{"id":718,"date":"2025-02-17T18:53:53","date_gmt":"2025-02-17T17:53:53","guid":{"rendered":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=718"},"modified":"2025-02-17T19:01:33","modified_gmt":"2025-02-17T18:01:33","slug":"konspekt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=718","title":{"rendered":"Konspekt"},"content":{"rendered":"<p>zu Klaus M\u00fcller: Steile Pfade, lichte H\u00f6hen. Marxistische Wirtschaftstheorie im 21. Jahrhundert. Mangroven Verlag 2024. 463 Seiten. 36 Euro. Vorliegend ein unangefordert eingegangenes  Rezensionsexemplar, das ausf\u00fchrlich konspektiert wurde.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Schwerpunkte<\/strong><\/p>\n<p>1.1\t<a href=\"#1.1\">Einf\u00fchrung<\/a><br \/>\n1.2\t<a href=\"#1.2\">Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit<\/a><br \/>\n1.3\t<a href=\"#1.3\">Hausarbeit und Wertsch\u00f6pfung<\/a><br \/>\n1.4\t<a href=\"#1.4\">Marx\u2019 Methode(n)<\/a><br \/>\n1.5\t<a href=\"#1.5\">Abstrakte und gleiche menschliche Arbeit<\/a><br \/>\n1.6\t<a href=\"#1.6\">M\u00fcllers polit\u00f6konomische Zeit<\/a><br \/>\n1.7\t<a href=\"#1.7\">Erste und zweite Vergegenst\u00e4ndlichung<\/a><br \/>\n1.8\t<a href=\"#1.8\">Wert und gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit<\/a><br \/>\n1.9\t<a href=\"#1.9\">Messung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit<\/a><br \/>\n1.10\t<a href=\"#1.10\">Marx\u2019 Preistheorie<\/a><br \/>\n1.11\t<a href=\"#1.11\">Der Begriff des Marktwerts<\/a><br \/>\n1.12\t<a href=\"#1.12\">Einfache und kapitalistische Warenproduktion<\/a><br \/>\n1.13\t<a href=\"#1.13\">Nochmals: Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit<\/a><br \/>\n1.14\t<a href=\"#1.14\">Proportionalit\u00e4t von Wert und Arbeitszeit<\/a><br \/>\n1.15\t<a href=\"#1.15\">Was ist der Wert?<\/a><br \/>\n1.16\t<a href=\"#1.16\">M\u00fcller und das neoricardianische Modell<\/a><br \/>\n1.16.1\t<a href=\"#1.16.1\">M\u00fcllers Arbeitszeitrechnung<\/a><br \/>\n1.16.2\t<a href=\"#1.16.2\">Ein voraussichtliches Gegenargument<\/a><br \/>\n1.17\t<a href=\"#1.17\">Kompliziertheitsgrad der Arbeit<\/a><br \/>\n1.18\t<a href=\"#1.18\">Die Intensit\u00e4t der Arbeit<\/a><br \/>\n1.19\t<a href=\"#1.19\">Der Wert, ein gesellschaftliches Verh\u00e4ltnis?<\/a><br \/>\n1.20\t<a href=\"#1.20\">Produktionspreis<\/a><br \/>\n1.21\t<a href=\"#1.21\">Geld<\/a><br \/>\n1.22\t<a href=\"#1.22\">Datengrundlage<\/a><br \/>\n1.23\t<a href=\"#1.23\">Definition der Ware<\/a><br \/>\n1.24\t<a href=\"#1.24\">Abschreibung<\/a><br \/>\n1.25\t<a href=\"#1.25\">Mehrwert und konstantes Kapital<\/a><br \/>\n1.26\t<a href=\"#1.26\">Abgeschriebene Maschinen<\/a><br \/>\n1.27\t<a href=\"#1.27\">Irrationales<\/a><br \/>\n1.28\t<a href=\"#1.28\">Organische Zusammensetzung<\/a><br \/>\n1.29\t<a href=\"#1.29\">Erweiterte Reproduktion<\/a><br \/>\n1.30\t<a href=\"#1.30\">Marx\u2019 Kostpreisirrtum<\/a><br \/>\n1.31\t<a href=\"#1.31\">Mehrwertrate und Produktivit\u00e4t<\/a><br \/>\n1.32\t<a href=\"#1.32\">Sinkende Wertzusammensetzung?<\/a><br \/>\n1.33\t<a href=\"#1.33\">Rententheorie<\/a><br \/>\n1.34\t<a href=\"#1.34\">Wer ist ein Marxist?<\/a><br \/>\n1.35\t<a href=\"#1.35\">M\u00fcllers Wertbegriff und die Wert\u00fcbertragung<\/a><br \/>\n1.36\t<a href=\"#1.36\">Literatur<\/a><\/p>\n<h2 id=\"1.1\">1.1 Einf\u00fchrung<\/h2>\n<p>Das Ziel des Autors besteht darin, sich \u201eeinigen der scheinbaren oder tats\u00e4chlich ungel\u00f6sten Probleme der marxistischen \u00f6konomischen Theorie zuzuwenden\u201c. Dabei sollen \u201ekontroverse Interpretationen ausgew\u00e4hlter Themen der drei Kapital-B\u00e4nde\u201c im Mittelpunkt stehen. (23) Pr\u00e4sentiert wird eine sich \u00fcber zwei Buchseiten erstreckende Liste von Fragen, die er\u00f6rtert werden sollen. <\/p>\n<p>Im Widerspruch zur erkl\u00e4rten Absicht beginnt M\u00fcller mit der Darstellung der Urgesellschaft.  Ernest Mandel zitierend wird behauptet, dass in diesem Stadium der menschlichen Entwicklung kein Mehrprodukt anfiel, weil alles Produkt notwendig zum \u00dcberleben war. \u201eVorr\u00e4te werden nicht angelegt.\u201c (26) Man fragt sich, wie die Urmenschen \u00fcber den Winter kamen und was sie mit dem Teil der Beute taten, der nicht sofort verzehrt werden konnte. Waren sie d\u00fcmmer als Graumulle oder Eichh\u00f6rnchen? Doch von solchen Kleinigkeiten sollten wir uns nicht aufhalten lassen: Wie mit einem Elektroroller werden wir durch M\u00fcllers Museum der fr\u00fchzeitlichen Geschichte der Menschheit chauffiert, in dem sich alles um zwei Begriffe dreht: um den der Notwendigkeit und den des Mehrprodukts. Auf wenigen Seiten werden mindestens 18-mal gewisse Notwendigkeiten beschworen. \u00dcberwiegend geht es um die Notwendigkeit, die Bed\u00fcrfnisse einer langsam, aber stetig wachsenden Zahl von Menschen materiell zu befriedigen, und au\u00dferdem darum, wie sich nach und nach ein gewisses Mehrprodukt herausbildete. Nachdem auf 11 Seiten die Urgemeinschaft skizziert worden ist, folgen 5 \u00bd Seiten zum Thema Feudalismus, eine Gesellschaftsformation, die unter demselben Aspekt betrachtet wird. Auf der Seite 42 kommen wir zwar noch immer nicht zu den Problemen der \u201eKapital\u201c-Lekt\u00fcre, aber wenigstens zum Gegenstand des \u201eKapital\u201c, dem Kapitalismus, und damit zu grundlegenden Sachverhalten dieser Gesellschaftsformation, so wie sie M\u00fcller aufgrund seiner Lesart des \u201eKapital\u201c f\u00fcr gegeben erachtet: Der Lohnarbeiter ist gezwungen, seine Arbeitskraft an den Kapitalisten zu verkaufen und ihm das Mehrprodukt abzutreten. Ein Schelm, wer jetzt an das B\u00fcrgergeld denkt! Man h\u00e4tte es ahnen k\u00f6nnen, dass in diesem Abschnitt die Verwendung des Begriffs der Notwendigkeit explodiert. Das ist nicht nur eine stilistische Frage. Vielmehr geht es dem Autor darum, den Leser sachte darauf vorzubereiten, was er unter dem Begriff der \u201egesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit\u201c versteht. <\/p>\n<h2 id=\"1.2\">1.2 Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit<\/h2>\n<p>M\u00fcllers Ausgangspunkt lautet so:<\/p>\n<p>\u201eWieviel Arbeitszeit f\u00fcr das Produkt ben\u00f6tigt wird, h\u00e4ngt ab von der \u201anormalen\u2018, d.h. der bei der Herstellung des jeweiligen Produkts dominierenden Produktivit\u00e4t. Aus der Multiplikation dieser Gr\u00f6\u00dfe mit der Bedarfs- bzw. gew\u00fcnschten Menge ergibt sich die Arbeitszeit, die die Gemeinschaft insgesamt f\u00fcr das Produkt aufwenden darf.\u201c (87)<\/p>\n<p>Gleich bei der Darstellung eines so einfachen Zusammenhanges wie der Arbeitsproduktivit\u00e4t stolpert der \u00d6konom M\u00fcller \u00fcber deren mathematische Beziehung: Die Produktivit\u00e4t der n\u00fctzlichen Arbeit, bezeichnen wir sie mit &#960;, ist der Quotient aus produzierter Menge, symbolisieren wir diese kurz mit <em>a<\/em>, und der daf\u00fcr ben\u00f6tigten Zeit <em>t<\/em>, also &#960;=<em>a<\/em>\/<em>t<\/em>: Die (physische) Produktivit\u00e4t besagt, dass so und so viele Produkte je Arbeitszeit hergestellt werden. So auch M\u00fcller an anderer Stelle. (305) Ist infolge eines bekannten Bedarfs die Produktmenge vorgegeben, die produziert werden soll, ergibt sich die Arbeitszeit nicht, wie M\u00fcller schreibt, durch eine Multiplikation, sondern durch eine Division der Menge durch die Produktivit\u00e4t: <em>t<\/em>=<em>a<\/em>\/&#960;. Das ist leicht durch Umstellen der obigen Formel nachzuvollziehen.<\/p>\n<p>Der Fl\u00fcchtigkeitsfehler, den M\u00fcller hier begeht, darf uns nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass M\u00fcller in die Diskussion des Begriffs der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit den gesamtgesellschaftlichen Bedarf einstreut, aus dem sich die Arbeitszeit erg\u00e4be, \u201edie die Gemeinschaft insgesamt f\u00fcr das Produkt aufwenden darf.\u201c In Kenntnis der Marxschen Definition jenes Begriffs fragt man sich, was das mit der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit zu tun hat. Doch sehen wir weiter! Im folgenden Text ist verschl\u00fcsselt von einer Planwirtschaft die Rede: <\/p>\n<p>\u201eWerden eine willk\u00fcrliche Produktion und Aufteilung der gesellschaftlichen Arbeitszeit auf die Herstellung der unterschiedlichen Produkte ausgeschlossen, muss man einsehen, dass es auch in nicht Waren produzierenden Ordnungen eine gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit f\u00fcr die Produkte gibt.\u201c (87)<\/p>\n<p>Halten wir fest, dass es nach M\u00fcller eine gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit auch jenseits einer warenproduzierenden Gesellschaft gibt. Wir erfahren, dass die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit eine Gr\u00f6\u00dfe ist:<\/p>\n<p>\u201eDiese Gr\u00f6\u00dfe besagt, wieviel Arbeitszeit der Produzent in einer gemeinschaftlichen, arbeitsteiligen Produktion f\u00fcr seine Waren aufwenden und damit von der der Gesellschaft zur Verf\u00fcgung stehenden Gesamtarbeitszeit beanspruchen darf.\u201c (93) <\/p>\n<p>An dieser Stelle wird in den bei Marx wohldefinierten Begriff der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit der gesamtgesellschaftliche Bedarf an Gebrauchswerten eingeschmuggelt. Das hat bei M\u00fcller System und ist volle Absicht. Dem hat die wiederholte Betonung der Notwendigkeit, dass der gesamtgesellschaftliche Bedarf befriedigt werden muss, auf den einf\u00fchrenden Seiten gedient. Wie jener Begriff in Marx\u2019 Theorie tats\u00e4chlich definiert wird, dazu unten mehr. Gehen wir noch einmal zur Seite 44: Hier kommt M\u00fcller zum ersten Male auf ein wirkliches theoretisches Problem zu sprechen, n\u00e4mlich auf die Forderung einiger \u201eFeministinnen\u201c, die \u201eweibliche Umsonstarbeit\u201c in die marxistische politische \u00d6konomie hineinzuschreiben. Doch das Problem betrifft nicht nur Frauen. Es soll auch M\u00e4nner geben, die Hausarbeit leisten. <\/p>\n<h2 id=\"1.3\">1.3 Hausarbeit und Wertsch\u00f6pfung<\/h2>\n<p>Auf jenes Ansinnen gibt M\u00fcller folgende Antwort: \u201eDie Forderung ist richtig und verst\u00e4ndlich, aber \u00fcberfl\u00fcssig\u2026 Marx hat keineswegs die Reproduktion der zu Hause arbeitenden Frauen ignoriert.\u201c (44)<\/p>\n<p>Doch diese Antwort geht am polit-\u00f6konomischen Kern jener Forderung vorbei. Dass Hausarbeit, wozu u.a. Lebensmittel zubereiten, Kinder- und Altenpflege geh\u00f6ren, von Marx ber\u00fccksichtigt wird, weil sie der Reproduktion der Arbeitskr\u00e4fte dient, ist nur die halbe Wahrheit und besagt im Rahmen der Arbeitswerttheorie betrachtet noch gar nichts. Jenseits von Selbstverst\u00e4ndlichkeiten bleibt die folgende Frage: Schafft Hausarbeit \u00f6konomische Werte? Wie die meisten DDR-\u00d6konomen bestreitet M\u00fcller, dass Gebrauchswerte, die nicht f\u00fcr den Markt produziert werden, einen Wert haben. (110 ff.) Also auch die Produkte der Hausarbeit. Sie haben keinen Wert, weil sie nicht \u201ef\u00fcr den Austausch gefertigt werden.\u201c (111) M\u00fcller r\u00e4umt aber ein, dass solche Produkte in dem Moment, in dem sie auf einem Markt angeboten werden, zur Ware werden und dann auch einen Wert haben: \u201eDoch auch wenn ein Produkt nicht per se mit der Intention produziert wird, es zu tauschen, macht es der anschlie\u00dfende \u201azuf\u00e4llige\u2018, \u201avereinzelte\u2018 Tausch, sollte es dazu kommen, zur Ware. Ohne Warenproduktion und Austausch gibt es keinen Wert\u2026\u201c (114)<\/p>\n<p>Doch wie soll das gehen? Wo kommt denn der Wert der \u201ezuf\u00e4llig\u201c verkauften Ware auf dem Markt pl\u00f6tzlich her, wenn Produkte, die nicht per se f\u00fcr den Austausch produziert werden, keinen Wert haben? Welcher geheimnisvolle Zauber stattet sie pl\u00f6tzlich mit einem Wert aus, den sie auf dem Weg zum Markt noch nicht hatten? In diesem Punkt unterscheidet sich M\u00fcllers Wertbegriff in nichts von dem seines Kontrahenten Michael Heinrich, wonach der Wert \u201enur aus der Einheit von Produktion und Markt zu erkl\u00e4ren\u201c sei (Heinrich 2022: 138). Wie diese \u201eEinheit\u201c im Einzelnen aussieht und wie sie funktioniert, dass erf\u00e4hrt man weder bei dem einen noch dem anderen Autor.<\/p>\n<p>Die zweite f\u00fcr den Feminismus relevante Frage lautet: Sind Dienstleistungen, zu denen die meisten Arten der Hausarbeit geh\u00f6ren, wert- und gebrauchswertschaffende Prozesse? Auch in dieser Frage geht M\u00fcller wie die meisten Traditionsmarxisten davon aus, dass Dienstleistungen zwar Werte verbrauchen und eventuell auch auf das Produkt \u00fcbertragen, aber keine schaffen. (102 f.) Seine Antwort auf jene Forderungen ist also nichts anderes als das Trostpflaster, das man den theoretisch interessierten Frauen schon immer aufgetischt hat. Jene von Marx nur schwach beleuchteten Prozesse bleiben im Rahmen der traditionellen Marx-Interpretation im Dunkeln. <\/p>\n<p>Die Konsequenzen der unterschiedlichen Interpretationen sind bedeutend. Die \u00fcbliche Interpretation lautet: \u201eFrauen- und Kinderarbeit entwerten die Arbeitskraft des Mannes, so Marx.\u201c Und so sieht es auch M\u00fcller (45). Der Grund bestehe darin, dass durch Frauen- und Kinderarbeit der \u201eWert der Arbeitskraft des Mannes \u00fcber seine ganze Familie\u201c verteilt werde. (MEW 23: 417) Doch das kann unm\u00f6glich so sein. Werte k\u00f6nnen erzeugt und \u00fcbertragen werden. Eine Verteilung von Werten ist auch m\u00f6glich, aber nur, wenn der Tr\u00e4ger des Werts aufgesplittet und verteilt werden kann. Das ist im Fall der Arbeitskraft nicht anzunehmen. Marx\u2019 Darstellung kann deshalb nur in \u00fcbertragenem Sinn gemeint sein. Mit \u201eentwerten\u201c meint er wahrscheinlich nichts anderes als eine relative Verringerung des Lohnes des Mannes. Dies ist der Effekt des zus\u00e4tzlichen Angebots von Arbeitskr\u00e4ften auf dem Arbeitsmarkt. Er hat jedoch nichts mit dem Wert der Arbeitskraft des Mannes zu tun, weil dieser nicht vom Lohn abh\u00e4ngt, sondern vom Reproduktionsaufwand, also vom Wert der zur Erhaltung erforderlichen Lebensmittel (nach Marx).<\/p>\n<p>Geht man jedoch begr\u00fcndet davon aus, dass jegliche Arbeit Werte produziert (Quaas 2020a, 2020b), so gilt das auch f\u00fcr die Hausarbeit. An und f\u00fcr sich erh\u00e4lt und erh\u00f6ht die Hausarbeit den Wert der Arbeitskr\u00e4fte nicht nur durch den Verbrauch von Lebensmitteln, deren Wert auf die Arbeitskr\u00e4fte \u00fcbertragen wird, sondern auch durch eigenst\u00e4ndige Wertsch\u00f6pfung der Hausfrauen, Hausm\u00e4nner und mithelfenden Kinder. Der Wert der Arbeitskraft ist demnach stets h\u00f6her als der Wert der Lebensmittel, die f\u00fcr ihre Reproduktion verbraucht werden. Diese theoretische Sicht k\u00f6nnte erkl\u00e4ren, warum im entwickelten Kapitalismus die L\u00f6hne im Allgemeinen h\u00f6her als die Konsumausgaben sind. F\u00fcr die von Marx vermutete Entwertung der Arbeitskraft des Mannes in dem Fall, dass Frauen- und Kinderarbeit in den Fabriken der Unternehmer eingesetzt werden, ergibt sich eine andere Erkl\u00e4rung: Eine gewisse Verringerung des Werts der Arbeitskraft des Mannes kommt dadurch zustande, dass ein Teil der fr\u00fcheren Hausarbeit von der nun Lohn verdienenden Restfamilie nicht mehr geleistet wird. Dieser Verlust betrifft dann aber auch die anderen Arbeitskr\u00e4fte im Haushalt. Eine realistischere Betrachtung der Vollbesch\u00e4ftigung eines Arbeiterhaushalts d\u00fcrfte deshalb darin bestehen, dass ein Teil des vergr\u00f6\u00dferten Haushaltseinkommens eingesetzt werden muss, um die Defizite im Reproduktionsaufwand und damit den Wertverlust der famili\u00e4ren Arbeitskr\u00e4fte auszugleichen, die der Wegfall von Hausarbeit nach sich zieht.<\/p>\n<h2 id=\"1.4\">1.4 Marx\u2019 Methode(n)<\/h2>\n<p>Wenn Marx sagt, dass das Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten die wissenschaftlich richtige Methode ist, so setzt M\u00fcller dagegen, dass es die Methode der Abstraktion ist (60): Diese Methode sei \u201eder einzig gangbare Weg zur Wahrheit.\u201c Also: Zur\u00fcck zu John Lockes Erkenntnistheorie! Dementsprechend versteht M\u00fcller unter dem Logischen nicht die im \u201eKapital\u201c angewandte Theorie der Dialektik, sondern ein Sammelsurium von wissenschaftlichen Methoden wie \u201eVergleichen, Analysieren, Abstrahieren, Verallgemeinern, Beweise f\u00fchren, Schl\u00fcsse ziehen, Begriffe definieren, also Theorien suchen und finden\u2026\u201c (ebd.). Das sind alles Methoden, die wohl jeder Wissenschaftler mehr oder weniger beherrschen sollte, die aber recht wenig, um nicht zu sagen: gar nichts, mit der Spezifik der von Marx entwickelten und angewandten dialektischen Methode zu tun haben. (Quaas 1991) Zum Begriff des Historischen hat M\u00fcller gar nichts zu sagen, was \u00fcber einen abstrakten Geschichtsbegriff hinausgeht, geschweige denn, dass er die von Marx im \u201eKapital\u201c realisierte Einheit von Logischem und Historischem als materialistische Umkehrung der Hegelschen Methode darzustellen wei\u00df. Wie es scheint, versteht M\u00fcller darunter den realen, geschichtlichen Prozess: \u201eDas Historische ist prim\u00e4r, der Gegenstand existiert vor dessen Verst\u00e4ndnis, das Logische ist sekund\u00e4r.\u201c (246) <\/p>\n<p>Friedrich Engels hatte ein v\u00f6llig anderes Verst\u00e4ndnis von diesen Kategorien, mit denen er die Frage diskutiert, wie man eine Kritik der \u00d6konomie am besten darstellt: \u201ehistorisch oder logisch\u201c. Er kommt zu dem Schluss, dass die \u201elogische Behandlungsweise \u2026 allein am Platz\u201c war. \u201eDiese ist aber in der Tat nichts anderes als die historische, nur entkleidet der historischen Form und der st\u00f6renden Zuf\u00e4lligkeiten.\u201c (MEW 13: 474 f.) Dagegen M\u00fcller: \u201eIn der logischen Analyse gehen wir vom jeweils h\u00f6chsten Entwicklungsniveau des untersuchten Objekts aus. In der historischen Analyse gehen wir den umgekehrten Weg.\u201c (245) Insofern hier Marx\u2019 Methode beschrieben werden soll handelt es sich um reine Fantasie.<\/p>\n<p>Als ehemaliger Lehrer f\u00fcr Philosophie w\u00fcrde ich einem \u00d6konomen niemals vorwerfen, kaum mehr \u00fcber Marx\u2019 Methode zu wissen, als dass Logisches und Historisches eine dialektische Einheit bilden (63), doch dann w\u00fcrde ich auch fordern, dass er zu diesem Thema schweigt. Aber wenn sich jemand derart unbedarft \u00e4u\u00dfert, so muss man sich fragen, ob eine Interpretation des Marxschen \u201eKapital\u201c inhaltlich korrekt sein kann, die die zugrunde liegende Methode in ihrer Spezifik gar nicht wahrgenommen hat. Fachlich direkt falsche Behauptungen wie, \u201eMarx nutzt die induktive Methode\u201c (64), es sei ein Fehler, die Reproduktionsschemata auf die Wirklichkeit anzuwenden (68), die Input-Output-Modell w\u00fcrden (ausschlie\u00dflich oder auch nur dominant) \u201eVerflechtungen zwischen den G\u00fcterproduktionen\u201c darstellen (ebd.) oder dass \u201eformallogische Beziehungen, die in sich schl\u00fcssig sind \u2026 eines empirischen Nachweises nicht bed\u00fcrfen\u201c (69), w\u00e4hrend es an anderer Stelle hei\u00dft: \u201eDie Begriffe, das logische System, das Modell, die Theorie m\u00fcssen der empirischen Pr\u00fcfung standhalten\u201c (72) \u2013 solche krassen Fehlurteile und widerspr\u00fcchlichen Aussagen m\u00fcssen zur\u00fcckgewiesen werden. Dazu geh\u00f6rt auch die pseudo-wissenschaftliche Behauptung, dass \u201edie physikalische Zeit \u2026 etwas anderes als die polit\u00f6konomische Zeit\u201c sei (77). Dazu unten mehr.<\/p>\n<h2 id=\"1.5\">1.5 Abstrakte und gleiche menschliche Arbeit<\/h2>\n<p>F\u00fcr Marx ist <\/p>\n<p>\u201ealle Arbeit \u2026 einerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn, und in dieser Eigenschaft gleicher menschlicher oder abstrakt menschlicher Arbeit bildet sie den Warenwert. Alle Arbeit ist andrerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft in besondrer zweckbestimmter Form, und in dieser Eigenschaft konkreter n\u00fctzlicher Arbeit produziert sie Gebrauchswerte.\u201c (MEW 23: 61) <\/p>\n<p>Man sollte meinen, dass diese Aussagen eindeutig sind, doch weit gefehlt! M\u00fcller stellt in seinem Buch mehrere in der Literatur vertretene Varianten gegen\u00fcber, darunter seine eigene Auslegung. Der Streit betrifft unter anderem den Begriff der abstrakten Arbeit. Unter diesem Aspekt gesehen ist \u201ealle Arbeit\u201c \u201eVerausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn\u201c. Diese Eigenschaft der Arbeit wird von Marx noch etwas konkreter beschrieben als \u201eproduktive Verausgabung von menschlichem Hirn, Muskel, Nerv, Hand usw.\u201c (MEW 23: 58.) Aus den Zitaten geht hervor, dass er die Begriffe \u201egleiche menschliche Arbeit\u201c und \u201eabstrakt menschliche Arbeit\u201c synonym versteht. Im Bestreben, seinen Lesern trotz der von der Sache her schwierigen Lekt\u00fcre verst\u00e4ndlich zu bleiben, erl\u00e4utert Marx des \u00d6fteren einen wissenschaftlichen Begriff \u2013 hier \u201eabstrakte Arbeit\u201c \u2013 durch einen verst\u00e4ndlicheren umgangssprachlichen Begriff. Beide Begriffe beschreiben das Resultat einer Abstraktion von der konkreten Natur der Gebrauchswerte schaffenden, n\u00fctzlichen Arbeit:<\/p>\n<p>\u201eSieht man ab von der Bestimmtheit der produktiven T\u00e4tigkeit und daher vom n\u00fctzlichen Charakter der Arbeit, so bleibt das an ihr, da\u00df sie eine Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ist.\u201c (Ebd.) <\/p>\n<p>Nimmt man diese Aussagen ernst, so ist klar, dass wir hier eine der wenigen Stellen vor uns haben, in denen Marx seinen allgemeinen Arbeitsbegriff explizit macht. \u201eAlle Arbeit\u201c ist zwar auch ein historischer Begriff, wenn man bedenkt, dass sich die bewusste und zielgerichtete Produktion und Verwendung von Arbeitsmitteln, die typisch f\u00fcr die menschliche Arbeit sind, erst im Prozess der Ausdifferenzierung des Menschen aus dem Tierreich etabliert hat. Aber nachdem dies geschehen war, k\u00f6nnen unabh\u00e4ngig davon, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen gearbeitet wird, an ihr jene beiden Eigenschaften beobachtet werden, einerseits n\u00fctzliche T\u00e4tigkeit zu sein, indem sie n\u00fctzliche Dinge herstellt, und andererseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft zu sein. <\/p>\n<p>M\u00fcller macht nun einen bei Marx nicht nachweisbaren Unterschied zwischen der allgemein menschlichen Arbeit und der abstrakt menschlichen Arbeit. (82, 84 ff.) Der Unterschied bestehe darin, dass die allgemein menschliche Arbeit \u201eunter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen zur abstrakten Arbeit\u201c werde (85), n\u00e4mlich dann, wenn die Arbeitsprodukte als Waren produziert oder\/und getauscht werden (86, 114). \u201eErst dann haben die Produkte nicht nur Gebrauchswert, sondern auch Wert, auf dessen Basis sie getauscht werden.\u201c (Ebd.) <\/p>\n<p>Man kann es auch anders sehen, n\u00e4mlich so wie Helmut Dunkhase, Peter Ruben, Hans Wagner, J\u00fcrgen Kuczynski und andere: Menschliche Arbeit erzeugt generell Produkte, die n\u00fctzlich sind und einen Wert haben. Der von Marx entdeckte Doppelcharakter der warenproduzierenden Arbeit beschr\u00e4nkt sich nicht auf die Lohnarbeit, sondern ist universell. Die Produkte jeglicher menschlichen Arbeit haben die beiden Eigenschaften, n\u00fctzlich zu sein und einen Wert zu besitzen. <\/p>\n<p>Jenseits einer warenproduzierenden Gesellschaft interessiert es zwar auch, wieviel Arbeit aufgewandt werden muss, um bestimmte Produkte herzustellen, aber da diese nicht getauscht werden, gibt es auch keine Form, in der der Wert erscheinen kann und den Menschen als gegenst\u00e4ndliche Eigenschaft ihrer Erzeugnisse zur\u00fcckgespiegelt wird. Nur unter der Bedingung, dass die Produkte menschlicher Arbeit getauscht werden, bekommt ihr Wert eine Bedeutung f\u00fcr die Akteure und dringt in ihr Bewusstsein ein. \u2013 Mir scheint, dass dies die naheliegendste und einfachste Interpretation des Marxschen Textes ist. <\/p>\n<p>M\u00fcllers Interpretation macht die Sache unn\u00f6tig kompliziert, wenn er den historischen Charakter der Marxschen Kategorien ausdr\u00fccken will: Demnach wird die allgemein menschliche Arbeit erst unter den Bedingungen der Warenproduktion zur abstrakten Arbeit. (88) Die Eigenschaft der Arbeit, abstrakt zu sein, sei eine qualitative Bestimmtheit, die sie nur unter den Bedingungen der Warenproduktion annehme; die andere, quantitative Seite der Arbeit ist ihre Dauer, genauer: die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, die erforderlich ist, um sie herzustellen. Letztere ist \u2013 ebenfalls nur unter den Bedingungen der Warenproduktion \u2013 nach M\u00fcller zugleich der Wert der Ware. (91)<\/p>\n<p>\u201eDie gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit in Waren produzierenden Gesellschaften ist die quantitative Seite des Wertes.\u201c <\/p>\n<p>\u201eWert ist stets gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, und als solche stets die eine Seite der Ware. Aber nicht jede gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist Wert. Sie ist es nur dort, wo Produkte Waren sind.\u201c (91)<\/p>\n<p>M\u00fcller h\u00e4lt in der Tat Wert und gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit unter den angegebenen Bedingungen f\u00fcr ein und dasselbe Objekt. Diese Interpretation beseitigt den origin\u00e4ren Marxschen Wertbegriff. Der Wert ist nach Marx eine (gesellschaftliche) Eigenschaft von Waren, die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist eine Eigenschaft der Arbeitsprozesse, die jene Waren hervorbringen. Beide Eigenschaften k\u00f6nnen unter keinen Bedingungen identisch sein, da sie an wohlunterscheidbare Objekte \u2013 Ding und Prozess \u2013 gebunden sind. Philosophisch gesehen begeht M\u00fcller einen ontologischen Mismatch. Das Resultat dieser Konfusion ist die Beseitigung des Werts als eine Eigenschaft der Ware durch das absurde Konstrukt der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, die generell eine Eigenschaft der Arbeit ist und unter den Bedingungen der Warenproduktion zu einer Eigenschaft der Waren wird.<\/p>\n<p>Den Vertretern der Auffassung, dass jedes n\u00fctzliche Produkt menschlicher Arbeit im polit\u00f6konomischen Sinn einen Wert hat, stellt M\u00fcller die Frage, \u201ewelchen Sinn der Begriff in Gemeinschaften haben k\u00f6nnte, die keinen Handel treiben und sich mit den von ihnen hergestellten Produkten selbst versorgen. Der Wert ein Verh\u00e4ltnis zwischen J\u00e4gern und Sammlern, die einer Sippe angeh\u00f6ren? Ein Verh\u00e4ltnis Robinsons zu sich selbst? Die Fragen zeigen, dass die Anwendung des Begriffs Wert auf Produktionsverh\u00e4ltnisse au\u00dferhalb der Warenproduktion weder notwendig noch m\u00f6glich ist, es sei denn, man gibt ihm einen neuen Inhalt.\u201c (114) <\/p>\n<p>Warum es nicht m\u00f6glich sein soll, den Wertbegriff auf diese Beispiele anzuwenden, dar\u00fcber erfahren wir nichts. M\u00fcller hat insofern recht, als die Anwendung des Wertbegriffs auf die geschilderten Beispiele nicht notwendig ist. Aber seit wann entscheidet die Erkl\u00e4rungsrelevanz eines Begriffes \u00fcber die Existenz des Objekts, das er widerspiegelt? Dass die Produkte menschlicher Arbeit einen Wert haben, diese Tatsache mag den Menschen in jenen Gesellschaften nur instinktiv bewusst sein und bei der Verteilung der Produkte keine Rolle spielen. Dasselbe trifft aber auch f\u00fcr 99 Prozent der Bev\u00f6lkerung in kapitalistischen Gesellschaften zu. Der Sinn der universellen Anwendbarkeit des Wertbegriffs ist deshalb woanders zu suchen als in den untersuchten Gesellschaften, n\u00e4mlich in der Wissenschaft. Der Sinn besteht darin, eine in sich koh\u00e4rente Theorie f\u00fcr die Analyse jener Gesellschaften zur Verf\u00fcgung zu haben. Wenn wir akzeptieren w\u00fcrden, dass die Produkte von Selbstversorgern wie Robinson oder wie ein Stamm von isolierten Ureinwohnern keinen Wert haben, diese aber bei einem pl\u00f6tzlichen Kontakt mit der Au\u00dfenwelt dann doch getauscht werden, so m\u00fcssten wir annehmen, dass der Wert dieser Produkte wie durch Zauberhand pl\u00f6tzlich in diesem Kontakt entsteht. Das steht im Widerspruch zu der Grundthese der Arbeitswerttheorie, dass \u00f6konomische Werte durch menschliche Arbeit geschaffen werden. <\/p>\n<p>V\u00f6llig richtig ist M\u00fcllers Interpretation, wenn er gelegentlich bemerkt: \u201eDie abstrakte Arbeit schafft den (neuen) Wert, w\u00e4hrend die konkrete Arbeit den Wert des konstanten Kapitals auf die neuen Produkte \u00fcbertr\u00e4gt.\u201c (322) Der erste Teil des Satzes widerspricht allerdings seiner These, dass die Menge der abstrakten Arbeit, gemessen durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, identisch ist mit der quantitativen Seite des Werts, also der Wertgr\u00f6\u00dfe. Denn das w\u00fcrde bedeuten, dass die abstrakte Arbeit eine Eigenschaft der Ware w\u00e4re. Sie ist aber ein Aspekt der lebendigen menschlichen Arbeit, die eben jene Eigenschaft der Ware, den Wert, hervorbringt. Abstrakte Arbeit kann sich nicht selbst hervorbringen. Man kann M\u00fcllers These, dass die Wertgr\u00f6\u00dfe die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist, auch herumdrehen: W\u00e4re die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, also das Ma\u00df der abstrakten Arbeit, unter den Bedingungen der Warenproduktion zugleich die Wertgr\u00f6\u00dfe, dann w\u00e4re die Wertgr\u00f6\u00dfe auch ein Ma\u00df der abstrakten Arbeit. Die abstrakte Arbeit ist aber ein Aspekt der lebendigen menschlichen Arbeit. Also h\u00e4tte die lebendige menschliche Arbeit einen Wert. \u2013 Eine Konsequenz, die M\u00fcller sicherlich nicht teilt, denn Arbeit schafft \u00f6konomische Werte, hat selbst aber keinen Wert.<\/p>\n<p>Summa summarum: Wertgr\u00f6\u00dfe und gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit sind zwei zwar zusammenh\u00e4ngende, aber verschiedene Objekte. <\/p>\n<h2 id=\"1.6\">1.6 M\u00fcllers polit\u00f6konomische Zeit<\/h2>\n<p>Nach Marx misst sich die Quantit\u00e4t der Arbeit an ihrer Zeitdauer, und diese in Stunden, Tage etc. (MEW 23: 53) Nehmen wir, wie Marx, rein hypothetisch an, Waren w\u00fcrden zu ihren Werten verkauft, und als Beispiel folgende Situation: Ein Korbflechter ben\u00f6tige einschlie\u00dflich der Vorarbeiten durchschnittlich 3 Stunden reine Arbeitszeit, um einen stabilen Rattankorb marktfertig herzustellen. Nehmen wir weiterhin an, ein Sammler von Waldheidelbeeren ben\u00f6tige durchschnittlich 6 Stunden, um durch Verkauf seiner Ware dasselbe Einkommen zu erzielen wie der Korbmacher. Marx erkl\u00e4rt diese vom Markt verursachte \u201eUngerechtigkeit\u201c wie folgt:<\/p>\n<p>\u201eWie nun in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft ein General oder Bankier eine gro\u00dfe, der Mensch schlechthin dagegen eine sehr sch\u00e4bige Rolle spielt \u2026, so steht es auch hier mit der menschlichen Arbeit. Sie ist Verausgabung einfacher Arbeitskraft, die im Durchschnitt jeder gew\u00f6hnliche Mensch, ohne besondere Entwicklung, in seinem leiblichen Organismus besitzt. Die einfache Durchschnittsarbeit selbst wechselt zwar in verschiednen L\u00e4ndern und Kulturepochen ihren Charakter, ist aber in einer vorhandnen Gesellschaft gegeben. Kompliziertere Arbeit gilt nur als potenzierte oder vielmehr multiplizierte einfache Arbeit, so da\u00df ein kleineres Quantum komplizierter Arbeit gleich einem gr\u00f6\u00dferen Quantum einfacher Arbeit.\u201c (MEW 23: 59)<\/p>\n<p>Inwiefern ist nun das kleinere Quantum komplizierter Arbeit dem gr\u00f6\u00dferen Quantum gleichzusetzen? Doch offensichtlich hinsichtlich des Werts der jeweiligen Ware: \u201eEine Ware mag das Produkt der kompliziertesten Arbeit sein, ihr Wert setzt sie dem Produkt einfacher Arbeit gleich.\u201c (Ebd.) <\/p>\n<p>Der Korbmacher produziert also in 3 Stunden denselben Wert wie der Waldbeerensammler in 6 Stunden. M\u00fcllers Behauptung (77), dass \u201edie physikalische Zeit \u2026 etwas anderes als die polit\u00f6konomische Zeit\u201c sei (77), hie\u00dfe dann, dass beide Produzenten die gleiche polit\u00f6konomische Zeit von 6 Stunden (nur die einfache Arbeit z\u00e4hlt!) ben\u00f6tigen, um ihr jeweiliges Produkt herzustellen. Und diese 6 Stunden w\u00e4ren dann, nach M\u00fcller, sowohl die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit als auch, wegen der von M\u00fcller postulierten Identit\u00e4t von gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit und Wert unter den Bedingungen der Warenproduktion, der Wert der beiden Waren.<\/p>\n<p>Allerdings gibt es keine einzige Stelle im \u201eKapital. Erster Band\u201c, die belegt, dass Marx einen Unterschied zwischen physikalischer und polit\u00f6konomischer Zeit macht. Der von Marx im Vorwort zur ersten Auflage niedergelegte Vergleich seiner Beobachtungsmethode mit dem Vorgehen der Naturwissenschaft legt vielmehr nahe, dass er sich an den damals herrschenden Rationalit\u00e4tsstandards orientiert. Wenn Marx also \u201eStunde\u201c sagt, ist wohlbegr\u00fcndet anzunehmen, dass er die moderne, unver\u00e4nderliche Stunde und nicht die bis zum Mittelalter gebr\u00e4uchliche dehnbare Stunde der Kirche meint. (Vgl. zur Entwicklung des Zeitbegriffs Pohl 1955: 145 ff.) Wissenschaftlich gesehen gibt es keine andere Stunde als die, die mit einer Uhr gemessen werden kann. Womit und wie sollte man auch eine \u201epolit\u00f6konomische Stunde\u201c messen? Mit der Wertgleichheit zweier Waren? Das w\u00fcrde die Dinge auf den Kopf stellen, denn es geht Marx ja gerade darum, die Wertgleichheit trotz unterschiedlich langer Arbeitszeiten zu erkl\u00e4ren. M\u00fcllers Postulat einer polit\u00f6konomischen Zeit w\u00fcrde der Arbeitswerttheorie die rationale Basis entziehen.<\/p>\n<p>Um an dieser Stelle einem leicht vorhersehbaren Gegenargument vorzubeugen: Ich behaupte keinesfalls, dass die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit wie in Adolf Henneckes Propaganda-Aktion mit einer Uhr gemessen werden kann. Da es sich bei der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit um eine Durchschnittsgr\u00f6\u00dfe handelt, muss sie mit vielen Uhren gemessen werden, und zwar in allen Arbeitsprozessen, die die gleiche Ware herstellen. Die dann noch erforderliche Durchschnittsbildung wird von Marx auch mit Blick auf andere polit-\u00f6konomische Objekte vielfach erw\u00e4hnt, auch wenn er sie mathematisch nicht explizit ausf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Der grundlegende Fehler Klaus M\u00fcllers besteht in diesem Zusammenhang darin, das polit\u00f6konomische Objekt \u201eWert\u201c, das eine Eigenschaft der Ware ist, mit der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit zu identifizieren, die eine Eigenschaft von Arbeitsprozessen ist, wenn sie unter gesellschaftlich \u201enormalen\u201c Bedingungen verrichtet werden. <\/p>\n<h2 id=\"1.7\">1.7 Erste und zweite Vergegenst\u00e4ndlichung<\/h2>\n<p>Hier ein kleiner (!) Auszug aus den zahlreichen Aussagen, die M\u00fcller \u00fcber den Wert macht:<\/p>\n<p>\u201eDer Wert ist ein Produktionsverh\u00e4ltnis, seine Gr\u00f6\u00dfe ist die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit.\u201c (126)<br \/>\n\u201eWertrechnungen sind Arbeitszeitrechnungen.\u201c (133)<br \/>\n\u201eDie gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit gibt den Wert der Ware an, sie beziffert ihn, offenbart ihn, sie ist die Wertgr\u00f6\u00dfe.\u201c (136)<br \/>\n\u201eDer Wert ist geronnene, vergegenst\u00e4ndlichte gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit.\u201c (139)<br \/>\n\u201eDer volle Arbeitskoeffizient ist die Summe aus direkter und indirekter Arbeitszeit f\u00fcr eine Outputeinheit. Er stellt die Wertgr\u00f6\u00dfe dar.\u201c (146)<br \/>\n\u201eDie volle Arbeitszeit ist die Wertgr\u00f6\u00dfe.\u201c (162)<br \/>\n\u201eDie gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, d.h. die Wertgr\u00f6\u00dfe, ist die Quantifizierung des Produktionsverh\u00e4ltnisses.\u201c (219)<br \/>\n\u201eDer Wert der Ware kann nicht direkt als Arbeitszeit erscheinen, sondern muss sich eine Form geben, um sichtbar zu werden.\u201c (221)<br \/>\n\u201eEine Ware kann ihren Wert, die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, nicht direkt ausdr\u00fccken.\u201c (242)<\/p>\n<p>M\u00fcller formuliert mit seinem Wertbegriff eine Arbeitszeitrechnung, die er nicht nur Marx unterstellt, sondern der gesamten \u00f6konomischen Klassik. (430) Daneben hat er noch einen zweiten Wertbegriff, der im Rahmen der Rententheorie gelten soll:<\/p>\n<p>\u201eDer Wert, verstanden als gesellschaftlich notwendiger Arbeitsaufwand zur Herstellung der Produkte, ist aufgrund der Besonderheiten in der Landwirtschaft, in der extraktiven Industrie und auf Baustellen \u2026 anders bestimmt als in der Industrie, wo die wichtigsten Ressourcen vermehrbar sind und Kapital zwischen den Zweigen hin und her flie\u00dfen kann.\u201c (408)<\/p>\n<p>Auf welch\u2019 schwachen F\u00fc\u00dfen M\u00fcllers Identifikation der beiden Eigenschaften \u201egesellschaftlich notwendige Dauer der Arbeit\u201c und \u201eGr\u00f6\u00dfe des Werts einer Ware\u201c steht, demonstriert er selbst, indem er seinen Wertbegriff aus der umgangssprachlichen Vieldeutigkeit des Begriffs \u201ebestimmen\u201c ableitet. (135) Dabei ist ihm v\u00f6llig entgangen, dass hierf\u00fcr andere Begriffe ma\u00dfgebend sind, zum Beispiel der Begriff der Vergegenst\u00e4ndlichung, der f\u00fcr Marx eine derart fundamentale Bedeutung hatte, dass er sowohl im Fr\u00fch- als auch in seinem Sp\u00e4twerk eine pr\u00e4gende Rolle spielt. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend es in den \u201e\u00d6konomisch-philosophischen Manuskripten\u201c noch sehr allgemein um die Vergegenst\u00e4ndlichung der menschlichen Wesenskr\u00e4fte in den Resultaten ihrer T\u00e4tigkeit geht, f\u00fchrt jener Begriff bei der Definition des Arbeitsprozesses als eine wissensgeleitete Realisierung von vorgegebenen Zwecken die Regie. Materialistisch erg\u00e4nzt wird der Marxsche Arbeitsbegriff damit, dass die Produkte menschlicher Arbeit nicht nur eine Vergegenst\u00e4ndlichung menschlicher F\u00e4higkeiten, menschlichen Wissens und Wollens sind, sondern auch eine Umformung von Gegenst\u00e4nden, die eigenen Gesetzen gehorchen (insofern ist Wissen und eine st\u00e4ndige Korrektur vermeintlichen Wissens erforderlich). Dass die n\u00fctzlichen Produkte menschlicher Arbeit eine Vergegenst\u00e4ndlichung eben dieser Arbeit sind, wird auch einem Traditionsmarxisten einleuchten. Was M\u00fcller dabei aber \u00fcbersieht, ist, dass dabei der Wert als quantitative Eigenschaft des Produkts ebenfalls \u201evergegenst\u00e4ndlicht\u201c wird: Die Ware hat einen Wert, weil ihre Produktion eine gesellschaftlich, d.h. durch die Produktionsverh\u00e4ltnisse, bestimmte Arbeitszeit erfordert. Der Satz, dass die Ware eine gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit hat, ist unsinnig. Und weil M\u00fcller den Wert mit der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit identifiziert, \u00fcbersieht er die erste, prim\u00e4re Gegenst\u00e4ndlichkeit des Werts als Eigenschaft der Ware.<\/p>\n<p>Warum spreche ich hier von einer ersten Vergegenst\u00e4ndlichung? Weil es eine zweite gibt: Es ist die Erscheinung des Werts im Gebrauchswert einer anderen Ware. Diese Erscheinung liegt im Tauschwert vor. Wenn Marx den Tauschwert beispielsweise durch den Wertausdruck \u201ex Ware A ist y Ware B wert\u201c darstellt, so setzt er voraus, dass sowohl die Ware A als auch die Ware B bereits einen Wert haben, dass sich also die Arbeit schon als gesellschaftliche Eigenschaft der Ware vergegenst\u00e4ndlicht hat.<\/p>\n<p>M\u00fcllers Ignoranz gegen\u00fcber der ersten Vergegenst\u00e4ndlichung der Arbeit als Eigenschaft einer Ware schw\u00e4cht seine Position gegen\u00fcber Heinrich. Letzterer behauptet z. B. in seinem Buch \u201eDie Wissenschaft vom Wert\u201c, dass die abstrakte Arbeit \u201eerst durch den Tausch zustande komme\u201c (Heinrich 2003, 208 f.) Da die abstrakte Arbeit Grundlage des Werts ist, gilt Heinrichs Behauptung auch f\u00fcr den Wert. Konsequent zu Ende gedacht: Der Wert entsteht wie durch Zauberhand, sobald Waren getauscht werden. Neuerdings versucht Heinrich, seine klaren Aussagen zu diesem Thema zu relativieren.  <\/p>\n<p>Bedenkt man, dass der Tauschwert tats\u00e4chlich erst im Austausch entstehen kann, so kommt man um die Vermutung nicht herum, dass Heinrich keinen Unterschied zwischen dem Wert und dem Tauschwert einer Ware macht. Dann w\u00e4re es tats\u00e4chlich so, dass der Wert zugleich mit dem Tauschwert entsteht. M\u00fcller weist richtig darauf hin, dass der Wert im Tauschwert nur erscheint und dass die Erscheinung von Etwas die Existenz dieses Etwas voraussetzt. Im Rahmen einer Marx-Interpretation, in der die Existenz des Werts als ein vom Tauschwert und von der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit verschiedenes Objekt angenommen werden kann, ist das ein starkes Argument. Aber M\u00fcller, der die erste Vergegenst\u00e4ndlichung der wertbildenden Arbeit damit unkenntlich macht, dass der Wert nichts anderes als gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist, muss seinen theoretischen Kontrahenten notgedrungen recht geben: \u201eHeinrich und Wolf haben Recht: Wertgegenst\u00e4ndlichkeit gibt es erst im Austausch.\u201c (126) Falsch! Die erste Wertgegenst\u00e4ndlichkeit ist der Wert selbst. Sie kommt vor dem Austausch zustande.<\/p>\n<p>Da es f\u00fcr M\u00fcller ein separates Objekt \u201eWert\u201c nicht gibt, ersetzt er in seinen wirtschaftstheoretischen Darstellungen die Wertrechnung durch eine Arbeitszeitrechnung. Seine Interpretation stellt eine pseudo-marxistisch begr\u00fcndete Negation des Werts als ein selbst\u00e4ndiges polit\u00f6konomisches Objekt der Arbeitswerttheorie dar.<\/p>\n<h2 id=\"1.8\">1.8 Wert und gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit<\/h2>\n<p>Akzeptiert man dagegen, dass gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit und Warenwert zwei verschiedene Objekte, genauer: zwei verschiedene polit\u00f6konomische Gr\u00f6\u00dfen sind, so braucht man nur bei Marx nachzulesen, um zu erkennen, dass sie in einer recht einfachen mathematischen Beziehung stehen, so dass \u201ekompliziertere Arbeit \u2026 als potenzierte oder vielmehr multiplizierte einfache Arbeit\u201c gelten darf. Die einfachere der beiden von Marx hier erw\u00e4hnten Beziehungen ist die multiplikative, also die Beziehung \u201eWertprodukt = Faktor x gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit\u201c, letztere gemessen in Stunden, Tagen, etc. Dass es sich nicht um eine Potenzfunktion, sondern um eine lineare Beziehung handelt, die Marx im Sinn hatte, diese Vermutung stammt von dem international bekannten Marxforscher Jindrich Zelen\u00fd (1968: 145). Ich habe bereits in den 80er Jahren in mehreren Artikeln, die in der auch Klaus M\u00fcller wohlbekannten DDR-Zeitschrift \u201eWirtschaftswissenschaft\u201c erschienen sind, gezeigt, dass man mit diesem Ansatz alle Passagen im \u201eKapital\u201c rekonstruieren kann, in denen Marx das Verh\u00e4ltnis von Wertprodukt und gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit thematisiert. Zusammengefasst wurden diese Arbeiten in Quaas (2016). M\u00fcller hat weder damals noch in den vielen Jahren bis heute auch nur in einem einzigen Fall zeigen k\u00f6nnen, dass diese Interpretation in irgendeinem Sinn eine Fehldeutung ist. Vielmehr hat er in der Diskussion stets betont, dass man die Dinge so wie ich sehen kann. So auch in diesem Buch. (134) Als B\u00fcrger hat M\u00fcller das Recht, frei erfundene Behauptungen \u00fcber mich (\u201ePhilosoph und Mathematiker\u201c) und \u00fcber mein Modell (\u201everquer\u201c, \u201efalsche begriffliche Grundlagen\u201c) aufzustellen. Wissenschaftliche Redlichkeit w\u00fcrde aber erfordern, sich unter anderem mit meiner ausf\u00fchrlichen Analyse des Marxschen Begriffs des Gebrauchswerts oder mit der Darstellung der dialektischen Methode in meiner Habilitationsschrift auseinanderzusetzen, und sie nicht im alten Stil der marxistischen Auseinandersetzung mit der \u201eb\u00fcrgerlichen\u201c \u00d6konomie einfach abzuurteilen. <\/p>\n<h2 id=\"1.9\">1.9 Messung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit<\/h2>\n<p>M\u00fcller vertritt trotz seiner Erfindung einer nicht messbaren polit-\u00f6konomischen Zeit die Auffassung, dass die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit messbar ist. Den Zweiflern begegnet M\u00fcller mit dem Argument, dass die abstrakte Arbeit gemessen werden kann, \u201ewenn die individuelle Arbeit unter den \u201agesellschaftlich normalen Bedingungen\u2018 geleistet wird. Das mag Zufall sein, aber darauf kommt es nicht an\u2026\u201c (92) Doch, darauf kommt es an! Denn eine Messung der Arbeitszeit, bei der nicht bekannt ist, dass gesellschaftlich normale Bedingungen vorliegen, ist f\u00fcr die Bestimmung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit v\u00f6llig wertlos. <\/p>\n<p>Um die Arbeitswerttheorie in diesem Punkt auf eine rationale Basis zu stellen, ist eine realistische M\u00f6glichkeit aufzuzeigen, die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit auch in einer kapitalistischen Volkswirtschaft zu messen. Diese M\u00f6glichkeit besteht darin, ganze Industriezweige zu betrachten und nicht nur einzelne Produktionsst\u00e4tten. Die von einem Industriezweig in summa entwickelte Produktivit\u00e4t der Arbeit definiert das, was zu einem gegebenen Zeitpunkt als \u201egesellschaftlich normale\u201c Produktivit\u00e4t und Intensit\u00e4t der Arbeit angesehen werden muss. Stimmt die Produktivit\u00e4t eines einzelnen Arbeitsprozesses mit der des entsprechenden Industriezweiges \u00fcberein, ist die aufgewandte Arbeitszeit f\u00fcr eine bestimmte Produktenmenge nichts anderes als die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Stimmt die Produktivit\u00e4t eines einzelnen Arbeitsprozesses nicht mit der des ganzen Zweiges \u00fcberein, gilt M\u00fcllers Ph\u00e4nomen-Beschreibung: <\/p>\n<p>\u201eWer drei Stunden konkrete Arbeit leistet, um einen Stuhl herzustellen, f\u00fcr den unter normalen Bedingungen der Produktivit\u00e4t, der Intensit\u00e4t und des Geschicks zwei Stunden n\u00f6tig sind, hat sich zwar drei Stunden angestrengt, aber der Umfang seiner abstrakten, d. h. wertbildenden Arbeit betr\u00e4gt nur zwei Stunden.\u201c (95) Dieses Ph\u00e4nomen ergibt sich einfach aus der Tatsache, dass bei einer Durchschnittbildung die einzelnen Messgr\u00f6\u00dfen sowohl darunter als auch dar\u00fcber liegen k\u00f6nnen. M\u00fcllers Erg\u00e4nzung der Marxschen Theorie mit einer verschwurbelten polit\u00f6konomischen Zeit ist \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n<p>Die Bestimmung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit auf der Grundlage einer Durchschnittbildung ist nicht mehr m\u00f6glich, wenn man einen Unterschied zwischen der messbaren physikalischen Zeit und einer nicht messbaren polit\u00f6konomischer Zeit macht, die von irgendwelcher \u201eAnerkennung\u201c abh\u00e4ngt. (95) Doch logische Konsequenz ist in M\u00fcllers Darstellung selten zu finden. In seinem Beispiel zur Berechnung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit operiert er \u2013 mit der physikalischen Zeit. M\u00fcller kennt Marx\u2019 Definition der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit ganz genau, in der allein die Produktionsbedingungen ber\u00fccksichtigt werden. Mit dem Begriff der \u201edominierenden Produktionsbedingungen\u201c kommt M\u00fcller nahe an die oben skizzierte Durchschnittbildung heran (106), aber er zieht daraus keine Konsequenzen f\u00fcr seine Interpretation des Begriffs der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit. Er will unbedingt den gesamtgesellschaftlichen Bedarf in jenen Begriff einbezogen wissen:  \u201eDiese Gr\u00f6\u00dfe besagt, wieviel Arbeitszeit der Produzent in einer gemeinschaftlichen, arbeitsteiligen Produktion f\u00fcr seine Waren aufwenden und damit von der Gesellschaft zur Verf\u00fcgung stehenden Gesamtarbeitszeit beanspruchen darf.\u201c (93, 106, 128) Was damit genau gemeint ist, macht das st\u00fctzende Zitat (MEW 32: 552 f.) deutlich: Es geht darum, dass sich in einer warenproduzierenden Gesellschaft letztlich eine Verteilung der gesellschaftlichen Gesamtarbeit auf die verschiedenen Industriezweige durchsetzt, die dem gesellschaftlichen Bedarf entspricht. M\u00fcller meint, dass dieser Aspekt in Marx\u2019 Begriff der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit ber\u00fccksichtigt werden muss. \u201eBeim Wert geht es auch um objektive Proportionen zwischen den G\u00fcterproduktionen.\u201c (130) M\u00fcller bemerkt nicht, dass diese Behauptung der Marxschen Definition der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit widerspricht.<\/p>\n<p>\u201eGesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist Arbeitszeit, erheischt, um irgendeinen Gebrauchswert mit den vorhandenen gesellschaftlich-normalen Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen Durchschnittsgrad von Geschick und Intensit\u00e4t der Arbeit darzustellen.\u201c (MEW 23: 53)<\/p>\n<p>Keine einzige Bestimmung in dieser Definition rekurriert auf die gesamtgesellschaftliche Bed\u00fcrfnisstruktur und -menge der Gesellschaft. M\u00fcller st\u00f6rt das wenig, denn f\u00fcr ihn ist diese Definition nur etwas Hinzukommendes (130). W\u00e4re es so, m\u00fcsste es im \u201eKapital\u201c eine Definition geben, die M\u00fcllers Begriff belegt. Die gibt es aber nicht und deshalb wird er auch in Zukunft einen Beleg f\u00fcr die Stichhaltigkeit seiner Interpretation schuldig bleiben.<\/p>\n<p>Hei\u00dft das nun, dass die Verteilung der Gesamtarbeit auf die verschiedenen Industriezweige dem gesamtgesellschaftlichen Bedarf entsprechend im \u201eKapital\u201c nicht ber\u00fccksichtigt wird? Dieser Aspekt der gesellschaftlichen Notwendigkeit wird an anderer Stelle des \u201eKapital\u201c, n\u00e4mlich in der Preistheorie, einbezogen. Marx steigt bekanntlich vom Abstrakten zum Konkreten auf, eine Methode, von der M\u00fcller nichts zu sagen wei\u00df, mit der aber eben jenes \u201earchitektonisch beeindruckende Geb\u00e4ude\u201c (104) von Begriffen, Kategorien, Definitionen und Aussagen geschaffen wurde. Um die gesamtgesellschaftliche Nachfrage systematisch einbeziehen zu k\u00f6nnen, musste Marx erst eine Reihe von Kategorien einf\u00fchren, die notwendig sind, um den Ort thematisieren zu k\u00f6nnen, auf dem Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen. Das ist der Markt.<\/p>\n<h2 id=\"1.10\">1.10 Marx\u2019 Preistheorie<\/h2>\n<p>Marx (MEW 23: 121 ff.) unterstellt als Beispiel einen Leinweber, der \u201eauf sein Produkt nur den gesellschaftlich notwendigen Durchschnitt von Arbeitszeit verausgabt\u201c hat. Und, um die Sache auf den Punkt zu bringen, spitzt Marx zu: Nicht nur ein einziger Leinweber hat unter normalen Bedingungen produziert:<\/p>\n<p>\u201eGesetzt endlich, jedes auf dem Markt vorhandne St\u00fcck Leinwand enthalte nur gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Trotzdem kann die Gesamtsumme dieser St\u00fccke \u00fcberfl\u00fcssig verausgabte Arbeitszeit enthalten. Vermag der Marktmagen das Gesamtquantum Leinwand, zum Normalpreis von 2 sh. per Elle, nicht zu absorbieren, so beweist das, da\u00df ein zu gro\u00dfer Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit in der Form der Leinweberei verausgabt wurde. Die Wirkung ist dieselbe, als h\u00e4tte jeder einzelne Leinweber mehr als die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit auf sein individuelles Produkt verwandt.\u201c <\/p>\n<p>Man beachte, dass Marx im letzten Satz den Konjunktiv verwendet: Trotzdem ein zu gro\u00dfer Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit in der Form der Leinweberei verausgabt wurde, hat jeder Leinweber nur gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit verbraucht! Dieser scheinbare Widerspruch l\u00f6st sich auf, wenn man sich an Marx\u2019 Definition h\u00e4lt: Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit hat nicht das Geringste mit der Notwendigkeit zu tun hat, einen bestimmten gesellschaftlichen Bedarf zu befriedigen. Die Wirkung der am Bedarf gemessen \u00fcberfl\u00fcssigen Produktion besteht darin, dass die auf dem Markt angebotene Leinwand unter dem Normalpreis verkauft werden muss. Die Verringerung des Preises \u00e4ndert aber nichts daran, dass f\u00fcr jedes St\u00fcck Leinwand exakt die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit aufgewandt worden ist. Die Nachfrage ver\u00e4ndert somit den Preis, aber nicht die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit und damit auch nicht den Wert der Leinwandst\u00fccke.<\/p>\n<p>An dieser Stelle der theoretischen Darstellung spielt die Anerkennung des Werts durch die K\u00e4ufer eine Rolle: Im Beispiel wird der produzierte Wert der Leinwand auf dem Markt nicht voll anerkannt. Der (gesunkene) Preis stellt dann nicht den Wert, sondern einen davon verschiedenen Marktwert der Leinwand dar.<\/p>\n<p>Man sollte meinen, dass ein marxistischer \u00d6konom die Marxsche Preistheorie, die sich noch im Rahmen der einfachen Warenproduktion bewegt, kennt. Doch weit gefehlt! Hier ist, was M\u00fcller zu diesem Thema zu sagen hat: \u201eTrivial \u2026 ist, dass die Tauschrelationen bestimmt werden durch das Verh\u00e4ltnis von Angebot und Nachfrage. Mit ihren mathematischen Spielchen gelangt die Neoklassik zu manch brauchbaren, praktikablen Einsichten. Die Klassiker, darunter Marx, interessierten sich wenig f\u00fcr derart Banales.\u201c (128) <\/p>\n<p>Wenn die Tauschrelationen in der Praxis von Angebot und Nachfrage bestimmt werden, so ist es f\u00fcr eine Theorie, die im Unterschied dazu den Wert als grundlegendes Gesetz des Warentausches proklamiert, keineswegs \u201ebanal\u201c und schon gar nicht \u201etrivial\u201c, die Ph\u00e4nomene Angebot und Nachfrage in die Werttheorie zu integrieren. (Quaas 2017) Und weil das so ist, hat Marx die Br\u00fccke zwischen den Werten und den von Angebot und Nachfrage bestimmten Preisen in seiner Preistheorie geschlagen. Daraus kann man u.a. eine Monopoltheorie ableiten, die erkl\u00e4rt, wie es zu einer dauerhaften Abweichung des Preises einer Ware von ihrem Wert kommen kann. Ein Beispiel daf\u00fcr liefert Marx Theorie der Rente. Was hat M\u00fcller dazu zu sagen? \u201eDie Preise schwanken um die Wertgr\u00f6\u00dfen in Abh\u00e4ngigkeit von Angebot und Nachfrage.\u201c (128) Mit Verlaub: Das ist weniger als die von M\u00fcller geschm\u00e4hten \u201eb\u00fcrgerlichen \u00d6konomen\u201c zu sagen haben.<\/p>\n<p>Um glaubhaft zu machen, dass die gesellschaftliche Gesamtarbeitszeit und insbesondere der Anteil, der von ihr auf die Produktion eines bestimmten Produkts verwandt worden ist, in den Begriff der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit einbezogen werden muss, f\u00fchrt M\u00fcller drei oder vier Zitate an, darunter folgendes: \u201eDas Ganze verkauft sich daher nur, als ob es in der notwendigen Proportion produziert w\u00e4re.\u201c (MEW 25: 649) Stilistische Feinheiten wie der Konjunktiv scheinen f\u00fcr M\u00fcller nicht zu existieren. Marx thematisiert hier den Verkauf eines Produkts, also exakt die Situation, die er im ersten Band des \u201eKapital\u201c analysiert. M\u00fcllers eigenes Zitat belegt den Unterschied zwischen Wertstruktur und Preisstruktur: Das Produkt wird aufgrund seines Preises verkauft, \u201eals ob es in der notwendigen Proportion produziert w\u00e4re\u201c. Diese Aussage macht nur Sinn, wenn es tats\u00e4chlich nicht in der notwendigen Proportion produziert worden ist. <\/p>\n<p>W\u00e4re es richtig, dass die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit von der Proportionalit\u00e4t der Gewerke einer Volkswirtschaft abh\u00e4ngt, so w\u00e4re eine Korrektur der Wertverh\u00e4ltnisse durch das Verh\u00e4ltnis von Angebot und Nachfrage auf dem Markt weder notwendig noch m\u00f6glich: Abgesehen von zuf\u00e4lligen Schwankungen, w\u00fcrden die Preise immer mit den Werten \u00fcbereinstimmen. Im Widerspruch zu dieser Konsequenz seiner Marx-Interpretation behauptet M\u00fcller v\u00f6llig korrekt: \u201ePreise weichen in Abh\u00e4ngigkeit vom Verh\u00e4ltnis zwischen Angebot und Nachfrage vom Wert ab.\u201c (195, \u00e4hnlich 299) Aber wie, das verr\u00e4t er nicht. Er h\u00e4tte die logische und mathematische Struktur der Marxschen L\u00f6sung des Problems in mehreren Ver\u00f6ffentlichungen nachlesen k\u00f6nnen (Quaas 1984, 2016, 2017).<\/p>\n<h2 id=\"1.11\">1.11 Der Begriff des Marktwerts<\/h2>\n<p>Gro\u00df ist M\u00fcllers R\u00e4tselraten, was Marx wohl mit dem Begriff des Marktwertes gemeint haben k\u00f6nnte. (178 ff.) Seine Erkl\u00e4rung des Unterschieds zwischen \u201eWert\u201c und \u201eMarktwert\u201c lautet so: <\/p>\n<p>\u201eIm ersten Band des \u201aKapital\u2018 behandelt Marx die Produktion des Werts, definiert ihn vom Standpunkt seiner Entstehung und spricht daher folgerichtig noch nicht vom Marktwert. Im dritten Band behandelt Marx die Realisierung des Werts, beschreibt wie sich der in der Produktion gebildete Wert, der den Akteuren unbekannt ist, auf dem Markt durchsetzt und bezeichnet diesen jetzt als Marktwert. Er unterstellt dabei aber die \u00dcbereinstimmung von Angebot und Nachfrage.\u201c (179) <\/p>\n<p>Wie im letzten Abschnitt gezeigt, stellt der Preis bei einem Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage einen \u201eMarktwert\u201c dar, der vom wirklichen Wert abweicht. M\u00fcllers Problem bei der Abgrenzung des Begriffes \u201eMarktwert\u201c entspringt daraus, dass seiner Meinung nach \u201esowohl der Wert als auch der Marktwert das Angebots-Nachfrage-Verh\u00e4ltnis\u201c einschlie\u00dfen (179). Dann wird der Unterschied, den Marx in seiner Preistheorie zwischen Wert und Preis macht (MEW 23: 121 ff.), wegdekretiert. Der Preis stellt den Wert dar, der auf dem Markt anerkannt wird. Das kann man den \u201eMarktwert\u201c nennen, auch wenn Marx im ersten Band des \u201eKapital\u201c diese Bezeichnung nicht benutzt. Ist das Verh\u00e4ltnis von Angebot und Nachfrage ungleich 1, weicht der Marktwert vom produzierten Wert ab. Mit Hilfe dieses Begriffes wird die Arbeitswerttheorie nicht, wie M\u00fcller behauptet, \u201eauf Abwege\u201c gef\u00fchrt und \u201ekomplizierter\u201c gemacht als n\u00f6tig, sondern der Mechanismus dargestellt, wie sich das Wertgesetz in der Zirkulationssph\u00e4re durchsetzt.<\/p>\n<h2 id=\"1.12\">1.12 Einfache und kapitalistische Warenproduktion<\/h2>\n<p>Ich stimme M\u00fcller zu, dass auf den ersten Seiten des \u201eKapital\u201c die allgemeinen Merkmale der kapitalistischen Ware dargestellt werden, ohne dass die Spezifik der kapitalistischen Warenproduktion eine Rolle spielt. Es handelt sich um jene Sachverhalte, die auch in jeder vorkapitalistischen Warenproduktion pr\u00e4sent sind. \u00dcberraschenderweise behauptet M\u00fcller, dass die einfache Warenproduktion \u201efrei von Ausbeutung\u201c sei. (120) Es w\u00e4re allerdings sehr merkw\u00fcrdig, wenn eine Warenproduktion, die eingebettet in vorkapitalistische Gesellschaftsformationen ist, die aus der Sicht von Marx \u00fcberwiegend Ausbeutergesellschaften waren, selbst frei von Ausbeutung sein sollte. Doch auch wenn dies zutr\u00e4fe: Darauf kommt es gar nicht an! Der Ausgangspunkt \u201eeinfache Warenproduktion\u201c ist notwendig, um, wie Marx selbst bekundet, das Geldr\u00e4tsel zu l\u00f6sen. Klarerweise kann man die funktionale Notwendigkeit und Entstehung des Geldes nicht erkl\u00e4ren, wenn man die Existenz des Geldes bereits voraussetzt. Deshalb haben alle diejenigen Marx-Interpreten recht, die die einfache Warenproduktion vor allem durch den geldlosen Tausch von Produkten menschlicher Arbeit charakterisieren. Allerdings kann man darin keine Definition der einfachen Warenproduktion sehen, da in Marx\u2019 Darstellung der geldlose Warentausch in einen Warentausch mit Geld und in eine Spaltung des Austausches von Waren in die beiden separaten Prozesse Verkauf und Kauf \u00fcbergeht.<\/p>\n<h2 id=\"1.13\">1.13 Nochmals: Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit<\/h2>\n<p>M\u00fcller h\u00e4lt mein mathematisches Modell f\u00fcr \u201everquer\u201c, stellt dann aber die gleichen mathematischen Zusammenh\u00e4nge dar, die von mir bereits vor 40 Jahren als Verallgemeinerung der quantitativen Strukturen im \u201eKapital\u201c publiziert worden sind. Allerdings nur einige dieser Zusammenh\u00e4nge. Ein stimmiges Modell f\u00fcr alle quantitativen Verh\u00e4ltnisse hat er ja nicht. F\u00fcr die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit hatte ich 1984 folgende Formel publiziert:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl01-1-e1739363301146.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"107\" class=\"alignnone size-full wp-image-738\" \/><\/p>\n<p>In Worten: Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit <em>t(A)<\/em> des Arbeitsprozesses <em>A<\/em>, in dem nicht nur ein einzelnes St\u00fcck, sondern die Warenmenge <em>a<\/em> hergestellt wird, ergibt sich durch Multiplikation dieser Warenmenge <em>a<\/em> mit dem Quotienten aus der insgesamt im betreffenden Industriezweig aufgewandten Arbeitszeit durch die in ihm insgesamt hergestellte Menge. Der Quotient ist hier nichts anderes als die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit pro St\u00fcck. <\/p>\n<p>M\u00fcller liefert ein Beispiel, in dem drei Produzenten einer Ware x zusammen 150 St\u00fcck herstellen und daf\u00fcr 860 Stunden ben\u00f6tigen. Wendet man darauf die obige Formel an, erh\u00e4lt man f\u00fcr die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl02-e1739364408985.jpg\" alt=\"\" width=\"302\" height=\"50\" class=\"alignnone size-full wp-image-742\" \/><\/p>\n<p>Das ist dasselbe Ergebnis, zu dem auch M\u00fcller kommt. (131) Er unterstellt zun\u00e4chst, dass das Angebot der Nachfrage entspricht, spielt dann aber den Fall durch, dass bei gleichbleibender Nachfrage nur 100 St\u00fcck produziert worden sind. Dann \u201ek\u00f6nnte man annehmen, dass der Preis (ausgedr\u00fcckt in Arbeitsstunden) auf <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl03-e1739364613280.jpg\" alt=\"\" width=\"294\" height=\"60\" class=\"alignnone size-full wp-image-744\" \/><\/p>\n<p>stiege.\u201c (Ebd.)<\/p>\n<p>Erstaunt stellt man fest, dass die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit nun nicht nur identisch ist mit dem Wert, sondern auch noch mit dem Preis. Was f\u00fcr ein Hickhack! Zwar hat es im Rahmen eines Modells, das homogene Arbeit betrachtet, einen Sinn, Werte in einer Zeiteinheit anzugeben, aber welchen Sinn haben Preise, ausgedr\u00fcckt in Stunden pro St\u00fcck? Sie k\u00f6nnen vielleicht mit den von Marx kritisierten Stundenzetteln bezahlt werden. Mit Marx hat das aber nichts mehr zu tun.<\/p>\n<p>Man erinnere sich an Marx\u2019 Kritik der Stundenzettel, die M\u00fcller zwar reflektiert, von der er aber nur die Nichtber\u00fccksichtigung des Unterschieds zwischen individueller und gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit als Fehler reflektiert. (275 ff.) Doch es stellen sich noch einige weitere Fragen: Was ist mit dem Wert der Arbeitsgegenst\u00e4nde und Arbeitsmittel? Bekommt der Besitzer eines Windrades nach einem Jahr die Anzahl der Stunden bescheinigt, die sich sein Rad drehen durfte? Wie schl\u00e4gt sich komplizierte Arbeit in den Stundenzetteln nieder? Wie wird die Intensit\u00e4t der Arbeit ber\u00fccksichtigt? <\/p>\n<p>Da f\u00fcr M\u00fcller Wert und gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit identisch sind, hat er keine andere M\u00f6glichkeit, als die komplexen Verh\u00e4ltnisse, die den Wert einer Ware bestimmen, in die \u201egesellschaftlich notwendige Arbeitszeit\u201c zu projizieren. Wie wir gesehen haben, ist dann bei ihm die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zugleich auch der Preis. Was in M\u00fcllers Darstellung der Arbeitswerttheorie fehlt, ist ein begrifflich und mathematisch korrekter \u00dcbergang von der Wertstruktur in die Preisstruktur. Aber abgesehen von seinen reduktionistischen Vorstellungen \u00fcber den Zusammenhang von Arbeit, Wert und Preis, entspricht die von ihm in seinen Beispielen unterstellte mathematische Struktur dem, was ich bereits 1984 in der \u201eWirtschaftswissenschaft\u201c \u00fcber die Modifikation der Wertstruktur beim \u00dcbergang zu einer Preisstruktur geschrieben habe: Die Werte werden mit dem Quotienten zwischen zahlungskr\u00e4ftiger Nachfrage und Angebot multipliziert. Das Verh\u00e4ltnis ist in dem obigen Beispiel 150:100 = 1,5 \u2013 und so stellt auch M\u00fcller das quantitative Verh\u00e4ltnis zwischen Werten und Preisen dar \u2013 nach 40 Jahren Nachdenkens. Seine Vorstellungen sind in diesem Punkt rein rechnerisch richtig, aber hinsichtlich der korrekten Unterscheidung der Marxschen Kategorien eine Katastrophe.  <\/p>\n<p>Man darf also davon ausgehen, dass M\u00fcller keine tragf\u00e4hige alternative Darstellung liefern kann. Kommen wir nun zu dem angrenzenden Problem der Proportionalit\u00e4t zwischen Werten und gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeiten unterschiedlicher Waren.<\/p>\n<h2 id=\"1.14\">1.14 Proportionalit\u00e4t von Wert und Arbeitszeit<\/h2>\n<p>Diese Proportionalit\u00e4t existiert f\u00fcr M\u00fcller nicht, weil ja die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit unter den Bedingungen der Warenproduktion nichts anderes als der Wert ist. In Quaas (2021: 77) ist auf folgendes Problem hingewiesen worden:<\/p>\n<p>\u201eWenn Arbeitszeit und Wert identisch w\u00e4ren, h\u00e4tte folgende Proportionalit\u00e4t keinen Sinn: \u201aDer Wert einer Ware verh\u00e4lt sich zum Wert jeder anderen Ware wie die zur Produktion der einen notwendige Arbeitszeit zu der f\u00fcr die Produktion der anderen notwendigen Arbeitszeit.\u2018 (MEW 23, 54) Folgt man M\u00fcllers Auffassung und setzt \u00fcberall dort, wo \u201eWert\u201c steht, \u201eArbeitszeit\u201c ein, wird Arbeitszeit mit derselben Arbeitszeit verglichen: die Proportionalit\u00e4t f\u00e4llt in sich zusammen.\u201c <\/p>\n<p>Nach drei Jahren Bedenkzeit hat M\u00fcller folgende Antwort gefunden:<\/p>\n<p>\u201eDer \u201ah\u00e4rteste Brocken\u2018 scheint dieser Satz zu sein: \u201aDer Wert einer Ware verh\u00e4lt sich zum Wert jeder anderen Ware wie die zur Produktion der einen notwendige Arbeitszeit zu der f\u00fcr die Produktion der anderen notwendigen Arbeitszeit.\u2018 (MEW 23, 54) Quaas bezieht sich darauf, den unmittelbar folgenden Satz \u2013 \u201aAls Werte sind alle Waren nur bestimmte Ma\u00dfe festgeronnener Arbeitszeit\u2018 \u2013 allerdings unterschlagend, und schlussfolgert: \u201aFolgt man M\u00fcllers Auffassung und setzt \u00fcberall dort, wo \u201aWert\u2018 steht, \u201aArbeitszeit\u2018 ein, wird Arbeitszeit mit derselben Arbeitszeit verglichen: die Proportionalit\u00e4t f\u00e4llt in sich zusammen.\u2018 (Quaas 2021: 77) Scheinbar \u00fcberzeugend.\u201c (M\u00fcller 2024: 136)<\/p>\n<p>Bevor fortgefahren wird: Warum sollte man einen Satz, der exakt im Sinne meiner Interpretation Unterschied und Zusammenhang zwischen der Arbeitszeit, die die Herstellung einer Ware kostet, und dem Wert dieser Ware, darstellt, in einem Kontext hinzuf\u00fcgen, in dem die Verh\u00e4ltnisse zwischen zwei Waren thematisiert werden? M\u00fcller meint wahrscheinlich, ich k\u00f6nnte jenem Satz nicht zustimmen. Doch da irrt er sich, denn ein Ma\u00df f\u00fcr etwas ist nicht identisch mit diesem Etwas. \u2013 Doch weiter im Text!<\/p>\n<p>\u201eTats\u00e4chlich ist es naheliegend, wie Quaas zu schlie\u00dfen, dass sich der Wert einer Ware zu dem einer anderen verhielte wie etwas anderes zu etwas anderem, ergo die Identit\u00e4t der beiden Kategorien Wert und Arbeitszeit ausgeschlossen werden m\u00fcsse.\u201c (136)<\/p>\n<p>M\u00fcller erl\u00e4utert hier den Sinn einer Proportionalit\u00e4t \u2013 der m. W. n. auf dem mathematischen Niveau der f\u00fcnften oder sechsten Klasse einer allgemeinbildenden Schule liegt. Falsch w\u00e4re es, wenn M\u00fcller meinen sollte, dass ich daraus auf den Unterschied zwischen Wert und Arbeitszeit geschlossen habe. Daf\u00fcr gibt es stichhaltigere Gr\u00fcnde, die man in Quaas 2016 nachlesen kann. Aber er hat recht: Die Proportionalit\u00e4t der vier Gr\u00f6\u00dfen schlie\u00dft eine Identit\u00e4t des Wertes mit der Arbeitszeit aus. Deshalb sucht M\u00fcller nun verzweifelt ebenfalls nach einem kleinen Unterschied, ohne zu bemerken, dass er damit anf\u00e4ngt, von seinem Identit\u00e4tspostulat abzur\u00fccken:<\/p>\n<p>\u201eDoch kann man dem Vergleich nicht nur einen deterministischen, sondern auch einen definitorischen Bezug unterlegen?\u201c<\/p>\n<p>Eine Proportionalit\u00e4t zwischen vier Gr\u00f6\u00dfen hat an sich nichts mit einem deterministischen Verh\u00e4ltnis, also mit Ursache und Wirkung, zu tun. Und erst recht nichts mit einem &#8222;definitorischen Bezug&#8220;. Um dem Leser verst\u00e4ndlich zu bleiben: Was M\u00fcller hier wirklich meint, ist die Beziehung zwischen Wert und gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit, die er als Definition interpretiert, von der ich aber behaupte, dass sie das Kernst\u00fcck jeder Arbeitswerttheorie ist, weil in diesen Theorien (Petty, Ricardo, Smith, Marx) behauptet wird, dass der Wert der Waren allein durch die menschliche Arbeit hervorgebracht wird und dass demgem\u00e4\u00df die Gr\u00f6\u00dfe des Werts von der Menge der Arbeit abh\u00e4ngt, die in Zeiteinheiten gemessen wird. Folgt man M\u00fcllers Interpretation, m\u00fcsste Marx an den vielen Stellen im \u201eKapital\u201c, an denen er sagt, dass die Arbeitszeit den Wert bestimmt, st\u00e4ndig seine Definition des Wertes wiederholen. Was f\u00fcr eine absurde Idee! Hatte Marx Alzheimer als er \u201eDas Kapital. Erster Band\u201c schrieb, sodass er seine \u201eDefinition\u201c st\u00e4ndig wiederholen musste? So etwa 2 Dutzend Male? Wohl kaum! F\u00fcr die vielen Wiederholungen gibt es einen anderen Grund: Es geht um die Erkl\u00e4rung zahlreicher Ph\u00e4nomene mit Hilfe des Kernst\u00fccks der Arbeitswerttheorie.<\/p>\n<p>Hier nun M\u00fcllers Einf\u00fchrung eines Unterschiedes zwischen Wert und gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit, der kein Unterschied sein darf:<\/p>\n<p>\u201eDaf\u00fcr spricht der Sinn, der sich ergibt, wenn man den erw\u00e4hnten Folgesatz in die Interpretation einbezieht: Die Werte (= festgeronnene Arbeitszeiten, Arbeitszeiten \u201ain Ruhe\u2018) verhalten sich zueinander wie die tats\u00e4chlich verausgabten Arbeitszeiten bei der Produktion der Waren (Arbeitszeiten \u201ain Bewegung\u2018).\u201c (136)<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte nichts dagegen, die Wertgr\u00f6\u00dfe als Arbeitszeit \u201ein Ruhe\u201c und die gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeiten als Arbeitszeiten \u201ain Bewegung\u2018 zu beschreiben, wenn das metaphorisch gemeint ist und wenn homogene Arbeit betrachtet wird. Was wird damit anderes ausgedr\u00fcckt, als dass der Wert eine Eigenschaft der Ware ist, w\u00e4hrend die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit eine Eigenschaft des zugrunde liegenden Arbeitsprozesses ist? Aber warum sollte man diese Beziehung metaphorisch ausdr\u00fccken, wenn es auch ganz rational geht, indem man den ontischen Unterschied der Sachverhalte akzeptiert, die diese beiden Kategorien ausdr\u00fccken? Der Wert \u201eruht\u201c, weil er eine Eigenschaft der Ware ist, die Arbeitszeit dr\u00fcckt dagegen das Ma\u00df der Bewegung, d. h. der lebendigen Arbeit aus, die jenen Wert hervorgebracht hat. <\/p>\n<p>Philosophisch gesehen hat die Zeit drei Aspekte: Zeitpunkt, Zeitfluss und Zeitdauer. (Quaas 2023) M\u00fcllers Interpretation ist insofern unwissenschaftlich, als sowohl der Wert als auch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit nichts anderes sind als eine Zeitdauer. Solange die Arbeit noch von statten geht, hat man keinerlei Kenntnis \u00fcber die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Der Arbeitsprozess muss vollendet sein, dass Produkt muss vorliegen, erst dann kann man die verbrauchte Arbeitszeit angeben. Das Messergebnis ist so wie die \u201aruhende Arbeitszeit\u2018 \u2013 eine Dauer. Ergo: M\u00fcllers konstruiert mit sinnlosen Worten einen Unterschied, den es wissenschaftlich gesehen nicht geben kann. Damit f\u00e4llt die Marxsche Proportionalit\u00e4t im Rahmen seiner Interpretation wieder in sich zusammen.<\/p>\n<p>Doch M\u00fcller hat noch einen Trumpf im \u00c4rmel: <\/p>\n<p>\u201eW\u00e4re Quaas\u2019 Auslegung des Marx-Zitats (\u201aDer Wert einer Ware verh\u00e4lt sich zum Wert jeder anderen Ware\u2026\u2018 MEW 23: 54) richtig, dann stimmt entweder die Aussage des Marxschen Satzes nicht oder Quaas\u2019 Auffassung, dass die Wertgr\u00f6\u00dfe das Produkt aus Kompliziertheitsgrad und gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit ist, kann nicht richtig sein. Die Werte zweier Waren verhielten sich zueinander gerade nicht wie ihre Arbeitszeiten, wenn Marx gemeint h\u00e4tte, was Quaas ihm unterstellt, dass sie auch beeinflusst w\u00fcrden durch die Kompliziertheitsgrade der Arbeiten.\u201c (136 f.)<\/p>\n<p>Willkommen, Klaus M\u00fcller, in der Arbeitswerttheorie, die nicht nur homogene Arbeit, sondern auch heterogene Arbeit ber\u00fccksichtigt! Was M\u00fcller hier beschreibt, ist die Konsequenz aus dem Fakt, dass \u201eein kleineres Quantum komplizierter Arbeit [hinsichtlich des Wertprodukts] gleich einem gr\u00f6\u00dferen Quantum einfacher Arbeit\u201c ist (MEW 23: 59). Marx deutet an der angegebenen Stelle an, wie die kompliziertere Arbeit darzustellen w\u00e4re, n\u00e4mlich durch ein multiplikatives oder potenziertes Verh\u00e4ltnis zur gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit. Dass dann die obige Proportionalit\u00e4t nicht mehr zutrifft, ist logisch. Auf die Bedingtheit der Proportionalit\u00e4t habe ich bereits vor Jahren hingewiesen: \u201eWert und gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit sind \u2013 nach Reduktion auf einfache Arbeit \u2013 einander proportional.\u201c (Quaas: 2016: 74) <\/p>\n<p>Ein Folgeproblem besteht darin, jenen Faktor zu bestimmen, mit dem die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit hochmultipliziert werden muss, um ihr Wertprodukt zu bestimmen. Aber Marx hat auch eine L\u00f6sung f\u00fcr das Problem, wie man die Kompliziertheitsgrade bestimmen k\u00f6nnte, n\u00e4mlich anhand des Werts der jeweiligen Arbeitskraft (MEW 23: 211 f. in Zusammenhang mit 185 ff.). Der Hintergrund f\u00fcr diesen Ansatz ist dieser: Der Lohn, den eine Arbeitskraft verdient, muss &#8211; in langer Frist gesehen &#8211; hinreichen, um ihren Wert zu erhalten. Ansonsten verk\u00fcmmert sie. Unter den Bedingungen eines kapitalistischen Marktes ist ein angemessener Lohn nur m\u00f6glich, wenn die Arbeitskraft, die einen h\u00f6heren Wert als andere hat, auch ein entsprechend hohes Wertprodukt erzeugt. <\/p>\n<p>Marx unterstellt im \u201eKapital\u201c jedoch einfache Arbeit. In diesem Fall stimmt die Proportionalit\u00e4t, und zwar f\u00fcr das gesamte \u201eKapital\u201c. Des Weiteren h\u00e4tte M\u00fcller bedenken m\u00fcssen, dass der Kompliziertheitsgrad auch im Rahmen seiner eigenen Interpretation zu ber\u00fccksichtigen w\u00e4re, und zwar im Begriff der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit. \u201eIm Begriff der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit ist die Umrechnung komplizierter in einfache Arbeiten schon geschehen.\u201c (140) Das w\u00e4re ja bequem! Da sparen wir uns also weiteres Nachdenken, wie man eine solche Umrechnung bewerkstelligen k\u00f6nnte. Man fragt sich, was M\u00fcller noch alles in den Begriff der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit hineinprojizieren will. Neben der Arbeitszeit unter normalen Produktionsbedingungen also die Proportionalit\u00e4t der Produktion dem volkswirtschaftlichen Bedarf entsprechend und nun auch noch der Grad der Kompliziertheit des zugrunde liegenden Arbeitsprozesses, an dem realiter sicherlich mehrere Gewerke mit unterschiedlich komplizierter Arbeit und unterschiedlichem Gewicht beteiligt sind.<\/p>\n<p>\u201eAm Bau einer Spinnmaschine sind viele Arbeiter beteiligt. Bergleute f\u00f6rdern Eisenerz, H\u00fcttenarbeiter schmelzen Eisen und gie\u00dfen Rohlinge. Ihre lebendige Arbeit hat die Form eines Gegenstands angenommen. Der Eisenrohling ist vergegenst\u00e4ndlichte Arbeit. \u2026 Andere stellen mechanische Teile der Spinnmaschine dar. Aus R\u00e4dern, Walzen, Balken usw. bauen Arbeiter dann die Spinnmaschine. Die Maschine ist das Produkt der T\u00e4tigkeit vieler Arbeiter. Vielleicht waren insgesamt 20.000 Arbeitsstunden erforderlich, um sie zu fertigen.\u201c (301)<\/p>\n<p>Es ist eine Milchm\u00e4dchenrechnung, Arbeitsstunden zusammenzuz\u00e4hlen und zu glauben, damit den Wert einer Maschine bestimmt zu haben. Nicht ber\u00fccksichtigt wird, dass die Arbeitsstunden der verschiedenen Arbeiter mit unterschiedlichem Gewicht in den Wert der Maschine eingehen. Die Rechnung hat noch einen zweiten Teil. M\u00fcller glaubt: \u201eNach 100st\u00fcndiger Arbeitszeit hat die Maschine ihren Herstellungsaufwand eingebracht\u201c (ebd.), weil sie in dieser Zeit so viel Arbeitszeit einspart wie man mit einem Handwebstuhl gebraucht h\u00e4tte, um dasselbe Produkt herzustellen. <\/p>\n<p>Dabei wird unterschlagen, welche Kosten der Betrieb einer \u201eSpinning Jenny\u201c (Antrieb, Baulichkeiten, Lohn, Material) im Vergleich mit den Kosten eines Handwebstuhls macht. Marx weist au\u00dferdem darauf hin, dass unter kapitalistischen Bedingungen nicht die angewandte Arbeit ausschlaggebend ist, sondern der Wert der angewandten Arbeitskraft. (MEW 23: 414) Unter der realistischen Bedingung heterogener Arbeit weicht der Wert von der Zahl der Arbeitsstunden ab.<\/p>\n<p>Trotz dieser Widerspr\u00fcche will M\u00fcller uns den Weg zur exakten Berechnung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit bei der Herstellung dieses differenzierten Komplexes einer Maschine weisen. Dazu mehr im Abschnitt 1.15. Pech ist allerdings, dass der Begriff der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit \u2013 trotz des umfangreichen Pl\u00e4doyers f\u00fcr seine Messbarkeit (M\u00fcller 2024: 91 ff.) \u2013 diese Eigenschaft in M\u00fcllers Interpretation ganz verloren hat: Es gibt keine Uhren, die eine \u201epolit\u00f6konomische Zeit\u201c messen k\u00f6nnten. Und deshalb bleibt nichts anderes \u00fcbrig, als alle die Faktoren, die bei der Wertbestimmung eine Rolle spielen, rational zu definieren und \u2013 dem Marxschen Text entsprechend \u2013 ihren Zusammenhang mit dem Wert darzustellen (Quaas 2016). <\/p>\n<p>M\u00fcller dagegen weist Marx zurecht, eventuell aus \u00c4rger \u00fcber das Gegenbeispiel zu seiner Arbeitszeitrechnung? <\/p>\n<p>\u201eRichtig h\u00e4tte Marx formulieren m\u00fcssen: Der Wert einer Ware verh\u00e4lt sich bei gegebenem Kompliziertheitsgrad der Arbeit zum Wert jeder anderen Ware wie die zur Produktion der einen notwendigen Arbeitszeit zu der f\u00fcr die Produktion der anderen notwendigen Arbeitszeit.\u201c (137) <\/p>\n<p>Hier stellt die Architektur des \u201eKapital\u201c M\u00fcller ein Bein: Wie kann denn Marx auf der Seite 54 den Begriff \u201eKompliziertheitsgrad\u201c verwenden, wenn er in seiner Systematik erst auf der Seite 59 darauf aufmerksam macht, dass es einen Unterschied zwischen komplizierter und einfacher Arbeit gibt? Nachdem dieser Unterschied eingef\u00fchrt worden ist, h\u00e4tte Marx in der Tat eine qualifizierende Bedingung hinzuf\u00fcgen m\u00fcssen. Doch Marx braucht das nicht, weil er sofort klar macht, dass sich seine Darstellung auf die Betrachtung homogener Arbeit beschr\u00e4nkt. Und die qualifizierende Bedingung h\u00e4tte auch nicht lauten k\u00f6nnen: \u201ebei gegebenem Kompliziertheitsgrad\u201c, da auch verschiedene Kompliziertheitsgrade \u201egegeben\u201c sind, sondern h\u00e4tte dann lauten m\u00fcssen: \u201ebei gleichem Kompliziertheitsgrad\u201c.<\/p>\n<h2 id=\"1.15\">1.15 Was ist der Wert?<\/h2>\n<p>Trotzdem ich wiederholt sowohl in aller K\u00fcrze als auch ausf\u00fchrlich M\u00fcller erkl\u00e4rt habe, was meiner Meinung nach Marx unter dem Wert versteht, reagiert M\u00fcller immer wieder mit dem gleichen verunglimpfenden Vorwurf: \u201eWas Wert ist, wenn er keine Arbeitszeit ist, sagt er [Quaas] nicht. Das ist keine Werttheorie, allenfalls eine verquere.\u201c (M\u00fcller 2024: 138) Doch wie verquer ist denn eine Theorie, wonach der Wert nichts anderes ist als der quantitative Aspekt der abstrakten Arbeit, die eine besondere Form der allgemeinen Arbeit ist und deren quantitativer Aspekt aber durch die in jeder Produktion pr\u00e4sente gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit gemessen wird, in die ihrerseits auch noch die Normalit\u00e4t der Produktionsbedingungen, der gesamtgesellschaftliche Bedarf und die Kompliziertheit der Arbeit eingehen? Wie Humpty Dumpty m\u00fcsste M\u00fcller diesem Begriff ein Extra zahlen f\u00fcr die ungeheure Arbeit, die er leisten muss. <\/p>\n<p>Allgemeine Arbeit ist aus M\u00fcllers Sicht jede menschliche Arbeit, insofern sie Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ist und n\u00fctzliche Dinge herstellt. Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist ebenfalls eine \u00fcberhistorische Kategorie. Werden Produkte f\u00fcr den Markt hergestellt, verwandelt sich die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit in den Wert. Nach wie vor ist sie aber eine Eigenschaft der allgemeinen menschlichen Arbeit, auch wenn letztere die Form der abstrakten Arbeit annimmt. Aus der Identit\u00e4t von Wert und gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit unter den angegebenen Bedingungen folgt, dass die menschliche Arbeit nach M\u00fcller einen Wert hat. Was sagt Marx dazu? \u201eMenschliche Arbeitskraft im fl\u00fcssigen Zustand oder menschliche Arbeit bildet Wert, aber ist nicht Wert. Sie wird Wert in geronnenem Zustand, in gegenst\u00e4ndlicher Form.\u201c (23: 65) Auf Klaus M\u00fcller trifft die Kritik zu, die Marx an Destutt de Tracy \u00fcbt: \u201eEr f\u00e4llt damit in die Flachheit der Vulg\u00e4r\u00f6konomie, die den Wert einer Ware (hier der Arbeit) voraussetzt, um dadurch hinterher den Wert der andren Waren zu bestimmen.\u201c (MEW 23: 94, Fn. 31) <\/p>\n<p>M\u00fcllers Leugnung einer separaten, d. h. von der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit unterschiedenen Gr\u00f6\u00dfe namens \u201aWert\u2018 bedeutet, dass er Marx\u2019 Werttheorie durch eine Arbeitszeitrechnung ersetzt, die viel besser bereits in den 60er Jahren von der neoricardianischen Schule entwickelt worden ist. M. a. W.: Trotz zahlreicher Marx-Zitate ist M\u00fcllers Darstellung der Arbeitswerttheorie im Kernbereich nicht authentisch.<\/p>\n<p>Doch wie wird nun der Wert richtig definiert? Bei der Erl\u00e4uterung des Wertbegriffes verwendet Marx anstelle einer einfachen Definition eine operationale Charakteristik, mit deren Hilfe er den \u201eWert\u201c in sein System der Kategorien einordnet. Das ist eine wissenschaftlich durchaus akzeptierte und beispielsweise auch in der Mathematik angewandte Methode zur Bestimmung von Grundbegriffen. Auf dieser Grundlage stelle ich fest (Quaas 2023):<\/p>\n<p>\u201eM\u00fcller irrt, wenn er behauptet, dass es im \u201aKapital\u2018 keine Definition des Wertes gibt, die \u201adie Wertgr\u00f6\u00dfe anders als durch Arbeitszeit definiert\u2026\u2018 (M\u00fcller in Z 130: 153) Nur wird der Wert nicht in der Form einer Real- oder Nominaldefinition eingef\u00fchrt, sondern durch Beschreibung der sachlichen und der erkenntnism\u00e4\u00dfigen Zusammenh\u00e4nge, in denen der Wert existiert und zum Objekt gemacht werden kann.\u201c (Ebd.)<\/p>\n<p>Welche gedanklichen Schritte macht Marx, um den \u201eWert\u201c zu definieren? <\/p>\n<p>\u201eDie Forderung, (i) von den n\u00fctzlichen Eigenschaften der Ware und von ihren mannigfachen Tauschwerten abzusehen (MEW 23, S.51 f.), (ii) die Ware als Arbeitsprodukt, als Resultat unterschiedsloser menschlicher Arbeit zu betrachten, (iii) dabei aber die quantitativen Unterschiede im Blick zu behalten, die darin bestehen, dass unterschiedlich viel menschliche Arbeit in den Arbeitsprodukten aufgeh\u00e4uft ist (ebd.: S.52 f). Der letzte Aspekt wird von Marx auf der Grundlage von (i) und (ii) besonders hervorgehoben, indem er, wie man heute sagen w\u00fcrde, eine operationale Anweisung gibt, wie man den Wert zu messen hat: \u201aEin Gebrauchswert oder Gut hat also nur einen Wert, weil abstrakt menschliche Arbeit in ihm vergegenst\u00e4ndlicht oder materialisiert ist. Wie nun die Gr\u00f6\u00dfe seines Werts messen? Durch das Quantum der in ihm enthaltenen \u201awertbildenden Substanz\u2018, der Arbeit. Die Quantit\u00e4t der Arbeit mi\u00dft sich an ihrer Zeitdauer, und die Arbeitszeit besitzt wieder ihren Ma\u00dfstab an bestimmten Zeitteilen, wie Stunde, Tag usw.\u2018 (MEW 23: 53)\u201c <\/p>\n<p>Das fasse ich wie folgt zusammen: <\/p>\n<p>\u201eWas ist also der Wert? Eine quantitative und gesellschaftliche Eigenschaft der Waren, die in einer warenproduzierenden Gesellschaft von der Arbeit erzeugt wird, weil menschliche Arbeitskraft verausgabt werden muss, um die Ware herzustellen; die Gr\u00f6\u00dfe des Werts h\u00e4ngt davon ab, wie lange im Schnitt bei ihrer Herstellung gearbeitet werden muss. Auf einem Markt wird der Wert einer Ware mehr oder weniger exakt durch den Tauschwert oder den Preis dargestellt.\u201c (Quaas 2023)<\/p>\n<p>M\u00fcller f\u00fchrt zahlreiche (acht) Zitate an, von denen nur ein einziges das besagt, was er gern lesen m\u00f6chte, n\u00e4mlich dass \u201eder in der Ware enthaltene Wert \u2026 gleich der Arbeitszeit\u201c ist, und dieses Zitat stammt aus dem dritten Band des \u201eKapital\u201c, den Marx noch \u00fcberarbeitet h\u00e4tte, wenn er dazu gekommen w\u00e4re. Meine Interpretation ist aber auch mit diesem Zitat nicht widerlegt: Die behauptete Gleichheit zweier Objekte setzt voraus, dass es zwei Objekte gibt. Eine Tatsache, die M\u00fcller leugnet. Alle anderen von ihm angef\u00fchrten Zitate best\u00e4tigen, dass Wert und Arbeitszeit f\u00fcr Marx unterschiedliche Gr\u00f6\u00dfen sind, denn wenn sie identisch w\u00e4ren, h\u00e4tte er jeweils nur einen Begriff zu erw\u00e4hnen brauchen. W\u00e4re M\u00fcllers Interpretation richtig, w\u00fcrde es sich in allen diesen F\u00e4llen um ein literarisches Stilmittel handeln, um mit einem Synonym den Text ein wenig aufzulockern. Der Kern der Arbeitswerttheorie, die Determination des Wertes durch die Arbeitszeit, w\u00e4re dann, um mit Marx zu sprechen, \u201ebelletristische Schei\u00dfe\u201c.<\/p>\n<p>M\u00fcllers ungenaue Leseweise \u00fcbersieht, dass es sich in den meisten Zitaten um ein Ma\u00dfverh\u00e4ltnis handelt: Der Wert wird durch die Arbeitszeit gemessen. Das Ma\u00df eines Dinges ist ein anderes Ding der gleichen Art. Man kann den Wert nicht durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit messen, wenn diese selbst der Wert ist. Dann misst man nur die Arbeitszeit und dabei kommt M\u00fcllers Arbeitszeitrechnung heraus, die aber nur wenig bis gar nichts mit der Marxschen Wertrechnung zu tun hat \u2013 und die besser im neoricardianischen Modell zu finden ist.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es auch m\u00f6glich, eine kurze, trotzdem aber wissenschaftlich korrekte Definition des Werts zu geben, von der ich allerdings glaube, dass M\u00fcller damit nichts anfangen kann. Sie ist u.a. in Quaas (2016: 51 f.) zu finden und setzt, wie Marx\u2019 Analyse am Anfang des \u201eKapital\u201c, beim Tauschwert an:<\/p>\n<p>\u201eEs handelt sich bei dem Ausdruck x Ware A = y Ware B nicht, wie Marx glaubt, um eine \u201aGleichung\u2018 im Sinne der Mathematik, sondern um eine \u201aGleichsetzung\u2018, wie er diesen Ausdruck in jenem Absatz auch richtig bezeichnet, deren logischer Status ihm jedoch nicht ganz klar ist. Interpretiert man das Gleichheitszeichen nicht mathematisch, sondern im Sinne einer Gleichsetzung von verschiedenen Gebrauchswertmengen \u00fcber eine gemeinsame Eigenschaft W, symbolisiert durch ein Gleichheitszeichen mit dar\u00fcber gestellten W, also,<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl04-e1739365799984.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"48\" class=\"alignnone size-full wp-image-746\" \/><\/p>\n<p>so hat man die oben bereits erw\u00e4hnte Definition einer \u00c4quivalenzrelation vor sich, die formallogisch korrekt das darstellt, was Marx mit dem Gemeinsamen beider Waren ausdr\u00fccken wollte.\u201c <\/p>\n<p>Es ist \u00fcbrigens Marx selbst, der f\u00fcr den Wert das mathematische Symbol W einf\u00fchrt. (MEW 23: 56)<\/p>\n<p>Mehr kann und muss man \u00fcber die Definition des Werts nicht sagen: Nach Marx ist es eine gesellschaftliche Eigenschaft der Waren, die eines Mehr oder Weniger f\u00e4hig ist und die dem von ihm unterstellten \u00c4quivalententausch zugrunde liegt. Und da es sich um eine separate Gr\u00f6\u00dfe handelt, kann deren Einheit nicht die Zeit sein. In Quaas 2016 habe ich wiederholt vorgeschlagen, im Fall der Angabe von Wertgr\u00f6\u00dfen von jeweils \u201ex Werteinheiten (WE)\u201c zu sprechen, ein Begriff, der von M\u00fcller gelegentlich auch benutzt wird (310). Man kommt halt um die richtige Ausdrucksweise nicht herum, wenn man Marx interpretiert. <\/p>\n<p>Wenn man, wie M\u00fcller, bestreitet, dass die Determinante der Wertgr\u00f6\u00dfe die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist, so muss man M\u00fcller fragen, was sonst determiniert den Wert einer Ware und welche Belege kann er vorweisen, um seine reduktionistische Interpretation zu st\u00fctzen? Au\u00dfer der Stelle im dritten Band wird er m\u00f6glicherweise noch in den fr\u00fcheren Schriften f\u00fcndig. Aber fr\u00fchere Formulierungen k\u00f6nnen zwar helfen, sp\u00e4tere besser zu verstehen, sie k\u00f6nnen sie aber nicht widerlegen.<\/p>\n<h2 id=\"1.16\">1.16 M\u00fcller und das neoricardianische Modell<\/h2>\n<p>An verschiedenen Stellen seines Buches kritisiert M\u00fcller die Methode, Werte und Produktionspreise aus der physischen Struktur der Volkswirtschaft abzuleiten. Von dieser Kritik ist vor allem die neoricardianische Schule und ihr Vorl\u00e4ufer und angeblicher Erblasser David Ricardo betroffen.<\/p>\n<p> \u201eRicardo ist Arbeitswerttheoretiker. Aber er betrachtet die Arbeit ausschlie\u00dflich in ihrer konkreten Form, kennt keinen Unterschied zwischen konkreter und abstrakter Arbeit. Das ist seine Schw\u00e4che. Seine falschen Positionen \u00fcbernehmen jene, die die Arbeitswerttheorie durch Gebrauchswertmengenmodelle ersetzen.\u201c (14) <\/p>\n<p>\u201eDie \u201aSraffianer\u2018 oder \u201aNeoricardianer\u2018 kennen nur Gebrauchswerte und konkrete Arbeiten. Wer die beiden Bestimmungen der Ware \u2013 Gebrauchswert und Wert \u2013 und die der Arbeit \u2013 konkrete, abstrakte \u2013 nicht auseinanderh\u00e4lt, f\u00e4llt hinter Marx\u2019 Erkenntnisse zur\u00fcck.\u201c (15) <\/p>\n<p>Die neoricardianischen Modelle Sraffas und Leontjews seien \u201eGebrauchswertmengenmodelle\u201c, die \u201estoffliche Verflechtungen zwischen den Produktionsbereichen erfassen\u2026\u201c <\/p>\n<p>Sraffa ermittle \u201edie Preise auf der Basis physischer Verflechtungen zwischen den Zweigen.\u201c (144, Fn. 29) \u201eTats\u00e4chlich bedarf es in der Modellwelt Sraffas keines Arbeitswerts. Sraffas Produktionspreise stellen Relationen zwischen stofflichen Mengen dar.\u201c (108) <\/p>\n<p>Wie seine Kritik an Schefold belegt (14 ff.), ist ihm dabei nicht bewusst, dass die von ihm hart kritisierte neoricardianische Schule keineswegs nur technische Beziehungen und Preise kennt. Im Mittelpunkt dieser Schule steht das gesellschaftliche Problem der Verteilung des Surplusprodukts zwischen Arbeitern und Kapitaleignern, wobei auch die Werttheorie eine Rolle spielt (bei einer Profitrate von null). Die Neoricardianer haben bereits in den 60er Jahren realisiert, was M\u00fcller vorschwebt: Die Integration von indirekter und direkter Arbeit in ein volkswirtschaftliches Modell, verbunden mit der Behauptung, dass die entsprechende Gr\u00f6\u00dfen Marxsche Werte seien. Auf dieser Grundlage operiert Schefold nicht erst in seinen neusten Publikationen, sondern bereits in seiner Dissertation freiweg mit werttheoretischen Gr\u00f6\u00dfen: \u201eIn single product systems, <strong>p<\/strong><sub>i<\/sub>(0)=<strong>u<\/strong><sub>i<\/sub> is interpreted as the amount of direct and indirect labour embodied in one unit of good i.\u201d (Schefold 1971: 24) <\/p>\n<p>Allerdings handelt es sich um eine in hohem Ma\u00dfe vereinfachte und deshalb auch nur beschr\u00e4nkt g\u00fcltige Arbeitswerttheorie. \u2013 <\/p>\n<p>Betroffen von M\u00fcllers unsachgem\u00e4\u00dfer Kritik ist auch Manfred Hieke: \u201eWie in der Modellwelt Sraffas stellen bei ihm Werte bzw. Produktionspreise Relationen zwischen stofflichen Mengen dar.\u201c (291)<\/p>\n<p>Wenn Klaus M\u00fcller sich etwas umschauen w\u00fcrde, w\u00e4ren noch weitere Namen zu nennen. Kurz zusammengefasst sieht M\u00fcller den entscheidenden Fehler des neoricardianischen Modellansatzes darin, dass auf die Werte verzichtet wird (was nicht stimmt) und die Produktionspreise direkt aus der gebrauchswertm\u00e4\u00dfig-stofflichen Struktur einer Volkswirtschaft abgeleitet werden. M\u00fcller will dagegen eine Arbeitszeitrechnung, denn: \u201eWertrechnungen sind Arbeitszeitrechnungen.\u201c (133) <\/p>\n<h2 id=\"1.16.1\">1.16.1 M\u00fcllers Arbeitszeitrechnung<\/h2>\n<p>Um das an einfachen Beispielen zu demonstrieren, pr\u00e4sentiert M\u00fcller (wie schon Ladislaus v. Bortkiewicz) ein Drei-Sektoren-Modell. (146 ff.) Dabei handelt es sich in der Tat um eine reine Arbeitszeitrechnung, bei der es darauf ankommt, die volle Arbeitszeit zu ermitteln, die von den verschiedenen Produkten verk\u00f6rpert wird. Die volle Arbeitszeit ist die Summe aus der in einem Produktionsprozess direkt aufgewandten Arbeitszeit plus der Arbeitszeit, die in den Arbeitsmitteln (AM) und Arbeitsgegenst\u00e4nden (AG) steckt (indirekte Arbeitszeit). Sektor 1 produziert AG, Sektor 2 stellt AM her und im Sektor 3 werden Konsumg\u00fcter (KG) erzeugt. <\/p>\n<p>Im Unterschied zu Sraffas Modellbeispielen f\u00fcr eine Warenproduktion mittels Waren und Arbeit wird bei M\u00fcller die Arbeit nicht durch die Zahl der Arbeiter, sondern \u2013 der Vorgabe von Marx entsprechend \u2013 in Stunden angegeben. Doch das ist kein wesentlicher Unterschied: Teilt man die Stundenzahl durch die einheitliche Arbeitszeit der Besch\u00e4ftigten in der betrachteten Produktionsperiode, so erh\u00e4lt man die Anzahl der Besch\u00e4ftigten. Arbeitet ein Besch\u00e4ftigter pro Produktionsperiode (beispielsweise pro Tag) 7,5 Stunden, so bedeuten M\u00fcllers 15 Stunden Arbeit, dass 2 Besch\u00e4ftigte am Werk waren. Die \u201estofflich-naturale\u201c Struktur des ersten bei M\u00fcller zu findenden Modellbeispiels (147), genauer gesagt: der Input, geordnet nach Zweigen (Spalten) und G\u00fctern (Zeilen), wird hier in der \u00fcblicherweise verwendeten Matrixschreibweise (als Matrix <strong>Z<\/strong>) notiert. Den Output <strong>Q<\/strong> stellt man zweckm\u00e4\u00dfig mit Hilfe einer Diagonalmatrix dar. Das Beispiel sieht dann so aus: <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl05-1-500x107.jpg\" alt=\"\" width=\"390\" height=\"84\" class=\"alignnone size-medium wp-image-812\" \/><\/p>\n<p>M\u00fcller vergisst zu erw\u00e4hnen, dass AG und AM vollst\u00e4ndig verbraucht bzw. verschlissen werden m\u00fcssen, um ihren vollen \u201eWert\u201c anzurechnen. Den Umfang der in den drei Sektoren geleisteten direkten Arbeit stellen wir durch den Zeilenvektor <strong>L<\/strong> dar. F\u00fcr einen Moment akzeptieren wir M\u00fcllers Theorie, dass die in einer Ware verk\u00f6rperte volle Arbeitszeit identisch mit ihrem Wert ist. Dadurch ist es m\u00f6glich, die drei Komponenten des Wertevektors <strong>v<\/strong> (value) mit Hilfe des von M\u00fcller verwendeten griechischen Symbols &#955; (Lambda) darzustellen: <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl06-500x37.jpg\" alt=\"\" width=\"378\" height=\"28\" class=\"alignnone size-medium wp-image-750\" \/><\/p>\n<p>Das ist M\u00fcllers erstes Modellbeispiel, dargestellt in kompakter Matrixschreibweise. Um die Werte alias Lambdas zu bestimmen, stellt er folgendes Gleichungssystem auf und rechnet es anschlie\u00dfend aus (147):<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl07-e1739367159119.jpg\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"80\" class=\"alignnone size-full wp-image-751\" \/> <\/p>\n<p>M\u00fcller rechnet akribisch vor, wie man dieses Gleichungssystem l\u00f6st und bekommt folgende L\u00f6sung heraus: <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl08-1-e1739370003167.jpg\" alt=\"\" width=\"235\" height=\"35\" class=\"alignnone size-full wp-image-770\" \/><\/p>\n<p>Das seien die vollen Arbeitsmengen, die in je einer Einheit AG, AM und KG stecken. (148) Wobei die Arbeitsmengen in Stunden angegeben werden. Ein Hinweis, den er ebenfalls \u201evergisst\u201c.<\/p>\n<p>Den Nachvollzug der Rechnung ersparen wir dem Leser, weil es uns auf etwas anderes ankommt, n\u00e4mlich auf den Vergleich mit dem neoricardianischen Modell. Anlass daf\u00fcr ist die Vermutung, dass M\u00fcller mit seinen Arbeitszeitrechnungen nichts anderes tut als Sraffa und all\u2019 die anderen Neoricardianer, n\u00e4mlich den Wert aus den stofflichen Beziehungen zwischen den Produktionsbereichen abzuleiten. M\u00fcller selbst beschreibt seine Methode so: \u201eDie volle Arbeitszeit ist die Wertgr\u00f6\u00dfe. Sie ist die Summe an direkter und indirekter Arbeitszeit, die notwendig ist, genau die Mengen an G\u00fctern zu erzeugen, die die Gesellschaft haben will. F\u00fcr ihre H\u00f6he sind die technischen Verflechtungen der Sektoren und Bereiche, die Produktivit\u00e4t der G\u00fctererzeugung und die Bedarfsstruktur bestimmend.\u201c (162) Der Wert \u201ekann mit Hilfe eines linearen Gleichungssystems ermittelt werden, vorausgesetzt, die ben\u00f6tigten Informationen sind verf\u00fcgbar.\u201c (162) <\/p>\n<p>Schauen wir also, wie M\u00fcllers Gleichungssystem auss\u00e4he, wenn wir es \u2013 so wie in der mathematischen \u00d6konomik \u00fcblich \u2013 mit Hilfe der Matrizenschreibweise notieren. Sein Gleichungssystem l\u00e4sst sich kurz so notieren:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl09-e1739369263884.jpg\" alt=\"\" width=\"140\" height=\"34\" class=\"alignnone size-full wp-image-765\" \/><\/p>\n<p>Um M\u00fcllers \u201eWert\u201c einer G\u00fctereinheit zu erhalten, multiplizieren wir diese Gleichung von rechts mit der inversen Matrix des Outputs und ordnen die Terme etwas um, so dass sich Folgendes ergibt:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl10-e1739369354830.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"35\" class=\"alignnone size-full wp-image-766\" \/><\/p>\n<p>In der Literatur ist es \u00fcblich, den gesamten Verbrauch von Arbeitsgegenst\u00e4nden einschlie\u00dflich des Verschlei\u00dfes an Arbeitsmitteln je Outputeinheit anzugeben und auf diese Weise eine technologische Matrix <strong>A<\/strong> zu definieren. Dem entsprechend wird der Arbeitseinsatz ebenfalls je Outputeinheit angegeben. Beide Gr\u00f6\u00dfen sind in der letzten Formel bereits enthalten. Es f\u00fchrt also zu einer Vereinfachung der Formel, wenn wir definieren:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl11-e1739369451223.jpg\" alt=\"\" width=\"256\" height=\"37\" class=\"alignnone size-full wp-image-767\" \/><\/p>\n<p>Mit diesen Vereinfachungen und mit der Identit\u00e4tsmatrix <strong>E<\/strong>, die auf der Hauptdiagonalen lauter Einsen und sonst nur Nullen enth\u00e4lt, erh\u00e4lt man aus der letzten M\u00fcllerschen Gleichung: <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl12-e1739369499751.jpg\" alt=\"\" width=\"327\" height=\"40\" class=\"alignnone size-full wp-image-768\" \/><\/p>\n<p>Die Formel ganz rechts, die durch identische Umformungen des M\u00fcllerschen Beispiels abgeleitet worden ist, stellt nichts anderes als die Formel f\u00fcr die volle Arbeitszeit je Wareneinheit dar. Diese Formel ist M\u00fcllers Eintrittskarte in die neoricardianische Schule. Ich w\u00fcrde ihn willkommen hei\u00dfen und auf die zahlreichen Konsequenzen hinweisen, die sich daraus ergeben und die \u00fcberwiegend der Marxschen Theorie widersprechen. Das w\u00fcrde ich tun, wenn ich selbst ein Neoricardianer w\u00e4re. Da ich das nicht bin, lasse ich einen sicherlich auch M\u00fcller bekannten Vertreter dieser Schule zu Wort kommen. <\/p>\n<p>Luigi Pasinetti bezeichnet den Arbeitsvektor <strong>l<\/strong> mit <em>a<\/em><sub>n<\/sub> und die Identit\u00e4tsmatrix <strong>E<\/strong> mit <strong>I<\/strong>. Man muss dazu wissen, dass jeder Neoricardianer im Grunde genommen seine eigene Notation verwendet, ohne dass sich an den grundlegenden Strukturen des gemeinsam geteilten Modells etwas \u00e4ndert. Pasinetti schreibt:<\/p>\n<p>\u201eAus den \u00dcberlegungen des Abschnitte 7.1 \u2026 wissen wir nun, dass die <em>i<\/em>-te Spalte von (<strong>I<\/strong> &#8211; <strong>A<\/strong>)<sup>-1<\/sup> die Warenmengen darstellt, die direkt und indirekt im gesamten \u00f6konomischen System erforderlich sind, um eine physische Einheit der Ware <em>i<\/em> als Endprodukt zu erhalten\u2026 Wir k\u00f6nnen daraus schlie\u00dfen, dass der Vektor <strong>v<\/strong>, definiert als <\/p>\n<p> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl00-e1739370949430.jpg\" alt=\"\" width=\"157\" height=\"40\" class=\"alignnone size-full wp-image-774\" \/><\/p>\n<p>die sogenannten vertikal integrierten Arbeitskoeffizienten repr\u00e4sentiert. In klassischer Terminologie k\u00f6nnen wir auch sagen, <strong>v<\/strong> stelle die direkt und indirekt in jeder Mengeneinheit der Waren, die das Nettoprodukt bilden, \u201averk\u00f6rperten\u2018 Arbeitsmengen dar (das, was Marx als \u201aWerte\u2018 definierte).\u201c (Pasinetti 1988: 97) <\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte meinen, M\u00fcller habe bei Pasinetti abgeschrieben. Aber nachdem ich mehrere Jahre mit ihm diskutiert habe, bin ich \u00fcberzeugt davon, dass er das neoricardianische Modell aufgrund seiner eigenen Vorstellungen von der Arbeitswerttheorie neu erfunden hat. Leider ist er sich dessen nicht bewusst und glaubt fest daran, dass die Marxsche Wertrechnung eine Arbeitszeitrechnung ist. Dass jenes Modell die Marxsche Werttheorie nur \u00e4u\u00dferst vereinfacht wiedergibt, habe ich bereits vor Jahren kritisiert (Quaas 1999). <\/p>\n<h2 id=\"1.16.2\">1.16.2 Ein voraussichtliches Gegenargument<\/h2>\n<p>Kann man behaupten, dass M\u00fcllers Arbeitszeitrechnung zwar formal mit dem Modell der neoricardianischen Schule \u00fcbereinstimmt, inhaltlich aber eine ganz andere Theorie darstellt, weil sie anstelle von Besch\u00e4ftigtenzahlen Arbeitsstunden als Ma\u00dfeinheit der Arbeit verwendet?<\/p>\n<p>Behaupten kann man das, aber trifft das auch zu? Zun\u00e4chst eine Analogie: In den 80er Jahren habe ich in meiner schlecht isolierten Leipziger Mietwohnung pro Winter 100 Zentner Brikett verfeuert, um 2 1\/2 Zimmer zu heizen. H\u00e4tte ich vom Kohlenh\u00e4ndler mehr oder weniger bekommen, wenn ich stattdessen 5 Tonnen Brikett bestellt h\u00e4tte? Wohl kaum! M. a. W.: Unterschiedliche Ma\u00dfeinheiten zu benutzen ist auch nur ein formaler Unterschied, der Inhalt bleibt derselbe. <\/p>\n<p>Wenn die Arbeit nicht in Stunden, sondern in Besch\u00e4ftigungseinheiten angegeben wird, lautet M\u00fcllers Gleichungssystem wie folgt:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl13-e1739371223423.jpg\" alt=\"\" width=\"223\" height=\"96\" class=\"alignnone size-full wp-image-775\" \/><\/p>\n<p>Dabei ist unterstellt worden, dass der Arbeitstag 7,5 Stunden hat. 15 Stunden Arbeit werden dann von 2 Besch\u00e4ftigten erbracht. Die anderen Angaben f\u00fcr die Arbeitsmenge werden entsprechend umgerechnet. Das Ausrechnen der \u201eWerte\u201c erfolgt nach M\u00fcllers Schema:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl14-500x160.jpg\" alt=\"\" width=\"365\" height=\"114\" class=\"alignnone size-medium wp-image-784\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl15-500x130.jpg\" alt=\"\" width=\"425\" height=\"110\" class=\"alignnone size-medium wp-image-779\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl16-500x89.jpg\" alt=\"\" width=\"484\" height=\"86\" class=\"alignnone size-medium wp-image-780\" \/><\/p>\n<p>In Besch\u00e4ftigteneinheiten ausgedr\u00fcckt erh\u00e4lt man folgende \u201eWerte\u201c:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl17-e1739374928848.jpg\" alt=\"\" width=\"285\" height=\"37\" class=\"alignnone size-full wp-image-781\" \/><\/p>\n<p>Wie zu erwarten, sind das jeweils 2\/15 der \u201eWerte\u201c ausgedr\u00fcckt in Stunden. Die Tauschverh\u00e4ltnisse sind gleich und unabh\u00e4ngig von der Ma\u00dfeinheit, in der die \u201eWerte\u201c alias \u201evolle Arbeitsmengen\u201c ausgedr\u00fcckt werden.<\/p>\n<p>Ergo: M\u00fcllers Arbeitszeitrechnung ist eine simple Version des neoricardianischen Modells.<\/p>\n<h2 id=\"1.17\">1.17 Kompliziertheitsgrad der Arbeit<\/h2>\n<p>F\u00fcr M\u00fcller ist der Wert identisch mit der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit. Zugleich erkennt er an, dass eine Arbeitsstunde eines Ingenieurs so viel Wert schaffen kann wie drei Stunden eines Stra\u00dfenfegers. Ihm bleibt also nichts anderes \u00fcbrig, als die Kompliziertheit der Arbeit in den Begriff der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit hineinzudeuten, und er h\u00e4lt es dementsprechend f\u00fcr m\u00f6glich, dass bei Marx \u201edie Kompliziertheit der Arbeiten bereits in die Kategorie der gesellschaftlich notwendigen Arbeit eingeflossen ist\u201c (M\u00fcller in Z 130: 153). Allerdings gibt es f\u00fcr diese Interpretation im \u201eKapital\u201c keinen einzigen Beleg. M\u00fcllers mathematische Idee, \u201edass das Produkt aus der tats\u00e4chlich geleisteten Durchschnittsarbeit mit ihrem Kompliziertheitsgrad erst die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ergibt [\u2026]\u201c (ebd.), ist deshalb eine reine Erfindung. Sie steht im Widerspruch zu der von Marx wiederholt niedergelegten Auffassung, dass die gesellschaftlich notwendige Arbeit anhand der Zeit (Tag, Stunde etc.) gemessen werden muss. Bekanntlich wird die Zeit durch physikalische Uhren gemessen, die nicht in der Lage sind, den Kompliziertheitsgrad der Arbeit zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>In seinem neuen Buch f\u00fchrt M\u00fcller diese Idee nun aus. <\/p>\n<p>\u201eWird die einfache Arbeit mit 1 normiert, dann wird die komplizierte Arbeit mit einer Zahl ausgedr\u00fcckt, die gr\u00f6\u00dfer ist als 1.<\/p>\n<p>Kompliziertheitsgrad k = Einfache Arbeiten in Zeiteinheiten (z.B. Stunden) dividiert durch komplizierte Arbeiten in Zeiteinheiten (z.B. Stunden)<\/p>\n<p>Die Kennziffer dr\u00fcckt aus, wie viele Zeiteinheiten einfacher Arbeit eine Zeiteinheit komplizierter Arbeit entspricht.\u201c (169)<\/p>\n<p>Jene Kennziffer ist jedoch weder messbar noch hat sie eine Erkl\u00e4rungsfunktion in der Arbeitswerttheorie. Je nach Interpretation der Formel ist sie sogar sinnlos. Das erkennt man, wenn man M\u00fcllers kurz vor dieser Textpassage repetierte Beschreibung benutzt, die auf Marx fu\u00dft:<\/p>\n<p>\u201eIch gehe von Marx\u2019 Bemerkung aus, dass die komplizierte Arbeit multiplizierte einfache Arbeit ist. Und deshalb in einer Stunde komplizierter Arbeit mehr Wert entsteht als in einer Stunde einfacher Arbeit.\u201c (Ebd.)<\/p>\n<p>Betrachten wir also 1 Stunde eines Stra\u00dfenfegers und 1 Stunde eines Architekten, deren Wertprodukt sich unterscheidet, und dividieren die eine Stunde des Stra\u00dfenfegers durch die eine Stunde des Architekten, so erhalten wir M\u00fcllers Kennziffer:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl18-e1739376012744.jpg\" alt=\"\" width=\"215\" height=\"72\" class=\"alignnone size-full wp-image-787\" \/><\/p>\n<p>Welchen Sinn soll dieser Ausdruck haben? M\u00fcllers Vorschlag, die anhand der Durchschnittsarbeit (!) gemessene Zeit mit dem Kompliziertheitsgrad zu multiplizieren, um die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit einer komplizierten Arbeit zu bestimmen, ist damit jedenfalls nicht realisierbar. Einen Sinn erh\u00e4lt die Formel erst, wenn man die Arbeitszeiten so bestimmt, dass ihnen das gleiche Wertprodukt entspricht. Doch dazu m\u00fcsste man die Werte bereits kennen, die mit Hilfe jener Formel erst berechnet werden sollen! Die Erkl\u00e4rungsleistung dieses Ansatzes ist also gleich null. <\/p>\n<p>Im \u201eKapital\u201c wird der Kompliziertheitsgrad der Arbeit \u00fcbrigens anhand der Reproduktionskosten der Arbeitskraft bestimmt. Dazu sind mehrere \u00dcberlegungen erforderlich, die mit einer einzigen Formel nicht eingefangen werden k\u00f6nnen. (Quaas 2016: Stichwort \u201eKompliziertheitsgrad\u201c)<\/p>\n<p>Nun zur Messbarkeit: Marx\u2019 Werte werden durch die abstrakt menschliche Arbeit gebildet, die ihrerseits stets an die konkrete Arbeit gebunden ist \u2013 was M\u00fcller ebenfalls so sieht. (Z 130: 150 f.) Das bedeutet: Der Umfang der abstrakten Arbeit kann nur anhand der Dauer der mit ihr verbundenen konkreten Arbeit gemessen werden. Deshalb kann man die (durchschnittliche und gesellschaftlich notwendige) Dauer der komplizierteren Arbeit eines Ingenieurs niemals anhand der einfachen Durchschnittsarbeit eines Stra\u00dfenfegers messen. Selbst wenn man genau w\u00fcsste, dass die Bildungskosten der Arbeitskraft eines Ingenieurs dreimal so hoch sind wie die eines Stra\u00dfenfegers, hei\u00dft das ja nicht, dass der Stra\u00dfenfeger dreimal so lange wie der Ingenieur ben\u00f6tigt, um dieselbe Arbeit zu leisten. Vielmehr wird es so sein, dass er sie \u00fcberhaupt nicht zuwege bringt.<\/p>\n<p>Man kann die (gesellschaftlich notwendige) Arbeitszeit des Arbeitsprozesses eines Ingenieurs unm\u00f6glich anhand der Dauer des Arbeitsprozesses einer durchschnittlichen Arbeitskraft messen. Das muss man auch nicht, da Marx davon ausgeht, dass die durchschnittliche Dauer genau derjenigen Arbeit ma\u00dfgeblich ist, die den Wert einer bestimmten Ware produziert hat. Das schlie\u00dft die Einbeziehung des Kompliziertheitsgrades in die Definition der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit definitiv aus. <\/p>\n<p>M\u00fcller verteidigt seinen Irrationalismus bei der Bestimmung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit mit dem Hinweis auf einige sowjetische Autoren, die es \u00e4hnlich sehen wie er. Angesichts des grandiosen Scheiterns des im sozialistischen Staatenbund politisch f\u00fchrenden Staates wahrlich ein sehr \u00fcberzeugendes Argument! Etwas weniger autoritativ argumentiert M\u00fcller an dieser Stelle: \u201eMir scheint, Quaas\u2019 Fehler besteht darin, den Zeitbegriff ausschlie\u00dflich physikalisch zu sehen.\u201c (173) Seit wann ist es ein Fehler, einem \u00d6konomen wie Marx zu unterstellen, dass er rationale, wissenschaftliche und realistische Begriffe verwendet? Abgesehen davon, dass es im \u201eKapital\u201c keinen einzigen Beleg f\u00fcr M\u00fcllers \u201epolit\u00f6konomische Zeit\u201c gibt: Kennt er denn einen einzigen Tarifvertrag, der anstelle der physikalischen Zeit seine alternative \u201epolit\u00f6konomische Zeit\u201c oder gar die Zeitwahrnehmung und das Zeitgef\u00fchl, auf die er verweist (95), verwendet? Mit gutem Grund habe ich darauf hingewiesen, dass die Arbeitszeit auch heute noch mit einer Stechuhr gemessen wird, wenn es auf die Bestimmung der Arbeitszeit ankommt. (173) Die Stechuhr unterscheidet nicht, ob sich ein Ingenieur oder ein Stra\u00dfenfeger ein- und ausloggt. Und ein Materialist vom Schlage eines Karl Marx soll einen Zeitbegriff verwendet und propagiert haben, den man wie Kaugummi je nach Gusto in die L\u00e4nge ziehen kann? M\u00fcllers Idee entspricht der Losung Stalins: \u201eDie Kader entscheiden alles.\u201c In der SU war es sicher m\u00f6glich, dass der Genosse Direktor die 100 Stunden Arbeit des Architekten, wenn sie ihm gefiel, mit einem ganzen Arbeitsjahr anrechnete. Und wenn nicht, mit 10 Jahren Arbeitslager. Wohin eine solche Wirtschaftspolitik f\u00fchrt, haben wir \u2013 leider \u2013 erlebt.<\/p>\n<p>Mit Berufung auf seine sowjetischen Kollegen Afanassjew und Kanke leitet M\u00fcller aus der \u201eDualit\u00e4t des \u00f6konomischen Prozesses\u201c die \u201eDuplizit\u00e4t des \u00f6konomischen Zeitbegriffs\u201c ab. (173) Hier M\u00fcllers \u00dcbernahme der Begr\u00fcndung:<\/p>\n<p>\u201eDie marxistische Wirtschaftstheorie enthalte \u201aden historisch ersten, wissenschaftlich begr\u00fcndeten und durch die Praxis gepr\u00fcften Beweis daf\u00fcr, dass es keine Zeit schlechthin gibt und dass man sich bei der Analyse des Zeitproblems nicht auf die Behandlung allein der physikalischen Zeit beschr\u00e4nken darf.\u2018\u2026 Dabei dr\u00fccke die \u201aKalenderarbeitszeit\u2018, die nat\u00fcrliche Zeit die Produktivkraftseite, das Verh\u00e4ltnis der Menschen zur Natur aus. Sie ist das Ma\u00df der individuellen, konkreten Arbeit, die Gebrauchswerte hervorbringt. Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bringe dagegen die Produktionsverh\u00e4ltnisse zum Ausdruck, sie erweise sich als spezifische Zeit eines sozialen Bezugssystems.\u201c (173 f.)<\/p>\n<p>Lyssenkos \u201esozialistisches\u201c Wissenschaftsverst\u00e4ndnis l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen! Nach dem Motto: Wenn schon die Physik eine Relativit\u00e4t der Zeit kennt, dann darf es das erst recht in der Sozialwissenschaft geben. Doch eine solche Uminterpretation wissenschaftlicher Kategorien ist mit Marx\u2019 Philosophie, insbesondere mit dem historischen Materialismus, unvereinbar. \u2013 Der Fehler in dieser Betrachtungsweise besteht darin, dass das Mensch-Natur-Verh\u00e4ltnis von den Produktionsverh\u00e4ltnissen getrennt wird. Richtig w\u00e4re es so: Indem eine produktive Einheit, zum Beispiel ein kapitalistisches Unternehmen oder eine Genossenschaft, eine bestimmte physische Produktivkraft der Arbeit entwickelt, also vorderhand ein Verh\u00e4ltnis zur Natur eingeht, verh\u00e4lt sie sich zu den anderen produktiven Einheiten, die eine andere (h\u00f6here oder geringere) physische Produktivit\u00e4t bei der Herstellung desselben Produkts entfalten. Letzteres ist das Produktionsverh\u00e4ltnis, worauf es bei einer Produktion f\u00fcr den Markt ankommt. F\u00fcr das Angebot der Produkte auf einem Markt ist langfristig gesehen nur die im jeweiligen Gewerbe durchschnittlich entwickelte physische Produktivit\u00e4t ma\u00dfgebend, die, nach M\u00fcller, der Kehrwert des Werts ist (147). Man ben\u00f6tigt keine \u201eDuplizit\u00e4t des \u00f6konomischen Zeitbegriffs\u201c, um den Unterschied zwischen der Wertproduktivit\u00e4t von einfacher und komplizierter Arbeit einzufangen.<\/p>\n<p>Auch der von M\u00fcller abgelehnte, aber von Marx wohlbedacht verwendete Begriff des \u201eindividuellen Wertes\u201c kann mit Hilfe einer textgetreuen mathematischen Modellierung rational rekonstruiert werden: Der individuelle Wert ergibt sich aus der Abweichung einzelner produktiven Einheiten von der durchschnittlichen Arbeitszeit. Dieser Begriff wird in der Arbeitswerttheorie implizit gebraucht, um das Problem des faulen Arbeiters darzustellen, das Marx benutzt, um die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit in die werttheoretische Tradition einzuf\u00fchren. Eine weitere Anwendung erf\u00e4hrt dieser Begriff im Fall einer au\u00dferordentlichen Erh\u00f6hung der Produktivkraft (MEW 23: 336, 429) oder wenn man die Grenzen einer Volkswirtschaft \u00fcberschreitet und die Wertbestimmung auf den internationalen M\u00e4rkten thematisiert: Dann erscheint \u2013 vermittelt \u00fcber den Begriff der Intensit\u00e4t der Arbeit \u2013 der national erzeugte Wert im Vergleich mit dem gesellschaftlichen bzw. internationalen Wert als individueller Wert (584). <\/p>\n<p>Fassen wir zusammen: Die abstrakte Arbeit kann nicht unabh\u00e4ngig von der konkreten Arbeit, an die sie gebunden ist, gemessen werden. M\u00fcllers Formel (169) hat nur dann einen Sinn, wenn bereits bekannt ist, wieviel Wert in einer Stunde vom Stra\u00dfenfeger und vom Architekten produziert wird. Dabei muss die Stunde mit einer richtigen, d. h. physikalischen Uhr gemessen werden. Die Formel funktioniert nicht mit einer verschwurbelten polit\u00f6konomischen Zeit. Ein sinnvoll nach M\u00fcllers Formel berechneter Kompliziertheitsgrad ist theoretisch \u00fcberfl\u00fcssig, weil die Werte bereits bekannt sind, die man eigentlich mit Hilfe des Kompliziertheitsgrades berechnen will. Nach Marx wird der Kompliziertheitsgrad aufgrund des Werts der Arbeitskr\u00e4fte bestimmt und erm\u00f6glicht die theoretische Berechnung des Werts aller Waren mit Hilfe eines Gleichungssystems auch dann, wenn heterogene Arbeit \u2013 Arbeit mit unterschiedlicher Kompliziertheit \u2013 betrachtet wird. Im Fall heterogener Arbeit sind die Wertverh\u00e4ltnisse in der Regel nicht mehr proportional zu den Arbeitszeiten.<\/p>\n<h2 id=\"1.18\">1.18 Die Intensit\u00e4t der Arbeit<\/h2>\n<p>Wie beim Begriff der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit geht M\u00fcller auch bei der Deutung des Begriffs der Intensit\u00e4t der Arbeit nicht vom \u201eKapital\u201c, sondern von der Umgangssprache aus. <\/p>\n<p>\u201eUnter der Intensit\u00e4t der Arbeit versteht man [wer ist \u201eman\u201c? M\u00fcsste es nicht um Marx\u2019 Verst\u00e4ndnis gehen, wenn man seine Theorie darstellt? \u2013 Aber weiter im Text: versteht man\u2026] die Dichte ihrer Verausgabung, den Aufwand oder die Menge an lebendiger Arbeit, die in einer Zeiteinheit (Stunde, Tag) geleistet wird. Es ist schwer, sie zu messen. Man verweist oft ersatzweise auf die indirekten Wirkungen ihrer Steigerung wie Berufsunf\u00e4lle, Berufskrankheiten, Fr\u00fchinvalidit\u00e4t, um ihre Gr\u00f6\u00dfe zu sch\u00e4tzen. Denn je gr\u00f6\u00dfer die Arbeitsverausgabung pro Zeiteinheit, die Anstrengungen, die Schnelligkeit, die k\u00f6rperliche und geistige Konzentration, umso gr\u00f6\u00dfer sind die Beanspruchung und der Verschlei\u00df der Arbeitskraft.\u201c (177)<\/p>\n<p>M\u00fcller beschreibt Wirkungen einer polit\u00f6konomischen Gr\u00f6\u00dfe auf die Arbeitskraft, ohne sie zu definieren, und er meint, man k\u00f6nne sie schwer messen. Ohne eine solche Definition kann man sie, genauer gesagt, gar nicht messen. Die Definition des Marxschen Begriffs der Intensit\u00e4t der Arbeit setzt voraus, dass zwischen den Begriffen \u201eWert\u201c, \u201eGebrauchswert\u201c, \u201eProduktivkraft der Arbeit\u201c und \u201eArbeitszeit\u201c exakt unterschieden wird. Hier die ausschlaggebende Textstelle, die auf der Basis einer exakten Unterscheidung der Begriffe ihren Zusammenhang darstellt:<\/p>\n<p>\u201eDer intensivere Arbeitstag verk\u00f6rpert sich &#8230; in mehr Produkten als der minder intensive von gleicher Stundenzahl. Mit erh\u00f6hter Produktivkraft liefert zwar auch derselbe Arbeitstag mehr Produkte. Aber im letzteren Fall sinkt der Wert des einzelnen Produkts&#8230;, im ersteren Fall bleibt er unver\u00e4ndert&#8230;\u201c (Marx 1890: 547) <\/p>\n<p>Bezeichnen wir die Intensit\u00e4t der Arbeit im Arbeitsprozess A mit der Funktion <em>i(A)<\/em>, die produzierte Menge an Gebrauchswerten mit der Funktion <em>a(A)<\/em>, die Produktivkraft der Arbeit mit &#960;<em>(A)<\/em> und den Wert eines einzelnen Produkts mit <em>W<\/em>(<em>a<\/em><sub>0<\/sub>), so k\u00f6nnen wir dem Zitat folgende Proportionen entnehmen:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl19-500x85.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"85\" class=\"alignnone size-medium wp-image-789\" \/><\/p>\n<p>(Fn. 5:  Das Zeichen &#8733; hei\u00dft \u201eproportional\u201c.)<\/p>\n<p>Diese Proportionen stellen die Bedingungen dar, die ein mathematisches Modell der \u00f6konomischen Theorie von Marx erf\u00fcllen muss, wenn es die Intensit\u00e4t der Arbeit modelliert. Sie werden durch folgende Beziehungen erf\u00fcllt:<\/p>\n<p>Definition der physischen Produktivit\u00e4t einer einzelnen produktiven Einheit (einzelner Handwerker, einzelner Betrieb etc.):<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl20-e1739377356728.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"78\" class=\"alignnone size-full wp-image-791\" \/><\/p>\n<p>(Quaas 2016, Gl. 3.14)<\/p>\n<p>Definition der physischen Produktivit\u00e4t des Industriezweiges, in dem Gebrauchswerte der Sorte <em>j<\/em> hergestellt werden: <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl21-e1739377410597.jpg\" alt=\"\" width=\"190\" height=\"107\" class=\"alignnone size-full wp-image-792\" \/><\/p>\n<p>(Gl. 3.16)<\/p>\n<p>Polit\u00f6konomische Definition der Intensit\u00e4t der Arbeit im Betrieb j: <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl22-e1739377466917.jpg\" alt=\"\" width=\"257\" height=\"62\" class=\"alignnone size-full wp-image-793\" \/><\/p>\n<p>(Gl. 3.19)<\/p>\n<p>Menge an Gebrauchswerten, die im Betrieb j hergestellt werden:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl23-e1739377515659.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"42\" class=\"alignnone size-full wp-image-794\" \/><\/p>\n<p>(Gl. 3.20)<\/p>\n<p>Das Wertprodukt (der Neuwert) des Betriebes j:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl24-e1739377567528.jpg\" alt=\"\" width=\"247\" height=\"47\" class=\"alignnone size-full wp-image-795\" \/><\/p>\n<p>(Gl. 3.21)<\/p>\n<p><em>u(A)<\/em> ist der durchschnittliche Kompliziertheitsgrad der Arbeit bei der Produktion der Warenmenge <em>a<sub>j<\/sub><\/em>, und <em>t(A<sub>j<\/sub>)<\/em> die dazu in der <em>j<\/em>-ten produktiven Einheit ben\u00f6tigte Zeit. Der Wert der Wareneinheit <em>a<sub>0<\/sub><\/em> ist:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl25-e1739377607954.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"68\" class=\"alignnone size-full wp-image-796\" \/><\/p>\n<p>(Gl. 3.8)<\/p>\n<p>Da M\u00fcller Quaas (2016) rezensiert hat, in dem diese Formeln mit sehr vielen Erl\u00e4uterungen aufgrund des Marxschen Textes abgeleitet werden, darf man annehmen, dass er diese Formeln kennt, aber den Zusammenhang zwischen den verschiedenen polit\u00f6konomischen Gr\u00f6\u00dfen nicht akzeptieren kann, weil er die Wertgr\u00f6\u00dfe nicht von der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit unterscheidet. Die Formeln (3.21) und (3.8) k\u00f6nnen deshalb nicht in seine Darstellung der Arbeitsintensit\u00e4t aufgenommen werden. In diesen Formeln spielt der Kompliziertheitsgrad der Arbeit eine Rolle, der in Quaas (2016) auf der Grundlage anderer Textstellen im \u201eKapital\u201c eingef\u00fchrt worden ist. Diese Gr\u00f6\u00dfe hat die Dimension Wert je Zeiteinheit und kann auch als Wertproduktivit\u00e4t der Arbeit interpretiert werden.<\/p>\n<p>Dass ohne Kenntnis der exakten Zusammenh\u00e4nge zwischen den Marxschen Kategorien Verwechslungen und andere Unsicherheiten auftreten, zeigen M\u00fcllers weitere Ausf\u00fchrungen. So schreibt er: \u201eSteigt die Intensit\u00e4t der Arbeit bei unver\u00e4nderter Produktivit\u00e4t in einem Betrieb, \u00e4ndert sich der Wert des Produkts nicht.\u201c (177) Der erste Teil des Satzes enth\u00e4lt einen logischen Widerspruch. Wie die Formel (3.19) zeigt, bedeutet eine Steigerung der Intensit\u00e4t der Arbeit in einem Betrieb, dass dessen individuelle Produktivit\u00e4t steigt. M\u00fcller simuliert eine v\u00f6llig unm\u00f6gliche Situation: Steigerung der Intensit\u00e4t bei gleichbleibender Produktivkraft der Arbeit! Gleich der n\u00e4chste Satz best\u00e4tigt meine Kritik, weil er besagt, dass es eine \u201edurch den Intensit\u00e4tsanstieg erm\u00f6glichte h\u00f6here Anzahl der Produkte des Betriebs\u201c gibt. Was anderes ist das als eine h\u00f6here Produktivit\u00e4t? Diese muss allerdings nicht nur m\u00f6glich, sondern tats\u00e4chlich realisiert sein, um von einer h\u00f6heren Intensit\u00e4t zu sprechen. Der Rest des Satzes stimmt dann wieder mit Marx und den obigen Formeln \u00fcberein: \u201eDie durch den Intensit\u00e4tsanstieg erm\u00f6glichte h\u00f6here Anzahl der Produkte des Betriebs wird zum bisherigen Wert [siehe Gleichung 3.8] produziert, so dass das Wertprodukt insgesamt steigt [siehe Gleichung 3.21].\u201c (177)<\/p>\n<p>Des Weiteren diskutiert M\u00fcller den Fall, dass sich die Intensit\u00e4t nicht nur in einem einzelnen Betrieb erh\u00f6ht, sondern im ganzen Industriezweig. Hier zeigen die Formeln (3.16) und (3.19), was passiert: Die Produktivit\u00e4t des ganzen Zweiges erh\u00f6ht sich, wodurch sich das Ma\u00df der Intensit\u00e4t der Arbeit des einzelnen Betriebes verringert, wenn seine individuelle Produktivit\u00e4t nicht im gleichen Ma\u00dfe mitzieht. M\u00fcller dr\u00fcckt diesen Zusammenhang so aus: \u201eErh\u00f6ht sich die Intensit\u00e4t der Arbeit dagegen im Durchschnitt aller Betriebe, ist der Fall anders. Da der Wert eine gesellschaftlich bestimmte Gr\u00f6\u00dfe ist, muss dies auch gelten f\u00fcr die Arbeitsintensit\u00e4t als einer Komponente der Wertgr\u00f6\u00dfe.\u201c Etc. etc. \u2013 Anstatt die exakten Zusammenh\u00e4nge anzugeben, die M\u00fcller durch seine Lekt\u00fcre von Quaas (2016) kennen k\u00f6nnte, werden sie mit Phrasen (177 f.) \u00fcber die Definition der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit (MEW 23: 53), die hierbei keine Rolle spielt, zugetextet.<\/p>\n<h2 id=\"1.19\">1.19 Der Wert, ein gesellschaftliches Verh\u00e4ltnis?<\/h2>\n<p>Wie viele seiner ehemaligen und noch aktiven Kollegen (vielleicht mit Ausnahme von R\u00fcnzi in Z 130: 145 ff.) ist M\u00fcller der Meinung, dass der Wert ein gesellschaftliches Verh\u00e4ltnis ist: \u201eDie gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, d.h. die Wertgr\u00f6\u00dfe, ist die Quantifizierung des Produktionsverh\u00e4ltnisses.\u201c (219) Produktionsverh\u00e4ltnisse gibt es viele. Welches Produktionsverh\u00e4ltnis der Wert ist, verr\u00e4t uns M\u00fcller nicht. Oder meint er, dass die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit selbst ein Produktionsverh\u00e4ltnis ist? Andererseits ist sie eine bestimmte Quantit\u00e4t, braucht also gar nicht erst quantifiziert zu werden, und au\u00dferdem ist sie, nach M\u00fcller, identisch mit dem Wert. Was M\u00fcller hier also ohne weitere Begr\u00fcndung sagt, ist, dass der Wert ein Produktionsverh\u00e4ltnis ist. <\/p>\n<p>W\u00e4re diese Interpretation richtig, h\u00e4tte sich Marx in seinem \u201eKapital\u201c den gesamten Abschnitt \u00fcber den Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis (MEW 23: 85 ff.) sparen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Unter dem Fetischcharakter der Waren versteht er ein Ph\u00e4nomen, das dem modernen Menschen kaum noch erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig erscheint, weil sich fast die ganze Menschheit an die Tatsache gew\u00f6hnt hat, dass die Dinge einen gewissen Wert haben, der gesch\u00e4tzt wird, indem den Waren Preise zugeordnet werden. Dass sich in den Preisen, wenn auch sehr vermittelt, Qualit\u00e4t und Quantit\u00e4t der Arbeit spiegelt, die jene Waren hervorgebracht hat, erscheint als eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, ohne dass dadurch alle Marktteilnehmer zu Arbeitswerttheoretikern geworden w\u00e4ren. F\u00fcr Marx und vielleicht auch f\u00fcr die gebildeten und rational denkenden Menschen seiner Zeit erschien es aber durchaus bemerkenswert zu sein, dass die Produkte menschlicher Arbeit sich gegen\u00fcber dieser Arbeit verselbst\u00e4ndigen, indem sie auf dem Markt vermittels ihres Werts \u201esagen\u201c, wo es lang geht; soll hei\u00dfen, der Wert einer begehrten Ware determiniert, wieviel von der eigenen Ware aufgeboten werden muss, um sie einzutauschen. Der Eindruck entsteht, als ob die Dinge (Waren) \u00fcber die Menschen herrschen, deren Arbeit sie doch erst hervorgebracht hat.<\/p>\n<p>Wenn hier Marx\u2019 Erkl\u00e4rung des Warenfetischismus herangezogen wird, dann nicht, um die Leser von der Existenz des entsprechenden Ph\u00e4nomens zu \u00fcberzeugen, sondern um die analytischen Kategorien deutlich zu machen, mit deren Hilfe er jenes Ph\u00e4nomen beschreibt. In dem oben angegebenen Abschnitt macht Marx als Erstes klar, dass weder die Tatsache, dass Waren Gebrauchswerte sind, noch die Tatsache, dass f\u00fcr ihre Produktion eine bestimmte Menge Arbeit ben\u00f6tigt wird, ein irritierendes Problem darstellt. Irritierend sei, dass \u201edas Ma\u00df der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft durch ihre Zeitdauer \u2026 die Form der Wertgr\u00f6\u00dfe der Arbeitsprodukte\u201c erh\u00e4lt, und eben in dieser Form die Ursache des Warenfetischismus besteht. (MEW 23: 86)<\/p>\n<p>Demnach wird der mystische Charakter der Ware durch das verursacht, was ich oben die erste Vergegenst\u00e4ndlichung genannt habe: Die Darstellung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, einer Eigenschaft von Arbeitsprozessen, durch den Wert der Ware, eine Eigenschaft eines Dinges.<\/p>\n<p>\u201eDas Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, da\u00df sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenst\u00e4ndliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zur\u00fcckspiegelt\u2026&#8220; (Ebd.)<\/p>\n<p>Marx unterscheidet hier wie an vielen anderen Stellen im \u201eKapital\u201c zwischen dem Ding \u201eWare\u201c auf der einen Seite und dem Prozess \u201eArbeit\u201c auf der anderen. Darin, dass der Umfang der Arbeit anhand der Arbeitszeit gemessen wird, ist nichts Mystisches zu sehen. <\/p>\n<p>\u201eIn allen Zust\u00e4nden mu\u00dfte die Arbeitszeit, welche die Produktion der Lebensmittel kostet, den Menschen interessieren, obgleich nicht gleichm\u00e4\u00dfig auf verschiedenen Entwicklungsstufen.\u201c (A.a.O.: 85 f.) <\/p>\n<p>Gibt es jedoch unter den Bedingungen der Arbeitsteilung und des Warenaustausches mehrere produktive Einheiten, die unabh\u00e4ngig voneinander dasselbe Produkt herstellen und dann auf einem gemeinsamen Markt anbieten, so bilden die unterschiedlichen Arbeitszeiten, die sie f\u00fcr ihre Produkte ben\u00f6tigt haben, das gesellschaftliche Verh\u00e4ltnis, das die Produzenten unabh\u00e4ngig von ihrem Wissen und Wollen zueinander eingehen und dass nun, beim Austausch der Waren auf dem Markt, aktiviert wird, indem der Wert die Tauschverh\u00e4ltnisse bestimmt. Das zugrunde liegende Produktionsverh\u00e4ltnis spiegelt sich in den Warenwerten als \u201ephantasmagorische Form eines Verh\u00e4ltnisses von Dingen\u201c (a.a.O.: 86) wider, indem nun nur noch die Arbeitszeit als wertbildend z\u00e4hlt, die dem durchschnittlichen Aufwand entspricht. \u2013 Hieraus folgt, dass der Wert eine Eigenschaft der Ware und die Arbeitszeit eine Eigenschaft der sie produzierenden Arbeit ist. Wird dieser Unterschied eingeebnet, f\u00e4llt Marx\u2019 Kritik am Warenfetischismus in sich zusammen.<\/p>\n<p>Ist der Wert nun ein Produktionsverh\u00e4ltnis oder nicht? Nein, das ist er nicht. Philosophisch exakt ist die Feststellung, dass der Wert eine Eigenschaft der Ware ist, die auf einem Produktionsverh\u00e4ltnis beruht. Eigenschaften eines ordin\u00e4ren sinnlichen Dinges sind niemals identisch mit den Verh\u00e4ltnissen, die ihnen zugrunde liegen und die sie unter Umst\u00e4nden zur Darstellung bringen. Der Wert ist eine gesellschaftliche Eigenschaft der Ware, weil er in gegenst\u00e4ndlicher Form das durchschnittliche Ma\u00df an Arbeitszeit widerspiegelt, dass zur Herstellung seines Tr\u00e4gers, der Ware, ben\u00f6tigt wird. Und da sich die Arbeitszeit mit dem technischen Fortschritt \u00e4ndert, ist der Wert eine Eigenschaft, die, wie Aristoteles sagen w\u00fcrde, eines Mehr oder Weniger f\u00e4hig ist, also in der heutigen Terminologie: eine Gr\u00f6\u00dfe. In diesem Sinn ist der Wert eine gesellschaftliche bestimmte Eigenschaft der Ware, deren Gr\u00f6\u00dfe von den Akteuren auf dem Markt gesch\u00e4tzt wird, um durch den Tausch mit einer anderen Ware nicht um ihren Arbeitszeitaufwand betrogen zu werden. <\/p>\n<h2 id=\"1.20\">1.20 Produktionspreis<\/h2>\n<p>Kopfsch\u00fctteln kann man nur, wenn M\u00fcller versucht, seine kruden Vorstellungen \u00fcber die Marxsche Arbeitswerttheorie auf komplexere Ph\u00e4nomene anzuwenden. Bei den beiden Themen \u201eHerausbildung von Produktionspreisen und einer einheitlichen Profitrate\u201c und \u201eMonopolpreisbildung\u201c stellt er eine Reihe von theoretischen Positionen dar, die im deutschsprachigen Raum vertreten werden, ohne in der Lage zu sein, seine eigene Auffassung dazu schl\u00fcssig darzulegen. (200-213) Sein gro\u00dfes R\u00e4tsel scheint zu sein, was unter diesen Bedingungen mit dem Wert der Waren geschieht, der die Funktion, den Warenaustausch zu determinieren, v\u00f6llig verloren zu haben scheint. Dabei h\u00e4tte M\u00fcller doch wenigstens feststellen k\u00f6nnen, dass die Modifikation der Wertestruktur durch den Markt, durch das fixe Kapital und durch Monopole nicht das Geringste am Bildungsmechanismus des Neuwerts in der Produktion von Waren \u00e4ndert. Er wei\u00df weder, wie der Wertbildungsmechanismus in die komplexeren Strukturen einer Produktion mit fixem Kapital integriert wird, noch hat er einen klaren Begriff von diesem Mechanismus, da f\u00fcr ihn gar kein Unterschied zwischen dem Wert und der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit besteht, von der er glaubt, dass sie eine von der physischen Zeit abweichende polit\u00f6konomische Zeit sei. F\u00fcr jeden Kenner des \u201eKapital\u201c muss es geradezu grotesk anmuten, im Kapitel \u00fcber das Geld (221 ff.) zu lesen:<\/p>\n<p>\u201eDer Wert der Ware kann nicht direkt als Arbeitszeit erscheinen, sondern muss sich eine Form geben, um sichtbar zu werden. Diese Form ist der Tauschwert, der auf einer bestimmten Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung in Geld \u00fcbergeht.\u201c (220) <\/p>\n<p>Au\u00dfer in der Arbeitszeitrechnung M\u00fcllers und der anderen Neoricardianer wird der Wert einer Ware nirgends in Arbeitszeit angegeben, und schon gar nicht von Marx, geschweige denn, dass von einer Erscheinung des Werts in Arbeitszeiteinheiten die Rede ist. Marx sagt, dass die Arbeitszeit das Ma\u00df der Wertgr\u00f6\u00dfe ist, nicht dass sie die Wertgr\u00f6\u00dfe ist. Man k\u00f6nnte meinen, dass sich M\u00fcller unter einer von der Arbeitszeit unterschiedenen Wertgr\u00f6\u00dfe nichts vorstellen kann, weil er den Begriff des Ma\u00dfes nicht ernst nimmt. Doch so ist es nicht. Im Fall des Geldes kennt er die vermittelnde Funktion dieses Begriffes genau: \u201eGeld dient als Ma\u00dfe der Werte und Ma\u00dfstab der Preise\u2026\u201c (224) Nur wendet er die gleiche Logik nicht auf das Verh\u00e4ltnis zwischen Wert und Arbeitszeit an.<\/p>\n<h2 id=\"1.21\">1.21 Geld<\/h2>\n<p>Als Grundlage f\u00fcr ein Kriterium, was als Geld gelten darf, stellt M\u00fcller die folgende These auf: \u201eEin Messmittel f\u00fcr Werte muss wertvoll sein.\u201c Er begr\u00fcndet dieses Prinzip mit einem sinngem\u00e4\u00dfen Zitat aus Georg Simmels Philosophie des Geldes (Simmel 2009: 156): \u201eEin Messmittel f\u00fcr L\u00e4ngen muss lang, ein Messmittel f\u00fcr Gewichte schwer, ein Messmittel f\u00fcr Rauminhalte r\u00e4umlich ausgedehnt sein.\u201c (225) Das ist zwar im Prinzip richtig, die Messung einer Gr\u00f6\u00dfe kann aber auch \u00fcber andere Eigenschaften erfolgen, und zwar derart, dass die zu messende Eigenschaft vom Messmittel \u00fcberhaupt nicht geteilt zu werden braucht: So spielt beispielsweise das Gewicht einer Federwage \u00fcberhaupt keine Rolle bei einer Gewichtsmessung. Bei Messungen der L\u00e4nge, der Zeit und des Werts spielen viele Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten eine Rolle, die stets auf dem neusten Stand der Wissenschaft beruhen. Das Alter von Fossilien bestimmt man mit der C14-Methode, wobei die zeitliche Erstreckung der Messung keinen Einfluss auf das Messergebnis hat. Es gibt also gute Gr\u00fcnde, in Zweifel zu ziehen, dass M\u00fcllers Analogie stichhaltig ist. Au\u00dferdem ist er in dieser Frage, wie er indirekt selbst best\u00e4tigt, nicht auf dem neusten Stand der Wissenschaft. Denn er vertritt eine Arbeitszeitrechnung, die nichts anderes ist als ein primitives Modell der Neoricardianer. Seinem eigenen Urteil \u00fcber diese Schule gem\u00e4\u00df, f\u00e4llt er damit hinter Marx zur\u00fcck. Die Zweifel werden noch verst\u00e4rkt, wenn man \u00fcber seine geldtheoretische Konsequenz nachdenkt: \u201eBlo\u00dfe Zeichen oder Symbole ohne Wert k\u00f6nnen keine Werte messen.\u201c (226) Dass diese Theorie der modernen Geldtheorie nicht gerecht wird, liegt auf der Hand und kann nachgelesen werden. (Quaas 2018) Aber auch wenn man im Rahmen der Arbeitswerttheorie verbleibt, macht dieser Grundsatz keinen Sinn. Es ist M\u00fcller selbst, der sein Prinzip widerlegt, wenn er Werte aus der Struktur von Input-Output-Tabellen ableiten will (146 ff.) bzw. auf solche Ableitungen hinweist (105). Im Fall der Arbeitswerttheorie gibt es keine andere M\u00f6glichkeit, die Werte zu bestimmen, als sie anhand empirischer Daten \u00fcber die volkswirtschaftliche Struktur zu berechnen \u2013 auch das ist eine Messung. Deshalb ist M\u00fcllers Unterscheidung zwischen Messen und Rechnen zwar im Prinzip richtig, ber\u00fccksichtigt aber nicht die besonderen Umst\u00e4nde der Arbeitswerttheorie. (Vgl. auch seine Kritik am Autorenkollektiv 1982: S.288) Wie wenig er selbst den Unterschied zwischen Rechnen und Messen beachtet, zeigt eine andere Stelle, die offensichtlich falsch ist: \u201eUm die Arbeitszeit zu kennen, muss man sie berechnen.\u201c (284) Der Wert muss berechnet werden, die Arbeitszeit wird mit physikalischen Uhren gemessen.<\/p>\n<p>Worauf M\u00fcller hinaus will, ist, die f\u00fcr ihn unverzichtbare Rolle der Edelmetalle bei der praktischen \u201eMessung\u201c des Werts der Waren zu unterstreichen. Unerkl\u00e4rlich bleibt dann aber, wieso Gold oder Silberm\u00fcnzen im Zirkulationsprozess \u201edurch jedes andere Zeichen, das ein bestimmtes Quantum seiner Einheit ausdr\u00fcckt, ersetzt werden\u201c k\u00f6nnen. (229) M\u00fcller sagt das, weil Marx das so sieht. (MEW 42: 142) Aber wo bleibt hier die Logik innerhalb seiner eigenen Interpretation?<\/p>\n<p>Wie es M\u00fcller mit der Logik h\u00e4lt, sieht man anhand folgender Argumentation. Seine bisherige Geldtheorie fasst er mit folgendem definitionsartigen Satz zusammen und f\u00e4hrt dann fort, ihn zu verteidigen: \u201eZentralbankgeld, inkonvertible Banknoten sind dem Charakter nach Papiergeld mit Annahmezwang. Sie sind Forderungen nur der buchhalterischen Erscheinung nach. Es gibt kein Forderungsobjekt wie beim Kreditgeld. Dem widerspricht Georg Quaas: Zentralbanknoten seien auf der Ebene des Interbankenmarktes \u201aechte Forderungen an die Zentralbank mit einem im Kreditvertrag definierten Forderungsobjekt \u2013 die hinterlegten Sicherheiten.\u2018 (Quaas 2018: 32) Richtig ist das nur bei Verpf\u00e4ndung und beim Verkauf der Wertpapiere, und es trifft auch nur auf die Bankbeziehungen zu. Der \u201anormale\u2018 Inhaber einer Zentralbanknote besitzt mit ihr keine Forderung an die Zentralbank.\u201c (233)<\/p>\n<p>So geht M\u00fcller mit einem Widerspruch um: Den Hinweis, dass es entgegen seiner Meinung, ein Forderungsobjekt gibt, an das allerdings der Normalb\u00fcrger nicht herankommt, weil nur Banken und Staaten mit Zentralbanken handeln d\u00fcrfen (ausgenommen Elon Musk), begegnet er damit, genau den gleichen Unsinn im seinem neusten Buch noch einmal zu behaupten: \u201eEs gibt kein Forderungsobjekt\u2026\u201c (233) Ihm scheint nicht klar zu sein, dass der \u00fcberwiegende Teil der Geldbewegungen auf dem Interbankenmarkt abgewickelt wird, wenn er argumentiert, dass der Einwand ja nur die Bankbeziehungen betrifft. Auch hat man beim Lesen der M\u00fcllerschen Vorstellungen \u00fcber das moderne Bankwesen den Eindruck, als seien Verpf\u00e4ndung und Verkauf von Wertpapieren nur so ein paar nebens\u00e4chliche Prozesse, die man vernachl\u00e4ssigen k\u00f6nnte. Dabei gibt es gar keine anderen Prozesse von dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung, durch die das moderne Geld \u2013 wie man so sch\u00f6n sagt \u2013 gesch\u00f6pft wird. Der Verkauf von Gold an eine Zentralbank macht nur einen Bruchteil von vielleicht 10 Prozent aus. Was M\u00fcller hier thematisch als vernachl\u00e4ssigbar herunterspielt, sollte eigentlich der Gegenstand eines Geldtheoretikers auch dann sein, wenn er sich selbst als Traditionsmarxist bezeichnet.<\/p>\n<p>M\u00fcller zitiert zustimmend Stephan Kr\u00fcger: \u201eDas inkonvertible Repr\u00e4sentativgeld \u201ableibt durch unsichtbare F\u00e4den an die metallische Grundlage der Geldzirkulation, die ihrerseits die Fundamentalbestimmung des Geldes als Ware ausdr\u00fcckt und Bedingung f\u00fcr die Wertbestimmung durch gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist, gebunden\u2018. (Kr\u00fcger 2012: 191)\u201c (M\u00fcller 274)<\/p>\n<p>Man sieht, wozu der Irrationalismus in der Werttheorie f\u00fchrt: zum Mystizismus, sobald man auf das Geld zu sprechen kommt. Verblendet davon, in der Frage des modernen Geldes einen Gleichgesinnten gefunden zu haben, \u00fcbersieht M\u00fcller, dass Kr\u00fcger im Nebensatz die monet\u00e4re Werttheorie vertritt: das Geld sei Bedingung f\u00fcr die Wertbestimmung durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Nicht so bei Marx. Dabei kann der heimliche Goldfetischist M\u00fcller nicht einmal erkl\u00e4ren, warum \u201eGold und Silber am besten geeignet\u201c sind, \u201edie Geldrolle zu \u00fcbernehmen.\u201c (261) Die von ihm benannten Eigenschaften \u201eSch\u00f6nheit, Glanz und Formbarkeit\u201c machen die Edelmetalle tauglich zur Herstellung von Schmuck. F\u00fcr ihre Rolle als Geld sind dagegen \u2013 jedenfalls nach Marx \u2013 andere Eigenschaften ausschlaggebend: die gleichf\u00f6rmige Qualit\u00e4t des Materials, die Teil und Zusammensetzbarkeit und die leichte Transportierbarkeit (MEW 23: 104). <\/p>\n<h2 id=\"1.22\">1.22 Datengrundlage<\/h2>\n<p>Einen Marxisten stellt man sich meistens so vor, dass er jedes Wort von Marx auf die Goldwaage legt und nichts anderes gelten l\u00e4sst. So \u00e4hnlich kann man sich auch einen Dogmenhistoriker vorstellen, dem es u. a. darum geht, ob Marx von seinen Anh\u00e4ngern richtig interpretiert wird. Der Unterschied zwischen beiden besteht nur darin, dass letzterer nicht darauf besteht, dass die von ihm interpretierten Theorien wahr sind und deshalb die einzig richtige Erkl\u00e4rung der kapitalistischen Warenproduktion darstellen. Seine Kontrollinstanz ist die \u00f6konomische Theorie von Karl Marx, so wie sie in \u201eDas Kapital. Erster Band\u201c dargestellt wird. Doch Klaus M\u00fcller geht es vorrangig um etwas anderes: Er m\u00f6chte mit Hilfe jener Theorie \u201ehinter die Kulissen des real existierenden Kapitalismus des 21. Jahrhunderts\u201c schauen. (11) Deshalb steht im Mittelpunkt seines Buches \u201edie Frage, ob Marx\u2019 \u00f6konomische Theorien in der Gegenwart g\u00fcltig sind und sie helfen, den aktuellen Kapitalismus trotz seiner Ver\u00e4nderungen zu verstehen.\u201c (19) Die Kontrollinstanz sind in diesem Fall die Beobachtungen, die M\u00fcller in seinem allt\u00e4glichen Konsum der Medien \u00fcber den \u201ereal existierenden Kapitalismus\u201c macht und die er f\u00fcr wichtig h\u00e4lt: Denn die empirische Basis f\u00fcr die \u00dcberpr\u00fcfung volkswirtschaftlicher Theorien, die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen n\u00e4mlich, benutzt er nicht f\u00fcr eine systematische Analyse, sondern bestenfalls zur Ausschm\u00fcckung seiner Beobachtungen. Und obwohl es M\u00fcller angeblich nicht darum geht, \u201eum jeden Preis recht zu haben\u201c (14), setzt seine Zielstellung voraus, dass er Marx\u2019 Theorie auf eine Weise verinnerlich hat, dass er sich umstandslos der Aufgabe widmen kann, zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob sie g\u00fcltig ist, und den Kapitalismus, so wie er ihn wahrnimmt, zu erkl\u00e4ren. <\/p>\n<p>Die eigene Lesart der Marxschen Schriften als Interpretation zu betrachten, die selbst \u00fcberpr\u00fcfungsw\u00fcrdig ist, bevor man k\u00fchn ans Werk geht, diese anhand \u201eder Realit\u00e4t\u201c \u00fcberpr\u00fcfen zu wollen, dazu geh\u00f6rt nicht nur eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein, sondern auch ein h\u00fcbsches Ma\u00df an Ignoranz gegen\u00fcber den notwendigen Zwischenschritten, die eine solche \u00dcberpr\u00fcfung erst m\u00f6glich machen. Ich nenne hier zwei: Erstens eine durch den Originaltext gesicherte, weil gr\u00fcndlich \u00fcberpr\u00fcfte mathematische Darstellung der Marxschen Theorie, und zweitens eine Operationalisierung dieser Darstellung, so dass sie mit Hilfe der \u00fcblichen Methoden der empirischen Sozialforschung und auf der Grundlage der VGR-Daten anhand der Realit\u00e4t \u00fcberpr\u00fcft werden kann. Mit Ausnahme seiner fiktiven Arbeitszeitrechnung sucht man Schritte in dieser Richtung bei M\u00fcller vergebens.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang wird besonders gern eine meiner Aussagen zitiert, die sich auf die arg beschr\u00e4nkten M\u00f6glichkeiten eines einzelnen Produzenten bezieht, die Werte seiner Produkte direkt zu messen: \u201e\u2026nicht, weil dies prinzipiell unm\u00f6glich w\u00e4re, sondern weil er keinen Zugang zu den Produktionsprozessen hat, die unabh\u00e4ngig von ihm betrieben werden und deren Merkmale in die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit eingehen.\u2018 (Quaas 2016: 82)\u201c (M\u00fcller 2024: 93) Obwohl M\u00fcller ein langes Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Messbarkeit der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit h\u00e4lt, die f\u00fcr ihn identisch mit der Wertgr\u00f6\u00dfe ist, fungiert jener Satz als Ausrede, die empirische \u00dcberpr\u00fcfung leider noch nicht leisten zu k\u00f6nnen. Dabei verschweigt er, dass zwar der einzelne Unternehmer enorme Schwierigkeiten haben w\u00fcrde, beim Abgleich seiner eigenen Daten mit der volkswirtschaftlichen Statistik zu bestimmen, ob und in welchem Ma\u00dfe die bei ihm geleistete Arbeit der gesellschaftlichen Notwendigkeit entspricht, dass sich die Situation aber aus volkswirtschaftlicher Sicht v\u00f6llig anders darstellt: Sieht man von den Au\u00dfenwirtschaftsbeziehungen ab, so ist, bezogen auf die gesamte Volkswirtschaft, die in einem Industriezweig aufgewandte Arbeitszeit identisch mit der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit des in diesem Zweig hergestellten Produkts. Daf\u00fcr sind alle Daten vorhanden, deren Komplexit\u00e4t aber \u2013 zugegeben \u2013 zahlreiche weitere \u00dcberlegungen erfordert, die man im \u201eKapital\u201c nicht finden wird.<\/p>\n<h2 id=\"1.23\">1.23 Definition der Ware<\/h2>\n<p>Eine Bemerkung von Backhaus, dass Marx in der Darstellung \u201eder fr\u00fchen Stufen des Tauschs niemals streng zwischen \u201aProdukt\u2018 und \u201aWare\u2018 unterschieden\u201c habe (249), nimmt M\u00fcller zum Anlass, sich zur Definition des Begriffs der Ware zu \u00e4u\u00dfern. Wie wir im Abschnitt zur abstrakten und konkreten Arbeit gesehen haben, ist der Begriff der Ware f\u00fcr M\u00fcller deshalb so wichtig, weil seiner Interpretation gem\u00e4\u00df nur Waren Tr\u00e4ger von Wert sind, w\u00e4hrend blo\u00dfe Produkte menschlicher Arbeit, die beispielsweise f\u00fcr den Eigenverbrauch hergestellt werden, lediglich als Gebrauchswerte gelten d\u00fcrfen \u2013 sofern sie n\u00fctzlich sind, versteht sich. <\/p>\n<p>M\u00fcller hat ein klares Kriterium, wann ein Produkt menschlicher Arbeit eine Ware ist: \u201eEine Ware ist immer ein Arbeitsprodukt, das mit der Absicht produziert wird, es gegen ein anderes zu tauschen.\u201c (249) Folglich ist es die Absicht des Produzenten, die ein Produkt zur Ware macht. Mit ein wenig philosophischem Hintergrund kann man nicht umhin, Zweifel anzumelden, ob der Materialist Marx die begriffliche Basis seiner \u00f6konomischen Theorie mit einem derart subjektiven Kriterium schw\u00e4chen wollte: Sie w\u00fcrde nur auf diejenigen Produzenten zutreffen, \u00fcber deren Absichten sichere Erkenntnisse vorliegen. Hatte beispielsweise Elon Musk die Absicht, seine Raketen gegen Dollar zu tauschen, oder wollte er damit selbst zum Mars fliegen? Die Antwort entscheidet dar\u00fcber, ob diese speziellen Produkte menschlicher Arbeit einen Wert haben, denn das ist nur der Fall, wenn sie Waren sind.<\/p>\n<p>Doch lassen wir die philosophischen Finessen. Die Frage wird unter \u00f6konomischem Aspekt interessant, wenn wir mit M\u00fcller folgenden Fall betrachten: \u201eWird ein Produkt dagegen hergestellt f\u00fcr die eigene Konsumtion und dennoch getauscht, weil zuf\u00e4llig zu viel produziert wurde, \u2026 k\u00f6nnte man von einem unmittelbaren Produktentausch sprechen.\u201c (249) K\u00f6nnte man, sagt M\u00fcller, aber de facto ist genau das die Konsequenz seiner eigenen Definition der Ware: Das Produkt wird zwar getauscht, aber es wurde nicht mit einer Tauschabsicht hergestellt. Also ist es kein Warentausch, sondern ein Produktentausch. Als Beleg zieht M\u00fcller folgenden Text heran:<\/p>\n<p>\u201eDer unmittelbare Produktenaustausch hat einerseits die Form des einfachen Wertausdrucks und hat sie andererseits noch nicht. Jene Form war x Ware A = y Ware B. Die Form des unmittelbaren Produktenaustausches ist: x Gebrauchsgegenstand A = y Gebrauchsgegenstand B. Die Dinge A und B sind hier nicht Waren vor dem Austausch, sondern werden es erst durch denselben.\u201c (MWE 23: 102) <\/p>\n<p>M\u00fcller interpretiert diesen Text korrekt, aber ohne ein Wort dar\u00fcber zu verlieren, dass der Begriff des Produktenaustausches widerspr\u00fcchlich interpretiert werden kann:<\/p>\n<p>\u201eOffenbar unterstellt Marx auch beim unmittelbaren Produktenaustausch, dass schon Waren getauscht werden. M. a. W.: Jeglicher Tausch macht ein Produkt zur Ware. \u201aIm unmittelbaren Produktenaustausch ist jede Ware unmittelbar Tauschmittel f\u00fcr ihren Besitzer.\u2018\u201c (249) <\/p>\n<p>Eines scheint klar zu sein: Marx definiert den Begriff der Ware, ohne ihn von den subjektiven Absichten des Produzenten abh\u00e4ngig zu machen. Um eine Ware zu sein, gen\u00fcgt es, wenn ein Objekt auf dem Markt feilgeboten und getauscht wird. Folglich werden auch im unmittelbaren Produktenaustausch Waren getauscht. Doch wie kann man von einem \u201eProduktenaustausch\u201c sprechen, wenn die Produkte im Tausch bereits als Waren angesehen werden m\u00fcssen? M\u00fcsste man nicht die Konsequenz ziehen, dass es einen Produktenaustausch gar nicht geben kann? <\/p>\n<p>Wahrscheinlich, um dieses Dilemma zu l\u00f6sen, betont M\u00fcller: \u201eMarx orientiert auf das Dynamische, das sich Entwickelnde.\u201c (250) Im Klartext hei\u00dft das: Von einem Produktenaustausch spricht Marx dann, wenn die Tauschobjekte nur zuf\u00e4llig getauscht werden. Zwar sind die Produkte im Tausch Waren, aber das ist nur eine momentane Eigenschaft, da sie ja nicht mit der Absicht produziert worden sind, getauscht zu werden. M\u00fcller zieht gegen Backhaus die ebenfalls widerspr\u00fcchlich interpretierbare Konsequenz:<\/p>\n<p>\u201eDie beiden Zitate st\u00fctzen die Auffassung, dass Marx bei der Analyse der einfachen, einzelnen oder zuf\u00e4lligen Wertform den Warentausch meint und keinen Tausch von Produkten, die keine Waren sind.\u201c (249)<\/p>\n<p>Wie gesagt: Wenn man die Aussage, dass Produkte in dem Moment zu Waren werden, wenn sie getauscht werden, konsequent beachtet, dann gibt es keinen Tausch von Produkten, die keine Waren sind. Dabei h\u00e4tte M\u00fcller die M\u00f6glichkeit, diese Widerspr\u00fcchlichkeit zu vermeiden und den Begriff der Ware auf einfache und objektive Weise zu definieren, n\u00e4mlich als n\u00fctzliche Dinge, die einen Wert haben. Da er ja der Meinung ist, dass Gebrauchswerte, die nicht f\u00fcr den Markt hergestellt werden, keinen Wert haben, w\u00e4re mit jener Definition die Abgrenzung zu den wertlosen, aber n\u00fctzlichen Produkten menschlicher Arbeit gegeben. F\u00fcr den Autor dieser Zeilen, besteht diese M\u00f6glichkeit nicht, da er der Meinung ist, dass alle n\u00fctzlichen Produkte menschlicher Arbeit einen Wert haben. Bei dieser Interpretation muss man sich enger an Marx halten, wonach ein Produkt dann zur Ware wird, wenn es feilgeboten wird.<\/p>\n<h2 id=\"1.24\">1.24 Abschreibung<\/h2>\n<p>M\u00fcller definiert: \u201eAbschreibung ist Wertverschlei\u00df, genauer: ist \u00fcbertragener Wert des verbrauchten fixen Kapitals.\u201c (317) Der moderne Volkswirt wird dem zustimmen. Doch was hat Marx unter diesem Begriff verstanden? Dazu muss man etwas weiter ausholen und bedenken, dass sich die moderne Terminologie erst lange nach Marx\u2019 Zeiten herausgebildet hat.<\/p>\n<p>Grundlegend f\u00fcr Marx\u2019 Darstellung des Wertverlustes des fixen Kapitals ist der Begriff des Gebrauchswerts. M\u00fcller versteht unter diesem Begriff die N\u00fctzlichkeit eines Dinges bzw. den Nutzen, den es stiftet. (424) F\u00fcr Marx ist dagegen der Gebrauchswert nicht, wie in der Umgangssprache, die n\u00fctzliche Eigenschaft eines Dinges, sondern das n\u00fctzliche Ding selbst. Hier der ausschlaggebende Text: <\/p>\n<p>\u201eAber diese N\u00fctzlichkeit schwebt nicht in der Luft. Durch die Eigenschaften des Warenk\u00f6rpers bedingt, existiert sie nicht ohne denselben. Der Warenk\u00f6rper selbst, wie Eisen, Weizen, Diamant usw., ist daher ein Gebrauchswert oder Gut.\u201c (MEW 23: 50) <\/p>\n<p>Es ist also nicht, wie M\u00fcller (317) behauptet, Quaas, der den Gebrauchswert misst, indem er Waren z\u00e4hlt, sondern Marx. Dabei ist stets die N\u00fctzlichkeit der betrachteten Ware vorausgesetzt. M\u00fcller verwechselt die Eigenschaft eines Dinges, n\u00fctzlich zu sein, mit diesem Ding selbst. Das ist nicht sein einziger ontologischer Mismatch. Im Fall seiner Identifikation der Wertgr\u00f6\u00dfe mit der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit konfundiert er die Eigenschaft eines Dinges mit der eines Prozesses. (Vgl. Punkt 1.5)<\/p>\n<p>An der N\u00fctzlichkeit hat das Z\u00e4hlen dann \u00fcbrigens auch seine Grenze. Beispiel: Eine voll funktionsf\u00e4hige Maschine, die moralisch verschlissen ist und deshalb durch eine modernere Maschine ersetzt wird, hat ihre N\u00fctzlichkeit verloren und \u201ez\u00e4hlt\u201c deshalb zwar noch als Ding, aber nicht als Gebrauchswert, sie ist kein Gebrauchswert mehr. Mir scheint, dass diese Marxsche Logik leicht nachvollziehbar ist. Aber nicht von M\u00fcller (315). Der Grund daf\u00fcr besteht darin, dass er den exakten Marxschen Begriff des Gebrauchswerts durch die umgangssprachliche Bedeutung ersetzt. Aber auch von dieser Warte aus m\u00fcsste man eigentlich erkennen k\u00f6nnen, dass eine moralisch verschlissene Maschine, die ersetzt wird, keinen Gebrauchswert mehr hat.<\/p>\n<p>Der exakte Begriff des Gebrauchswerts hat die Konsequenz, dass Marx die Abschreibung prim\u00e4r physisch definiert. In einem Arbeitsprozess erleidet das Arbeitsmittel nach Marx einen t\u00e4glichen Verlust an Gebrauchswert. \u201eBetrachten wir \u2026 die ganze Periode, w\u00e4hrend deren ein solches Arbeitsmittel dient, von dem Tag seines Eintritts in die Werkst\u00e4tte bis zum Tage seiner Verbannung in die Rumpelkammer, so ist w\u00e4hrend dieser Periode sein Gebrauchswert von der Arbeit vollst\u00e4ndig verzehrt worden&#8230;\u201c (MEW 23: 218) Als Gebrauchswert ist dann die \u201evoll funktionsf\u00e4hige Maschine\u201c = 0. In dem gleichen Ma\u00dfe, wie die Maschine im Produktionsprozess ihren Gebrauchswert verliert, erleidet sie dann auch einen Wertverlust, also das, was man im modernen Sprachgebrauch als Abschreibung definiert. M\u00fcller gibt zu, dass bei Marx \u201eeine strenge Synchronit\u00e4t zwischen der Gebrauchswert und der Wertminderung besteht\u201c (308), meint aber, dass sich dies aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht best\u00e4tigt hat. <\/p>\n<p>In diesem Punkt zeigt sich wieder einmal, dass es einen Unterschied macht, ob man sich um eine korrekte Interpretation der \u00f6konomischen Theorie von Marx bem\u00fcht, oder ob man mit Hilfe dieser Theorie die heutige Welt verstehen will und es mit dem Marxschen Text nicht allzu genau nimmt. Dabei ist Marx\u2019 scheinbar altert\u00fcmliche und schwer verst\u00e4ndliche Terminologie gar nicht so verschieden von der modernen \u00f6konomischen Theorie. Die physische Abschreibung wird beispielsweise von der neoricardianischen Theorie ebenfalls verwendet, vor allem im Modell mit fixem Kapital.<br \/>\nWie nun kommt M\u00fcller damit zurecht, dass aufgrund seines falschen Verst\u00e4ndnisses des Gebrauchswerts sein Vorbild Marx die Abschreibung betriebswirtschaftlich gesehen unzutreffend darstellt? Er f\u00e4lscht Marx\u2019 Darstellung: Marx sage deutlich (wo?), \u201edass er unter dem physischen Verschlei\u00df nicht den letzteren versteht, sondern den Wertteil, der vom fixen Kapital auf das neue Produkt \u00fcbergeht.\u201c (308) Diese Aussage ist jedoch nicht nur unbelegt und falsch, sondern dazu auch noch v\u00f6llig unlogisch im Rahmen einer Theorie, die den Gebrauchswert streng vom Wert unterscheidet. Der physische Verschlei\u00df sei ein Wertteil! Was f\u00fcr ein absurder Unsinn!<\/p>\n<h2 id=\"1.25\">1.25 Mehrwert und konstantes Kapital<\/h2>\n<p>Nach Marx setzt sich der Wert eines Produkts aus dem Neuwert und dem auf das Produkt \u00fcbertragenen konstanten Kapital zusammen. Der Neuwert ist die Summe aus variablem Kapital und Mehrwert. Marx\u2019 Formel daf\u00fcr ist allgemein bekannt: <\/p>\n<p>W = c + v + m<\/p>\n<p>M\u00fcller behauptet, dass der Mehrwert vom konstanten Kapital abh\u00e4ngt: \u201eWenn der Verbrauch an Produktionsmitteln bei gegebenem Wert (bzw. Preis) sinkt, erh\u00f6ht sich der Mehrwert bzw. der Profit.\u201c \u201eDer Mehrwert steigt, wenn der Einsatz bzw. der Verbrauch an Produktionsmitteln, an konstantem Kapital, sinkt.\u201c (322)<\/p>\n<p>Der erste Satz unterscheidet nicht zwischen Wert und Preis sowie zwischen Mehrwert und Profit. Aufgrund dieser kategorialen Konfusion ist der zweite Satz in dieser Allgemeinheit behauptet falsch. Ohne genauere Angaben, warum der Verbrauch an Produktionnsmitteln sinkt, kann die obige Formel auch so interpretiert werden: Sinkt das konstante Kapital, sinkt auch der Wert des Produkts. Der Neuwert bleibt unver\u00e4ndert, und bei gleichbleibendem variablen Kapital bleibt auch der Mehrwert konstant. <\/p>\n<p>M\u00fcller versucht hier, den Extramehrwert zu erkl\u00e4ren. Daf\u00fcr sind seine Begriffe und seine Vorstellungen \u00fcber ihren Zusammenhang zu grob. \u2013 Sinkt das konstante Kapital in einer einzelnen Produktionsst\u00e4tte, ist die Frage entscheidend, welchen Anteil sie an der Gesamtproduktion des entsprechenden Industriezweiges hat. Davon h\u00e4ngt ab, wie stark sich die erh\u00f6hte Produktivkraft auf die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit auswirkt. Auf jeden Fall sinkt der Wert des Produkts W, zumindest ein wenig. Bleibt der Preis, wie M\u00fcller unterstellt, konstant, eignet sich der Kapitaleigner einen Extramehrwert an, der aber erstens kleiner ist als die Verringerung von c und der zweitens zur Kategorie des Marktwertes geh\u00f6rt. \u00dcbernehmen die anderen Produzenten derselben Art Ware die neue Technik, so sinkt der Wert W ab auf die neue Summe und damit verschwindet auch der Extramehrwert. Am Ende des Ausgleichsprozesses hat der Mehrwert dieselbe H\u00f6he wie vorher. <\/p>\n<h2 id=\"1.26\">1.26 Abgeschriebene Maschinen<\/h2>\n<p>M\u00fcller diskutiert ernsthaft die Frage, ob Maschinen, die bereits abgeschrieben sind, Wert erzeugen, wenn sie trotz Abschreibung weiter im Produktionsprozess eingesetzt werden. (322-325) Eine L\u00f6sung hat er nicht anzubieten. Er kann auch keine anbieten, da er Marx\u2019 Begriff der Abschreibung aus betriebswirtschaftlicher Sicht abgelehnt und in dieser Hinsicht verf\u00e4lscht hat. Aber Marx hat eine einfache L\u00f6sung jenes angeblichen \u201eProblems\u201c. Diese wird den modernen \u00d6konomen und Klaus M\u00fcller zwar nicht befriedigen, aber sie ist v\u00f6llig klar: Wenn die angeblich \u201eabgeschriebene\u201c Maschine weiter zur Produktion verwendet wird, ist ihr Gebrauchswert noch nicht auf null gesunken und dem entsprechend gibt sie ihren Restwert weiter an das Produkt ab.<\/p>\n<p>Aus der Sicht einer Definition der Abschreibung, die sich auf den Gebrauchswert und nicht auf den Wert st\u00fctzt, wird die Abschreibung durch die \u201eLebenszeit\u201c eines Arbeitsmittels bestimmt, und diese ist noch nicht beendet, wenn die Maschine ihre Rolle im Produktionsprozess noch wahrnimmt. (Quaas 2016: 44, Gl. 2.8. In Gleichung 2.10 ist ein Fehler enthalten. Richtig muss es hei\u00dfen:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/wp-content\/uploads\/M24Gl26-e1739379792260.jpg\" alt=\"\" width=\"167\" height=\"66\" class=\"alignnone size-full wp-image-799\" \/><\/p>\n<p>wobei <em>c(t)<\/em> der aktuelle Gebrauchswert, <em>t<\/em> die Nutzungszeit, <em>T(c)<\/em> die Lebensdauer und <em>c<\/em> die Menge des noch nicht verwendeten Gutes ist.)<\/p>\n<h2 id=\"1.27\">1.27 Irrationales<\/h2>\n<p>Unter diesem Titel schreibt M\u00fcller:<\/p>\n<p>\u201eW\u00fcrde der Arbeiter seine Arbeit verkaufen, w\u00e4re die Arbeit eine Ware. Als Ware m\u00fcsste sie einen Wert haben. Wert ist die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Was w\u00e4re der Wert der \u201aWare Arbeit\u2018? Die Antwort lautete: Acht Stunden Arbeit sind acht Stunden Arbeit wert, da die Verausgabung an Arbeit in Arbeitszeit gemessen wird.\u201c (227)<\/p>\n<p>Das Komische an dieser Passage ist, dass M\u00fcller nicht bemerkt, hier das zentrale Problem seiner eigenen Marx-Interpretation zu beschreiben: Wenn der Wert der quantitative Aspekt der abstrakten Arbeit ist, dann hat die Arbeit einen Wert. Daraus folgt, dass der Wert der Arbeit nicht mehr zu bestimmen ist: Der Satz \u201eAcht Stunden Arbeit sind acht Stunden Arbeit wert\u201c ist eine Tautologie und deshalb zwar nicht ganz sinnlos, aber inhaltlich nichtssagend. Und wie M\u00fcller es richtig einsch\u00e4tzt: Die \u201eTheorie\u201c, dass die Arbeit einen Wert hat, ist irrational. Es ist eine Konsequenz seiner eigenen \u201eTheorie\u201c.<\/p>\n<h2 id=\"1.28\">1.28 Organische Zusammensetzung<\/h2>\n<p>Unter dem Titel \u201eKapitalzusammensetzungen\u201c definiert M\u00fcller drei Arten (305): \u201eDie technische Zusammensetzung (TZ) des Kapitals ist die Relation zwischen der Masse der angewandten Produktionsmittel (PM) und der zu ihrer Anwendung erforderlichen Arbeitsmenge (AK): TZ = PM\/AK.\u201c In welchen Einheiten diese Gr\u00f6\u00dfen angegeben werden, bleibt unklar. Im Fall der PM d\u00fcrfte das auf eine monet\u00e4re Gr\u00f6\u00dfe hinauslaufen. Oder will er die PM in Kilogramm angeben? <\/p>\n<p>\u201eDie Wertzusammensetzung (WZ) des Kapitals ist das Verh\u00e4ltnis, worin sich das Kapital \u201ateilt in konstantes Kapital (c) oder Wert der Produktionsmittel und variables Kapital (v) oder Wert der Arbeitskraft, Gesamtsumme der Arbeitsl\u00f6hne\u2018 (MEW 23: 640): WZ = c\/v. Die organische Zusammensetzung des Kapitals (OZ) ist eine spezifische WZ und wird wie diese als Quotient c\/v ausgedr\u00fcckt. Bei ihr bleiben die \u00c4nderungen der Werte und damit der Preise der PM und Konsumtionsmittel (KM) unber\u00fccksichtigt.\u201c (305)<\/p>\n<p>Das kann nicht sein. Der Wert einer Ware \u2013 und PM sind ebenfalls Waren, bevor sie angewandt werden \u2013 ist immer aktuell bestimmt, so jedenfalls Marx. Entsprechende Belege liefert M\u00fcller selbst (361 f.) Deshalb gibt es keinen Unterschied zwischen WZ und OZ.<\/p>\n<h2 id=\"1.29\">1.29 Erweiterte Reproduktion<\/h2>\n<p>Marx\u2019 Schema der erweiterten Reproduktion wirft das Problem auf, wo das Geld herkommt, das erforderlich ist, um bei gleicher Umlaufgeschwindigkeit des Geldes die wachsende Warenmasse zu zirkulieren. M\u00fcller beschreibt es so:<\/p>\n<p>\u201eDie Frage ist, weshalb die Zirkulation bei gegebener Umlaufgeschwindigkeit des Geldes einen wachsenden Geldbedarf hat. Die Antwort: weil in der Produktion, die ja zur Zirkulation im weitesten Sinne geh\u00f6rt, eine Wertsch\u00f6pfung stattgefunden hat. In der Produktion entsteht durch die Verausgabung von Arbeit ein h\u00f6herer Wert, der sich in einer h\u00f6heren Preissumme \u00e4u\u00dfert, die wiederum eine entsprechende Geldzufuhr nach sich zieht. Um den Wert der Waren zu bezahlen, der den Mehrwert einschlie\u00dft \u2026, muss eine entsprechende Menge Geld in der Zirkulation sein. Die Frage lautet nicht: Woher kommt das Geld, um den Mehrwert zu realisieren, sondern, woher kommt das Geld \u00fcberhaupt?\u201c (345)<\/p>\n<p>Ohne es zu erw\u00e4hnen, sind wir mit der letzten Frage erneut bei der Geldtheorie gelandet. M\u00fcller gibt die richtige Antwort: \u201eDas Geld, das die Wirtschaft braucht, schafft sie sich \u00fcber Kredite.\u201c (346) \u201eDas f\u00fcr die erweiterte Reproduktion ben\u00f6tigte zus\u00e4tzliche Geld wird via Kredite bereitgestellt bzw. abgerufen.\u201c (Ebd.) <\/p>\n<p>Kredite werden durch Banken bereitgestellt, wenn ihnen von den Unternehmen und sonstigen Kunden hinreichende Sicherheiten geboten werden. Die Banken beziehen das Geld von einer Zentralbank, wenn sie ihrerseits hinreichende Sicherheiten bieten, entweder durch Verpf\u00e4ndung (EZB) oder durch Verkauf (Fed) von Wertpapieren. (Quaas 2018) Daraus folgt, dass das moderne Geld kredit- und nicht goldbasiert ist. M\u00fcllers Antwort ist insofern \u00fcberraschend, als man von einem Goldfetischisten folgende Antwort erwartet h\u00e4tte: \u201eHinzugekommen sein kann das Geld auch durch vermehrte Goldproduktion oder Goldentdeckungen\u2026\u201c (344) Aber darauf kapriziert er sich diesmal nicht.<\/p>\n<h2 id=\"1.30\">1.30 Marx\u2019 Kostpreisirrtum<\/h2>\n<p>M\u00fcller zitiert aus unserem Briefwechsel, wonach ich wohl schreibe: \u201eDenn warum sollte die Summe der Mehrwerte von gestern mit der Summe von Profiten heute \u00fcbereinstimmen, nur weil man die Summe der gestrigen Werte immer gleich der Summe der heutigen Preise setzen kann? Das macht keinen polit\u00f6konomischen Sinn.\u201c (358) Diese Aussage spielt auf die zeitliche Differenz zwischen Kostpreisen und Verkaufspreisen an, die von der Produktion gef\u00fcllt wird. M. a. W.: Quaas macht M\u00fcller auf die M\u00f6glichkeit einer dynamischen L\u00f6sung des Transformationsproblems aufmerksam, die, wie M\u00fcller wohl wei\u00df, auch von einigen anderen Autoren vertreten wird. (359) M\u00fcller kommentiert: \u201eIch denke, dass Quaas\u2019 Behauptung nicht richtig ist.\u201c Seine argumentative Antwort besteht in einem System von T\u00f6pfen, in die c, v und m verteilt werden. (358) Dazu darf ich in Anlehnung an einen Spruch Albert Einsteins antworten: Mit solchen Apothekermethoden l\u00f6st man kein Geheimnis des Marxschen \u201eKapital\u201c. Ausf\u00fchrlich dazu M\u00fcller\/Quaas 2020: 79-97.<\/p>\n<h2 id=\"1.31\">1.31 Mehrwertrate und Produktivit\u00e4t<\/h2>\n<p>Ohne klare Kenntnis der quantitativen Strukturen einer \u00f6konomischen Theorie geht alles durcheinander. Ein Beispiel. M\u00fcller behauptet generell: \u201eProduktivit\u00e4tsvergleiche sind nur innerhalb einer Branche m\u00f6glich und sinnvoll.\u201c In der Tat macht es keinen Sinn festzustellen, \u201edass die Anzahl der in einer Stunde behandelten Knochenbr\u00fcche h\u00f6her ist als die Anzahl gefertigter Porzellantassen pro Stunde\u2026\u201c (368) Da M\u00fcller nur eine verschwommene Vorstellung von dem polit\u00f6konomischen Begriff der Intensit\u00e4t der Arbeit hat, wei\u00df er nicht, dass mit Hilfe dieses Begriffes Produktivit\u00e4tsvergleiche zwischen Betrieben (produktiven Einheiten) verschiedener Branchen m\u00f6glich sind. Braucht eine Arztpraxis zur Behandlung eines Knochenbruchs weniger Zeit als im Durchschnitt aller Arztpraxen, so hat die Gr\u00f6\u00dfe der Arbeitsintensit\u00e4t einen genau bestimmbaren Wert gr\u00f6\u00dfer als 1. Ist die Anzahl der in einer Stunde gefertigten Porzellantassen in einer Manufaktur kleiner als der Durchschnitt der in einer Stunde hergestellten Porzellantassen aller Manufakturen, so ist deren Arbeitsintensit\u00e4t eine exakt bestimmbare Zahl kleiner als 1. Die Arbeitsintensit\u00e4ten lassen sich nun miteinander vergleichen, da es sich um dimensionslose Zahlen handelt. Bezogen auf das Beispiel wird man zu dem Schluss kommen, dass die ausgew\u00e4hlte Arztpraxis eine wesentlich h\u00f6here Intensit\u00e4t und damit mittelbar auch eine, am zweiglichen Durchschnitt gemessene, wesentlich h\u00f6here Produktivit\u00e4t entwickelt als die Porzellanmanufaktur.<\/p>\n<p>Im Widerspruch zu seiner generellen (aber theoretisch falschen) Feststellung der Unvergleichbarkeit von Betrieben unterschiedlicher Branchen hinsichtlich ihrer Produktivit\u00e4t, setzt M\u00fcller mit dem folgenden Satz fort: \u201eUnd doch ist die Produktivit\u00e4t \u00fcber ihre positive Beeinflussung der Mehrwertrate von Bedeutung. Es kann als gesichert gelten, dass die Arbeitsproduktivit\u00e4t in Zweigen mit hoher Wertzusammensetzung h\u00f6her als in Zweigen mit niedriger Wertzusammensetzung ist.\u201c (368 f.) Wieder stolpert M\u00fcller dar\u00fcber, dass er an die Stelle einer exakten Begrifflichkeit Alltagsvorstellungen setzt: Es scheint plausibel zu sein, dass eine produktive Einheit auf der Basis einer hohen organischen Zusammensetzung mehr Produkte herstellt als eine produktive Einheit mit weniger Technik. Aber M\u00fcller bezieht seinen Vergleich auf ganze Branchen, die verschiedene Produkte herstellen. Bei diesem Vergleich kann auch die Arbeitsintensit\u00e4t nicht weiterhelfen, da die Arbeitsintensit\u00e4t eines ganzen Zweiges immer gleich 1 ist. Hier trifft zu, dass man die insgesamt behandelten Knochenbr\u00fcche pro Stunde nicht mit der Anzahl der insgesamt gefertigten Porzellantassen je Stunde vergleichen kann. Deshalb hat es keinen Sinn, die Arbeitsproduktivit\u00e4t eines Zweiges mit hoher organischer Zusammensetzung mit der eines Zweiges mit niedriger vergleichen zu wollen. Und v\u00f6llig jenseits der Marxschen Theorie ist die Behauptung, dass die physische Arbeitsproduktivit\u00e4t einer produktiven Einheit \u2013 und M\u00fcller kennt keine andere Produktivit\u00e4t \u2013 einen direkten Einfluss auf ihre Mehrwertrate h\u00e4tte. Einen solchen Einfluss gibt es nur dann, wenn durch eine allgemeine Steigerung der Produktivkraft der Arbeit in der Lebensmittelindustrie eine Senkung des Werts der Arbeitskraft bewirkt wird. Damit steigt das Verh\u00e4ltnis zwischen Mehrwert und variablen Kapital aber nicht nur in einem einzelnen Etablissement, sondern in der gesamten Volkswirtschaft. Es w\u00e4re also M\u00fcllers Aufgabe, erst einmal darzulegen, wie es eine \u201eproduktivit\u00e4tsbedingt h\u00f6here Mehrwertrate\u201c \u00fcberhaupt geben kann, die \u201eden negativen Einfluss der h\u00f6heren Wertzusammensetzung auf die Profitrate ausgleichen kann\u2026\u201c (369) Bis zu diesem Nachweis darf man die Einlassungen auf Seite 369 als reine Fantasie betrachten.<\/p>\n<p>Das betrifft auch die \u00dcberlegungen auf den Seiten 385 ff., bei denen sich M\u00fcller die nicht uninteressante Frage stellt, wie stark die Mehrwertrate steigen muss, um den Fall der Profitrate bei steigender organischer Zusammensetzung zu neutralisieren. Aber seine Rechnungen h\u00e4ngen insofern in der Luft, als der Zusammenhang zwischen Produktivit\u00e4t, organischer Zusammensetzung und Mehrwertrate vorher h\u00e4tte dargestellt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<h2 id=\"1.32\">1.32 Sinkende Wertzusammensetzung?<\/h2>\n<p>Es ist gezeigt worden: Eine Ableitung der Werte aus der physisch-technischen Struktur lehnt M\u00fcller verbal ab, praktiziert sie dann aber selbst in seinen Rechenbeispielen. (146 ff.) Wei\u00df er nicht, was eine Ableitung der Werte aus der physisch-technischen Struktur ist? Im oben bezeichneten Abschnitt seines Buches (388) behauptet er nun selbst einen engen Zusammenhang zwischen physischer Struktur und Wertstruktur: \u201eWer den Anstieg der technischen Zusammensetzung [des Kapitals] akzeptiert, kann den der organischen Zusammensetzung nicht ablehnen.\u201c (388) Das ist zu simpel gedacht. Eine \u00c4nderung der technischen Struktur kann zu einer Umbewertung f\u00fchren, so dass trotz \u201emehr Technik\u201c \u201eweniger Kapital\u201c zum Einsatz kommt. M\u00fcller schlie\u00dft Umbewertungen zwar definitorisch aus (305), aber das widerspricht der aktuellen Bestimmtheit der Wertgr\u00f6\u00dfe in der Marxschen Arbeitswerttheorie. Auf dieser definitorischen Finesse beruht der theoretische Teil seiner Argumentation gegen Lucas Zeise. (390 f.) Plausibel, aber weder empirisch belegt noch theoretisch bewiesen ist der Schlusssatz dieses Kapitels: \u201eDer Anstieg der Produktivit\u00e4t geht einher mit dem der OZ.\u201c (392)<\/p>\n<h2 id=\"1.33\">1.33 Rententheorie<\/h2>\n<p>M\u00fcller meint: \u201e\u00d6konomische Verh\u00e4ltnisse sind relativ. Es kommt auf den Betrachtungsstandpunkt an.\u201c (401) Mit dieser Alltagsphilosophie begr\u00fcndet er den mathematischen Unsinn, \u201edass die Wertgr\u00f6\u00dfe beides zugleich, Extrem und Durchschnittswert sein kann.\u201c (Ebd.) Es gibt aber auch einen \u00f6konomischen Grund, die Ansicht zur\u00fcckzuweisen, dass die Rente ein Teil des Neuwerts ist. Der Wert ist, wie auch der marxistische Theoretiker Johann K\u00f6hler schreibt, immer eine Durchschnittsgr\u00f6\u00dfe. Die Rente, die in der Landwirtschaft und in der extraktiven Industrie entsteht, kann deshalb nur aufgrund einer dauerhaften Abweichung des Marktwertes vom produzierten Wert entstehen. M. a. W.: Wie beim Produktionspreis liegt der Rente eine Umverteilung des Mehrwertes \u00fcber den Preis zugrunde. In Ermangelung einer klaren Vorstellung \u00fcber den Zusammenhang von Wert und Preis l\u00e4sst M\u00fcller sicherheitshalber beide T\u00fcren (Wert und Preis) offen: \u201eDa auch der jeweils schlechteste Boden zur Ern\u00e4hrung und Gewinnung von Rohstoffen ben\u00f6tigt wird, bestimmt der h\u00f6chste Aufwand Wert und Preis landwirtschaftlicher Erzeugnisse.\u201c (402) St\u00fctzen kann man das durch folgendes Zitat: \u201eDas Grundeigentum \u2026 hindert diese Ausgleichung f\u00fcr die im Boden angelegten Kapitale und f\u00e4ngt einen Teil des Mehrwerts ab, der sonst in die Ausgleichung der allgemeinen Profitrate eingehen w\u00fcrde.\u201c (MEW 23: 780) Marx nimmt aufgrund der niedrigen organischen Zusammensetzung des Kapitals in der Landwirtschaft an, dass der dort geschaffene Mehrwert abflie\u00dft. Aber der Ausgleichsprozess ist keine Einbahnstra\u00dfe. Wenn die organische Zusammensetzung in der Landwirtschaft h\u00f6her als im Durchschnitt sein sollte, flie\u00dft Mehrwert ein. Ich komme also zu demselben Ergebnis wie K\u00f6hler (1982: 130 ff.).<\/p>\n<h2 id=\"1.34\">1.34 Wer ist ein Marxist?<\/h2>\n<p>\u201eZum axiomatischen Bestand, auf den Marxisten nicht verzichten k\u00f6nnen, ohne aufzuh\u00f6ren, Marxist zu sein, geh\u00f6ren vier gro\u00dfe Entdeckungen.\u201c (412)<\/p>\n<p> Der Doppelcharakter der warenproduzierenden Arbeit (412),<br \/>\n die Arbeitskraft ist eine Ware, nicht die Arbeit (412),<br \/>\n das Wesen des Mehrwerts (418),<br \/>\n das \u00f6konomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft (420).<\/p>\n<p>Das sind sehr grobe und au\u00dferdem nur \u00f6konomische Kriterien. Aber selbst unter diesem Aspekt betrachtet fehlt das wichtigste Axiom, das einen marxistischen \u00d6konomen von den meisten anderen unterscheidet: Die Anerkennung und Anwendung der Arbeitswerttheorie als Fundament zur Erkl\u00e4rung kapitalistischer Gesellschaften. Und damit ger\u00e4t die Frage in den Mittelpunkt, was als der theoretische Kern der Arbeitswerttheorie angesehen werden muss: Das ist die Erkl\u00e4rung des Werts der Waren durch die menschliche Arbeit. <\/p>\n<h2 id=\"1.35\">1.35 M\u00fcllers Wertbegriff und die Wert\u00fcbertragung<\/h2>\n<p>M\u00fcller: Die Ware Arbeitskraft \u201e\u00fcbertr\u00e4gt der [den] Wert der Arbeitsgegenst\u00e4nde (des Materials) und der Arbeitsmittel (der Anlagen, Maschinen usw.) auf die neuen Produkte.\u201c (418 f.) Der Wert ist nach M\u00fcller die quantitative Seite der abstrakten Arbeit. Nirgendwo betont oder sagt er, dass es eine in den Produkten vergegenst\u00e4ndlichte, separate quantitative Gr\u00f6\u00dfe ist, obwohl die Wert\u00fcbertragung genau das voraussetzt. Wie kann die Arbeitskraft durch ihre (konkrete) Arbeit einen Wert von den Produktionsmitteln auf die Produkte \u00fcbertragen, wenn diese gar keinen gegenst\u00e4ndlichen Wert haben? Der Wert ist vergegenst\u00e4ndlichte abstrakt menschliche Arbeit, deren Gr\u00f6\u00dfe durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit gemessen wird. Wie ist eine \u00dcbertragung des Werts m\u00f6glich, wenn der Wert, wie M\u00fcller mehrmals notiert, die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist? Au\u00dferdem: Man kann x nicht durch y messen, wenn x identisch mit y ist. Die Arbeit ist \u201edie den Wert bildende Substanz\u201c. (414) x kann y nur bilden, wenn x und y nicht identisch sind. V\u00f6llig analog: x bestimmt y. Das ist nur m\u00f6glich, wenn x und y nicht identisch sind. \u201eDie Arbeitskraft schafft Wert.\u201c (419) Was man schafft, hat eine gegenst\u00e4ndliche Form. Wert ist eine Eigenschaft der Ware, und kein Aspekt der Arbeit. Die Arbeit erlischt, wenn sie den Wert geschaffen hat. Und mit ihr erlischt die abstrakte Arbeit. W\u00e4re der Wert der quantitative Aspekt der abstrakten Arbeit, w\u00fcrde der Wert mit der Arbeit erl\u00f6schen.<\/p>\n<h2 id=\"1.36\">1.36 Literatur<\/h2>\n<p>Heinrich, Michael (2003): Die Wissenschaft vom Wert. 3. korrigierte Auflage. M\u00fcnster.<\/p>\n<p>Heinrich, Michael (2022): Wertgegenst\u00e4ndlichkeit, abstrakt menschliche Arbeit und Austausch \u2013 Fortsetzung. In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung. Nr. 132. <\/p>\n<p>K\u00f6hler, Johann (1982): Zu Grundfragen der marxistisch-leninistischen Rententheorie. Freiberger Forschungshefte D 151, Leipzig. <\/p>\n<p>M\u00fcller, Klaus; Quaas, Georg (2020): Kontroversen \u00fcber den Arbeitswert. Eine polit-\u00f6konomische Debatte. WeltTrends-Verlag, Potsdam.<\/p>\n<p>Pasinetti, Luigi (1988): Vorlesungen zur Theorie der Produktion. Metropolis-Verlag, Marburg. <\/p>\n<p>Pohl, Helga (1955): Wenn dein Schatten sechzehn Fu\u00df misst Berenike. Wilhelm Andermann Verlag M\u00fcnchen, Wien.<\/p>\n<p>Quaas, Georg (1984): Zum Verh\u00e4ltnis von Wert und Preis aus mathematischer Sicht. In: Wirtschaftswissenschaft, Jg. 32, H. 11, S. 16-49 ff.<\/p>\n<p>Quaas, Georg (1992): Dialektik als philosophische Theorie und Methode des \u201aKapital\u2018. Frankfurt a. M., Verlag Peter Lang. <\/p>\n<p>Quaas, Georg (1999): Kritik der werttheoretischen Basis des neoricardianischen Modells. In: Kai Eicker-Wolf \/ Torsten Niechoj \/ Dorothee Wolf (Hrsg.): Nach der Wertdiskussion? Marburg. S.41-65.<\/p>\n<p>Quaas, Georg (2017): Ist der Mehrwert messbar? Konsequenzen einer bislang wenig gew\u00fcrdigten Preistheorie von Karl Marx im ersten Band des \u201eKapital\u201c. In: Dieter Jahnke, J\u00fcrgen Leibiger, Manfred Neuhaus (Hrsg.): Marx\u2019 \u00bbKapital\u00ab im 21. Jahrhundert. Leipzig 2017, S.95-108.<\/p>\n<p>Quaas, Georg (2018): Relationale Geldtheorie. Zur aktuellen Diskussion \u00fcber das Geld. Metropolis-Verlag Marburg.<\/p>\n<p>Quaas, Georg (2020a): Dienstleistungen in der Arbeitswerttheorie. In: Z. Zeitschrift f\u00fcr marxistische Erneuerung, Nr. 122, Juni 2020, S. 155-160.<\/p>\n<p>Quaas, Georg (2020b): Produkte ohne Wert? Zu Klaus M\u00fcller, Z 123. In: Z. Zeitschrift f\u00fcr marxistische Erneuerung, Nr. 124, Dezember 2020, S. 175 f.<\/p>\n<p>Quaas, Georg (2021): Arbeitszeit und Wert in der \u00f6konomischen Theorie von Karl Marx. In: Z. Zeitschrift f\u00fcr marxistische Erneuerung, Nr. 128, Dezember 2021, S. 75-81.<\/p>\n<p>Quaas, Georg (2023a): Wertform-Analyse und Zeitmessung. Peter Rubens Messtheorie reloaded. Metropolis-Verlag.<\/p>\n<p>Quaas, Georg (2023b): Zur begrifflichen und kausalen Struktur des Kerns der Arbeitswerttheorie. Eine Gegendarstellung zu Klaus M\u00fcller in Z 130. Im Archiv der Zeitschrift Z.<\/p>\n<p>Schefold, Bertram (1971): Piero Sraffas Theorie der Kuppelproduktion, des Kapitals und der Rente. Dissertation. Universit\u00e4t Basel. <\/p>\n<p>Simmel, Georg (2009): Philosophie des Geldes. K\u00f6ln.<\/p>\n<p>Zelen\u00fd, Jindrich (1968): Die Wissenschaftslogik bei Marx und \u201eDas Kapital\u201c. Berlin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zu Klaus M\u00fcller: Steile Pfade, lichte H\u00f6hen. Marxistische Wirtschaftstheorie im 21. Jahrhundert. Mangroven Verlag 2024. 463 Seiten. 36 Euro. 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