Erwägen in Theorie und Praxis

Diskussionsbeitrag für den Workshop „Erwägungsorientierte deliberative Sozialwissenschaften am Beispiel der Wirtschaftswissenschaften und der Hochschullehre“ – an der PH Ludwigsburg vom 11.-13.März 2016

Von Georg Quaas (Leipzig)*

(1) Die Paderborner Erwägungskonzeption stellt einen Versuch dar, eine höhere Form von Rationalität mit einer entsprechenden gnoseologischen und und kommunikativen Kultur zu etablieren, deren Kern darin besteht, möglichst alle Alternativen zur Lösung eines Problems zu eruieren, adäquat darzustellen und gegeneinander abzuwägen, um auf diese Weise zu einer allseitig und detailliert begründeten Entscheidung für die beste Alternative zu gelangen. Was dabei als „beste Alternative“ angesehen wird, ist vom Kontext abhängig und selber Gegenstand von Erwägungsprozessen. Selbstverständlich sind diese Prozesse in dem Sinne offen, dass sie jederzeit wieder aufgerufen werden können.

(2) Vom Anspruch her ist die Erwägungskonzeption sowohl in den einzelnen Wissenschaftsdisziplinen als auch außerhalb der Wissenschaft (im Schulbereich, aber auch bei der Reflexion von Kunst sowie im alltäglichen Diskussionsverhalten) anwendbar. Zum Anspruch zählt auch der Versuch, Erwägen als eine universelle Verhaltensweise höherer Lebewesen nachzuweisen. Man darf der weitgehend philosophisch begründeten Erwägungskonzeption eine wissenschaftliche Qualität zuordnen, insofern sie kritisierbar und ihre Anwendbarkeit überprüfbar ist.

(2.1) Texte, die elementare wissenschaftliche Kriterien verletzen, stellen keinen wissenschaftlich ernst zu nehmenden Beitrag zur Erwägungskonzeption dar, auch wenn sie sich darauf berufen.

(3) Die Erwägungskonzeption kann unter theoretischem und unter praktischem Aspekt gesehen werden. Die entsprechende Theorie ist in zahlreichen Büchern und Zeitschriftenartikeln entwickelt und dargestellt worden. Als wichtigste Praxisform muss die Zeitschrift für Erwägungskultur mit den Namen „Erwägen Wissen Ethik“ (früher: „Ethik und Sozialwissenschaften“) angesehen werden, die in 26 Jahrgängen erschienen ist und von einer Forschungsredaktion betreut wurde (im Folgenden: die Zeitschrift). Darüber hinaus gibt es Anwendungen im Kunst-, Schul- und Wissenschaftsbereich, über die in der Zeitschrift und anderswo berichtet wurde. Aus diesem Anlass wurde erwägend auf das zugrunde liegende Konzept Bezug genommen.

(4) Mit der Einstellung der Zeitschrift 2015 ist das Paderborner Erwägungskonzept institutionell gescheitert. Für eine wie auch immer geartete Fortführung der zugrunde liegenden Idee wäre eine kritische und selbstkritische Aufarbeitung von Theorie und Praxis des Erwägens erforderlich. Die Frage, ob das institutionelle Scheitern auch auf Mängel in der Theorie des Erwägens (dem Erwägungskonzept) zurückzuführen ist, wird man sich besonders dann stellen müssen, wenn das Bedürfnis und der Wille besteht, nach neuen Praxisformen zu suchen.

(5) Möglicherweise liegt ein erster Hinweis auf ein internes Problem der Erwägungskonzeption und damit auch des Erwägungskonzeptes mit dem Theoriebeitrag von Rainer Greshoff (2001) vor. In diesem Buchbeitrag wird zwischen dem Erwägen und einer kampforientierten Wissenschaft unterschieden. Dabei hat Greshoff Theorien der Sozialwissenschaft und die Art des Umgangs mit ihnen im Blick, der ganz offensichtlich auf ein anderes Rationalitätsverständnis schließen lässt.

(5.1) Greshoff hat jedoch nicht erwogen, ob es auch kampforientierte Erwägungskonzepte geben kann. Darauf hat Quaas (2015) aufmerksam gemacht und ein solches Konzept für die Leipziger Erwägungsseminare reklamiert. Viel wichtiger als diese Alternative und die Kritik daran sind aber These 6 und 7:

(6) Nach Greshoffs Charakteristik der Sozialwissenschaft, in die ich mit Hinweis auf Thomas S. Kuhn die Naturwissenschaft mit einbeziehe, ist die Wissenschaft eine Kampfzone. Darunter ist zu verstehen, dass Wissenschaftler Theorien vertreten und vor Alternativen verteidigen. Dagegen verlangt die Erwägungskonzeption, Alternativen umfassend und detailliert zu studieren, um dann gegebenenfalls die bisher vertreten Theorie aufzugeben. Ein wesentlicher Grund für jenes erwägungsfremde Verhalten besteht darin, dass Theorien Investition darstellen, die man nicht leichtfertig aufgibt.

(7) Die Zeitschrift stellt einen Versuch dar, die Erwägungskonzeption in der Kampfzone zu etablieren, die sich „Wissenschaft“ nennt. Die dabei realisierte basale Methode besteht in der Aufeinanderfolge (i) eines Komplexes von Thesen (Hauptartikel), (ii) eines Komplexes von aufgefächerten Alternativen (die Kritiken) und (iii) der Replik, die das Erwägungsresultat dokumentieren soll. Ganz unabhängig davon, wie diese vorgegebene Struktur in den einzelnen Diskussionseinheiten ausgeschöpft worden ist, liegen die Inkongruenzen im Vergleich zum theoretisch reklamierten Erwägungskonzept offen zutage: Der Autor stellt seine Position – bestehend aus einem Komplex von Theorien, deren argumentative Begründung, Konsequenzen und empirischen Instanzen – umfassend in einem Hauptartikel dar. Die Darstellung der Alternativen erfolgt zwar umfassend, insofern sehr viele Kritiker zu Wort kommen, aber nicht detailliert, da die Seitenzahl beschränkt und erheblich geringer ist als für den Hauptartikel vorgegeben. Die Replik erlaubt es dem Autor, umfassend auf die Kritiken zu reagieren, aber angesichts der großen Zahl ist es optimaler, die eigene Position zu verteidigen als alle Alternativen gegeneinander abzuwägen, um am Ende die eigene Position zugunsten einer anderen aufzugeben. Meines Wissens nach ist das nie vorgekommen. In der Replik hätte der Erwägungsprozess beginnen können. Der bloße Vergleich von n-1 Kritiken und einem Hauptartikel hat eine Dimension von n(n-1)/2 – eine Basiszahl, die noch mit der Anzahl der zu erwägenden Theorien und Argumente multipliziert werden müsste. De facto ist das nie geleistet worden. Im Fall von zwanzig Teilnehmern ergäbe sich die Basiszahl 190. Mit menschlichen Maßstäben gemessen kann das auch gar nicht geleistet werden.

(8) Mit Blick auf die Praxis der Erwägungskonzeption in der Zeitschrift kann man also sagen, dass ein kampforientiertes Erwägen realisiert worden ist, bei dem es den Autoren darauf ankam, recht zu behalten. Klarerweise ist das eine Unterstellung von Motiven, die allein daran festgemacht werden kann, dass vertretene Positionen bestenfalls partiell zugunsten einer Alternative aufgegeben wurden. Die Eigentümlichkeit der Wissenschaft, im Sinne von Greshoff kampforientiert zu sein, war stets und ständig stärker als das Ideal einer alle Alternativen friedlich und leidenschaftslos erwägenden Gelehrtenrepublik.

(8.1) Die Kritik an dem von mir vorgeschlagenen Begriff eines kampforientierten Erwägungskonzeptes ignoriert, dass ich mich ausdrücklich dagegen gewandt habe, diese Orientierung auf die soziale Ebene zu beziehen. Einem Denken, das sich selber für unfähig erklärt, von der sozialen Dimension zu abstrahieren, muss dieser Begriff zwangsläufig entgleiten. Die Motive, die den Protagonisten eines kampforientierten Erwägungskonzeptes unterstellt werden, sind deshalb reine Fantastereien des Autors. Allerdings wäre zu prüfen, ob die Kampforientierung, die Greshoff thematisiert, in Teilen genau die vom Kritiker behaupteten Eigenschaften hat. Dann wäre die Polemik allerdings gegen die Praxis des Paderborner Erwägungskonzeptes gerichtet, und sie würde sich, angesichts eines gebetsmühlenartig vorgebrachten Bekenntnisses zu diesem Konzept, selbst widersprechen – nicht zum ersten Male.

(8.2) Mit dem Hinweis auf die Möglichkeit eines „kampforientierten Erwägungskonzeptes“ war beabsichtig, auf dem Hintergrund der disziplinären Eigentümlichkeiten der Ökonomik eine weitere Alternative aufzumachen, die meines Erachtens durchaus im Rahmen der Erwägungskonzeption liegt. Der entscheidende Punkt ist der, dass in der Ökonomik der Erwägungsprozess nicht in einem belanglosen Gegenüberstellen von Alternativen enden kann, sondern tatsächlich eine begründete Entscheidung für eine favorisierte Alternative angestrebt werden muss. Mit jenem Begriff ist also ein Ziel des Erwägens definiert worden, dass sich von dem (Teil-) Ziel „umfassende und detaillierte Darstellung aller möglichen Alternativen“ unterscheidet. Dieses weitergehende Ziel wird nicht immer erreichbar sein, wenn Probleme prinzipiell oder aufgrund des erreichten Forschungsstandes nicht entschieden werden können. Wenn aber Argumente vorliegen, die es erlauben, eine Alternative einer anderen vorzuziehen, so verpflichtet das kampforientierte Erwägen darauf, Farbe zu bekennen und diesen Schritt zu gehen.

(8.3) Auf der Grundlage dieses Papiers wäre eine differenziertere Betrachtung, Analyse und Bezeichnung der alternativen Erwägungskonzepte möglich. Dabei möchte ich nicht vorgreifen, welche Alternativen andere Protagonisten explizieren möchten. Aus meiner Sicht gibt es das in These (1) beschriebene Standard-Konzept des Erwägens, dem m. W. n. niemand widerspricht; von größerer Bedeutung ist jedoch die Praxis des Erwägens in der Zeitschrift: sie kann aus den genannten Gründen als „kampforientiertes Erwägen“ bezeichnet werden. Dagegen ist das in den Leipziger Erwägungsseminaren praktizierte Erwägen in Hinsicht auf die aufgefächerten Alternativen und ihre Detailliertheit von einer geringeren Komplexität (die Darstellung des Thesenkomplexes dagegen von höherer). Deshalb hielte ich jetzt eine Abgrenzung für erforderlich, die treffgenauer das hervorhebt, worauf es in der Ökonomik anzukommen scheint: entscheidungsorientiertes Erwägen. Klarerweise kann man das nicht erkennen, wenn man sich mehr für das soziale Umfeld der Ökonomik interessiert als für deren wissenschaftstheoretisch relevante Eigenart.

(9) Die Betonung, dass das Erwägen im Rahmen der Ökonomik entscheidungsorientiert sein sollte, ist überflüssig, wenn man wie Riel (2016) an die Spitze des Erwägungskonzeptes die (eine) „präferierte Position“ setzt, „die besser zu verantworten“ ist, „wenn man sie gegenüber anderen … zu begründen vermag.“ (S.4) Dabei handelt es sich allerdings nur um eine von mehreren Bedingungen, unter denen ökonomische Theorien sinnvoll erwogen werden können. Um dies anhand von zwei strukturellen Merkmalen zu belegen: Im Unterschied zu der Erwägungsvielfalt, die man in der Zeitschrift beobachten kann, wird man in der Ökonomik selten mehrere theoretische Alternativen zu einem Problem finden. Ein anderer Eindruck kann nur entstehen, wenn man von außen auf die Ökonomik blickt und dabei die Existenz mehrerer Schulen zu erkennen glaubt. Eine solche Betrachtungsweise wäre aber nicht problemorientiert. Ein ökonomisches Problem wäre beispielsweise: Welche Determinanten bestimmen den Konsum der privaten Haushalte? Hierbei gibt es erfreulicherweise mehrere Alternativen, die sich aber nur zum Teil ausschließen, zum anderen Teil lediglich ergänzen.

(9.1) Es kann nicht erwartet werden, dass die das Erwägungskonzept praktizierende Lehrkraft sich selbst Alternativen ausdenkt – eine Methode, die in Teilen der Sozialwissenschaft und in der Philosophie schon eher realisierbar ist. Im Fall der Ökonomik wäre diese Lehrkraft Kandidat eines Nobelpreises.

(10)Die zu erwägende Vielfalt wird in der Ökonomik vor allem dadurch eingeschränkt, dass es sich bei dieser Disziplin um eine empirische Wissenschaft nach dem Vorbild der Naturwissenschaften handelt. Theorien, die mit den Daten nicht übereinstimmen, werden (letztlich) auch dann ausgesondert, wenn sie dem Theoretiker und Studierenden höchst plausibel erscheinen. Falsifizierende Hypothesen sind zwar auch als vorläufig – und der Erwägungsprozess insofern als „offen“ – zu betrachten (selbstverständlich gilt das auch vom Standpunkt eines kritisch-rationalistischen Wissenschaftsverständnisses!), aber hierbei handelt es sich nicht im eigentlichen Wortsinn um Theorien, die man umfassend und detailliert studieren könnte und müsste.

(11) Sollte von einem Protagonisten eines der möglichen Erwägungskonzepte beabsichtigt sein, in der Ökonomik wie immer geartete Spuren zu hinterlassen, so wäre vor einer moralisierenden oder sich auf die soziale Dimension fokussierende Kritik an der Ökonomik zu warnen. Sowohl Empiriker als auch Theoretiker sind solche Kritiken gewohnt und reagieren darauf mit stoischer Gelassenheit. Insofern bezweifle ich, dass die globale Finanz- und Wirtschaftskrise 2007ff. zu einem Umdenken in der Ökonomik geführt hat. Ein „Umdenken“ wird erst einsetzen, wenn überzeugende Alternativen bereitgestellt werden, die die viel geschmähten Theorien der neo-klassischen Synthese durch andere mit höherer Erklärungskraft ersetzen können. Das Erwägen in der Ökonomik wird dadurch aber nicht leichter werden.

* Die Positionen in diesem Beitrag sind mit der anderen Vertreterin des Leipziger Erwägungskonzeptes, Friedrun Quaas, abgestimmt worden.

Verweise

Greshoff, Rainer (2001): Kampf- oder erwägungsorientierte Wissenschaft? In: Werner Loh (Hrsg.): Erwägungsorientierung in Philosophie und Sozialwissenschaften. Stuttgart, S.39-78.

Quaas, Georg (2015): Brief an die Forschungsredaktion. In EWE, 26. Jg., Heft 3.

Riel, Christian (2016): Vielfaltsbewusste Hochschullehre am Beispiel der Wirtschaftswissenschaften. Unveröffentlichtes Skript.

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