitswerttheorie gerade darin, die Entstehung, das Prozessieren, die Strukturierung, Entwicklung und Verteilung ökonomischer Werte ausschließlich auf Basis der lebendigen Arbeit als Quelle des Werts – natürlich im Zusammenwirken mit den anderen Faktoren der Produktion – zu erklären. Das ist die dogmengeschichtliche Tradition, die durch Namen wie William Petty, Adam Smith, David Ricardo und Karl Marx definiert wird, wobei allerdings zu beachten wäre, dass die Vorgänger von Marx die Arbeitswerttheorie nicht in jeder ökonomischen Frage bis zur letzten Konsequenz vertreten haben. Dieser Tradition kann sich ein Theoretiker nicht dadurch zuordnen, dass er Essentials ignoriert oder für unwichtig erklärt. Zwar kann es in der sich an Marx orientierenden Gemeinschaft andere polit-ökonomische Erklärungen der Wertschöpfung geben, aber diese gehören dann definitiv nicht zur Tradition der Arbeitswerttheorie.

Die Leserschaft wird vor allem dann in die Irre geführt, wenn eine alternative Erklärung der Wertschöpfung als Weiterentwicklung der Marxschen Theorie ausgegeben wird. Folgt man den von Gräbe gegebenen Hinweisen, wird man sich nicht mehr mit den ohnehin komplexen Strukturen einer hoch-entwickelten und wohl-durchdachten Theorie auseinandersetzen, sondern mit einem mehr oder weniger fantasiereich ausgestatteten Surrogat der Marxschen Arbeitswerttheorie. Jedoch muss man dem Umstand Rechnung tragen, dass die Klasse der Surrogate und freien Interpretationen nicht nur ziemlich umfangreich ist, sondern nach wie vor zunimmt. Gräbes Theorie ist ein Beispiel für letzteres. Man wird den traditionellen Sprachgebrauch sicherlich nicht vergewaltigen, wenn man diese Klasse von Theorien als „marxistisch“ bezeichnet. Und wenn man sich daran erinnert, dass Marx sich selber nicht als Marxist bezeichnen wollte, dann darf man auf dieser begrifflichen Grundlage durchaus behaupten, dass die ökonomische Theorie von Karl Marx nicht-marxistisch ist.

Es versteht sich, dass marxistische Theoretiker sich auf Marx berufen und deshalb auch Anleihen bei Marx und bei anderen Marxisten machen. So auch Gräbe. Insbesondere verweist er auf eine Diskussion zwischen Müller (2017) und Dunkhase (2016), die sich beide darin einig seien, dass das Maß für die (wertbildende) abstrakte Arbeit ein Zeitmaß sein müsse (98). Indem Gräbe diese grundlegende These in Frage stellt, beginnt er, den Marxschen Begriff des objektiven Wertes der Waren von der lebendigen Arbeit abzukoppeln, um ihn dann wenige Seiten später (99) an das Kapital als wertschöpfenden Faktor zu binden.

Dabei vermischt Gräbe Richtiges mit Falschem. Richtig ist, dass der Wert einer Ware eine Größe im Sinne der Mathematik ist, die durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit t(A) bestimmt, aber nicht mit ihr identisch ist (vgl. im Gegensatz dazu Müller 2015: 64 ff.). Zwischen dem neu geschaffenen Wert W und der Arbeitszeit t(A) steht deshalb multiplikativ ein Faktor u(A), den ich (Quaas 1984: 234 sowie in vielen nachfolgenden Veröffentlichungen) seiner ökonomischen Bedeutung entsprechend „Kompliziertheitsgrad der Arbeit“ nenne und den Gräbe (2010) für sich entdeckt hat und nun als „Arbeitswertkoeffizient“ bezeichnet. Diese terminologisch unnötige Verdopplung wäre nicht besonders tragisch, wenn dabei der Inhalt dieses Begriffes nicht verwässert werden würde. So ersetzt Gräbe die Arbeitszeit, an die der Kompliziertheitsgrad und auch sein Arbeitswertfaktor andocken, kurzerhand durch den „Umfang des vorgeschossenen Kapitals“ (99). Das ist aber erstens ein logischer Widerspruch, da ein Faktor, der den Wert einer Ware auf die zugrunde liegende Arbeitszeit bezieht, nicht gleichzeitig denselben Wert auf den Wert des zugrunde liegenden Kapitals beziehen kann. Zweitens ist damit der Weg verstellt, die Wertproduktivität, die von der Arbeit unter Mitwirkung des Kapitals entwickelt wird, exakt zu erfassen. Diese ist bestimmt durch den Kompliziertheitsgrad der Arbeit, durch den Wert der Produktionsmittel und ihrem mehr oder weniger effektiven Einsatz und der dabei entwickelten durchschnittlichen physischen Produktivkraft der Arbeit (Quaas 2016: 177, Formel 6.27). Dieses konkrete Geflecht von Faktoren verbindet den Wert einer Ware mit der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit und zeigt dabei die Rolle des Kapitals auf, ohne welches heutzutage überhaupt kein Wert in beträchtlichem Umfang entstehen kann.

Es handelt sich im wahrsten Sinne des Wortes bei Gräbe um einen Kurz-Schluss, der wesentliche Vermittlungsglieder ignoriert. In der Tat müssen wir uns in der Architektonik des „Kapital“ hin zu „Fleissners Ebene 3“ (94, 99) bewegen, um die Rolle des Kapitals für die Steigerung der Wertproduktivität zu verstehen. Des Weiteren wäre es erforderlich, zwischen expliziten und impliziten Variablen in der ökonomischen Theorie von Marx zu unterscheiden. Der Kompliziertheitsgrad ist eine implizite Variable. Nachdem Marx seine bekannte Reduktion auf einfache Arbeit vorgenommen hat, braucht er sie nicht mehr zu erwähnen. Dafür gab es sicherlich auch den politischen Grund, keinerlei Anlass für eine Spaltung der Arbeiterklasse zu schaffen. Es wäre aber nicht möglich gewesen, eine umfassende und in sich kohärente Darstellung der Arbeitswerttheorie zu liefern, wenn Marx diesen Faktor nicht beachtet hätte. Im Rahmen einer mathematischen Darstellung zeigt sich, dass der Kompliziertheitsgrad vom Wert der Arbeitskraft abhängt und nur bestimmt werden kann, wenn man den gesamten Reproduktionsprozess im Blick hat (Quaas 2016: 242). Es ist nicht richtig, wenn behauptet wird (97), dass Marx den Kompliziertheitsgrad übersieht und eine „mystische, der ‚Erfahrung’ entnommene“ Vorstellung von diesem Vermittlungsglied hatte. Da Marx mathematische Beziehungen selten als Formel, meistens aber in Form eines Zahlenbeispiels verdeutlicht, zeigt Marx (1890: 59) ganz klar, dass er mathematisch gesehen nicht – wie man auch vermuten könnte (Marx 1859: 19) – eine Potenzfunktion im Hinterkopf hatte, sondern einen Proportionalitätsfaktor.

Gräbes Anspruch, angebliche Mängel in Marx’ ökonomischer Theorie zu beseitigen ist also zurückzuweisen, da diese, wie man durch exaktes Lesen feststellen kann, nicht existieren. Doch wie steht es mit seinem Versuch, eine Variante der Werttheorie zu schaffen, die der Produktionsfaktorentheorie ziemlich nahe steht, von der sich Marx bereits explizit abgegrenzt hat (Marx 1862: 64 ff.)? Dafür ist es gerade nicht zweckmäßig, von der quantitativen Differenz zwischen Werten und Preisen abzusehen (99), wenn man die „riesigen Profite“ monopolartiger Unternehmen erklären will. Marxistisch ist eine Erklärung dann, wenn sie Anleihen bei Marx aufnimmt, ohne den systematischen Zusammenhang seiner Begriffe und Aussagen allzu streng zu beachten, aber auch ohne Thesen zu vertreten, die von ihm bereits widerlegt worden sind – wie die Produktionsfaktorentheorie von Adam Smith. Von solchen Theorien sind die Bücher, Zeitschriften und Webseiten voll, und es ist nicht schwer, eine weitere zu produzieren. Hier drei oder vier Anleihen: (i) Marx erklärt die Abweichung der Preise auf dem Markt durch den Einfluss des Verhältnisses zwischen Angebot und zahlungsfähiger Nachfrage (Marx 1890: 121 f.). (ii) Im Band 3 zeigt er (Marx 1894: 164 ff.), dass sich diese Abweichung im Fall unterschiedlicher organischer Zusammensetzungen der Kapitale stabilisiert, wenn sich in der Tendenz eine einheitliche Profitrate herausbildet. (iii) Ein stabiles Missverhältnis zwischen Wert und Preis existiert in Form der absoluten Grundrente (Köhler 1982: 113 ff.). – Damit ist klar, dass Monopolpreise, die durch technologische Führerschaft begründet sind, auf dem Markt einen Wert realisieren können, der extrem vom Kostpreis abweichen und somit riesige Profite abwerfen kann. Das impliziert extrem niedrige Profite in anderen Sektoren und Unternehmen, die aber nicht unbedingt mit einer verschärften Ausbeutung verbunden sein müssen. Dehnt man diesen polit-ökonomischen Ansatz auf alle Waren aus, indem man deren Marktwerte durch das Machtverhältnis zwischen den Eigentümern an sachlichen Produktionsmittel und dem Rest der Gesellschaft erklärt (eine vierte Anleihe an Marx), gelangt man zu einer Werttheorie (hier fehlt der Begriff „Arbeit“), die ganz ohne den Begriff der Ausbeutung auskommt und stattdessen die mit extrem ungleichen Vermögensverhältnissen verbundene Herrschaft thematisiert – mit dem schönen Nebeneffekt, aktuell, für jedermann einsichtig und hinsichtlich der „riesigen Profite“ einiger Monopolisten erklärungskräftig zu sein.

Doch zurück zu Marx! Wenn es allein darum ginge, den für Unternehmer anstößigen Begriff der Ausbeutungsrate loszuwerden, möge man sich daran erinnern, dass sie identisch mit der Mehrwertrate ist. Ein Mehrprodukt hat es in allen Gesellschaftsformationen gegeben, ohne dass man sinnvoll sagen könnte, dass Kinder, Alte und Schwache die Leistungsträger ausgebeutet haben. Ob es einen (Mehr-) Wert jenseits marktförmig organisierter Gesellschaften geben kann, ist eine Frage, die Gräbe zwar aufwirft (95), deren Beantwortung aber nichts an meiner Kritik ändern würde (zur generellen Beantwortung siehe Ruben, Wagner 1980: 1222).

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Gräbe zur Erklärung eines historisch neuen Phänomens eine fragmentarische Theorie vorstellt, die man bereits bei Adam Smith (1776: 42 pp.) findet. Da Marx sich von diesem widersprüchlichen Element in Smith‘ Arbeitswerttheorie distanziert hat, darf bezweifelt werden, dass sich Gräbe ernsthaft an Marx orientiert. Was bleibt, ist die Skizze einer überholten Theorie, die der weiteren Ausarbeitung harrt und die gegenwärtig noch meilenweit entfernt davon ist, eine empirische oder praktische Bedeutung zu haben.

Literatur

Dunkhase, Helmut (2016): Zu Klaus Müller. Historizität und Messbarkeit abstrakter Arbeit. In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 108, S.195-198.

Gräbe, Hans-Gert (2010): Arbeitswerttheorie – ein dezentraler Ansatz. I. Grundlagen. Manuskript. URL: https://www.hg-graebe.de/EigeneTexte/

Gräbe, Hans-Gert (2019): Arbeitswerttheorie und technologischer Wandel. In: Berliner Debatte Initial 30 (2019) 1, S.94-104.

Köhler, Johann (1982): Zu Grundfragen der marxistisch-leninistischen Rententheorie. Freiberger Forschungshefte Nr. 151. Freiberg.

Krämer, Ralf (2017): Wertschöpfung und Mehrwertaneignung in der digitalen Ökonomie. In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 110, S.151-160.

Marx, Karl (1859): Zur Kritik der Politische Ökonomie. In: MEW Bd.13. Berlin.

Marx, Karl (1862): Theorien über den Mehrwert. In: MEW Bd. 26.1. Berlin.

Marx, Karl (1890): Das Kapital. Erster Band, vierte Auflage. In: MEW Bd. 23. Berlin.

Marx, Karl (1893): Das Kapital. Dritter Band. In: MEW Bd. 25. Berlin.

Müller, Klaus (2015): Geld von den Anfängen bis heute. Freiburg.

Müller, Klaus (2017): Über die Zweckmäßigkeit der Begriffe – noch einmal zur „abstrakten Arbeit“. In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 109, S.162-165.

Quaas, Georg (1984): Eine mathematische Darstellung der marxistischen Werttheorie. In: Wiss. Z. Karl-Marx-Univ. Leipzig, Ges. u. Sprachwiss. R. 33 (1984) 2, 228-247.

Quaas, Georg (2016): Die ökonomische Theorie von Karl Marx. Marburg.

Ruben, Peter; Wagner, Hans (1980): Sozialistische Wertform und dialektischer Widerspruch. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 1980/10, S.1218-1230.

Smith, Adam (1776): The Wealth of Nations. Everyman’s Library 1910. New York.

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