Zum Zustand der Volkswirtschaftslehre

Vorbemerkung

Die unabhängige Zeitung Student! berichtete im Mai 2012 über die problematische Diskussionskultur an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig. (Auf dieser Webseite wurde unter der Überschrift „Aus studentischer Perspektive“ darüber informiert.) Unter den Kommentaren (Nr.8) ist am 26. September ein persönlicher Bericht über eine Fakultätsratssitzung aufgetaucht, in der ein ganzer Masterstudiengang gemaßregelt wurde.

http://www.student-leipzig.de/artikel/zweifel-an-freiheit-der-wissenschaft#comments

Erwähnt wird in diesem Bericht ein Papier aus meiner Feder, das der Herr Prof. Steger „verurteilen“ lassen wollte. Hier ist das Original. Obwohl 2010 geschrieben, erscheint es mir – von erläuterungsbedürftigen Einzelheiten abgesehen – immer noch brandaktuell.

Einige Anmerkungen zum Zustand der Volkswirtschaftslehre

von Georg Quaas

Wissenschaftstheoretische Charakteristik

Zunächst einige wissenschaftstheoretisch relevanten Fakten: Neben dem Mainstream (neoklassische Synthese, Teile der Institutionenökonomik u.a.m.) gibt es andere Ansätze wie z.B. die Neoricardianische Schule. Seit ca. 30 Jahren findet eine Bewegung statt weg vom Mainstream, die mit den unrealistischen Annahmen eines Denkens in Gleichgewichtszuständen und gewisser mathematischer Modelle (Voraussicht, Rationalität, Präferenzen etc. betreffend) unzufrieden ist (à Postkeynesianismus, Evolutorische Ökonomik, Bewegung der Postautisten). Für die Charakterisierung der Volkswirtschaftslehre als „normale Wissenschaft“ (Thomas S. Kuhn) wäre erforderlich, dass sich der sog. Mainstream gegenüber anderen Ansätzen/Schulen durchgesetzt hätte.

Befindet sich die VWL also in einer Krise? Trotz der Kritik, die in der Folge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise an den Ökonomen geübt wird, fehlt eine allgemein anerkannte Liste von Anomalien, also derjenigen wissenschaftlichen Probleme, die trotz zahlreicher Bemühungen bislang nicht gelöst werden konnten. (Das wirtschaftspolitisch wohl wichtigste Problem, die Arbeitslosigkeit, hängt laut makroökonomischen „Textbooks“ vom Mark-up ab – ist also systembedingt. Und wer will „das System“ schon noch grundlegend ändern?) Ist die Evolutorische Ökonomik als eine wissenschaftliche Revolution zu interpretieren? Dazu fehlen wissenschaftliche Leistungen, die – zumindest von den bekennenden Vertretern dieses Ansatzes – allgemein als vorbildlich für die neue Art, ökonomische Probleme zu analysieren, anerkannt wären (das Nelson-Winter Modell ist noch zu unentwickelt, und darüber hinaus für viele abschreckend, weil – ebenfalls mathematisch. Und mit dem VSB-Schema allein kommt man nicht weit…) Befindet sich die Ökonomik etwa noch im vorparadigmatischen Stadium? Dagegen sprechen mehrere Indikatoren, insbesondere, dass die meisten Ökonomen ziemlich genau zu wissen scheinen, welche Gegenstände untersucht werden sollen und welche Methoden dabei zur Anwendung kommen müssen.

Die VWL hat demnach Merkmale aller von Kuhn definierten Phasen, wobei der normalwissenschaftliche Charakter zwar überwiegt, zugleich aber krisenhafte Züge auftreten (Konkurrenz verschiedener Schulen, nicht von allen anerkannte Anomalien, Fluchtbewegungen). Offenbar passt die VWL nicht in das Schema, das der Wissenschaftshistoriker bereit legt, und natürlich erst recht nicht in das Entwicklungsschema des Kritischen Rationalismus. Trotzdem lässt sich auf der Grundlage dieser skizzenhaften Beschreibung die gegenwärtige Situation charakterisieren als

Aufstand des Mainstreams

Gegenwärtig erleben wir einen Versuch, die Dominanz des Mainstreams zu festigen. Genauer gesagt handelt es sich dabei um eine Machtübernahme durch den Teil der Wissenschaftlergemeinschaft, deren Wissenschaftsverständnis durch folgende Werte geprägt ist: Eine Theorie muss
(i) ein theoretisches (nicht unbedingt ein praktisch-volkswirtschaftliches) Problem bearbeiten,
(ii) mathematisch formuliert,
(iii) zumindest mittelfristig an einigen empirischen Daten überprüft
(iv) und international präsentierbar sein.

Die Mittel, dieses Ideal durchzusetzen, sind:
(i) referierte Zeitschriften in englischer Sprache,
(ii) Rankings und Ratings,
(iii) eine Neuausrichtung der Berufungspolitik und
(iv) die Erlangung der Kontrolle über die Verteilung von Mitteln, des Personals und – sehr wichtig – des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Gegen wen oder was richtet sich der „Aufstand des Mainstreams“? Gegen alle, die nicht mitmachen wollen oder können, also vor allem gegen Vertreter von Fächern, die nicht hineinpassen. Zum Beispiel gegen konkurrierende Schulen. So wurde der Hinweis der Akkreditierungskommission auf die fehlende Produktionstheorie schlichtweg ignoriert. Wer kennt schon dieses Produkt der Neoricardianischen Schule? Ein weiteres Beispiel dieser Art sind die vom Aussterben bedrohten Ordnungstheoretiker. Stichwort: der Streit der Kölner Ordnungstheoretiker mit den Makroökonomen. Wer wird die Auseinandersetzung wohl gewinnen bzw. hat schon längst gewonnen? Übrigens ein merkwürdiger Verlauf der Geschichte, angesichts dessen, dass die globale Krise ein Ordnungsproblem deutlich gemacht hat. Auch die empirische Wirtschaftsforschung ist betroffen, insofern sie nämlich mit wirtschaftspolitischen Ambitionen verbunden ist. Man sagte mir, wir halten „nichts von diesen großen Modellen“. Entsprechend richtet sich die Übernahme auch gegen die empirische Grundlage dieser Modelle, die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, die gerade noch als Wahlfach geduldet werden. Ziemlich generell kann man sagen: Sie richtet sich gegen alle sozioökonomischen Fächer wie Wirtschaftsgeschichte, Dogmengeschichte, Wirtschaftssysteme, aber auch Umweltökonomik etc., denen möglicherweise unterstellt wird, dass sie wenig geeignet sind, die drei Säulen zu festigen, sondern eher ablenken könnten. Zum Teil werden auch regional orientierte Statistiker und Finanzwissenschaftler in Mitleidenschaft gezogen, die es objektiv schwer haben, sich in den internationalen Zeitschriften zu platzieren. Das Schicksal dieser Fächer ist – falls sie nicht schon aus dem Lehrkanon beseitigt wurden – Randständigkeit.

Jeder, der die Entwicklung unter den Volkswirten in den letzten 5 Jahren verfolgt hat, wird leicht nachvollziehen können, in welcher Weise diese Mittel im mikrosozialen Umfeld umgesetzt wurden (ob planmäßig bewusst oder als spontan umgesetzte „funktionale Notwendigkeit“ sei dahingestellt):
(i) Beseitigung des Konsens als Entscheidungsprinzip der Fachgruppe; aber auch Ignoranz gegenüber Mehrheitsbeschlüssen, wenn diese nicht ins Konzept passen;
(ii) Hinausdrängen der älteren Generation aus der Lehre (hauptsächlich bewirkt durch akkreditierte und damit für strukturelle Veränderungen tabuisierte und gegen Konkurrenz abgeschirmte Studiengänge – von Einzelmaßnahmen einzelner Personen gegen andere ganz abgesehen)
(iii) Entwertung der Forschungsleistung mit den entsprechenden Konsequenzen für die Förderung; dafür sorgt vor allem das Handelsblattranking. Zusätzlich findet bundesweit eine Marginalisierung der Zeitschriften statt, die sich den „alten“ Themen widmen;
(iii) Versuch einer Monopolisierung der Doktorandenausbildung (in Leipzig bislang gescheitert);
(v) Übernahme der Kontrolle über die Auswahl der Studierenden.
(vi) Monopolisierung der paradigmatisch wichtigen Fächer.

Die Probleme der sog. Reformer

Das generelle Problem der sog. Reformer besteht darin, dass sie mehr als 30 Jahre zu spät kommen. Die Machtübernahme ist international bereits Geschichte. Insofern aus diesen Prozessen bereits etwas gelernt worden ist (die Gegenbewegungen!), wirkt die „Reform“ für alternative Ansätze daher konter-revolutionär. Damit gerät die nachholende „wissenschaftliche Revolution“ zwangsläufig in Konflikt nicht nur mit den oben genannten Gruppierungen, sondern auch mit denjenigen, die zwar das oben beschriebene Ideal entweder teilen oder respektieren (wie der Autor dieser Zeilen), aber darüber hinaus Bewährtes erhalten, Neues fördern und vor allem: wissenschaftliche Kritik und Pluralität nicht geopfert sehen wollen.

Die relative Unerfahrenheit der neuberufenen „Reformer“ in wissenschaftspolitischen Fragen, aber auch ihrer sich lange unterdrückt fühlenden Unterstützer, ist ein weiteres Problem. Diese Eigenschaft verleitet sie dazu, das Ideal zu überziehen. Werden beispielsweise drei Säulen (Mikro-, Makroökonomie und Empirische Wirtschaftsforschung/Statistik) als paradigmatisch wichtig definiert, so wird für jeden Studierenden der VWL im Masterstudiengang ihr nochmaliges (natürlich: vertieftes) Studium zur Pflicht gemacht (von den Wiederholungen für die Vergesslichen und die „schlechter“ Ausgebildeten abgesehen). Zwar sollte sich der „wissenschaftliche Nachwuchs“ im Masterstudiengang spezialisieren, aber dafür bleibt vergleichsweise wenig Raum (siehe Plädoyer der Studierenden des Masterstudienganges). Ein anderer Punkt. Englisch ist heute die Sprache der Wissenschaft. Aber was nützen Kurse, in denen einige Professoren ihre fremdsprachigen Künste offerieren, die Studierenden aber in Deutsch fragen und antworten? Oder: Für den einen oder anderen Ökonomen mag die Mathematik ein Vorbild sein, ohne dass er diese Disziplin selber studiert hat. Man muss ein solches Studium wohl erlebt haben, um zu wissen, dass dadurch wie im Leistungssport ein gewisses Trainingsniveau erreicht, gehalten und ausgebaut werden soll. Zu fragen wäre schon, ob dieses Niveau erforderlich ist, um die für die Ökonomik wesentlichen Ableitungen beherrschen zu können. Des Weiteren: Unkenntnis der Funktionsmechanismen einer Universität liegt wahrscheinlich zugrunde, wenn neue Werte (Rankings) von einem Tag zum anderen in einem Umfeld eingeführt werden, das bislang ganz anderen folgte (zum Beispiel, Bücher zu schreiben, sich gesellschaftlich zu engagieren etc.). – Die Liste der „politischen“ Fehler unserer „Reformer“ ließe sich seitenweise fortsetzen.

Es bleibt abzuwarten, wie die nachholende Machtübernahme der „Englisch sprechenden Professoren“ (zur Zeit kursierende Persiflage) ausgehen wird. Ordnet man das vorliegende Plädoyer der Studierenden des Masterstudienganges in diesen Prozess ein, so erkennt man leicht die zugrunde liegenden Ursachen und die Bedeutung des Protests. Möglicherweise wird „das Plädoyer“ dazu führen, das Curriculum ein wenig zu lockern, ein grundsätzliches Umdenken ist – trotz weltweiter Ökonomenschelte und globalen Herausforderungen an die ökonomische Wissenschaft – wohl nicht in Sicht.

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