Buchbesprechung von Andreas Tögel mit Kommentaren von Friedrun & Georg Quaas

Andreas Tögel bespricht das Buch von Friedrun Quaas und Georg Quaas: Die Österreichische Schule der Nationalökonomie. Darstellung, Kritik und Alternativen, Marburg 2013, auf misesde.org. Die Autoren kommentieren diese Besprechung absatzweise.

Andreas Tögel:

Anders als der Titel verheißt, liegt hier keine umfassende Auseinandersetzung mit den historischen und rezenten Ideen der „Österreichischen Schule“ (ÖS) vor. Die beiden Autoren haben vielmehr einen einzigen, wichtigen Baustein in der Arbeit eines einzelnen Vertreters dieser Schule auserkoren, um darauf ihren Generalangriff auf die Ideen der „Austrians“ zu gründen, der nicht ohne Bosheit und Häme vorgetragen wird.

F. & G. Quaas:

Das ist nicht richtig. Die ÖS ist in unserem Buch ausführlich dargestellt worden. Ergänzende Ausführungen zur 5-plus-Generation findet man in dem Buch Booms, Busts und blinde Flecken, herausgegeben vom Forschungsseminar „Politik und Wirtschaft“ und im selben Verlag (Metropolis) 2013 erschienen. Es handelt sich auch nicht nur um eine bloße Darstellung, sondern – wie der Untertitel sagt – um eine Kritik, die vor allem an einer für alle späteren Austrians zentralen Theorie geübt wird, deren Kern ein mathematisches Objekt ist: das Hayek’sche Dreieck. Zu einer Kritik gehört, Fehler, Widersprüche, veraltete Sichtweisen etc. klar zu benennen, aber auch, richtige Einsichten in einem umfassenderen Modell (eine der im Untertitel erwähnten Alternativen) zu bewahren. Letzteres ist Andreas Tögel entgangen, da er bei jeder mathematischen Formel Rot sieht. Aber dafür maßt er sich hellseherische Fähigkeiten an und glaubt hinter einer sachlichen Darstellung die „Bosheit und Häme“ der Autoren erkennen zu können! Aber auch in diesem Punkt irrt sich der Rezensent. Mit Menschen, die in der Wissenschaft eine Art Religionsersatz suchen und deshalb auf Kritik empfindlich reagieren, empfinden wir eher Mitleid. Leider kann man auf die Gefühle dieser Menschen keine Rücksicht nehmen, da es in der Wissenschaft nun einmal um andere Dinge geht als Trost zu spenden, Ikonen aufzubauen und das Gefühl einer kuscheligen Gemeinschaft zu vermitteln.

Andreas Tögel:

Im ersten Kapitel werden, nach einer Beschäftigung mit der Frage, was denn eine wissenschaftliche „Schule“ ausmacht, die wichtigsten „Österreicher“ aufgezählt, wobei deren heutige Vertreter kaum mehr als in Fußnoten genannt werden. Der Befund gipfelt in der Behauptung, daß wegen der stark auseinandergehenden, ja einander gar widersprechenden Überzeugungen der Protagonisten, von einer „Bastardisierung“ der Schule gesprochen werden müsse, ja sogar zweifelhaft sei, ob der Begriff „Schule“ überhaupt angebracht ist.

F. & G. Quaas:

Da hätte er einfach mal in das dritte und vierte Kapitel schauen müssen, bevor er die Rezension anfängt zu schreiben. Dort findet man separate Abschnitte zu Sell, Sauer, Schnabl, Hoffmann. Garrison spielt im ganzen Buch eine Rolle. Tögel als Mathematik-Feind muss man offenbar erklären, dass eine Aufzählung eine Liste von Namen ist, wie wir sie zum Beispiel eben geliefert haben. Im Buch werden die Ideen der Austrians nicht einfach nur „aufgezählt“, sondern ausführlich diskutiert. Dass dabei eine Auswahl getroffen werden muss, versteht sich wohl von selbst. Ob es sich bei der nachweisbaren Heterogenität der Denkansätze um eine wissenschaftliche Schule handelt, ist eine Frage, die man aus wissenschaftstheoretischer Sicht durchaus aufwerfen kann, auch wenn einem Laien das nicht gefällt.

Andreas Tögel:

Im zweiten Kapitel wird die „österreichische“ Konjunkturzyklustheorie aufs Korn genommen, wobei das Werk F. A. Hayeks, des – wegen seines 1944 präsentierten Bestsellers „The Road to Serfdom“ und seines 1974 errungenen Wirtschaftsnobelpreises – prominentesten Vertreters dieser Schule, im Zentrum der Kritik steht. Der Aufbau seiner Gedanken auf dem geometrischen Hilfsmittel des Dreiecks, sein weitgehender Verzicht auf Mathematik und die Ablehnung, in Aggregaten zu denken, hätten letztlich eine zur Erklärung des Phänomens „Überinvestition“ völlig untaugliche Theorie hervorgebracht.

F. & G. Quaas:

Was damit „The Road to Serfdom“ zu tun hat, erhellt sich nicht. Hayeks Phase als Sozialphilosoph verdient eine separate Würdigung. Mit den ökonomischen Theorien der späteren Austrians hat dieses Werk wenig zu tun, auch wenn einige Eklektiker diesen Eindruck erwecken wollen. Im Übrigen ist ein Dreieck ein mathematisches Objekt. Und wenn sich darum eine bis heute gepflegte (wenngleich widerlegte) Theorie rankt, kann man wohl kaum von einem Verzicht auf Mathematik sprechen. Allerdings kommen manche Leute über einige geometrische Vorstellungen nicht hinaus und können schon die algebraische Darstellung eines Dreiecks nicht mehr verstehen. Dafür ist Andreas Tögel ein weiteres Beispiel aus den Reihen der Austrians. Und wenn Hayek zwar gegen ökonomische Aggregate und Durchschnittsgrößen polemisiert, dann aber in solchen denkt, ist das einer der logischen Widersprüche, die man ihm vorwerfen kann. In seiner englischen Fassung von „Preise und Produktion“ hat Hayek übrigens selber bemerkt, dass man ihm diesen Vorwurf machen kann (Friedrich A. Hayek: Prices and Production. New York 1931. 70 f.).

Andreas Tögel:

Hayeks „Überinvestitionstheorie“, besser gesagt, deren vernichtender Kritik, ist dann das dritte Kapitel gewidmet. Dieser Teil des Buches stützt sich zu großen Teilen auf die Arbeiten des 1983 in Cambridge verstorbenen, italienischen Ökonomen Piero Sraffa. Die beiden Autoren leugnen zwar nicht, daß zyklische Krisen, wie von Hayek und zuvor bereits von Mises festgestellt wurde, auch monetäre Ursachen haben können, betonen aber, daß Hayek beim Versuch seiner Beweisführung hierfür auf der ganzen Linie gescheitert sei. Weder seine Überinvestitions- noch die Mises´sche Fehlallokationstheorie (die auf der Kritik einer durch Zinsmanipulation künstlich herbeigeführten Kreditexpansion beruht) würden einer kritischen Analyse standhalten.

F. & G. Quaas:

Auch hier irrt der Rezensent. Es geht im dritten Kapitel in erster Linie um eine Rekonstruktion des Hayek’schen Modells einer (geschlossenen) Volkswirtschaft aus dem Jahre 1931. Dabei hat sich der Autor an die von Hayek selbst gesetzten strengen Regeln gehalten. Wenn bei dieser Rekonstruktion Probleme deutlich werden, so liegt das am Gegenstand, nicht am Kritiker. Die inzwischen – nach 80 Jahren – vorliegenden Kritiken sind auch keineswegs einfach übernommen, sondern ebenfalls kritisch gewürdigt worden.

Andreas Tögel:

Die heute lebenden Vertreter der „New Austrian School of Economics“ (NASE) trifft der Vorwurf, die gegen die Theorien der zweiten und dritten Generation der Austrians vorgebrachte Kritik schlicht und einfach zu ignorieren. So sei die von ihnen immer wieder erhobene Behauptung, Geschäftsbanken würden „Geld aus dem Nichts“ schöpfen, falsch, da diesen für Ausleihungen im Gegenzug ja schließlich Sicherheiten geboten werden müssten. Gerade dieser Kritik ist indes durch jene Ereignisse, die zur amerikanischen „Subprimekrise“ geführt haben, offensichtlich der Boden entzogen. Was die von den Banken verlangten (verbrieften) „Sicherheiten“ wert waren, hat sich ja längst gezeigt. Aber selbst wenn den Banken von den Kreditwerbern einwandfrei belastbare „Collaterals“ geboten werden, ändert das nichts daran, daß mit dem Akt der Kreditvergabe elediglich eingesammelte und weiterverliehene Spargroschen handelt es sich ja in der Tat nicht. Das war einmal. Das von ihnen heute verliehene Geld war vorher schlicht nicht da. Bemerkenswert, daß diese ebenso entscheidende wie offensichtliche Tatsache von den Autoren nicht nur ignoriert, sondern sogar glatt bestritten wird…

F. & G. Quaas:

Die US-amerikanische Subprimekrise belegt, wie wichtig hinterlegte Sicherheiten für das globale Finanzsystem sind. Wenn in den Theorien der Austrians diese Sicherheiten kaum eine Rolle spielen, weil sie in der Regel die Zweistufigkeit des modernen Bankensystems ignorieren, dann leisten sie eben jener Unterschätzung der Sicherheiten Vorschub. Das von den Banken geschöpfte Geld basiert zwar weitgehend tatsächlich nicht auf den aktuell eingesammelten Spargroschen ihrer Kunden, dafür aber auf derem Vermögen, das oftmals in Jahrzehnten angespart wurde und über das Kreditwesen einer (weiteren) volkswirtschaftlichen Nutzung zugeführt wird. Tögel muss sich schon mit Hayek selber auseinandersetzen, wenn er gegen das moderne Kreditwesen zu Felde ziehen möchten. Was sagen eigentlich seine Hausbank und seine Unternehmerkollegen von der Partei der Vernunft zu der These, dass Kredit eine Schöpfung von Geld aus dem Nichts darstellt?

Andreas Tögel:

Im vierten Kapitel wird schließlich ein alternatives “Mengenmodell“ als Grundlage einer Konjunktur- Krisen- und Wachstumstheorie vorgestellt. Hier sind die beiden Autoren dort angekommen, wo die Neoklassik seit Paul Samuelsen steht: Mitten in der reinen Mathematik. Wirtschaftliches Handeln wird alles Menschlichen vollständig entkleidet und auf Formeln und Modelle reduziert. Genau in diesem Punkt hebt sich die ÖS, welche die Logik menschlichen Handelns in den Mittelpunkt stellt, fundamental von den anderen rezenten Denkrichtungen der Ökonomie am deutlichsten ab.

F. & G. Quaas:

Im Mittelalter finden wir die gleiche Skepsis gegenüber der Anwendung der Mathematik auf Probleme der Naturwissenschaft wie heute bei einigen Heterodoxen gegenüber ihrer Anwendung in der Ökonomie. Dabei wird übersehen, dass quantitative Verhältnisse nun einmal so am besten dargestellt werden können. Hayek, Morgenstern, Machlup, Gerschenkron, Sell, Garrison, Kirzner u.a. haben deshalb auch freimütig auf dieses Hilsmittel zurückgegriffen. Aber es gibt eben wie überall auch Pfusch auf diesem Gebiet. Aber wie soll ein Mathematikfeind wie Tögel den Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten mathematischen Modellierung ökonomischer Theorien erkennen können? Im vierten Kapitel geht es um den Nachweis, dass die engen Grenzen des Hayekschen Dreiecks im Mengenmodell der Neoricardianischen Schule überwunden werden können. Den Neoricardianern ging es überigens um etwas anderes, nämlich darum, die relativen Preise, von denen Hayek immer bloß spricht, ohne in der Lage zu sein, sie zu rekonstruieren, abzuleiten. Das ist ihnen zwar gelungen, aber diese Preise spielen so wie die Marxschen Werte in der Realität keine Rolle.

Andreas Tögel:

Der letzte Teil des Buches will übrigens nicht so recht zu dessen Titel und den übrigen Kapiteln passen und wirkt irgendwie „aufgepappt“. So, als ob man in einer Abhandlung über Wasserlaufkraftwerke am Ende plötzlich den Vorzug von Winderädern hervorheben wollte. Der Leser kann sich schwer des Gefühls entziehen, daß der hauptsächliche Antrieb und das wesentlichste Anliegen der Autoren weniger in der Auseinandersetzung mit der ÖS bestanden hat, als vielmehr in der Präsentation ihrer hier ausgebreiteten, eigenen Überlegungen. Über deren Qualität ein kompetentes Urteil zu fällen, sind nun nicht zuletzt die von ihnen geschmähten Protagonisten der NASE gefordert…

F. & G. Quaas:

Da sind wir aber gespannt… Uns wäre allerdings wichtiger zu hören, was Leute wie Schefold oder Kurz dazu sagen, denen man zutrauen kann, dass sie die entsprechenden mathematischen Fähigkeiten besitzen. Im letzten Kapitel ging es darum, die theoretischen Grundlagen für den Neuansatz zu legen, der das HD verzichtbar macht. Dazu braucht man etwas mehr Platz als in einem Zeitschriftenartikel zur Verfügung steht. Da Tögel an einer Weiterentwicklung der ökonomischen Theorie wohl weniger als an der Verehrung von (halben) Nobelpreisträgern interessiert ist, erscheint ihm dieser wichtige Teil, der übrigens in dem oben zitierten Buch eine Fortsetzung gefunden hat, als „aufgepappt“. Wir könnnen ihm darauf nur mit einem Zitat aus dem Buch eines anderen Österreichers antworten: Worüber man nicht reden kann, sollte man schweigen.

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