Absage an eine heterodoxe Ökonomik

§ 1 Mein grundsätzliches Wissenschaftsverständnis
Die Existenz wissenschaftlicher Forschung ist an Paradigmen gebunden. Darunter sind nach Kuhn wissenschaftliche Leistungen zu verstehen, die eine orientierende Wirkung für die weitere Forschung ausüben. Die Etablierung eines neuen Paradigmas setzt voraus, dass

die Leistungsfähigkeit der alten Paradigmen erschöpft ist. Die Methode, Paradigmen bis an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit zu bringen, besteht in der Kritik. Darunter ist in einer empirischen Wissenschaft wie der Ökonomik vor allem die Konfrontation der paradigmatisch fungierenden Theorien mit der Empirie zu verstehen (Popper). Ein wesentlicher Bestandteil der empirischen Überprüfung von Theorien ist die Operationalisierung theoretischer Konzepte. Dies impliziert nicht nur die Auseinandersetzung mit vorhandenen Theorien, sondern auch mit den Messmethoden, von denen die empirische Basis einer Wissenschaft abhängt. Der Transzendentale Realismus (Bhaskar) ermöglicht die philosophische Begründung eines zweistufigen Messmodells, das den empirischen Forscher vor einer vorschnellen Falsifikation von Theorien bewahrt.

§ 2 Der gegenwärtige Zustand der Ökonomik
Kritik ist – aus welchen Gründen auch immer – verpönt. Damit fällt nicht nur eine, sondern die wesentliche Triebfeder wissenschaftlichen Fortschritts weg. An die Stelle der Kritik ist die massenhafte Produktion kleinteiliger Studien getreten, die Themen aufgreifen und weiterführen, die in den wichtigen Journalen gerade diskutiert werden. Dies ermöglicht die Steuerung einer ganzen Wissenschaftsdisziplin durch eine Handvoll tonangebender Ökonomen. Da keine Diskriminierung unsinniger, falscher, widersprüchlicher und überholter Theorien und Thesen mehr erfolgt, entwickelt sich die Ökonomik zu einer aus zahlenmäßig unterschiedlich starken Sekten bestehenden Glaubensgemeinschaft. Unter dem Slogan des „Pluralismus“ machen sich an den Universitäten ökonomische Schulen breit, die längst überholte Paradigmen wiederbeleben wollen. Wahrheit, wissenschaftliche Konsequenz und Kohärenz, theoretische und praktische Bedeutsamkeit sowie Traditionsbewusstsein sind im Schwinden begriffene Werte, die durch Konsens, Eklektizismus und Autoritätsgläubigkeit ersetzt werden.

§ 3 Varianten der Kritik
Kritik und Kritik sind manchmal zweierlei Dinge. Wissenschaftliche Kritik besteht generell im Infrage-stellen von Theorien, Thesen, Begriffen und Methoden – also von Symbolkomplexen, die als Ausgangspunkt weiterer Erkenntnis dienen können oder sollen. Kritik bedarf eines Referenzpunktes, der momentan akzeptiert wird; das können überprüfte Theorien, bewährte Methoden oder die vorhandenen empirischen Daten sein. Die Grundlagen einer Kritik können ebenfalls kritisiert werden, aber in einer anderen Kritik auf der Grundlage anderer Theorien, Methoden etc.

Die Empirie spielt in einer empirischen Wissenschaftsdisziplin eine besondere Rolle. Widersprechen Theorie und Empirie einander, so falsifiziert das nicht die Daten, sondern die Theorie. Eine Kritik an den Daten erfolgt auf der Grundlage einer anerkannten Messtheorie und besteht darin, die vorhandenen Daten durch bessere (genauere, differenziertere, umfassendere) Daten zu ersetzen oder zu ergänzen. Des Weiteren kann Kritik an der empirischen Grundlage einer Wissenschaft geübt werden, indem man die zugrunde liegenden Messtheorien in Frage stellt. Dazu muss man sie jedoch kennen. Eine generelle Skepsis gegenüber den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen als empirische Basis des Theorientests innerhalb der Volkswirtschaftslehre stellt sich außerhalb des herrschenden Paradigmenkomplexes und bringt die Ökonomik nicht voran; sie entblößt den kritisch eingestellten Wissenschaftler von der schärfsten Waffe, die ihm zur Verfügung steht. Auch bei der Kritik der empirischen Basis gilt: Kritik sollte erst geübt werden, wenn ein begründeter Zweifel vorliegt.

Die hier betonte besondere Rolle des Theorientests und damit der Empirie schließt nicht aus, dass es andere Kritikmethoden, insbesondere solche rein theoretischer Art, gibt, die ebenfalls angewandt werden können und müssen, um mit Wahrheitsanspruch versehene Theorien gegebenenfalls vom „Kontinent Wissenschaft“ (Althusser) zu verbannen.

§ 4 Institutionelle Konsequenzen
Eine institutionelle Verankerung wissenschaftlicher Erkenntnis im Sinne des § 1 ist unter den Bedingungen, die unter § 2 beschrieben werden, nur unter äußerst zufälligen Bedingungen möglich. Verfügbare und nutzbare Ressourcen bestehen (i) in dem Interesse an einer zu § 2 alternativen Entwicklung und der Bereitschaft, einen Teil der eigenen Freizeit dafür zu opfern, (ii) in der Möglichkeit, über das Internet und außerhalb der etablierten Institutionen informelle Gruppen zu bilden. Wie unsere eigene Erfahrung zeigt, schließt ein solches „low-budget project“ nicht aus, individuelle Karrieren voranzutreiben. Etwas weitergehend ist die US-amerikanische Erfahrung, dass sich um den theoretischen oder methodischen Kern eines Projekts eine zahlenmäßig wachsende Gruppe von Wissenschaftlern versammelt, die dann eine Schule bilden. Jedenfalls scheint es fast unmöglich, in Deutschland einen solchen Prozess bewusst und zielgerichtet herbeizuführen.

§ 5 Der Kern eines Projekts
Lote ich die in meinen Augen bestehende Krise des Forschungsseminars „Politik und Wirtschaft“ etwas tiefer aus, so stoße ich darauf, dass es an einer inspirierenden Idee fehlt. „Piketty“ und „Rodbertus“ sind es jedenfalls nicht. Das Problem besteht m.E. nicht darin, dass es an einer Idee fehlt, sondern darin, dass die vorhandene Idee nur wenige inspiriert, und dies aus gut nachvollziehbaren, trotzdem aber hinderlichen Gründen.

Die Idee besteht in der Etablierung von Kritik im Sinne des § 1 und § 3. Diese Idee hängt eng zusammen mit dem seit Jahren praktizierten, aber von „Insidern“ als solches gar nicht wahrgenommenen kampforientierten Erwägungskonzept, das in EWE theoretisch begründet wurde. Bislang hat das Forschungsseminar dieses Konzept in der Weise praktiziert, dass eine in anderen Kreisen kaum noch übliche, manchmal den Einzelnen tief kränkende Kritik an unseren eigenen Theorien geübt worden ist. Versuche, diese Kritik auf Theorien anderer Schulen auszuweiten (Hayek), sind argwöhnisch beäugt und als der eigenen Karriere schädlich stillschweigend abgelehnt worden – durch Nicht-Beteiligung an dieser Kritik. Damit ist ein Teil der Forschungsgruppe vom Wissenschaftsideal § 1 abgerückt und hat sich der in § 2 beschriebenen sozialen „Realität“ zugewandt. Das Resultat besteht in der jetzt zu konstatierenden geringen Profilbildung des Forschungsseminars, die dann auch nicht besonders karriereförderlich ist.

§ 6 Ein Vorschlag
Für mich persönlich ist das Forschungsseminar so fest mit dem Ideal § 1 bzw. dem kampforientierten Erwägungskonzept verbunden, dass ich wohl eher das FS aufgeben würde als dieses Ideal. Einen Ausweg aus der gegenwärtigen Krise sehe ich deshalb nur darin, die zugrunde liegende Idee des FS weiter voranzutreiben. Wir müssen endlich einen orthogonalen Schwenk vollziehen, der darin besteht, die durchaus vorhandene Praxis der Selbstkritik durch eine Schulen bildende Kritik am herrschenden Paradigmen-Komplex zu ergänzen. Nur so werden wir unsere provinzielle Enge überwinden, die Aufmerksamkeit von Teilen der Wissenschaftlergemeinschaft auf uns ziehen und an die Grenzen der Ökonomik vorstoßen – nicht, indem wir anderen und den von ihnen herbeigeredeten Moden nachlaufen, sondern indem wir selber Themen setzen. Klarerweise impliziert das Konzept § 1, wohlbekannte Theorien noch einmal aufzugreifen und unter aktuellen Fragestellungen und mit den modernen Methoden anhand früher nicht verfügbarer Daten zu testen.

§ 7 Außendarstellung
Kritiken am herrschenden Paradigmen-Komplex liegen durchaus im Rahmen des Main-Streams (siehe dessen Darstellung durch Dobusch und Kapeller). Insofern wäre es sachlich und fachlich falsch und darüber hinaus auch wissenschaftspolitisch verheerend, das Forschungsseminar unter das Motto „Pluralismus“ oder „heterodoxer Ansatz“ firmieren zu lassen. Das Forschungsseminar „Politik und Wirtschaft“ sollte sich der Wissenschaft im Sinne des § 1 verpflichtet fühlen, die von Natur aus kritisch und plural ist (Bhaskar) – kritisch gegenüber dem Selbstverständlichkeiten des Alltags, gegenüber der herrschenden Politik, aber auch gegenüber den eigenen Theorien und denen der sogenannten „Kollegen“. „Plural“ in dem Sinne, dass jede Theorie ohne Ansehen ihres Alters oder ihrer Herkunft zum Gegenstand gemacht werden kann – und muss.

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