{"id":671,"date":"2022-08-24T13:40:10","date_gmt":"2022-08-24T11:40:10","guid":{"rendered":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=671"},"modified":"2022-08-24T13:40:10","modified_gmt":"2022-08-24T11:40:10","slug":"arbeitszeit-und-wert-in-der-oekonomischen-theorie-von-karl-marx","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=671","title":{"rendered":"Arbeitszeit und Wert in der \u00f6konomischen Theorie von Karl Marx"},"content":{"rendered":"<p>Dass die in einem Arbeitsprozess aufgewandte Arbeitszeit den Wert <!--more-->der hergestellten Produkte bestimmt, ist eine grundlegende These der Arbeitswerttheorie, deren Geltung mehrere Bedingungen voraussetzt, die in der einige Jahrhunderte w\u00e4hrenden werttheoretischen Tradition immer pr\u00e4ziser formuliert worden sind. Im Folgenden wird die kurze, aber paradigmatisch wichtige Etappe in Karl Marx\u2019 Erkenntnisentwicklung von 1859 bis 1867 unter dem speziellen Aspekt des Zusammenhangs von Arbeitszeit und Wert betrachtet, und zwar in Form eines Vergleichs des jeweiligen begrifflichen Apparats. Viele benachbarte Fragen und ihr Zusammenhang mit der hier vertretenen Auffassung bleiben aus Platzgr\u00fcnden unbeantwortet: Was versteht Marx unter abstrakter Arbeit? Wie bestimmt er die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit? Wie stellt sich der Wert auf dem Markt dar? Welche Determinanten, neben dem Wert, bestimmen den Preis? Usw. Antworten auf diese Fragen sind schon vielfach &#8230; gegeben worden; eine klare Abgrenzung zwischen den thematisierten Begriffen und eine Darstellung der verschiedenen Aspekte ihres Zusammenhangs erfolgte bislang nicht.<\/p>\n<p><strong>Der Fortschritt von 1859 bis 1867<\/strong><\/p>\n<p>In \u201eZur Kritik der Politischen \u00d6konomie\u201c (1859) beginnt Marx\u2019 Darstellung so wie in seinem sp\u00e4teren Werk \u201eDas Kapital\u201c mit der \u201eungeheuren Warensammlung\u201c, als die der b\u00fcrgerliche Reichtum im Kapitalismus erscheint. Die Analyse der Ware als Elementarform dieses Reichtums f\u00fchrt nach wenigen Schritten zu dem Kategorienpaar \u201eGebrauchswert\u201c und \u201eTauschwert\u201c. Der Tauschwert wird definiert als \u201equantitatives Verh\u00e4ltnis, worin Gebrauchswerte gegeneinander austauschbar\u201c sind (MEW 13, 16). Im \u201eKapital\u201c geht Marx seit der ersten Auflage von 1867 einen Schritt weiter und f\u00fchrt zus\u00e4tzlich den Begriff des Werts ein \u2013 nicht ganz ohne Bedenken, wie man selbst in der vierten Auflage noch nachlesen kann: \u201eDer Tauschwert scheint \u2026 etwas Zuf\u00e4lliges und rein Relatives, ein der Ware innerlicher, immanenter Tauschwert \u2026 eine contradictio in adjecto.\u201c (MEW 23, 50f.) Doch die inhaltliche Analyse deckt auf, dass es im Tauschverh\u00e4ltnis zweier Waren etwas Gemeinsames, Drittes geben muss. Dieses Dritte ist der Wert. \u201eUnabh\u00e4ngig von ihrem Austauschverh\u00e4ltni\u00df oder von der Form, worin sie als Tausch-Werthe erscheinen, sind die Waaren daher zun\u00e4chst als Werthe schlechthin zu betrachten\u2026\u201c \u2013 so hei\u00dft es bei Marx (MEGA II\/5, 19), und dieser Terminologie folgen alle weiteren Auflagen des \u201eKapital\u201c.(1)<\/p>\n<p>Der erweiterte begriffliche Rahmen hat Konsequenzen. Da in \u201eZur Kritik\u201c ein explizit formulierter Wertbegriff noch fehlt, ergab sich die logische Notwendigkeit, die bereits dargestellten Zusammenh\u00e4nge, insbesondere zwischen der Arbeitszeit und dem Tauschwert, in den neuen Rahmen zu \u00fcbersetzen und auf dieser Basis den Zusammenhang zwischen Wert und Tauschwert neu zu formulieren. W\u00e4hrend es in \u201eZur Kritik\u201c \u00fcber viele Seiten hinweg stets um das \u201eVerst\u00e4ndnis der Bestimmung des Tauschwerts durch Arbeitszeit\u201c geht, wird diese Problematik ab 1867 differenzierter dargestellt: Die (gesellschaftlich notwendige) Arbeitszeit bestimmt den Wert einer Ware und dieser bestimmt, in welchem Verh\u00e4ltnis die Waren getauscht werden, also den Tauschwert. Solche Aussagen wie: \u201eDer relative Werth einer Waare kann wechseln, obgleich ihr Werth constant bleibt\u2026\u201c etc. (MEGA II\/5, 27) kann es in \u201eZur Kritik\u201c nicht geben, weil dort der Wertbegriff nicht explizit formuliert wird. <\/p>\n<p>Aber der Wertbegriff ist in diesem Werk schon virulent vorhanden, indem die Arbeitszeit, die in einer Ware vergegenst\u00e4ndlicht ist, die Position einnimmt, die sp\u00e4ter der Wertbegriff innehat. Hier ein Beispiel: \u201eVerschiedene Gebrauchswerte enthalten in ungleichen Volumen dieselbe Arbeitszeit oder denselben Tauschwert.\u201c (MEW 13, 25) Der Zusatz \u201edenselben Tauschwert\u201c ist aus der Sicht von 1867 ff. nicht korrekt, richtig m\u00fcsste es hei\u00dfen: \u201edenselben Wert.\u201c An sp\u00e4terer Stelle bricht sich in \u201eZur Kritik\u201c der virulent bereits vorhandene Wertbegriff Bahn, wenn es zum Beispiel hei\u00dft: \u201eDie Wertgr\u00f6\u00dfe einer Ware wird nicht davon ber\u00fchrt, ob wenig oder viel Waren anderer Art au\u00dfer ihr existierten.\u201c (MEW 13, 27) Bezogen auf den Tauschwert w\u00e4re dieser Satz falsch, denn der Tauschwert stellt den Wert mit Hilfe anderer Waren dar und ist damit auch von deren Wert abh\u00e4ngig. <\/p>\n<p><strong>Das Determinationsverh\u00e4ltnis<\/strong><\/p>\n<p>Die Arbeitswerttheorie behauptet, dass der Wert einer Ware (und mittelbar damit auch ihr Tauschwert) elementar von der Arbeitszeit zur Herstellung der Ware abh\u00e4ngt. Diese Auffassung findet man u.a. bei William Petty, Adam Smith und David Ricardo, wenn auch nicht immer konsequent ausgef\u00fchrt und angewandt. Marx pr\u00e4zisiert den Begriff seiner Vorg\u00e4nger in mehreren Punkten: Eine selbst\u00e4ndige, gegenst\u00e4ndliche Existenz des Werts als gesellschaftliche Eigenschaft der Ware wird sp\u00e4testens 1867 anerkannt; um den Austausch zu regulieren, muss der Wert eine quantitativ bestimmte Gr\u00f6\u00dfe sein; wertbildend ist nicht die tats\u00e4chliche Arbeitszeit, sondern die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit; abstrahiert wird von der konkreten Natur der wertbildenden Arbeit; trotz Abstraktion bleibt der Sachverhalt im Blick, dass eine bestimmte Arbeitsmenge erforderlich ist, um eine Ware herzustellen. Der Kern des von Marx pr\u00e4zisierten arbeitswerttheoretischen Ansatzes kann in wenigen S\u00e4tzen ausgedr\u00fcckt werden: \u201eEin Gebrauchswert oder Gut hat also nur einen Wert, weil abstrakt menschliche Arbeit in ihm vergegenst\u00e4ndlicht oder materialisiert ist. Wie nun die Gr\u00f6\u00dfe seines Werts messen? Durch das Quantum der in ihm enthaltenen \u201awertbildenden Substanz\u2019, der Arbeit. Die Quantit\u00e4t der Arbeit selbst misst sich an ihrer Zeitdauer, und die Arbeitszeit besitzt wieder ihren Ma\u00dfstab an bestimmten Zeitteilen, wie Stunde, Tag usw.\u201c (MEW 23, 53)(2)<\/p>\n<p>Demnach bezieht sich der Wert \u00fcber die abstrakt menschliche Arbeit auf andere Waren,(3) genauer gesagt, auf die Bedingungen, unter denen andere Waren in den vielen anderen Produktionsprozessen einer Gesellschaft hergestellt werden, denn der Wert ist aus Marx\u2019 historisch materialistischer Sicht Ausdruck eines komplexen Produktionsverh\u00e4ltnisses. Sind diese Bedingungen gesellschaftlich \u201enormal\u201c, das hei\u00dft, entsprechen sie dem Durchschnitt, so ist die Arbeitszeit die entscheidende Determinante f\u00fcr den Wert einer Ware, genauer gesagt, f\u00fcr die Wertgr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p>Hei\u00dft das nun, dass der Wert Arbeitszeit ist (wenn auch gesellschaftlich notwendige)? Oder wenigstens, dass der Wert in Arbeitszeiteinheiten (Stunden, Tagen, etc.) gemessen wird? Liest man das \u201eKapital\u201c aus der begrifflichen Brille von \u201eZur Kritik\u201c, in dem die Arbeitszeit noch die Rolle des Wertes einnimmt, so kann man in der Tat zu der folgenden Auffassung gelangen: \u201eDie Wertgr\u00f6\u00dfe ist die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Deshalb sind Wertrechnungen Arbeitszeitrechnungen.\u201c So interpretiert jenen Satz mein ansonsten gesch\u00e4tzter Co-Autor Klaus M\u00fcller,(4) mit dem ich in diesem Punkt nicht \u00fcbereinstimme. \u2013 Aber nicht nur er, wie noch zu zeigen sein wird. <\/p>\n<p><strong>Logische Widerspr\u00fcche<\/strong><\/p>\n<p>Wie kann die Arbeitszeit (die gesellschaftlich notwendige, versteht sich) die Wertgr\u00f6\u00dfe bestimmen, wenn beide identisch sind? M\u00fcllers eben zitierte Interpretation eliminiert den deterministischen Zusammenhang, der das grundlegende Element der Arbeitswerttheorie ausmacht. <\/p>\n<p>Wenn Arbeitszeit und Wert identisch w\u00e4ren, h\u00e4tte folgende Proportionalit\u00e4t keinen Sinn: \u201eDer Wert einer Ware verh\u00e4lt sich zum Wert jeder anderen Ware wie die zur Produktion der einen notwendige Arbeitszeit zu der f\u00fcr die Produktion der anderen notwendigen Arbeitszeit.\u201c (MEW 23, 54) Folgt man M\u00fcllers Auffassung und setzt \u00fcberall dort, wo \u201eWert\u201c steht, \u201eArbeitszeit\u201c ein, wird Arbeitszeit mit derselben Arbeitszeit verglichen: die Proportionalit\u00e4t f\u00e4llt in sich zusammen.<\/p>\n<p>Marx f\u00fcgt der eben zitierten Aussage ein Eigenzitat hinzu, das aus \u201eZur Kritik\u201c stammt. Dabei ersetzt er das Wort \u201eTauschwert\u201c stillschweigend durch den exakteren Begriff \u201eWert\u201c \u2013 was man heutzutage nicht mehr als korrektes Zitieren ansehen w\u00fcrde. Zwar ist diese Korrektur aus theoretischer Sicht notwendig, spiegelt sie doch Marx\u2019 Erkenntnisentwicklung wider, aber ohne Hinweis auf die veraltete Begrifflichkeit, in der die Arbeitszeit die Rolle des Wertes \u00fcbernommen hatte, besteht die Gefahr, dass dieses \u00fcberholte Verst\u00e4ndnis in den nunmehr exakteren begrifflichen Rahmen transportiert wird. Letzterer impliziert v\u00f6llig eindeutig ein Ursache-Wirkungsverh\u00e4ltnis: \u201eEs ist also \u2026 das Quantum gesellschaftlich notwendiger Arbeit oder die zur Herstellung eines Gebrauchswerts gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, welche seine Wertgr\u00f6\u00dfe bestimmt.\u201c (MEW 23, 54) Zuzugeben ist, dass Marx\u2019 Terminologie schwankt und sich auch im reifen \u00f6konomischen Werk noch Stellen finden lassen, die aus \u201eZur Kritik\u201c einfach \u00fcbernommen worden sind.<\/p>\n<p><strong>\u00dcberholte Ausdrucksweisen<\/strong><\/p>\n<p>Ein logisches Problem g\u00e4be es auch bei der Behandlung komplizierter Arbeit. \u201eKompliziertere Arbeit gilt nur als potenzierte oder vielmehr multiplizierte einfache Arbeit, so dass ein kleineres Quantum komplizierter Arbeit gleich einem gr\u00f6\u00dferen Quantum einfacher Arbeit.\u201c (MEW 23, 59) Marx h\u00e4lt sich nicht allzu lange bei diesem Problem auf: Es ist f\u00fcr seine Zwecke nebens\u00e4chlich. Fakt ist, dass die von ihm mehrmals wiederholte These von der Bestimmung des Wertes durch die Arbeitszeit im ersten Teil des Satzes suspendiert wird: Pl\u00f6tzlich, so k\u00f6nnte man diese Passage interpretieren, gilt beispielsweise eine Ingenieursstunde so viel wie drei Stunden eines Stra\u00dfenfegers (M\u00fcllers Interpretation a.a.O., 190). Mit dem Begriff der Geltung gelangt ein subjektives, willk\u00fcrliches Moment in die objektive Wertlehre. Und dies v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssiger Weise, da Marx selbst den Ausweg aus diesem Dilemma weist: Zwischen Arbeitszeit und Wertgr\u00f6\u00dfe besteht \u201evielmehr\u201c eine multiplikative Beziehung. Das harmoniert zu 100 Prozent mit dem Konzept eines Determinationsverh\u00e4ltnisses. Demnach sind Wert und Arbeitszeit quantitativ gesehen durch einen Proportionalit\u00e4tsfaktor verbunden, der den Kompliziertheitsgrad der Arbeit erfasst. Man k\u00f6nnte diesen Faktor auch als Wertproduktivit\u00e4t bezeichnen: Er stellt dar, wieviel Wert je (gesellschaftlich notwendiger) Arbeitszeit in einer bestimmten Branche neu erzeugt wird, wobei jede Branche ihre eigene, spezifische Wertproduktivit\u00e4t hat.<\/p>\n<p><strong>Die ontische Differenz<\/strong> <\/p>\n<p>Der Wert ist ein quantitatives Merkmal, das die meisten Warenbesitzer intuitiv und die Werttheoretiker ganz bewusst den Waren zuordnen, also n\u00fctzlichen Dingen, die ausgetauscht werden sollen. Dagegen ist die Arbeitszeit ein Merkmal des Prozesses, der jene auszutauschenden Dinge hervorgebracht hat. Prozess und Ding sind kategorial zwei Gegens\u00e4tze, die unterschieden werden m\u00fcssen: \u201eIm Arbeitsprozess bewirkt \u2026 die T\u00e4tigkeit des Menschen durch das Arbeitsmittel eine von vornherein bezweckte Ver\u00e4nderung des Arbeitsgegenstandes. Der Prozess erlischt im Produkt\u2026 Was auf Seiten des Arbeiters in der Form der Unruhe erschien, erscheint nun als ruhende Eigenschaft, in der Form des Seins, auf Seiten des Produkts. Er hat gesponnen, und das Produkt ist ein Gespinst.\u201c (MEW 23, 195) Das Produkt eines Arbeitsprozesses ist ein Gebrauchswert, der einen Wert hat. \u201eBestimmte und erfahrungsgem\u00e4\u00df festgestellte Quanta Produkt stellen jetzt nichts dar als bestimmte Quanta Arbeit, bestimmte Masse festgeronnener Arbeitszeit.\u201c (Ebd., 204) In diesem Zitat wird nicht der Wert, sondern die produzierte Gebrauchswertmenge als Repr\u00e4sentant geronnener Arbeitszeit betrachtet. Jedoch w\u00fcrde kein Kenner des \u201eKapital\u201c jemals auf die Idee kommen, dass nach Marx geronnene Arbeitszeit mit der produzierten Gebrauchswertmenge identisch ist. Aber in Bezug auf den Wert erlaubt man sich diesen Fehlschluss.<\/p>\n<p>Dem Fehlschluss liegt eine allt\u00e4gliche Denkform zugrunde. Gef\u00e4llt beispielsweise ein in Handarbeit hergestellter Mahagonitisch, so fallen leicht Urteile wie \u201edas ist eine solide Arbeit\u201c. Sie beziehen sich auf die lobenswerte Qualit\u00e4t eines Gebrauchswerts. Etwas n\u00e4her am Wertbegriff ist das Urteil \u00fcber einen gepflegten Garten: \u201eDa steckt viel Arbeit drin.\u201c Das vorletzte Zitat (MEW 23, 195) macht jedoch deutlich, dass sich Marx\u2019 Begrifflichkeit von dem umgangssprachlichen Verst\u00e4ndnis, Arbeitsresultate als Arbeit zu betrachten, abgrenzt und die Arbeit im Kontext seiner \u00f6konomischen Theorie als Prozess charakterisiert:(5) \u201eDie einfachen Momente des Arbeitsprozesses sind die zweckm\u00e4\u00dfige T\u00e4tigkeit oder die Arbeit selbst, ihr Gegenstand und ihr Mittel.\u201c (23, 193) Daraus entspringt das scheinbare Paradoxon, dass vergegenst\u00e4ndlichte Arbeit in der \u00f6konomischen Theorie von Marx keine Arbeit ist.(6) Das zu verstehen sollte nicht schwerfallen, wenn man bedenkt, dass die \u201esolide Arbeit\u201c, die der Tisch verk\u00f6rpert, sicherlich von niemanden mit der Arbeit des Tischlers verwechselt wird, die u.U. unter sehr unsoliden Bedingungen stattfindet. <\/p>\n<p><strong>Gegenst\u00e4ndlichkeit und Fetischismus<\/strong><\/p>\n<p>Etwas kann ein Anderes nur darstellen, wenn beide verschieden sind, so verschieden wie ein Prozess und sein dingliches Resultat. Der Unterschied zwischen Arbeitszeit und Wert wird besonders deutlich im Abschnitt des \u201eKapital\u201c zum Fetischcharakter der Ware. Der mystische Charakter der Ware entspringt nach Marx nicht aus der Bestimmung der Wertgr\u00f6\u00dfe aufgrund der Quantit\u00e4t der zugrunde liegenden Arbeit (MEW 23, 85), sondern: \u201eDas Geheimnisvolle der Warenform besteht \u2026 einfach darin, dass sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenst\u00e4ndliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst \u2026 zur\u00fcckspiegelt\u2026 Es ist \u2026 das bestimmte gesellschaftliche Verh\u00e4ltnis der Menschen selbst, welches hier die phantasmagorische Form eines Verh\u00e4ltnisses von Dingen annimmt&#8230; Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden\u2026\u201c (Ebd., 86f.) Ohne die Gegenst\u00e4ndlichkeit des Wertes als Reflex der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit g\u00e4be es keinen Warenfetischismus. <\/p>\n<p><strong>Marx\u2019 Darstellung von Werten<\/strong> <\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte auf die Idee kommen, dass Marx als Theoretiker, der den Fetischismus durchschaut hat, nun konsequent den Weg der Arbeitszeitrechnung geht. Doch wie stellt er die Warenwerte in seinem \u00f6konomischen Hauptwerk dar? In der Wertformanalyse, je nach dem Entwicklungsgrad der Warenproduktion und des Warenaustausches, als Gebrauchswert in der Position des Wertspiegels, also als Warenmenge, die einen Wert hat; auf der h\u00f6chsten Stufe der Entwicklung der Wertformen kann der Wert auch durch Papiergeld mit (oder ohne) Zwangskurs dargestellt werden, wobei die direkte Messung des Wertes durch ein Edelmetall im Hintergrund bestehen bleibt (MEW 23, 141). In der f\u00fcr das Marxsche Werk zentralen Theorie des Mehrwertes, die in mehreren Kapiteln dargestellt wird, werden die Warenwerte unter Voraussetzung einer Identit\u00e4t von Wert- und Preisrelationen in Pfund Sterling angegeben und parallel dazu auch die entsprechenden Arbeitszeiten als Ma\u00df f\u00fcr die zugrunde liegende abstrakt menschliche Arbeit \u2013 was f\u00fcr ein Determinationsverh\u00e4ltnis, bei dem Wert und gesellschaftlich notwendige Arbeit sich proportional zueinander verhalten, die typische Form der Darstellung ist und sein sollte. Fakt ist: Eine reine Arbeitszeitrechnung, die die Eigenst\u00e4ndigkeit und Gegenst\u00e4ndlichkeit der Wertgr\u00f6\u00dfen einebnet und auf die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit reduziert, ist im reifen \u00f6konomischen Werk von Karl Marx nicht zu finden.<\/p>\n<p><strong>Die Ma\u00dfeinheit der Werte<\/strong><\/p>\n<p>Unter DDR-\u00d6konomen war die Auffassung, dass \u201edas immanente Ma\u00df der Werte \u2026 die Arbeitszeit\u201c ist, verbreitet, oft unter Berufung auf das Werk \u201eZur Kritik\u2026\u201c(7) Daran ist richtig, dass die Arbeitszeit der wesentlichste Faktor ist, der den Wert bestimmt (sofern man lediglich das Nettoprodukt betrachtet). Doch die Darstellung des Werts in Zeiteinheiten, die von M\u00fcller konsequent umgesetzt wird,(8)  h\u00e4lt einer kritischen Betrachtung, die Marx\u2019 Erkenntnisentwicklung einbezieht, nicht stand. Au\u00dferdem konfligiert sie mit dem modernen Verst\u00e4ndnis des Messprozesses. Die von Peter Ruben mit Blick auf die Dialektik der Wertform entwickelte Theorie des Messens wurde in der DDR \u00fcberschattet von politischer Diffamierung und konnte so kaum Anh\u00e4nger finden.(9) Doch Kernthesen der Messtheorie gelten in allen empirischen Disziplinen: Das, womit ein Merkmal durch direkten und wiederholten Vergleich gemessen wird, das Messmittel, muss mit dem zu messenden Gegenstand etwas gemein haben. Intelligenz kann nur anhand der Resultate intelligenter Verhaltensweisen gemessen werden, L\u00e4ngen nur anhand von ausgedehnten Objekten, \u00f6konomische Werte nur vermittelt \u00fcber Objekte, die selbst einen Wert haben. Damit ist klar: Die Arbeit (und damit auch die Arbeitszeit) kann prinzipiell kein Messmittel f\u00fcr die Warenwerte sein, denn sie hat keinen Wert (MEW 23, 561). M.a.W.: Die Arbeitszeit konstituiert keine Wertform.<\/p>\n<p>Wie wenig diese Erkenntnis von den f\u00fchrenden \u00d6konomen der DDR verinnerlicht worden ist, zeigt die folgende Aussage aus einem sicherlich intensiv diskutierten Text: \u201eDas Einheitsma\u00df f\u00fcr die Bestimmung der Wertgr\u00f6\u00dfe ist die <em>einfache Durchschnittsarbeit<\/em>, die jeder Mensch bei gegebenem Entwicklungsniveau der Produktion ohne besondere Qualifikation verrichten kann.\u201c(10) Richtiger h\u00e4tten die Autoren formulieren m\u00fcssen, dass der <em>Wert einer Arbeitskraft<\/em>, die einfache Arbeit verrichtet, als Einheit definiert werden kann, mit deren Hilfe der Wert anderer Waren als Vielfache oder Bruchteile dargestellt werden kann. Damit lie\u00dfen sich dann die von den gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeiten definierten relativen Positionen der Warenwerte auch mit Hilfe absoluter Zahlen darstellen.<\/p>\n<p>Nicht alle DDR-\u00d6konomen sind jener \u201eoffiziellen\u201c Interpretation gefolgt. Hier ein Beispiel: Hans Klemm unterscheidet in seiner letzten gr\u00f6\u00dferen \u00f6konomischen Schrift die Darstellung der Struktur des Reproduktionsprozesses \u201ezu Werten\u201c von der \u201ezu Produktionspreisen\u201c (S.36, 43, 69 usw.).(11)  Wenn er das konstante Kapital \u201ezu Werten\u201c mit c = 400 notiert, unterstellt er, dass es eine Werteinheit gibt, die mit 400 multipliziert werden muss, um den Wert des konstanten Kapitals korrekt darzustellen. Klemm macht sich allerdings nicht die M\u00fche, das Problem der Definition einer Werteinheit zu thematisieren.<\/p>\n<p>Die Reduktion der Warenwerte auf die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist eine Methode, Werttheorie zu betreiben, ohne die selbst\u00e4ndige Existenz und Gegenst\u00e4ndlichkeit der Werte als Eigenschaft von Produkten anerkennen zu m\u00fcssen. Bei der Anwendung der Werttheorie auf die Warenproduktion in der DDR gab es ein starkes Motiv, es so zu sehen: der Warenfetischismus schien per definitionem verschwunden zu sein. Mangelnde Logik und Konsequenz haben diese Sch\u00f6nf\u00e4rberei unterst\u00fctzt. Nach dem Ende des real existierenden Sozialismus gibt es keinen Grund, dieses Denken fortzusetzen. <\/p>\n<p><strong>Verweise<\/strong><\/p>\n<p>(1) Dass der Wertbegriff von Marx 1867 explizit eingef\u00fchrt wird, best\u00e4tigt auch die neuere Marxforschung. Wert und Tauschwert werden in den folgenden Auflagen des \u201eKapital\u201c immer konsequenter unterschieden, w\u00e4hrend in der ersten Auflage noch eine gewisse Unentschiedenheit besteht, wenn Marx beispielsweise anmerkt: \u201eWenn wir k\u00fcnftig das Wort \u201aWerth\u2018 ohne weitere Bestimmung brauchen, so handelt es sich immer vom Tauschwert.\u201c (MEGA II 5, S.19, Fn. 9.) Vgl. dazu auch Barbara Lietz, Winfried Schwarz: Wert, Austausch und Neue Marx Lekt\u00fcre, in: Z. Nr. 125 (2021\/1), S. 116, 119 Fn.14.<br \/>\nEine Abgrenzung von der Neuen Marx Lekt\u00fcre hat der Autor dieser Zeilen in den ersten Kapiteln seines Buches \u201eDie \u00f6konomische Theorie von Karl Marx\u201c, Marburg 2016, vorgenommen.<br \/>\n(2) Marx\u2019 h\u00f6chster publizierter Erkenntnisstand \u00fcber den hier behandelten Gegenstand liegt in der zweiten deutschen Auflage vor, die bis auf unwesentliche Kleinigkeiten mit der vierten Auflage \u00fcbereinstimmt. Diesen Standpunkt vertritt auch Stephan Kr\u00fcger: Wert, Wertgr\u00f6\u00dfe und Wertgesetz, in: Z. Nr. 127 (2021\/3), S. 122. Jedoch folgt daraus, dass fr\u00fchere Versionen, die im Band 2 und 3 vorliegen, nur sehr bedingt herangezogen werden k\u00f6nnen, um das Verh\u00e4ltnis von gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit, Wert und Marktwert zu kl\u00e4ren. Vgl. Kr\u00fcger, a.a.O. S.126 ff.<br \/>\n(3) Lietz, Schwarz a.a.O., S. 122 f.<br \/>\n(4) Klaus M\u00fcller, Georg Quaas, Kontroversen \u00fcber den Arbeitswert. Eine polit-\u00f6konomische Debatte, Potsdam 2020, 172. \u2013 Nach Helmut Dunkhase (Zu Klaus M\u00fcller, Historizit\u00e4t und Messbarkeit abstrakter Arbeit, Z. 108, 196) folgt aus M\u00fcllers Definition der abstrakten Arbeit, \u201edass eines von beiden, abstrakte Arbeit oder Wert, \u00fcberfl\u00fcssig w\u00e4re.\u201c Die von M\u00fcller behauptete Identit\u00e4t von Wertgr\u00f6\u00dfe und Arbeitszeit hat die falsche Annahme einer Identit\u00e4t von Wert und abstrakt menschlicher Arbeit zur Grundlage.<br \/>\n(5) In den Fr\u00fchschriften versteht Marx dagegen unter \u201eArbeit\u201c stets \u201eentfremdete Arbeit\u201c. Vgl. Walter Tuchscheerer, Bevor \u201eDas Kapital\u201c entstand. K\u00f6ln 1968, S.198, Fn. 100.<br \/>\n(6) Wenn Lietz und Schwarz (a.a.O., S.112) wohl eher beil\u00e4ufig bemerken: \u201eWert ist doch Arbeit\u201c, so kann man ihnen in diesem Punkt nicht zustimmen.<br \/>\n(7) Beispielsweise Johannes Rudolph, Die Berechnung der Wertgr\u00f6\u00dfe der Produkte und der Abweichung der Effektivpreise von der Wertgr\u00f6\u00dfe, Wirtschaftswissenschaft, 1961 Heft 11, 1674-1691.<br \/>\n(8) Klaus M\u00fcller, Geld von den Anf\u00e4ngen bis heute, Freiburg 2015, 55, 61, 64 ff.<br \/>\n(9) Peter Ruben, Philosophie und Mathematik, Leipzig 1979, 94 ff.<br \/>\n(10) Autorenkollektiv, Politische \u00d6konomie des Kapitalismus und des Sozialismus, 13. Auflage, Berlin 1987, 67.<br \/>\n(11) Hans Klemm, Reproduktionsmodelle im Vergleich. Frankfurt a.M. 1997, 36, 43, 69 usw.<\/p>\n<p><strong>Anmerkung<\/strong><br \/>\nDieser Artikel ist zuerst erschienen in: Z. Zeitschrift f\u00fcr marxistische Erneuerung, Nr. 128, Dezember 2021, S. 75-81.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass die in einem Arbeitsprozess aufgewandte Arbeitszeit den Wert<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,28],"tags":[35,34],"class_list":["post-671","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-okonomik","category-werttheorie","tag-gesellschaftlich-notwendige-arbeitszeit","tag-wert"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/671","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=671"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/671\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":677,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/671\/revisions\/677"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=671"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=671"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=671"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}