Marx und „Das Kapital“ heute

Gedanken zum 145. Jahrestag des Erscheinens des 1. Bandes
am 11. September 1867

Zu beobachten ist nach wie vor ein anhaltendes Interesse an Marx, das zwar gewissen konjunkturellen Schwankungen unterliegt, aber seit Erscheinen des 1. Bandes des „Kapitals“ nie völlig erloschen ist, nachdem die Startschwierigkeiten bei seiner Kenntnisnahme erst einmal überwunden waren. Momentan hat die jüngste Weltwirtschaftskrise ein Hoch der Marx-Rezeption provoziert, die für sich genommen aber keinesfalls ein Novum darstellt, sondern vielmehr zeigt, dass es inzwischen Generationen sind, die in der Marxschen Theorie etwas erkennen können, das ihnen Antworten auf gestellte und ungestellte Fragen zu geben vermag. Unter der vor einigen Jahren vom ZDF aufgestellten Rankingliste der berühmtesten Deutschen rangiert Karl Marx hinter Konrad Adenauer und Martin Luther auf Platz 3. So sahen ihn zumindest die 1,5 Millionen seinerzeit Befragten verortet.
Marx’ ökonomisch fundierte Gesellschaftsanalyse des Kapitalismus ist zu unterscheiden von bestimmten Schlussfolgerungen, die einige seiner Anhänger gezogen haben. Was Marx im „Kapital“ geleistet hat, ist keine Begründung des wissenschaftlichen Sozialismus oder gar Kommunismus, sondern, was er anstrebte und was ihm auch gelang, ist eine theoretisch fundierte Analyse der Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produktionsweise, die er in Auseinandersetzung mit der klassischen Politischen Ökonomie vornahm; nicht umsonst lautet der Untertitel seines Werkes „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“. Gegen bestimmte Vereinnahmungen kann er sich nicht mehr wehren; das konnte er übrigens auch zu Lebzeiten nicht. Jedenfalls verstehe ich seine durch Friedrich Engels in einem Brief an Conrad Schmidt kolportierte Äußerung „Tout ce que je sais, c’est que je ne suis pas Marxiste“ genau in diesem auf falsche Freunde gemünzten Sinne.
Die Auffassung von der immanenten Krisenbehaftetheit des kapitalistischen Systems teilt Marx übrigens mit vielen anderen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern, die vor und nach ihm diese Ansicht vertreten haben und vertreten, und die man wegen des eventuellen Anachronismus, aber auch sonst, kaum als marxistisch einordnen dürfte. Allein schon das Interesse an Aufklärung im Theoriendschungel wäre also ein hinreichender Grund, um die Marxsche Theorie als eine von vielen Alternativen im gegenwärtigen Krisenerklärungsspektrum einer erwägenden Analyse zu unterziehen. Ab ovo ist sie ja nicht weniger wahr und nicht weniger falsch als andere Ansätze auch. Welche Möglichkeiten bieten sich in einer solchen Situation? Marx hat uns im 4. Band des „Kapitals“, den von Kautsky herausgegebenen „Theorien über den Mehrwert“ (gegen Malthus) folgende Äußerung hinterlassen: „Einen Menschen aber, der die Wissenschaft einem nicht aus ihr selbst (wie irrtümlich sie immer sein mag), sondern von außen, ihr fremden, äußerlichen Interessen entlehnten Standpunkt zu akkommodieren sucht, nenne ich “gemein”.
Worum es Marx also unmissverständlich ging, war eine wissenschaftliche und schon deshalb kritische Theorie, nicht um eine Ideologie, die der wissenschaftlichen Kritik nicht zugänglich ist. Damit aber sind wir bei der Frage, ob seine eigene Theorie der Kritik standgehalten hat oder ob sie nicht doch zu verwerfen ist.
Um die von Marx im „Kapital“ entwickelte Theorie zu verstehen, kommt man nicht um ihren Kern herum, nämlich die arbeitswerttheoretische Fundierung. Ohne hier ins Detail zu gehen, sei festgestellt, dass nicht nur Marx’ krisentheoretische Argumente auf der Werttheorie basieren. Ihr unmittelbarer Ausfluss ist die Mehrwerttheorie, die in der verteilungstheoretischen Interpretation als Ausbeutungslehre rasch zum Stein des Anstoßes und damit zu einer normativ aufgeladenen Debatte geführt hat. Was lag also näher für die Gegner der Arbeitswerttheorie, als jene rasch ad absurdum führen zu wollen, um damit zugleich die ungeliebte Ausbeutungslehre loszuwerden.
Die wissenschaftliche Gegnerschaft basiert auf einem zur Arbeitswerttheorie alternativen Ansatz, nämlich der subjektiven Wertlehre, die bis heute die Grundlage der Mikroökonomik bildet. Einer ihrer frühen Vertreter, nämlich Eugen von Böhm-Bawerk, meinte bereits 1896, einen gravierenden logischen Mangel in der Marxschen Theorie festgestellt zu haben, nämlich einen Widerspruch zwischen der Werttheorie im Band 1 und der Preistheorie in Band 3 des „Kapitals“. Zu diesem Punkt muss man allerdings feststellen, dass sich gewisse Vorurteile hartnäckig halten. Wie man heute durch die umfangreich erforschte Geschichte des Transformationsproblems weiß, gibt es diesen von Böhm-Bawerk und seinen Anhängern behaupteten Widerspruch überhaupt nicht, so dass man eigentlich erwarten sollte, dass nur noch die Uninformierten diesem Fehlurteil aufsitzen. Bedauerlicherweise ist dem nicht so, denn auch in der akademischen Lehre wird mitunter immer noch verbreitet, die Marsche Theorie sei widerlegt. Dazu lassen sich jedoch weder logische Argumente anführen noch sind stichhaltige empirische Widerlegungen bekannt.
Im Grunde stehen wir heute also vor der gleichen Situation wie einst Schumpeter, der sich dieser allerdings dadurch entzog, dass er die Marxsche Theorie alt und begraben nannte und deshalb für unbrauchbar (nicht aber falsch) hielt.
Doch hier genau liegt der Punkt: Sind andere Theorien wirklich besser? Wie kann man ernsthaft eine (nicht falsifizierte) Theorie in den Orkus des Vergessens werfen wollen, solange man keine andere wirklich adäquate Erklärung für die ihr zugrunde liegenden Phänomene hat? Man muss kein Marxist sein, um diese einfache Frage aufzuwerfen, denn sie trifft natürlich analog auch für andere Theorien zu, z.B. die von Keynes, die von Hayek usw. usf.
Dies tangiert die sicher unkomfortable Situation, dass es innerhalb der Ökonomik die Supertheorie schlechthin nicht gibt und wahrscheinlich so schnell auch nicht geben wird. Was existiert, das ist ein heterogenes Bündel miteinander konkurrierender Theorien. Der gegenwärtig wiederholt ausgebrochene Methodenstreit ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass der neoklassische Mainstream zunehmend kritisch hinterfragt und nicht nur vereinzelt als unzureichend zurückgewiesen wird. Die nach wie vor vorhandene Dominanz in der etablierten Zunft und institutionalisierten Wissenschaft wirkt hier jedoch hemmend und verzögernd auf die allgemeine Wahrnehmung dieses Phänomens.
Doch die Tendenz eines Hineinrückens auch in die Hochschulen lässt sich nicht dauerhaft unterdrücken. Das zeigen z.B. solche Initiativen wie der Offene Brief des Netzwerkes Plurale Ökonomik an den Verein für Socialpolitik .auf seiner diesjährigen Tagung. Hinter den Initiatoren verbergen sich vor allem Studierende der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften von rund einem Dutzend Hochschulen, darunter Hochburgen des neoklassischen Mainstreams – die Leipziger sind übrigens nicht dabei, aber das ist eine andere Geschichte. Inhalt ist das Plädoyer für eine grundsätzliche Neugestaltung der Volkswirtschaftslehre. Zu den vernachlässigten, aber viel versprechenden Ansätzen zählen die Verfasser auch die Theorie von Marx. Generell werden solche Forderungen artikuliert wie Theorien- und Methodenvielfalt in Forschung und Lehre, Erweiterung des Curriculums um Lehrveranstaltungen zur Geschichte des ökonomischen Denken, Wissenschaftstheorie und interdisziplinäre Veranstaltungen, Integration pluraler Lehrbücher in das Studium, Abkehr von Thomson Reuters Impact Factor als alleinigem Maßstab für gute Forschung und Besetzung von mindestens 20% der Lehrstühle mit heterodoxen Ökonomen.
Was indes bleibt vom Marxschen „Kapital“? Aus (nicht nur) theoriehistorischer Sicht ein imposantes Oeuvre eines zweifellos großen Theoretikers, das Denkanstöße für die heutige Ökonomie dadurch vermittelt, dass es brisante Fragen aufgeworfen und zu beantworten versucht hat. Unstrittig ist Marx zudem Vorläufer moderner Theorien, beispielsweise der Evolutorischen Ökonomik oder der wirtschaftlichen Kreislauftheorie. Aus wissenschaftstheoretischer Perspektive sind es besonders die kritische Denk- und Arbeitsweise, die Marx meisterlich als Einheit von logischer und historischer Methode zu praktizifieren verstand sowie sein Wissenschaftsbegriff mit der Orientierung an Wahrheit und nicht an Glauben, die sein ökonomisches Hauptwerk auch weiterhin lesenswert machen.

15 Gedanken zu “Marx und „Das Kapital“ heute

  1. Hallo Aktive der „Wissenschaftlichen Freiheit“,

    mit der Arbeitswerttheorie befasse ich mich, mit Unterbrechungen, seit 1980.
    Die Arbeitswerttheorie nach Marx ist prinzipiell die richtige Werttheorie.
    Doch wenn der Wert genau in der Art gesehen wird, wie Marx ihn beschreibt, dann funktioniert sie nicht. Wert kann nicht in Objekten vergegenständlicht werden. Wert ist ein gesellschaftliches Verhältnis. Ein gesellschaftliches Verhältnis kann nur etabliert werden zwischen Menschen und wirkt nur zwischen Menschen. Die Waren (der Begriff wird bei Marx etwas zu eng gefasst, aber ich bleibe hier bei dem) sind nur die Bezugspunkte des Wertes.
    Ein anderes Problem bei der engen Interpretation der Marx’schen Arbeitswerttheorie ist die Nützlichkeit. Marx abstrahiert von der Nützlichkeit so, dass diese verschwindet. Doch so kann man das nur (vereinfacht) sehen, wenn von einer vollständigen Übereinstimmung zwischen Angebot und Nachfrage ausgegangen wird. Dann steckt die Nützlichkeit „automatisch“ in allen Waren.
    Die Nicht-Vergegenständlichung und die Nützlichkeit der Waren sind wesentliche Elemente eines Wertverhältnisses. Das Prinzip der Ausbeutung konnte Marx auch ohne diese beiden Merkmale erklären. Das war ihm das Wichtigste, denke ich. Aus meiner Sicht müssen aber in der heutigen Zeit diese beiden Eigenschaften in die Betrachtung der Wertverhältnisse unbedingt einbezogen werden.

    Ergänzung: An einer Diskussion zur Werttheorie bin ich sehr interessiert. Bei Interesse könnte ich Ihnen eine Art „Flyer“ zu meinen Auffassungen über die Arbeitswerttheorie zusenden, ebenso meine vollständig Arbeit.

    Mit freundlichem Gruß – Rainer Lippert

  2. Sehr geehrter Herr Lippert,
    ich finde es merkwürdig, dass Sie nach über 30 Jahren Studium des ‚Kapital‘ nicht bemerkt haben, dass dem Wert ein hinter dem Rücken der Produzenten verstecktes gesellschaftliches Verhältnis zugrunde liegt, das an Dinge (Waren) gebunden ist und (bei entwickelter Warenproduktion) als ein Ding (Geld) erscheint.
    Sie geben selbst zu, dass Sie mit Marx‘ originärem Wertbegriff nichts anzufangen wissen. Vielleicht gelingt es Ihnen ja, so wie es anderen auch gelungen ist, zum Beispiel Herrn Heinrich, der mit dem Wertbegriff ebenfalls nicht zurecht kommt, ein paar Anhänger hinter sich zu scharen. Ich gehöre definitiv nicht dazu.
    Ihre Äußerungen zum Gebrauchswert bestätigt mir das oben Gesagte. Ich weiß echt nicht, ob Sie das „Kapital“ überhaupt gelesen haben. Der Gebrauchswert wird wie der Wertbegriff auf jeder Stufe der theoretischen Entwicklung aufgerufen und neu konkretisiert.
    Verzeihen Sie meine offenen Worte. Aber die Zeit ist zu kostbar, um lange herum zu reden.
    Mit freundlichen Grüßen
    Georg Quaas

  3. Sehr geehrter Herr Quaas,

    in der Tat sehe ich den Wertbegriff anders. Dem Wert kann aus meiner Sicht kein hinter dem „Rücken der Produzenten verstecktes gesellschaftliches Verhältnis“ zugrunde liegen. Der Wert ist selber das gesellschaftliche Verhältnis. Mit Ihrer Beschreibung würde es „hinter dem Rücken der Produzenten“ ein verstecktes gesellschaftliches Verhältnis geben und vor dem Rücken den Wert.
    Das Problem bei der konventionellen Interpretation des Wertbegriffes ist, dass der Wert als vergegenständlicht gesehen wird. Er kann aber nicht vergegenständlicht werden, da er damit aus dem gesellschaftlichen Bereich entfernt würde. Der Wert wirkt zwischen den Tauschpartnern und nur dort. Gegenstände, Aktivitäten usw. können nur die Bezugspunkte eines gesellschaftlichen Wertverhältnisses sein.
    Ein Wert kann nicht als Singularität existieren. Ein Wert braucht immer ein gegenüber – das sagt Marx so. Ein singulärer Wert (und ein vergegenständlichter Wert wäre ein singulärer) wäre ein ideeller Wert und kein gesellschaftliches Verhältnis.
    (Quellenangaben habe ich in meiner ausführlicheren Arbeit zum Wertbegriff.
    Bei Interesse könnte ich Ihnen eine Kurzform oder die gesamte Arbeit schicken.)

    Mit freundlichen Grüßen
    Rainer Lippert

  4. Sehr geehrter Herr Lippert,

    ja, mit meiner „Beschreibung würde es ‚hinter dem Rücken der Produzenten‘ ein verstecktes gesellschaftliches Verhältnis geben“ – das ist die den Produzenten unbekannte gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit – „und vor dem Rücken den Wert“, den die Teilnehmer am Markt allerdings auch nur kennen, wenn der Wert als Tauschwert oder Preis erscheint. Der Wert ist kein gesellschaftliches Verhältnis, sondern eine gesellschaftliche Eigenschaft der Ware. Marx lässt daran nicht den geringsten Zweifel. Der Wert selbst wird nicht vergegenständlicht, sondern die (gesellschaftlich notwendige) Arbeit. Das Resultat der Vergegenständlichung ist eben der Wert. Weshalb sollte er damit aus dem gesellschaftlichen Bereich entfernt worden sein? Ja, der Wert WIRKT zwischen den Tauschpartnern und nur dort. Na und? Was hat das mit dem Prozess zu tun, der den Wert erzeugt? – Mit dem letzten Absatz kann ich nichts anfangen.

    Wenn Ihre Arbeit zur Werttheorie, die Sie mir zusenden wollen, publiziert worden wäre und eine gewisse Anhängerschaft gefunden hätte, müsste ich sie lesen und ich wäre Ihnen für die Zusendung dankbar. So aber muss ich feststellen, dass Sie meine seit 1983 publizierten Arbeiten auch nicht kennen. Meine (zeitersparende) Regel ist, dass ich nur noch auf sachkundige Kritiken an meinen Arbeiten antworte. (Mit den Antworten hier habe ich die Regel schon gebrochen…)

    Mit freundlichen Grüßen
    Georg Quaas

  5. Sehr geehrter Herr Dr. Quaas,

    die gesellschaftlich notwendige Arbeit kann gar nicht vergegenständlicht werden. Denn notwendig ist die Arbeit nicht von vornherein. Erst auf dem Markt wird die Nützlichkeit gezeigt.
    Karl Marx: Das Kapital, Bd.1, S.55: „… Endlich kann kein Ding Wert sein, ohne Gebrauchsgegenstand zu sein. Ist es nutzlos, so ist auch die in ihm enthaltene Arbeit nutzlos, zählt nicht als Arbeit und bildet daher keinen Wert.“

    Diese Nützlichkeit ist keine absolute Nützlichkeit. Für den Markt ist eine relative Nützlichkeit wichtig, relativ zu anderen Waren, die dem ökonomischen Tausch unterworfen sind.
    Zur Zeit der Produktion wird nicht festgelegt, ob die Ware verkauft wird. Demzufolge kann die Arbeit bei der Produktion nicht direkt wertbildend sein: Werden z.B. 10.000 TV-Geräte hergestellt, 9.000 davon verkauft und 1.000 nicht, dann wird niemand den Wert oder die notwendige Arbeit aus den nicht verkauften TV-Geräten wieder ausbauen noch auf andere Art deaktivieren. Wert war in diesen Fällen von vornherein nicht gegeben, die Arbeit dazu war nicht nützlich, folglich nicht wertbildend, demzufolge auch nicht notwendig. Wert war auch bei den anderen 9.000 TV-Geräten nicht von vornherein gegeben. Verknüpft waren damit Ansprüche der Herstellerseite auf Wertäquivalente. Aber eben nur Ansprüche, die bei Verkauf erfüllt werden, bei Nicht-Verkauf nicht erfüllt werden.
    Der Wert ist ein gesellschaftliches Verhältnis, das zwischen Menschen wirkt.

    F. Engels: Karl Marx, „Zur Kritik der politischen Ökonomie“, Zweites Heft: „Die Ökonomie handelt nicht von Dingen, sondern von Verhältnissen zwischen Personen und in letzter Instanz zwischen Klassen; diese Verhältnisse sind aber stets an Dinge gebunden und erscheinen als Dinge.“

    Das, was die Menschen über Wertbeziehungen tauschen, sind die Bezugspunkte der Wertbeziehungen. Den Wert gibt es nur(!) auf der gesellschaftlichen Ebene. Mit dem Wert verhält es sich wie mit dem Eigentum. Eigentum ist auch eine gesellschaftliche Größe. Auch Eigentum kann nicht in Gegenstände eingebaut werden, weil es, wie der Wert, nicht auf der stofflichen Ebene als Eigentum existieren kann. Außerhalb der Gesellschaft, und damit unabhängig von den Menschen, gibt es weder Eigentum noch Wert.
    Wert und Eigentum hängen eng zusammen. Wert macht nur Sinn in Verbindung mit Eigentum und umgekehrt. Waren aus dem Eigentum können verkauft werden. Verkaufen ist ein Prozess, der ebenfalls auf der gesellschaftlichen Ebene abläuft. Aus Sicht der Natur ist das maximal eine Ortsveränderung von Dingen.
    Dinge aus dem Eigentum werden nicht irgendwie verkauft. Der ökonomische Tausch ist ein Tausch auf Wertäquivalenzbasis. Es können gegenständliche Objekte aus dem Eigentum wertäquivalent getauscht werden, aber auch Ideen, Musikaufführungen etc. Der Wert ist dabei nicht in den Tauschobjekten vergegenständlicht und auch nicht das Resultat von Vergegenständlichungen in Form von Wert. Wert wird nur unter bestimmten Bedingungen mit Waren verknüpft, genau wie das Eigentum nur mit bestimmten Gütern unter bestimmten Bedingungen verknüpft, aber nicht in irgendetwas eingebaut ist. Deswegen gibt es auch keine Notwendigkeit zur Vergegenständlichung beim Wert. Was aber in Fällen von Vergegenständlichung vergegenständlicht wird, sind potenzielle Bezugspunkte für den Wert, d.h. für Wertverhältnisse zwischen Menschen. Solche Bezugspunkte müssen aber nicht Ergebnisse von vergegenständlichender Arbeit sein.
    Erst auf dem Markt gehen die Menschen Wertbeziehungen ein, bilden gesellschaftliche Verhältnisse vom Typ Wert heraus. Über Verhandlungen werden Wertgrößen bestimmt – basierend auf den Ansprüchen der Verkäuferseite, darüber oder darunter liegend, oder die entsprechende potenzielle Ware wird klassifiziert mit „hat keinen Wert“ (genauer: Es wird kein Wertverhältnis bezüglich dieser Ware aufgebaut und damit wird dieser Ware kein ökonomisch relevanter Wert zugeordnet).
    Wert kann keine Singularität sein. Deswegen kann der Wert auch keine Eigenschaft der Ware sein, egal ob gesellschaftlich oder nicht – es existiert kein „Gegenüber“ in der Ware.
    Sekundärliteratur: Wikipedia, Werttheorie, Arbeitswerttheorie, Karl Marx; Karl Marx MEGA II/6, 31 – Demgemäß beschreibt Marx die Wertgegenständlichkeit der Waren als „phantasmagorische Form“ (Das Kapital, MEW 23,86) oder bloß „gespenstige Gegenständlichkeit“ (a.a.O. S. 52). Das erwähnte Verhältnis ist das Verhältnis einer Ware zu einer anderen Ware, mit der sie ausgetauscht wird, bzw. allgemein gesprochen das Verhältnis einer Ware zu einer bestimmten Menge Geld, gegen das sie getauscht wird. Der Wert wird erst im Austausch der Waren konstituiert.
    Sekundärliteratur: Wikipedia, Werttheorie, Arbeitswerttheorie, Karl Marx; Karl Marx MEGA II/6: „Ein Arbeitsprodukt, für sich isoliert betrachtet, ist also nicht Werth, so wenig wie es Waare ist. Es wird nur Werth, in seiner Einheit mit andrem Arbeitsprodukt, oder in dem Verhältniß, worin die verschiedenen Arbeitsprodukte, als Krystalle derselben Einheit, der menschlichen Arbeit, einander gleichgesetzt sind.“

    Vor der Herstellung der Wertbeziehungen gibt es auf der Verkäuferseite nur potenzielle Waren, denen potenzielle Wertgrößen in Form von Ansprüchen zugeordnet werden.
    Auf der Käuferseite haben die Arbeitskräfte mit dem Verkauf ihrer Arbeitskraft Anrechte auf einen prozentualen Anteil an allen ökonomisch zu verteilenden Waren erworben, praktisch immer in Form von Geld. Der genaue Umfang der „Werte“ steht zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht fest (auch deswegen könnten sie keinen festen Wert vergegenständlichen oder einen solchen fest zuordnen).
    Marx ist völlig aktuell, nur sollte er nicht mechanistisch interpretiert werden.

    Mit freundlichen Grüßen
    Rainer Lippert

  6. Sehr geehrter Herr Lippert,

    viele Worte, wenig Belege. Genauer gesagt: Sie haben nicht einen einzigen Beleg aus Originalquellen angeführt, der Ihre Interpretation stützt. Sie stimmt allerdings in wesentlichen Punkten mit dem Wikipedia-Artikel überein, den ich für eine werttheoretische Katastrophe halte. Ich habe auch versucht, dort korrigierend einzugreifen, aber da hat man keine Chance gegenüber den Platzhirschen.

    Lustig finde ich die Wendung, dass die (gesellschaftlich notwendige) Arbeit – Ihrer Meinung nach – nicht in die Waren „eingebaut“ wird. Die Vergegenständlichung von Arbeit stellen Sie sich so vor wie das Einbauen eines Moduls in den TV-Apparat? Da verwechseln Sie die physischen Eigenschaften einer Ware mit den gesellschaftlichen!

    Nun können Sie argumentieren, dass ich auch keinen Beleg geliefert habe. Das trifft aber nur für diese Diskussion zu. Ansonsten habe ich meine Interpretation in zahlreichen Publikationen ziemlich dicht belegt. Da die aber im Osten erschienen sind, hat sie natürlich niemand im Westen zur Kenntnis genommen. Das werde ich noch in diesem Jahr abstellen, also haben Sie ein bisschen Geduld, wenn Sie ebenfalls Belege fordern möchten.

    Ich rechne allerdings damit, dass man das Ignorieren vorziehen wird. Warum soll es unter den Linken anders sein als unter Mainstream-Ökonomen? Die Sozialisierung ist die Gleiche.

    Im Übrigen interessiert mich Marx‘ Werttheorie nur aus dogmenhistorischer Sicht. Es gibt eine Reihe von Darstellungen, die aber die Komplexität dieser Theorie nicht annähernd erfassen. Und Leuten wie Backhaus, Heinrich etc. und auch Ihnen geht es doch nur darum, die eigene Interpretation bestätigt zu finden, die dann auch noch mit Argumenten gestützt wird, die von ganz anderen Schulen stammen – zum Beispiel, was Sie zur Nützlichkeit sagen. Im ökonomischen Mainstream merkt man langsam, dass die Nutzentheorie problematisch ist, aber die Marxinterpreten haben sie jetzt für sich entdeckt – und unterstellen sie einem völlig anderen Ansatz. Armer Marx, kann ich da nur sagen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Georg Quaas

  7. Sehr geehrter Herr Dr. Quaas,

    wie soll ich für neue Gedanken Belege angeben, wenn es dafür keine gibt?
    Und was nützen Quellenangaben von zig Autoren, wenn die sich alle auf die gleichen Grundsätze berufen, welche ich aber als nicht richtig oder als ungenau ansehe?
    Es geht mir nicht darum, Vorhandenes zu zitieren, sondern hauptsächlich darum, die immer wieder ausführlich wiederholten Zitate zu hinterfragen. Aussagen, die ich richtig finde und die mir für meine Anschauungen wichtig erscheinen, gebe ich an.
    Lassen Sie mich das an einem Beispiel verdeutlichen:
    ———-
    Im Kapital, Bd.I, S.52, schreibt Marx:
    „… Abstrahieren wir von seinem Gebrauchswert, so abstrahieren wir auch von den körperlichen Bestandteilen und Formen, die es zum Gebrauchswert machen. Es ist nicht länger Tisch oder Haus oder Garn oder sonst ein nützlich Ding. Alle seine sinnlichen Beschaffenheiten sind ausgelöscht. Es ist auch nicht länger das Produkt der Tischlerarbeit oder der Bauarbeit oder der Spinnarbeit oder sonst einer bestimmten produktiven Arbeit.
    Mit dem nützlichen Charakter der Arbeitsprodukte verschwindet der nützliche Charakter der in ihnen dargestellten Arbeiten, sie unterscheiden sich nicht länger, sondern sind allzusamt reduziert auf gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit.
    Betrachten wir nun das Residuum der Arbeitsprodukte. Es ist nichts weiter von ihnen übriggeblieben als dieselbe gespenstige Gegenständlichkeit, eine bloße Gallerte unterschiedsloser menschlicher Arbeit, d.h. der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ohne Rücksicht auf die Form ihrer Verausgabung. Diese Dinge stellen nur noch dar, dass in ihrer Produktion menschliche Arbeitskraft verausgabt, menschliche Arbeit aufgehäuft ist. Als Kristalle dieser in ihnen gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Substanz sind sie Werte – Warenwerte.“
    ———-
    An diesem Zitat ist ein großer Teil akzeptabel. Doch wenn Marx schreibt „Mit dem nützlichen Charakter der Arbeitsprodukte verschwindet der nützliche Charakter der in ihnen dargestellten Arbeiten …“, dann muss hier, aus meiner Sicht, ergänzt werden „… Mit dem nützlichen Charakter der Arbeitsprodukte verschwindet auch der Wert.“
    Denn Wert entsteht, nach Marx, nur mit gesellschaftlich nützlicher Arbeit. Und die hier gemeinte Nützlichkeit muss eine im ökonomischen Sinne sein, d.h. für die betreffende Ware muss, damit sie ins Eigentum überführt werden kann, ein Wertäquivalent geboten werden. Alle anderen Nützlichkeiten sind im ökonomischen Bereich ideelle Nützlichkeiten.

    Warum sollte ich Autoren zitieren, welche diese Marx’sche Aussage 1:1 übernehmen? Auch wenn diese Aussage unzählige Male genutzt wird, um daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, werden diese dadurch nicht richtiger.

    Für Marx war die Erklärung des Wertes nicht das Hauptziel. Er wollte die kapitalistische Ausbeutung erklären. Dafür reicht das Herangehen wie oben beschrieben, denn in der „Warenwelt“ war die obige Aussage von Marx in grober Näherung hinreichend, wenn man von einer umfassenden Übereinstimmung von Angebot und Nachfrage ausgeht.
    Zu einem Problem wurde ein solches Herangehen, als diese Aussage in der DDR zur Basis der „planmäßigen Bereitstellung von Konsumgütern (und anderen Waren)“ genutzt wurde, weil Werte eben nicht in dieser Art geschaffen werden können. Die Nützlichkeit muss einbezogen werden in den Wert. Mein Ziel war in der DDR in den 80er Jahren, die Notwendigkeit der Marktbeachtung und Marktnutzung zu begründen. Dazu konnte ich etliche Diskussionen führen, u.a. an der Karl-Marx-Uni Leipzig.

    Mit freundlichen Grüßen
    Rainer Lippert

  8. Sehr geehrter Herr Lippert,

    jetzt verstehe ich Ihr Anliegen: Sie haben ein Erkenntnisinteresse an der realen Marktwirtschaft. Diesem Gegenstand nähern Sie sich über Marx. Ein ähnliches Vorgehen hat Wolfgang Fritz Haug in seinen Vorlesungen „Wir lesen das ‚Kapital'“ praktiziert, allerdings ohne dabei grundlegende Aussagen revidieren zu müssen. Bitte beachten Sie, dass ich den längeren Weg gewählt habe. Mir kommt es (i) darauf an, Marx‘ Theorie umfassend und adäquat zu verstehen – egal, ob einzelne Aussagen realistisch sind oder nicht. Dem Gegenstand „kapitalistische Marktwirtschaft“ nähere ich mich (ii) über die moderne Ökonomik. Wenn Sie heute mit Marx argumentieren, finden Sie in der breiten Öffentlichkeit kein Gehör. Nebenbei bemerkt: Selbst die Chinesen haben die moderne Makroökonomik genau studiert. (iii) Wenn man dann noch Muße hat, kann man versuchen (i) mit (ii) zu verbinden. Da findet man mehr Schnittstellen, als der 08-15-Volkswirt vermutet.

    Eine partielle Kritik an einzelnen Passagen des „Kapital“, wie Sie sie vorgeführt haben, hilft mir bei keinem meiner partielle Ziele (i)-(iii) weiter. Ich sehe auch nicht, wie ich Ihnen helfen kann. Ich müsste Sie ständig darauf hinweisen, wo Sie – aus meiner Sicht – ein Verständnisproblem haben. Sie würden denken, dass ich Marx dogmatisch rechtfertigen möchte, und mit Argumenten replizieren, die sie „der Realität“ entnehmen – genauer gesagt: den Vorstellungen, die in anderen ökonomischen Schulen präziser ausgearbeitet wurden. Da kann man sich ewig streiten.

    Ich habe in den 80er Jahren meine Auffassungen u.a. in der „Wirtschaftswissenschaft“ dargelegt. Wenn Sie so wie beschrieben aktiv waren, müssten Sie diese eigentlich kennen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Georg Quaas

  9. Sehr geehrter Herr Dr. Quaas,

    mir geht es nicht mehr darum, die Bedeutung des Marktes herauszuarbeiten. Das erschien mir in der DDR extrem notwendig. Jetzt geht es mir um die Werttheorie. Und diese ist ohnehin kein Thema für die „breite Öffentlichkeit“. Die Diskussion zur Werttheorie ist noch nicht abgeschlossen.
    Mein letzter Kommentar war sehr lang. Deswegen an dieser Stelle meine Antwort zu Ihrer Anmerkung zur „Vergegenständlichung“.
    Es ist ganz egal, ob bei einer Herangehensweise wie der Ihren der Wert als eingebaut in die Ware oder als fest zugeordnet zur Ware gesehen wird. Er kann nach der Produktion weder mit der Ware verbunden noch darin eingebaut sein. Die Ware ist nach der Produktion nur eine potenzielle Ware. Erst im Tausch wird der Wert konstituiert (siehe Zitat oben). Warum das so ist und wie es dazu kommt, das beschreibe ich in meiner Arbeit.

    Den Artikel „Marx und ‚Das Kapital`heute“ fand ich über eine Suchmaschine beim Suchen nach der Arbeitswerttheorie. Und da eine Kommentarmöglichkeit gegeben ist, konnte ich die nicht ungenutzt lassen. Ich versuche immer wieder, meine Argumentation zu prüfen. Dazu vielen Dank!

    Mit freundlichen Grüßen
    Rainer Lippert

  10. Historisch gesehen würde ich zustimmen, dass ein Gebrauchswert erst dann zur Ware wird, wenn er getauscht werden soll. In einer etwas mehr entwickelten Warenproduktion wird von vornherein für den Markt produziert. Gebrauchswerte, die hergestellt, gelagert, gepflegt werden, um verkauft zu werden, sind Waren, auch wenn der Akt des Tausches oder Verkaufes erst später erfolgt. Siehe dazu W. F. Haug in seinen Vorlesungen die Kategorie „Bestimmung“.

    Dass Gebrauchswerte, die getauscht bzw. verkauft werden sollen, bei einem bestimmten Stand der PK eine bestimmte Menge Arbeit gekostet haben, ist eine Tatsache. Wird die Ware zerstört, bleibt jene Tatsache bestehen, spielt aber im Tauschhandel keine Rolle mehr. Der Wert berücksichtigt beide Sachverhalte. Als gesellschaftliche Eigenschaft der Ware geht er mit ihrer physischen Existenz unter. Wird die Ware getauscht, so verliert der Händler dann nichts, wenn er durch den Tausch den Wert seiner Ware erhalten kann. Dass es dem Händler nur auf den anderen Gebrauchswert ankommt, ist eine Mär. Prototyp eines solchen Verhaltens ist Hans im Glück.

    Man könnte auch sagen: Hans im Glück ist ein Händler, der den Wert seiner Waren ständig unterschätzt. Am Ende ist er pleite.

    Noch schlechter ist ein Händler dran, der die Existenz von Werten als Eigenschaft der Waren nicht anerkennt. Man wird ihn sinnvoller Weise gar nicht erst zum Markt schicken. Was soll man aber von einem Theoretiker halten, der die Existenz von Werten als vergegenständlichte gesellschaftlich notwendige Arbeit nicht anerkennt? Ist er ein Illusionist? Ein Idealist? Ein Realitätsverweigerer? Zumindest ist er kein Werttheoretiker.

  11. Ein Theoretiker, der die Existenz von Werten als vergegenständlichte gesellschaftlich notwendige Arbeit nicht anerkennt, ist mehr ein Realist, wenn mit dieser vergegenständlichten Arbeit der Zustand vor dem Verkauf gemeint ist. Andernfalls wäre es möglich, dass eine Firma teure Arbeitskräfte zusammenzieht, diese etwas Teures bauen lässt und sie dann davon ausgehen kann, dass sie damit „automatisch“ einen „großen Wert“ geschaffen hätte. Solch ein „Wert“ wäre zunächst ein ideeller Wert, denn der hätte nicht zwangsweise ein „Gegenüber“. Für solch einen „Wert“ gäbe es aus diesem Grund auch gar keine Triebkraft zur Herausbildung.

    Mehr realistisch ist es, dass die Produzenten ihre Ansprüche mit der zunächst potenziellen Ware verknüpfen, sie aber nicht in dieser vergegenständlichen. Vielmehr vergegenständlichen die Produzenten mit ihrer Arbeit die Grundlagen bzw. einen potenziellen Bezugspunkt für ein gesellschaftliches Verhältnis Wert in ihrer Ware. Solch ein Bezugspunkt ist die Begründung für die mit der potenziellen Ware verknüpften Ansprüche.

    Damit die Ware auf dem Markt verkauft werden kann, muss ein gesellschaftliches Verhältnis Wert zwischen Käufer und Verkäufer aufgebaut werden. Der (zunächst potenzielle) Käufer betrachtet die mit der Ware verknüpften Ansprüche der Produzenten (Werte der Arbeitskräfte im umfassenden Sinne + Mehrwert) und er wird dann versuchen, diese herunterzuschrauben. Sollten sich beide Seiten des im Aufbau befindlichen Wertverhältnisses einigen, wird das Wertverhältnis realisiert und darüber werden Ware und Gegenleistung (meist Geld) ausgetauscht. Der Wert wird im Austausch realisiert und die Wertgröße entspricht der ausgehandelten. Alle davon abweichenden Wertvorstellungen auf der Käufer- und der Verkäuferseite können als „ideelle Wertvorstellungen“ bezeichnet werden, denn sie haben weder Relevanz für die Ökonomie noch haben sie die für einen Wert notwendig gegenübergestellte Gegenleistung. Da keine Ansprüche auf einer der Seiten zurückbleiben, kann auch aus diesem Grunde von einem wertäquivalenten Tausch gesprochen werden. Wird die Ware gar nicht verkauft, war all die schöne teure Arbeit umsonst, gesellschaftlich nicht notwendig und damit nicht wertbildend. Ein Idealist könnte durchaus einen Wert in dieser Ware sehen, ein Realist eher nicht.

  12. Absatz 1 enthält ein modernisiertes Beispiel des Problems „je fauler der Arbeiter, umso wertvoller sein Produkt.“ Marx löst es mit Hilfe des Begriffs der „gesellschaftlich notwendigen Arbeit“. Was Sie beschreiben, wäre nur dann möglich, wenn der Produzent jenes teuren Bauwerks ein Monopolist wäre.

    Absatz 2: Der Anspruch des Warenbesitzers ist nur der subjektive Ausdruck der Tatsache, dass die Produktion der Ware Arbeit erfordert und diese im Tausch nicht verschenkt werden soll.

    Absatz 3: Das soziale Verhältnis zwischen Verkäufer und Käufer entsteht durch den Tausch. Die Verhältnisse in diesem Prozess werden durch die Wertformen beschrieben, die den Tauschwert der Waren ausdrücken. Der Tauschwert ist das Verhältnis der Werte der beiden Waren und dieser bezieht sich auf die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zur Produktion der jeweiligen Ware. Sollte es einem Warenbesitzer nicht gelingen, im Warentausch mindestens gleichwertige Waren einzutauschen, geht die von ihm repräsentierte produktive Gemeinschaft pleite.

    Wenn man annimmt, dass das Wertverhältnis erst auf dem Markt entsteht, ignoriert man die Determination des Werts durch die Produktion. Man kann dann eine Reihe von werttheoretischen Thesen nicht mehr erklären, zum Beispiel, dass der Wert einer Ware mit steigender Produktivkraft der Arbeit fällt. Dies hat nichts mit irgendwelcher Anerkennung auf dem Markt oder irgendwelchen Ansprüchen der Warenbesitzer zu tun. Sie verwechseln so wie Heinrich & Co. den von der Produktion abhängigen Wert mit dem gesellschaftlich anerkannten Wert auf dem Markt, der sich im Preis der Ware (bzw. im Tauschwert) niederschlägt.

  13. Absatz 1: Je fauler der Arbeiter, desto weniger wird er je Zeiteinheit bewerkstelligen, um so länger muss er mehr arbeiten als ein fleißiger Arbeiter und damit würde entsprechend sein Anspruch, den er mit der Ware verknüpfen muss, höher sein (bei gleichem Lohn). Sollte seine Ware verkauft werden, hätte er Glück. Das kann durchaus passieren. Doch im Durchschnitt werden faule Arbeiter ihre Waren nicht absetzen können, so dass sie im Endergebnis nix haben. Damit wären deren Aktivitäten nicht gesellschaftlich notwendig.
    Oder die Faulen müssen ihre Ansprüche auf Gegenleistungen herunterschrauben. Beide Lösungswege dürften in der Praxis realisiert werden.
    Ein durchschnittlicher Wert wird ohnehin aus all den vielen Einzelwerten ermittelt. Der ist nirgends gegeben, um in irgendwelchen Waren vergegenständlicht oder mit diesen fest verknüpft zu werden.

    Absatz 2: Wie viel Arbeit die Produktion der Ware erfordert, bestimmt die Höhe der Ansprüche der Produzenten. Aber ob sie damit etwas Sinnvolles hergestellt haben, ist damit noch lange nicht gesagt. Selbst wenn sie etwas wirklich sehr Bedeutendes geschöpft hätten mit ihrer Arbeit, aber keiner erkennt es als solches (evtl. durch zu wenige Werbung), dann wäre die Arbeit umsonst gewesen.
    Der Anspruch hat subjektive Grundlagen, wird aber objektiv durch den Preis dargestellt. Die Realisierung der Ware im Tausch wiederum muss aber in jedem Fall von objektiver „Natur“ sein.

    Absatz 3: Genauso sehe ich das auch: Das soziale Verhältnis wischen Käufer und Verkäufer entsteht durch Tausch. Das genau ist das Wertverhältnis. Davor gibt es nur eine potenzielle Ware und eine potenzielle Gegenleistung. Der Tauschwert ist der eigentliche Wert. Der widerspiegelt Anspruch und Gegenleistung. Dabei kann die im Wertverhältnis ausgehandelte Wertgröße identisch sein mit der Wertgröße, die der Verkäufer veranschlagt hat. Die kann darüber oder darunter liegen und es kann auch zu keinem Tausch kommen. Liegt die ausgehandelte Wertgröße unter der ursprünglich veranschlagten, dann wird damit der Umfang der Existenzmittel der Verkäuferseite entsprechend gekürzt. Damit wird die zur Bereitstellung der Ware notwendige Arbeit als geringer eingestuft, als von der Verkäuferseite ursprünglich gewünscht. Die Verkäuferseite muss damit auch auf Dauer nicht pleite gehen. Nur kann sie nicht den ursprünglich gewünschten Umfang an Existenzmitteln erwirtschaften – sie muss auf kleinerem Fuße leben. Sollten aber die notwendigen Kosten damit nicht abgedeckt werden, dann muss die Verkäuferseite sich etwas einfallen lassen oder ihr bleibt die Pleite nicht erspart.

    Wenn man das Wertverhältnis als erst auf dem Markt entstehend sieht, ignoriert man keinesfalls die Determination des Wertes durch die Produktion. Diese Determination ist durch den mit der Ware verknüpften Anspruch auf Gegenleistung gegeben. Doch damit ist keinesfalls gesagt, dass dieser Anspruch auch anerkannt wird. Das ist auch bei Marx so: Ist die Arbeit nicht nützlich, bildet sie keinen Wert. D.h. allein aus der aufgewandten Arbeit kann nicht direkt auf den Wert geschlossen werden. Das, was durch die Arbeit in der Ware vergegenständlicht wird, ist der Bezugspunkt des Wertverhältnisses. Ob der damit verbundene Anspruch in voller Höhe eingelöst wird, zu einer niedrigeren Wertgröße oder gar nicht, kann nicht aus der Arbeit direkt abgeleitet werden. Die Arbeit bildet nur die Grundlage des Wertverhältnisses, nicht die zwangsweise Verwirklichung eines solchen und die bestimmt auch nicht, im Fall der Verwirklichung, mit welcher Wertgröße das gesellschaftliche Verhältnis Wert etabliert wird. Sicherlich werden die möglichen Grenzwerte im Positiven wie auch im Negativen im Allgemeinen nicht sehr stark abweichen können von den Ausgangsvorstellungen der Verkäuferseite.
    Selbstverständlich lässt sich auf diesem Wege auch erklären, dass der Wert einer Ware mit steigender Produktivität fällt. Bei gleichem Einsatz von Ressourcen und der Annahme gleicher Entlohnung und gleicher Zahl der Arbeitskräfte können die gleichen Ansprüche auf Gegenleistung auf mehr Waren verteilt werden, d.h. der Anspruch pro Ware könnte geringer werden.
    Mit solch einem Ansatz zur Werttheorie kann aber auch gezeigt werden, dass der Anspruch pro Ware bleiben und damit der Gewinn erhöht werden kann. Dann wäre die Wertgröße pro Ware gleich. Es könnte auch erklärt werden, dass, z.B. bei Markenfirmen, der „Wert der Waren“ (eigentlich der Wert bezüglich der Waren) vergrößert werden kann und damit Existenzmittelumfänge und Mehrwert erhöht würden.
    Und es kann damit erklärt werden, dass es für einen solchen Wert eine Triebkraft zur Herausbildung gibt, was bei einem vergegenständlichten Wert oder einem fest mit einer Ware verknüpften Wert nicht der Fall wäre.

    Eine Wertgröße, die nicht in einem Wertverhältnis ein „Gegenüber“ findet, kann nur eine ideelle Wertgröße sein. Die kann sich jeder beliebig hoch oder niedrig vorstellen. Objektiv ist nur die ausgehandelte und beim Tausch wirksame Wertgröße.

  14. Sehr geehrter Herr Lippert,

    interessant. Sie vertreten eine Werttheorie ohne Wert (denn mit dem Wertbegriff wird nun einmal traditionell etwas anderes bezeichnet als der Tauschwert). An die Stelle des Wertes tritt bei Ihnen der Anspruch des Warenbesitzers – also ein subjektives Konzept.

    Lassen Sie uns einen Schritt zurücktreten. Bis hierhin habe ich das Spiel mitgemacht und die Lippertsche Werttheorie mit Marxschen Argumenten konfrontiert. Ich hoffe, Sie hatten Ihren Spaß daran!

    Vielleicht tun Sie mir nun auch einen Gefallen. Ich habe ein gewisses soziologisches Interesse an Menschen, die sich – wo immer es passt – auf Marx berufen, aber ansonsten ihre eigene Argumentation entwickeln. Meine Frage ist: Was motiviert Sie dazu?

    Ein dogmengeschichtliches Interesse haben Sie jedenfalls nicht – sonst würden Sie beim Lesen der ersten zwanzig Seiten des „Kapital“ auf mindestens ein Dutzend widersprechende Aussagen stoßen. Der Ökonomik fühlen Sie sich auch nicht verpflichtet, sonst würden Sie mit modernen Theorien und handfesten Daten argumentieren.

    Also: Was ist Ihre Motivation? Das würde ich gern verstehen.

    MfG
    GQ

  15. Sehr geehrter Herr Dr. Quaas,

    mir geht es um den Wertbegriff, der in der Ökonomie benutzt wird. Doch aus meiner Sicht kann der Wert nichts Vergegenständlichtes oder fest mit Objekten verknüpft sein.
    Wenn Marx heute noch als gültig dargestellt wird, dann sollte seine Sicht auf den Wert nicht mechanistisch interpretiert werden.

    Traditionell wird der Tauschwert vom Wert unterschieden. Doch was nützt ein Wert, der nicht die Grundlage eines ökonomischen Tauschvorganges ist? Welche Bedeutung hätte ein solcher Wert? Dass mit ganz viel Aufwand „Wert“ in ein Objekt vergegenständlicht wird, was dann angeblich ganz viel Wert haben würde, das aber niemand braucht und das deswegen nicht getauscht wird?
    Welche Triebkraft gäbe es dafür, dass Menschen solch einen Wert herausbilden könnten? Dass möglichst viele teuer bezahlte Arbeitskräfte „Werte“ vergegenständlichen?

    Nach meiner Auffassung ist eine andere Triebkraft die Ursache dafür, dass Menschen gesellschaftliche Verhältnisse vom Typ Wert zwischen sich herausbilden:
    Auf der Käuferseite: Mit möglichst wenig Aufwand soll möglichst viel Nützlichkeit eingetauscht werden.
    Auf der Verkäuferseite: Mit möglichst wenig Aufwand soll möglichst viel ökonomisch relevante Nützlichkeit (bezahlte Nützlichkeit) verkauft werden.

    Die Nützlichkeit kann nicht vom Wert getrennt werden, ohne dass der Wert seine Eigenschaft „Wert“ verliert.
    Das ist auch bei Marx so. Wird die Ware nicht verkauft, war die dazu aufgewandte Arbeit nicht nützlich, bildete keinen Wert. Damit verbunden ist auch, dass der Wert ein ideelles Moment hat, denn die Entscheidung über Kauf/Nicht-Kauf wird über das Bewusstsein gefällt. Mit dem üblichen „vergegenständlichten Wert“ kann aber die Nützlichkeit nicht sinnvoll in den Wert einbezogen werden.

    Der Wert beinhaltet subjektive Momente. Wie sollte das anders sein bei einem gesellschaftlichen Verhältnis? Das wesentliche Merkmal der Gesellschaft sind die Menschen mit ihrem Bewusstsein. Ohne Bewusstsein gibt es keinen Wert und mit Bewusstsein muss der Wert ideelle Anteile haben. Aber das Wesentliche am Wert sind nicht die ideellen Anteile. Jeder kann sich beliebige Werte in Objekte und anderes hineindenken oder diese ablehnen. Das ist alles nicht wichtig für den ökonomischen Bereich der Gesellschaft (In diesem ideellen Bereich liegt übrigens der Wert, der als „vergegenständlicht“ postuliert wird: Ein Wert, der kein Gegenüber hat, ist ein solch rein ideeller Wert. Man kann sagen, dass er vorhanden wäre, dass er nicht vorhanden wäre, dass er in einer anderen Größe vorhanden wäre – das spielt alles keine Rolle für die Gesellschaft). Der Wert wirkt als gesellschaftliches Verhältnis zwischen Menschen. Dieses Verhältnis wird bezogen auf die Objekte (und andere Güter), die getauscht werden. Der Wert kann dabei keine Singularität sein. Das sagt übrigens auch Marx – siehe Zitat oben.
    Wichtig für die Gesellschaft ist die Wertgröße, auf die sich die Tauschpartner einigen. Das ist der objektive Anteil am Wert. Diese Größe kann nicht von einer der Tauschpartnerseiten einfach geändert werden. Diese Größe wird aus den ideellen Wertgrößen, welche die Tauschpartner zunächst herausbilden, abgeleitet und von beiden Seiten des Wertverhältnisses auf die gesellschaftliche Ebene – in das objektive Umfeld – gehoben. Diese objektive Größe ist relevant für die Gesellschaft: Kaufvertrag, Steuern, Versicherungen usw.
    Grundlage für diese ausgehandelte Wertgröße sind die Werte der Arbeitskräfte und der erwartete Mehrwert. Aber weder die Arbeitskräfte können ihre Anrechte fest in Objekte einbauen oder fest damit verknüpfen, noch können die Unternehmen das mit ihren Mehrwerterwartungen tun. Auf der Verkäuferseite werden mit der Preisangabe nur die Ansprüche auf Gegenleistung proklamiert, Ansprüche, die noch nicht den Wert darstellen, sondern nur die potenzielle Wertgröße, für die ein Äquivalent erwartet wird.
    Indem die Tauschpartner eine Wertgröße aushandeln, einigen sie sich auf den und bilden gleichzeitig den objektiven Teil ihres Wertverhältnisses. Diese Wertgröße ist nicht ideell, sondern für Dritte und für die Gesellschaft sichtbar und gleichzeitig relevant für die Gesellschaft.
    Die Waren werden über das dafür aufgebaute gesellschaftliche Verhältnis Wert wertäquivalent getauscht.
    Kennzeichen für die Wertäquivalenz sind
    1. Es bleibt auf keiner der beiden Seiten ein Anspruch offen und
    2. nur die Wertgröße in jedem der beiden Tauschobjekte, die ein Gegenüber hat, wird auf der gesellschaftlichen Ebene als Wertgröße anerkannt. Alles, was eine der beiden Seiten sich darüber hinaus in die Waren hineininterpretiert als „Wert“, sind ideelle Werte – ohne Entsprechung auf der gesellschaftlichen Ebene.
    Zu sagen, ich würde eine Werttheorie ohne Wert beschreiben, sehe ich folglich als haltlos. Im Gegenteil, mit meiner Sicht auf den Wert werden sämtliche ideellen Bestandteile aus dem Wert entfernt.

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