Zur Theorie des Stopp-Punktes

von Georg Quaas (Version vom 21. Juni 2010)

Vorläufige Begriffsbestimmung

Der Begriff des Stopp-Punktes (hier in jedem Casus mit SP abgekürzt) assoziiert bekannte Vorstellungen aus dem Straßen- und Bahnverkehr. Insofern scheint eine Klärung des Begriffes überflüssig zu sein. Allerdings wird er im Folgenden auf die wissenschaftliche Diskussion, auf den wissenschaftlichen und philosophischen Diskurs und auf alltägliche Kommunikationsprozesse bezogen, die durch andere Strukturen des miteinander Verkehrens definiert sind. Im Sinne der transzendental-realistischen Wissenschaftskonzeption handelt es sich um eine Analogie, die uns mit einem gewissen Vorverständnis ausstattet, worüber gesprochen wird. Um die Spezifik eines SP in den genannten Bereichen zu beschreiben, müssen diese zunächst charakterisiert werden.

Die alltägliche Kommunikation

Der Begriff der Kommunikation im Alltag wird hier als Dia-, Tria- oder Multilog zwischen den Mitgliedern einer – in einem sehr weiten Sinne – gemeinsam handelnden Gruppe verstanden. Die Annahme, dass die miteinander Kommunizierenden gemeinsam handeln, also auch ein Interesse an der Gruppenbildung und an der Kommunikation haben, um eben jenes gemeinsame Handeln zu koordinieren, hat Bedeutung für die Frage, welche Folgen SP haben. Sollten Kommunikationsprozesse denkbar sein, die auch nicht im entferntesten Sinne der Handlungskoordination dienen, so müsste die Bedeutung von SP möglicherweise anders eingeschätzt werden.

Wissenschaftlicher Diskurs und wissenschaftliche Diskussion

Der Begriff des Diskurses wird in der neueren Philosophie vor allem von den Poststrukturalisten, aber auch im Rahmen der Theorie des Kommunikativen Handelns verwendet. Um die hier unnötige Auseinandersetzung mit diesem schillernden Begriff zu vermeiden, soll er unter Bezug auf den Kritischen Rationalismus neu definiert werden. Als Anknüpfungspunkt dient der Begriff der Welt 3. In Abgrenzung zur sog. „Kübeltheorie des Geistes“ und allgemein zur psychologischen Deutung des Erkenntnisprozesses versteht Popper darunter die Gesamtheit der möglichen und realisierten gedanklichen Inhalte, die durch von Menschen erzeugte Symbole (in Büchern, im Internet, auf Fahnen etc.) impliziert sind, einschließlich der logischen Folgerungen daraus. Wissenschaftliche Theorien und ihre Folgerungen, empirisch gewonnene Daten, politische und andere Ideen sind Bestandteile der Welt 3. Um nicht in den Platonismus abzugleiten, betont Popper, dass die Welt 3 einen materiellen Träger hat, nämlich die von Menschen produzierten und verwendeten Symbole, also vor allem die Sprache. Jean-François Lyotard, zwar ein postmoderner Kritiker der französischen Strukturalisten, teilt mit diesen und Popper die Auffassung, dass der Mensch als Träger des Wissens nicht in Frage kommt.

Als „wissenschaftlichen Diskurs“ möchte ich begrifflich, logisch und assoziativ zusammenhängende Gebiete der Welt 3 bezeichnen, die in zeitlicher Abfolge entstanden sind. Zu einem Diskurs gehören beispielsweise eine Theorie und ihre Folgerungen, und zwar solche, die tatsächlich gezogen worden sind, aber nicht die Folgerungen, die man noch ziehen könnte. Zum selben Diskurs gehören alternative Erwägungen, die in Zusammenhang mit jener Theorie tatsächlich angestellt worden sind, also falsifizierende Hypothesen und alternative Theorien, die wirklich aufgestellt worden sind. Beispiel für einen Diskurs in der Ökonomik ist die lange Debatte über die Phillipskurve. Ob ein Diskurs wissenschaftlich ist oder nicht, ist eine Frage der Bewertung, die sich auf der Grundlage einer Analyse, also eines weiteren Diskurses ergibt und somit von vielem abhängt, u. a. vom wissenschaftstheoretischen und historischen Standpunkt des Betrachters. Sind die Platonischen Dialoge wissenschaftliche Diskurse? Diese Frage kann hier offen bleiben. Niemand wird jedoch ernsthaft bestreiten, dass es sich um einen philosophischen Diskurs handelt.

Der Diskursbegriff scheint dem Begriff der wissenschaftlichen Diskussion sehr nahe zu stehen. Unter einer wissenschaftlichen Diskussion möchte ich jedoch in Abgrenzung zum Diskurs den Kommunikationsprozess zwischen Wissenschaftlern verstehen, die dabei einen Diskurs (oder die Fortführung eines Diskurses) produzieren. Unter einem Wissenschaftler (damit sind hier immer auch die Wissenschaftlerinnen gemeint) verstehe ich in diesem Zusammenhang einen Menschen, der – ob mit oder ohne Titel – die Suche nach Wahrheit und Erkenntnis in einem bestimmten Kontext über seine anderen Interessen (Freiheit, Leben, Erlösung, Harmonie, Wohlstand, Ehre etc.) stellt und dabei ein systematisches, für andere bei entsprechender Ausbildung nachvollziehbares, zweckmäßiges und selber diskutierbares Vorgehen wählt. Diese Definition berücksichtigt die Rolle des Menschen bei der Produktion wissenschaftlicher Diskurse und rekurriert wie der Kritische Rationalismus auf intrinsische Werte, die zwar auch in nicht-wissenschaftlichen Diskussionen gelten (können), in der Wissenschaft aber die Grundstruktur darstellen.

Wissenschaftliche Diskussionen, in denen Symbole verwendet, neu kombiniert und erzeugt werden, sind demnach die Generatoren wissenschaftlicher Diskurse, die – sozusagen losgelöst vom Sprechen und Schreiben lebendiger Menschen – die dadurch produzierten, zusammenhängenden Symbolstränge sind und ihrerseits einen abgegrenzten Bereich in der Welt 3 definieren.

Wissenschaftspolitischer Diskurs

Diskussionen über wissenschaftspolitische Fragen – zum Beispiel über die Frage, wie ein Studiengang strukturiert sein sollte, ob ein Ruf an eine bestimmte Person ergehen sollte usw. – erzeugen einen wissenschaftspolitischen Diskurs. Der Unterschied zum wissenschaftlichen Diskurs besteht zunächst vor allem im Gegenstand, den man ganz grob als „Gestaltung der höheren Bildung“ bezeichnen könnte. Wissenschaftspolitische Diskurse können zugleich aber auch wissenschaftliche Diskurse sein, wenn sie von Wissenschaftlern mit wissenschaftlichen Methoden produziert werden. Insofern sind die Grenzen fließend.

Stopp-Punkte in der alltäglichen Kommunikation

Kommunikationsprozesse haben, da von endlichen Wesen betrieben, einen Anfang und ein Ende. Darüber hinaus können sie Pausen enthalten, um beispielsweise dem Kommunikationspartner Zeit zum Nachdenken zu geben. Unter einem SP ist in Abgrenzung vom natürlichen Ende und von den Pausen in der alltäglichen Kommunikation ein themengebundener Abbruch der Kommunikation durch einen Beteiligten zu verstehen. Dafür mag es die verschiedensten Gründe geben, wie beispielsweise der Schutz des eigenen psychischen Wohlbefindens oder der körperlichen Unversehrtheit desjenigen, der es wagt, unangenehme Fragen zu stellen und dadurch im Begriffe ist, eine unkontrollierte Reaktion zu provozieren. Im Hinblick auf den Zweck der Kommunikation, die Koordination des Handelns, bedeuten SP die Verringerung der Chance, zum Ziel zu kommen. Doch diese Beurteilung mag zu eindimensional sein. Wenn sich verschiedene Koordinationsaufgaben überlagern, gefährdet der Abbruch einer Kommunikation möglicherweise den Erfolg auf einer Handlungsebene, während er zugleich die Fortführung von gemeinsamen Handlungen auf anderen Ebenen sichert. Insofern kann Respekt vor den SP, die ein Kommunikationspartner setzt, eine moralische Regel sein, die eine überwiegend erfolgreiche Koordination in komplexen Handlungszusammenhängen ermöglicht.

Allerdings darf in diesem Nutzeneffekt keine Begründung der moralischen Regel, „Du sollst in der alltäglichen Kommunikation die SP des Anderen respektieren“ gesehen werden: Ansonsten handelte es sich um einen naturalistischen Fehlschluss. Die moralische Begründung jener Regel ergibt sich nach der Ethik von Richard M. Hare daraus, dass und insoweit man die Konsequenzen dieser Regel auch dann noch akzeptieren kann, wenn man selber betroffen ist. „Betroffenheit“ kann hier zweierlei bedeuten: Entweder, dass man von anderen erwartet, dass sie die von mir gesetzten SP respektieren, oder aber, dass andere erwarten, dass ich die von anderen gesetzten SP respektiere. Eine moralische Attitüde bedeutet hier in jedem Falle, beide Erwartungen symmetrisch zu behandeln – welche Haltung zum SP man immer auch einnimmt. Allerdings ist diese Entscheidung, wie mir scheint, in hohem Maße von anderen Moralurteilen abhängig, so dass hier kaum ein Spielraum bleibt, die Frage, soll ich die SP anderer respektieren oder nicht, unabhängig von anderen Vorentscheidungen zu beantworten.

Stopp-Punkte in der wissenschaftlichen Diskussion

Die wissenschaftliche Diskussion ist ein Kommunikationsprozess und ähnelt dabei der alltäglichen Kommunikation. Insofern könnte man meinen, dass ähnliche Prinzipien anzuwenden sind. Allerdings findet dieser Prozess zwischen Menschen statt, die als Wissenschaftler „amtieren“ und insofern auf andere Interessen nur bedingt Rücksicht nehmen (können). Setzt ein Teilnehmer an einer wissenschaftlichen Kommunikation einen SP, weil die Erörterung eines Themas andere Interessen als die der Wahrheitssuche verletzt, so steigt er damit als Wissenschaftler aus der Debatte aus. Das gilt auch dann, wenn er meint, dass das Thema bereits hinlänglich von ihm oder von anderen erörtert worden ist, und er die weitere Diskussion für Zeitverschwendung hält. In diesem Fall leidet die für alle Teilnehmer an der Diskussion wichtige Suche nach der Wahrheit darunter, dass derjenige, der die Wahrheit angeblich schon kennt, aus anderen Gründen als der Wahrheitssuche aus der Diskussion ausscheidet.

Ein Wissenschaftler kann eine Diskussion – bedingt durch das jeweilige Thema – auch aus dem Grund abbrechen, dass er keine Möglichkeit sieht, mit seinen kognitiven Kompetenzen weiterhin zur Wahrheitsfindung beizutragen. Einen anderen legitimen Grund für einen Diskussionsabbruch kann es in einem Prozess, der dominant wissenschaftlicher Natur ist, nicht geben. Die Legitimität dieses Abbruches besteht in der disziplinären und darüber hinaus themengebundenen Bedingtheit wissenschaftlicher Kompetenz, deren Überschreitung dem Erkenntnisprozess abträglich wäre.

Aus welchen Gründen SP in einer wissenschaftlichen Diskussion auch immer gesetzt werden, sie bedeuten einen Ausstieg des Betreffenden aus der Kommunikation und aus seiner Funktion als Wissenschaftler. Was übrig bleibt ist ein Mensch, der sich von einem professionellen Schuhmacher, Klempner, Versicherungsvertreter etc. nur noch dadurch unterscheidet, dass er (eventuell) die Potenzen (noch) besitzt, in die Diskussion (etwas später wieder) einzusteigen. Die Frage, ob dieser Mensch moralisch handelt, wenn er SP setzt, erscheint in diesem Kontext als irrelevant, insofern niemand gezwungen werden kann, fortwährend als Wissenschaftler zu agieren. Eine moralische Dimension könnte sich allerdings dann ergeben, wenn der Betreffende zwar de facto aufhört, als Wissenschaftler zu amtieren und zu argumentieren, er aber trotzdem auf seinen sozialen Status als Wissenschaftler pocht. Indem er sich ausdrücklich weigert, zu einem bestimmten Thema sein Wissen und seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und anzuwenden, obgleich er gleichzeitig einen wissenschaftlichen Anspruch auf dieses Thema erhebt, täuscht er sein soziales Umfeld, behindert die wissenschaftliche Diskussion und damit die Produktion neuer Diskurse durch das Setzen von SP. Allerdings sind mir keine – zumindest keine einklagbaren – Regeln bekannt, die ein solches Verhalten ächten würden. „Du sollst alles unterlassen, was die Fortführung wissenschaftlicher Diskussion behindert“ wäre sicher eine für alle Wissenschaftler annehmbare Regel, wenn sie sich an die grundlegende Funktion erinnern, die sie zu Wissenschaftlern macht. In Ermangelung einer solchen Regel haben wir es im Bereich der Wissenschaft oft mit Diskussionen zu tun, die zwar von sozial definierten Wissenschaftlern geführt werden, aber eher den Charakter von Kommunikationsprozessen des Alltags tragen. SP sind hier Produkte des Selbstschutzes, insbesondere des Schutzes der sozialen Position des Wissenschaftlers, der sich durch das Aufrufen gewisser Themen angegriffen fühlt.

Stopp-Punkte im wissenschaftlichen Diskurs

Kurz gesagt: Im wissenschaftlichen Diskurs kann es keine SP geben. Zwar sind wissenschaftliche Diskurse oft in hohem Maße fragmentiert und haben einen Anfang und ein Ende, aber einen Punkt, an dem der Diskurs nicht fortgesetzt werden kann oder darf, gibt es nicht. Das hat verschiedene Gründe, soziale, definitorische und evolutorische. Zwar mag es traditionelle, religiöse oder staatlich verordnete Tabuisierungen geben, aber diese können nur schwer durchgesetzt werden. Wird der Wissenschaftler als ein Mensch definiert, der Erkenntnis und Wahrheit über seine anderen Interessen stellt, so wird er sich weder von prophezeiten Fegefeuern noch von angedrohten Gefängnisstrafen daran hindern lassen, den Diskurs an einem beliebigen Punkt aufzugreifen und fortzusetzen – gegebenenfalls als Anonymus.

Aus kritisch-rationalistischer Sicht würde ein SP im wissenschaftlichen Diskurs die Ausführung einer zentralen, definitionsartigen Funktion unterbinden (wollen), nämlich die Überprüfung des betreffenden Themas. Das wäre gleichbedeutend mit dem Ende der wissenschaftlichen Tätigkeit an diesem Thema überhaupt. Die in dem Thema enthaltenen Behauptungen wären nicht mehr kritisierbar und damit – unwissenschaftlich. Mit dem Ausscheiden des durch einen SP markierten Themas aus dem Bereich des Wissenschaftlichen in der Welt 3 verschwindet auch dieser SP aus diesem Bereich.

Vom Standpunkt der Kuhnschen Wissenschaftsauffassung würde ein SP in der vorparadigmatischen Phase das Aufkommen von wissenschaftlichen Leistungen, an denen andere sich orientieren können, behindern, und damit die Entstehung einer normalwissenschaftlichen Tradition verzögern. Innerhalb der „normalen“ Wissenschaft würde der SP einen Ort markieren, an dem die disziplinäre Matrix nicht weiter entwickelt werden kann, so dass Einschnitte, Verwerfungen und Verzerrungen die Evolution der betroffenen Disziplin charakterisieren werden. Die Wirkung dürfte auf Dauer dieselbe sein wie bei einer Anomalie: Wenn sich SP in einer Disziplin anhäufen, gerät sie in die Krise.

Problem 1: Definiert die disziplinäre Struktur der Wissenschaft Stopp-Punkte?

Das Denken im Rahmen einer bestimmten Tradition oder einer bestimmten Disziplin erzeugt eine bestimmte Kompetenz, die eben auf den gegebenen traditionellen oder disziplinären Rahmen beschränkt sein kann. Das Überschreiten dieser Grenzen führt den Wissenschaftler in Bereiche, in denen er möglicherweise zur Wahrheitsfindung nur wenig beitragen kann. Definieren die disziplinären Grenzen deshalb eine ganze Klasse von SP, die legitimer Weise nicht überschritten werden dürfen? Nein. Gerade die Geschichte der Ökonomik belegt (so wie natürlich auch andere Disziplinen), dass ein Überschreiten der disziplinären Grenzen fruchtbar sein kann. Werden hier SP gesetzt, so behindert das die Entwicklung der Wissenschaft im Ganzen. Dass SP an den disziplinären und traditionellen Grenzen illegitim sind, bedeutet andererseits nicht, dass solche Grenzen nicht beachtet werden müssen. Entscheidend ist hierfür wiederum weniger die Venia Legendi und die Approbation, sondern die Frage, ob ein Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs der anderen Disziplin geleistet worden ist.

In ähnlicher Weise wird manchmal das Denken in einem Axiomensystem oder im Rahmen eines Algorithmus’ mit der Anerkennung von SP in der Wissenschaft verwechselt. Oft geschieht das von mathematischen Laien, die nicht wissen, dass das Aufstellen eines Axiomensystems ein ständiges Überschreiten und Ausprobieren anderer Ansätze erfordert.

Problem 2: Sind SP zur Absicherung einer wissenschaftlichen Lehrmeinung erforderlich?

Hier müsste ich wiederholen, was ich zur Bewertung eines SP durch den Kritischen Rationalismus bereits gesagt habe: SP tragen demnach nicht zur Absicherung einer wissenschaftlichen Lehrmeinung bei, sondern zerstören ihre wissenschaftliche Qualität. Die Lehrmeinung wird zu einem Glaubensartikel.

Es gibt aber noch einen anderen Aspekt, der hier zu erörtern ist. Die Leistungsfähigkeit wissenschaftlicher Theorien und Methoden ist – wie die aller Artefakte – begrenzt. Muss der Wissenschaftler, zum Beispiel in der Lehre, nicht zwangsläufig SP setzen, um die Überdehnung der von ihm vertretenen und vermittelten Inhalte zu verhindern? Um beispielsweise zunächst einmal die Leistungsfähigkeit seines Ansatzes zu demonstrieren? Wird der Wissenschaftler in einem Kommunikationsprozess beispielsweise durch das Einbringen von anderen Problemen an der Demonstration der Leistungsfähigkeit seines Ansatzes behindert, so ist es nicht er, der SP setzt. Dabei ist vorausgesetzt, dass die Leistungsfähigkeit auch wirklich demonstriert wird. In diesem Prozess wird es immer auch die Chance geben müssen, die Grenzen des Ansatzes zu diskutieren. Setzt der Wissenschaftler an dieser Stelle einen SP, so scheidet er – wie oben bereits begründet – aus dem Wissenschaftsspiel aus und setzt sich der moralischen Kritik aus, etwas darstellen zu wollen, was man nicht mehr ist. Andere Wissenschaftler werden womöglich den Diskurs an dieser Stelle fortführen (müssen).

Stopp-Punkte als Mittel zur Kontrolle des wissenschaftlichen Diskurses

Die Unmöglichkeit von SP im wissenschaftlichen Diskurs ist ein billiger Trost für den, der den real existierenden Stopp-Punkten in der wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Diskussion ausgesetzt ist. Das Ausscheiden eines Wissenschaftlers, der SP setzt, aus der wissenschaftlichen Diskussion kann nicht verhindern, dass er in seiner sozialen Position als berufener Wissenschaftler verharrt und die Diskussion mit anderen Mitteln fortsetzt, und zwar um andere Interessen (siehe die Definition des Wissenschaftlers) durchzusetzen. Damit verliert die Diskussion zwar ihren wissenschaftlichen Charakter, was aber nicht verhindert, dass sie Folgen für den wissenschaftlichen Diskurs hat.

Um diese Phänomene zu verstehen, muss noch einmal daran erinnert werden, dass Symbole die Schnittstelle zwischen Welt 3, Welt 2 und Welt 1 darstellen. Der wissenschaftliche Diskurs ist wesentlich durch die zeitliche Abfolge der Produktion von Symbolen bestimmt und nur zum Teil durch die logischen Beziehungen, die ansonsten die Welt 3 konstituieren. Da Symbole (Diskurse) in Diskussionen produziert werden, und diese von vielseitig interessierten und abhängigen Menschen geführt werden, lassen sich Diskurse über Diskussionen und dem damit verbundenen personalen Aspekt steuern. Einschüchterung (nach Johan Galtung eine Art psychischer Gewalt), Disziplinierung, Überredung, Bestechung, Drohung, Erpressung, Folter, u. v. a. m. sind Mittel, durch die über die personale Schnittstelle auf die Welt 3 eingewirkt werden kann.

Warum wenden Menschen solche Mittel an, um auf die nur virtuelle Welt, in der sich wissenschaftliche Diskurse bewegen, Einfluss zu nehmen? Weil diese auf die anderen Welten zurückwirken. Im allgemeinen, so stellt Popper fest, orientieren die Artefakte der Welt 3 menschliches Handeln und wirken so – d.h. rein technisch – vermittelt über die Psyche auf die physische Welt ein. Im Umkreis der Wissenschaft als soziale und verrechtlichte Institution sind jedoch auch noch andere Beziehungen wichtig. Bestimmte, formal charakterisierbare Diskurse (Bachelor- und Masterarbeiten, Dissertationen, Gutachten etc.) sind in Entscheidungsprozessen relevant, die soziale Positionen von Menschen als Wissenschaftler determinieren. Insofern ist die Kontrolle über die Produktion von Diskursen Bestandteil eines reproduktiven Kreislaufes, in dem Diskurse die soziale Position bestimmen und soziale Positionen und Netzwerke Chancen darstellen, Diskurse zu produzieren und zu beeinflussen.

Ist der Prozess der Produktion von Diskursen zur Erlangung einer Position, aus der heraus man Diskurse noch besser produzieren kann, erst einmal in Gang gekommen, so verstärkt er sich selbst und gewinnt ein Eigenleben, das unter Umständen mit der Eigenlogik eines wissenschaftlichen Diskurses mit dem primären Ziel der Wahrheitsfindung nur noch wenig zu tun hat.

Die offene Flanke der sozial definierten Wissenschaft

Die sich selbst reproduzierende Diskursproduktion in der sozial, rechtlich und ethisch verfassten Institution Wissenschaft kann nur funktionieren, solange wenigstens der Schein aufrecht erhalten wird, im Bereich wissenschaftlicher Diskurse zu operieren. In diesem Bereich gibt es keine SP. Das bedeutet, dass ein sozial verfestigter Anspruch, der sich auf bestimmte Diskurse stützt, durch Disqualifizierung dieser Diskurse als unwissenschaftlich angegriffen und abgewiesen werden kann. Darin besteht die offene Flanke der sozial verfassten Wissenschaft und ihrer honorablen Repräsentanten. Es gibt nichts, das geeignet wäre, ihre Diskurse, die sie in möglichst hoher Auflage gedruckt sehen wollen und neuerdings noch massenhaft ins Internet stellen, zu schützen. Zum einen ist da schon der normale wissenschaftliche Fortschritt, der bestehende Diskurse schnell veralten lässt. Noch gefährlicher ist, dass Diskurse dem Zweck der Erkenntnis- und Wahrheitsfindung dienen (sollen) und in dem Maße leichte Beute anderer Diskurse werden können, wie sich ihre Produktion von jenen Zielen bereits entfernt hat und anderen Zielen dient – zum Beispiel dem Sammeln von Geld, Titeln oder Punkten im Handelsblattranking.

Die Freiheit des Wissenschaftlers

Man könnte meinen, dass der Wissenschaftler an keine anderen „Gesetze“ und moralische Maximen als dem Gebot der Wahrheitsfindung gebunden ist, solange er im Bereich der wissenschaftlichen Diskurse operiert. Aber das verkennt die oben skizzierte technische und soziale Rückwirkung, die Diskurse auf die anderen Welten haben. In dieser – und nur in dieser Beziehung ist „die übliche Moral“ auch auf Theorien anzuwenden (Lenk / Maring 2008). Um dies genauer zu sagen: Selbstverständlich können auch Diskurse moralisch bewertet werden, insofern sie einen moralisch bewertbaren Gegenstand thematisieren oder moralisch relevante Handlungen steuern. Insofern kann auch eine wahre Theorie moralisch verwerflich sein, wenn sie einen Sachverhalt behauptet, der Menschen in ihrer Würde verletzt. Wenn jedoch andere Werte als die Wahrheit ins Spiel kommen, bleibt es nicht beim Wert der persönlichen Würde und Ehre, so dass eine Interessenabwägung stattfinden muss zwischen der ehrverletzenden Wahrheit und dem Interesse, das andere daran haben können, diese Wahrheit zu kennen. In der Bundesrepublik Deutschland schließt der Gesetzgeber tadelnde Urteile über wissenschaftliche, künstlerische und gewerbliche Leistungen von der Strafverfolgung aus (§ 193 StGB), sofern sich nicht aus der Form der Äußerung ein zusätzlicher Anknüpfungspunkt für eine Ehrverletzung ergibt.

Für den Umgang mit Diskursen kann zunächst prinzipiell festgestellt werden, dass es sich um Sachen und nicht um Personen handelt, so dass das Strafrecht keine unmittelbare Bedeutung haben kann: Könnte man Diskurse beleidigen, beschädigen oder töten, so gäbe es keine Grundlage, diese Missetaten strafrechtlich zu verfolgen. Diese Bemerkung scheint absurd, gewinnt aber sofort auf dem Hintergrund des evolutionären Vorteils des Menschen vor dem Tier, wie er von Popper herausgestellt wird, einen Sinn. Popper meint, dass sich Menschen wie Tiere von ihren Erwartungen (Theorien) leiten lassen, dass aber die Tiere mit ihren falschen Theorien (Erwartungen) untergehen, während Menschen die Theorien an ihrer Stelle sterben lassen. Im Kontext seiner Wissenschaftstheorie dürfte dabei klar sein, dass er die Falsifikation von Theorien meint, also einen aktiven, von Menschen betrieben Vorgang, durch die wir Theorien „sterben“ lassen – wofür man in Bezug auf Personen den Begriff der vorsätzlichen Tötung, also Mord, verwenden würde.

Wie werden Theorien – im Rahmen dieser Erörterung also spezifische Diskurse – „ermordet“? Da Diskurse so lange bestehen, wie ihre Träger existieren, diese bei der Falsifikation aber gar nicht beseitigt werden (sollen), kann der „Mord“ an einem wissenschaftlichen Diskurs nur in seiner Verbannung aus dem Bereich der wissenschaftlichen Diskurse in der Welt 3 bestehen. Komplette Bücherverbrennungen vernichten die Träger der Symbole, aber sie schaffen neue Diskurse, die auf jene Symbole hinweisen, deren Existenz eigentlich beseitigt werden sollte – insofern haben die so vernichteten Diskurse nach wie vor einen Platz in der Welt 3, wenn auch nur als logische Möglichkeit.

Poppers Satz vom Sterben unserer Theorien drückt die Brutalität aus, die im Feld wissenschaftlicher Diskurse herrscht: Sein oder Nicht-Sein ist hier die Frage. Der „Mord“ an einer wissenschaftlichen These kommt in keinem Strafgesetzbuch vor. Strafrechtlich geringer eingestufte Delikte wie Diebstahl, Sachbeschädigung, Verleumdung etc. erst recht nicht. Insofern ist die Bezeichnung einer wissenschaftlichen These als Nonsens kein Delikt, das durch Ombudspersonen geahndet werden könnte. Der Diebstahl geistigen Eigentums dagegen ist ein Akt in der sozialen Welt, nicht in der Welt 3, und unterliegt nicht nur den einschlägigen Gesetzen, sondern auch den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis. Um das, was im Bereich wissenschaftlicher Diskurse geschieht, adäquat zu beschreiben, verwendete Lyotard die Bezeichnung des „Kampfes“, wobei nicht ganz ausgeschlossen werden kann, dass der damit nicht nur Diskurse, sondern auch wissenschaftliche Diskussionen meint.

Poppers Diktum ist aber auch nur die halbe Wahrheit: Mit dem Sterben unserer Theorien stirbt auch ein Stück unserer Reputation, die – wenn auch vermittelt über eine Reihe von sozialen Prozessen – unsere soziale Position als Wissenschaftler definiert. Für Wissenschaftler gilt: Als Wissenschaftler sterben sie mit ihren Theorien, wenn auch etwas später.

Kritik an Popper und Habermas

Der oben beschriebene Fakt, die sich verstärkende und eine Eigenlogik gewinnende Selbstreproduktion von Diskursen und Diskussionen, und nicht die oft bemühte menschliche Eitelkeit oder andere psychologische Faktoren, ist es, der die methodologische Maxime des Kritischen Rationalismus, die eigenen Theorien kritisch zu überprüfen und gegebenenfalls preiszugeben, ins Leere laufen lässt. Die soziale Reproduktion der Diskursproduktion erfordert, in erster Linie die Theorien der Anderen zu kritisieren. Nur so ist wissenschaftlicher Fortschritt (die Annäherung an die objektive Wahrheit) mit den sozialen Reproduktionsbedingungen (die Erlangung und Festigung der Position eines gesellschaftlich anerkannten Wissenschaftlers) vereinbar.

Der herrschaftsfreie Dialog, als empirisches Konzept zur Erfassung wissenschaftlicher Diskussionen aufgrund der vielfältigen Interessenlagen wohl kaum geeignet, kann programmatisch gedeutet und als Beschreibung der sozialen Bedingungen angesehen werden, die realisiert werden müssten, um in der wissenschaftlichen Diskussion die Verhältnisse herzustellen, die im wissenschaftlichen Diskurs sowieso existieren. Wenn aber der wissenschaftliche Diskurs an sich herrschaftsfrei ist, wozu brauchen wir dann noch den herrschaftsfreien Dialog? Bedenkt man, dass Macht- und Herrschaftsansprüche in der Kommunikation und in der wissenschaftlichen Diskussion vor allem durch SP durchgesetzt werden, und SP ein Abgleiten des „Dialogs“ in den nicht- und unwissenschaftlichen Bereich bewirken, so dient die Forderung nach einem herrschaftsfreien Dialog unmittelbar der Sicherung der Rahmenbedingungen, die für die Produktion wissenschaftlicher Diskurse notwendig (möglicherweise aber nicht hinreichend) sind.

Kritik in der Welt 3 und Kritik als Institution

Das Streben nach Erkenntnis erfordert die Fortführung wissenschaftlicher Diskurse, wenn die absolute Wahrheit niemals erreicht und – hätten wir sie erreicht – sie als solche niemals erkannt werden kann (Unmöglichkeit des Gottesstandpunktes). Die Fortführung eines Diskurses muss ihn zwangsläufig überschreiten, nicht nur in dem Sinne, dass neue sinnvolle Symbole produziert werden, sondern vor allem in dem Sinne, das bestehende Geltungsansprüche relativiert, also kritisiert werden. Kritik ist demnach eine notwendige Bedingung wissenschaftlichen Fortschritt. Niemand braucht einen neuen Diskurs, wenn der alte nicht kritisiert werden muss, weil sein Geltungsanspruch berechtigt ist. Doch auch die Tatsache, dass innerhalb eines Diskurses ein Geltungsanspruch berechtigterweise erhoben worden ist, erfordert Kritik in dem Sinne, dass er zu anderen Diskursen in Beziehung gesetzt wird – im Bereich der empirischen Wissenschaften z.B. zu einem Diskurs, der die relevanten Daten enthält. Wenn im Kritischen Rationalismus die Kritisierbarkeit als allgemeines Abgrenzungskriterium zwischen Wissenschaft und Metaphysik definiert wird, so folgt daraus mit Notwendigkeit, Kritik als die wissenschaftliche Diskursmethode und Institution überhaupt anzusehen. Im Bereich der Welt 3 handelt es sich jedoch um keine Institution, sondern um einen Diskurs, der mindestens zwei weitere Diskurse miteinander konfrontiert und damit auch in einen Zusammenhang bringt. Ist das Ergebnis der Kritik, dass ein bereits bestehender Diskurs mit seinen Geltungsansprüchen zurückgewiesen und aus dem Bereich wissenschaftlicher Diskurse verbannt werden muss, so entsteht das interessante Phänomen, dass geltender und verbannter Diskurs eng zusammenhängen, obwohl zwischen ihnen eine Grenze verläuft. Der Wissenschaftler „wohnt“ deshalb meistens an einem schmalen Steg, der vom Land der Wissenschaft zum Land der nicht- und unwissenschaftlichen Artefakte führt, ohne allzu genau zu wissen, auf welcher Seite er sich gerade befindet – was den einen oder anderen jedoch nicht daran hindert, mit dem pastoralen Gestus eines Hohenpriesters auf andere herabzublicken und bei kritischen Fragen SP zu setzen.

Und um noch ein anderes Bild zu bemühen und zugleich richtig zu stellen: Man sollte sich den Bereich wissenschaftlicher Diskurse in der Welt 3 nicht wie eine einsame Insel in einem Ozean unwissenschaftlicher Artefakte (Beispiele gefällig? Pegasus, das Platonische Höhlengleichnis, etc.) vorstellen, sondern eher als eine Gruppe von kultivierten Inseln auf einem Wandelstern, die sich ständig in ihrer Ausdehnung und Lage verändern, wobei die wissenschaftlichen Diskurse nur einen Teil dieser Inseln ausmachen, der im Unterschied zu anderen Teilen nach ganz besonderen Prinzipien geordnet worden ist. Auch in diesem Punkt könnte ich Lyotard zitierend bemühen.

Nachbemerkung/Literaturverzeichnis

Auf den Nachweis allgemein bekannter Thesen habe ich verzichtet. Weniger bekannt dürfte sein:

Hans Lenk / Matthias Maring: Ethik der Wissenschaft – Wissenschaft der Ethik. In: Erwägen Wissen Ethik. Jg. 19/2008 Heft 4. S. 493 (13).

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