{"id":661,"date":"2022-08-04T16:45:16","date_gmt":"2022-08-04T14:45:16","guid":{"rendered":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=661"},"modified":"2022-08-04T17:44:44","modified_gmt":"2022-08-04T15:44:44","slug":"eine-hommage-an-david-ricardo-1772-1823","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=661","title":{"rendered":"Eine Hommage an David Ricardo (1772\u20131823)"},"content":{"rendered":"<p>Im April dieses Jahres j\u00e4hrte sich der Geburtstag des englischen National\u00f6konomen David Ricardo zum 250. Mal. Wenn man \u00e4hnliche Jubil\u00e4en als Referenzpunkt heranzieht, so wurde der Jahrestag dieses bedeutenden Klassikers in akademischen Kreisen wenig pomp\u00f6s gefeiert. Das mag mehrere Gr\u00fcnde haben, <!--more-->von denen die im Fr\u00fchjahr 2022 infolge der Corona-Pandemie noch au\u00dferordentlich komplizierte Situation f\u00fcr die Organisation wissenschaftlicher Konferenzen mit Sicherheit eine gro\u00dfe Rolle spielt. Zumindest in der Bundesrepublik Deutschland ist keine derartige Veranstaltung gr\u00f6\u00dferen Umfangs beworben worden. <\/p>\n<p>Es mag auch zutreffen, dass einige Vertreter der modernen Economics jenseits theoriehistorischer Bez\u00fcge entweder gar nichts mit Ricardo als einem Hauptrepr\u00e4sentanten der Political Economy des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts anzufangen wissen oder dass andere, im gewissen Gegensatz dazu, seine Theorien oder Teile davon bewusst f\u00fcr nicht erinnerungsw\u00fcrdig halten. W\u00e4hrend man es im ersten Fall schlicht mit Ignoranz zu tun h\u00e4tte, liegen die Dinge im zweiten Fall komplizierter. Wenn man wohlmeinend davon ausgeht, dass nicht tiefe Unkenntnis des Werks von Ricardo die Ursache derartiger Einsch\u00e4tzung ist, erscheinen Argumente wie wissenschaftliche \u00dcberholtheit, empirische Irrelevanz oder zweifelhafte Methodik als Motive f\u00fcr eine ablehnende Haltung nicht so trivial, dass man sie einfach beiseiteschieben k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Als zus\u00e4tzlich st\u00f6rend f\u00fcr eine angemessene theoriehistorische Einordnung und Beurteilung ist es zu bedauern, wenn Denker vergangener Epochen ausschlie\u00dflich am aktuellen Stand ihres Fachs gemessen werden. Derartig anachronistische Attit\u00fcden f\u00fchren in der Regel zu verzerrten Wertungen und werden ihrem Gegenstand nicht gerecht. Was ein unvoreingenommen nach wissenschaftlicher Erkenntnis strebender Denker wie Ricardo innerhalb seiner Schaffensperiode nicht zu leisten vermochte, interessiert lediglich unter dem Gesichtspunkt, wie er dennoch die wissenschaftliche Nachwelt zur Aufnahme seiner Ideen und ungel\u00f6sten Probleme anzuregen imstande war.<\/p>\n<p>Unter dieser Pr\u00e4misse gibt es bis heute keinerlei Mangel an Anreizen f\u00fcr eine Aufarbeitung des Werkes von Ricardo, hat er doch Kernthesen der \u00d6konomik entweder selbst aufgestellt oder zu bereits vorhandenen Auffassungen dezidierte Stellung bezogen. Deutlich erkennbare Spuren seiner Argumente sind daher in der modernen Theorie fest verankert, unabh\u00e4ngig davon, ob man geneigt ist, sie mit seinem Namen zu verbinden, dies aus welchen Gr\u00fcnden auch immer vermeidet oder im Gegenzug dabei sogar \u00fcbertreibt. Dar\u00fcber hinaus ist Ricardos klassisches Werk zum Bezugspunkt f\u00fcr verschiedene Schulen und Str\u00f6mungen der \u00d6konomik geworden, die selbst bereits wieder Gegenstand theoriehistorischer Analyse sind. Angesichts dessen lohnt sich ein nicht nur oberfl\u00e4chlicher Blick auf die theoretische Hinterlassenschaft Ricardos allemal. <\/p>\n<p><strong>Zur Person<\/strong><br \/>\nDavid Ricardo wurde am 16. April 1772 in London als drittes von sp\u00e4ter 17 Kindern in eine aus Portugal stammende j\u00fcdische Familie hineingeboren. Seine Eltern kamen kurz vor seiner Geburt \u00fcber die Niederlande nach England und wurden hier eingeb\u00fcrgert. Der Vater, ein wohlhabender und angesehener B\u00f6rsenmakler, f\u00fchrte seinen Sohn bereits im Alter von 14 Jahren in das Gesch\u00e4ft ein, indem er ihn an die Londoner B\u00f6rse mitnahm. Als David Ricardo mit 21 Jahren die Qu\u00e4kerin Priscilla Anne Wilkinson heiratete und sich von der famili\u00e4r gepflegten religi\u00f6sen Weltanschauung l\u00f6ste, brach der Kontakt zur Familie ab und sein Vater enterbte ihn. <\/p>\n<p>Offenbar hatte der Sohn aber genug beim Vater und auf den entsprechenden Schulen in England und Holland gelernt, denn das eigene Maklergesch\u00e4ft, das seine Kr\u00e4fte und Ressourcen f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre band, machte David Ricardo zu einem der bekanntesten Stockbroker seiner Zeit. Zu seinem finanziellen Erfolg trug wesentlich bei, dass er, im Juni 2015, kurz vor der Schlacht von Waterloo, fast sein ganzes Verm\u00f6gen auf die bislang gr\u00f6\u00dfte Kriegsanleihe Englands gesetzt hat, weil er, durchaus risikobereit, an die Niederlage Napoleons glaubte \u2013 und damit Recht behielt. Die Kurse, die sich wegen des ungewissen Ausgangs der Schlacht im Sinkflug befunden hatten und nun wieder stiegen, machten ihn zu einem der reichsten M\u00e4nner Englands.<\/p>\n<p>Ricardo hat niemals eine Universit\u00e4t besucht, und Schumpeter bezeichnet ihn als im scholastischen Sinne nahezu ungebildet, aber dennoch als einen Gelehrten. Ricardo hat sich den Wissenschaften autodidaktisch zugewandt, zun\u00e4chst faszinierten ihn mathematische, chemische und mineralogische Studien. Sp\u00e4testens nach der Lekt\u00fcre von Adam Smith\u2018 Werk \u201eAn Inquiry into the Nature and the Causes oft he Wealth of Nations\u201c von 1776, das ihm im Jahr 1799 anl\u00e4sslich der Begleitung seiner Frau zu einem Kuraufenthalt in Bath in die H\u00e4nde fiel, war Ricardos national\u00f6konomisches Interesse geweckt, dem er neben seiner praktischen T\u00e4tigkeit fortan auch nachging. Ab 1814 hat sich Ricardo auf seinen englischen Landsitz Gatcomb(e) Park in Gloucestershire, der heute der private Landsitz von Prinzessin Anne, der Tochter der englischen K\u00f6nigin Elisabeth II. ist,  zur\u00fcckgezogen, um sich der Politischen \u00d6konomie in h\u00f6herem Ma\u00dfe widmen zu k\u00f6nnen. Bis dahin war er mit einigen kleineren Streitschriften hervorgetreten, in denen er sein wirtschafts- und w\u00e4hrungspolitisches Credo aber bereits sehr deutlich herausstellte, gro\u00dfe Aufmerksamkeit erregte und eine W\u00e4hrungsdiskussion ausl\u00f6ste, die auch im Parlament Kreise zog. Ricardos Hauptwerk \u201cOn the Principles of Political Economy and Taxation\u201c erschien 1817, wurde interessiert aufgenommen und erreichte noch zu seinen Lebzeiten die dritte Auflage. Ausf\u00fchrliche Diskussionen mit anderen \u00d6konomen dieser Zeit sind in Ricardos Briefwechsel dokumentiert, so unter anderem mit James Mill, Robert Thomas Malthus, Jean Baptiste Say und John Ramsay McCulloch. <\/p>\n<p>1819 wurde Ricardo Mitglied des Unterhauses des britischen Parlaments. Dort trat er vor allem zu finanz- und w\u00e4hrungspolitischen Fragen auf, diskutierte aber auch engagiert zu anderen Themen. Immer war die Gew\u00e4hrung b\u00fcrgerlicher Freiheiten sein Credo. So trat er beispielsweise f\u00fcr geheime Wahlen, die Gleichbehandlung der Religionen und eine Strafrechtsreform ein. Die Politik der Bank von England beurteilte er unter dem Aspekt der Bereicherung ihrer Bankdirektoren argw\u00f6hnisch, 1823 legt er einen Plan zu ihrer Entmachtung und zur Gr\u00fcndung einer Nationalbank vor. Es war ihm nicht verg\u00f6nnt, f\u00fcr diesen Plan nachdr\u00fccklich zu werben. Ricardo starb am 11. September 1823 im Alter von nur 51 Jahren an den Folgen einer Mittelohrentz\u00fcndung. Hinterlassen hat er ein \u0152uvre mit vielen Facetten.<\/p>\n<p><strong>Ricardos geldtheoretischer Standpunkt<\/strong><br \/>\nDie Besch\u00e4ftigung mit monet\u00e4ren Problemen steht am Beginn des aufkeimenden theoretischen Interesses Ricardos und ist ein Reflex auf reale Gegebenheiten. W\u00e4hrend der seit 1793 gef\u00fchrten Napoleonischen Kriege hatte die Bank von England im Mai 1797 die Goldeinl\u00f6sepflicht der auf englische Pfund Sterling lautenden Banknoten aufgehoben, nachdem durch einen Banken-Run die Finanzsituation instabil geworden war. Obwohl sie kein gesetzliches Zahlungsmittel darstellten, blieben die Banknoten zun\u00e4chst allgemein akzeptiert und die geld- und finanzpolitische Lage beruhigte sich etwas. Ab 1808 kam es jedoch zu einer erneuten Eskalation. Neben der Inkonvertibilit\u00e4t in Gold bei gleichzeitiger Erh\u00f6hung der Notenausgabe hatten eine hohe Kreditvergabe an Private, ein wachsendes Handelsbilanzdefizit und ein gro\u00dfer Goldabfluss zur Finanzierung des Krieges rasch zu einem Wertverlust der Banknoten gegen\u00fcber Gold gef\u00fchrt. Das Disagio der Pfundnoten betrug bis zu 30 Prozent, das Preisniveau erh\u00f6hte sich, und das bedeutete nichts anderes als eine nicht mehr klein zu redende Inflation. <\/p>\n<p>Ricardo hat die Entwertung des Papiergelds auf die Erh\u00f6hung seiner Menge zur\u00fcckgef\u00fchrt und nahm damit einen quantit\u00e4tstheoretischen Standpunkt ein. Anfang der 20er Jahre wurde dieser von der Currency-Schule adoptiert, der Ricardo als Bullionist gemeinsam mit Robert Torrens gegen die Banking-Schule von Thomas Tooke und John Fullarton zuneigte. W\u00e4hrend letztere davon ausgeht, dass sich im Idealfall die Geldmenge an das Preisniveau anzupassen hat, empfahl die Currency-Theorie eine Begrenzung der Geldmenge durch die Bindung an Gold zur Vermeidung von Inflation. Der hohe Goldpreis und die damit verbundene Steigerung der Warenpreise sei durch eine zu starke Notenausgabe verursacht worden. Die Forderung nach einer R\u00fcckkehr zum Goldstandard ist die logische Konsequenz dieser Denkweise. Ricardo, der zun\u00e4chst in Form von Zeitungsartikeln den Tauschwert des Pfund Sterling thematisierte, argumentierte anonym mit der kleineren Schrift \u201eThe Price of Gold\u201c (1809) und kurze Zeit sp\u00e4ter mit \u201eThe High Price of Bullion. A Proof on the Depreciation of Bank Notes\u201d (1810) gegen die Real Bills-Doktrin von Henry Thornton. Damit hat Ricardo einen nachweislichen Einfluss auf den Bullion-Report des Parlaments von 1810 und das Gesetz von 1812 ausge\u00fcbt, mit dem die Annahme der Banknoten der Bank von England verpflichtend gemacht und die R\u00fcckkehr zur Goldeinl\u00f6sung nach dem Ende des Kriegs beschlossen wurde. Ricardo galt als einer der hartn\u00e4ckigsten Verfechter des Goldstandards in der sogenannten Bullion-Kontroverse, der leidenschaftlich seinen Standpunkt vertrat. Sein 1816 vorgeschlagener Plan f\u00fcr eine sichere W\u00e4hrung sah vor, Banknoten nur in Goldbarren und nicht in Goldm\u00fcnzen umzutauschen und Papiergeld weiter als Hauptzahlungsmittel zirkulieren zu lassen, um einen sparsamen Umgang mit dem Edelmetall zu gew\u00e4hrleisten. Dieser Barrenplan wurde 1819 f\u00fcr ein paar Monate umgesetzt, bevor die Bank of England im Jahr 1821 zum Goldstandard unter Einhaltung der Parit\u00e4t von vor 1797 und wieder h\u00f6herem Goldm\u00fcnzenumlauf zur\u00fcckkehrte und den Siegeszug der Currency-Schule \u00fcber die Banking-Schule einleitete. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend der langen Debatten hatte Ricardo sich immer st\u00e4rker zum Theoretiker entwickelt. Seine Bekanntschaft mit James Mill, der ihn zur Publikation seiner Ideen ermutigte und mit Thomas Robert Malthus, dessen Ansichten er partiell teilte, aber von denen in einem ganz zentralen Punkt f\u00fcr den theoretischen Standort abwich, n\u00e4mlich der Haltung zum Say\u2019schen Theorem, waren f\u00fcr seine Reife zum klassischen Theoretiker mit Sicherheit fruchtbringend. Der inzwischen ver\u00f6ffentlichte Briefwechsel Ricardos dokumentiert auch die mit Mill und Malthus diskutierten Themen. <\/p>\n<p><strong>Ricardo als Verteilungstheoretiker<\/strong><br \/>\nObwohl Ricardo in den Worten von Karl Marx der \u00d6konom der Produktion par excellence ist, habe er nicht die Produktion, sondern die Distribution als das eigentliche Thema der \u00d6konomie gesehen. Das ist kein Widerspruch. Die Formen, in denen die Verteilung des gesellschaftlichen Nettoprodukts auf die Grundklassen der Gesellschaft vorgenommen wird, sind ein Spiegel f\u00fcr deren funktionaler Verankerung im Prozess der Produktion des gesellschaftlichen Reichtums. Bereits in seinem \u201eEssay on the Influence oft the Price of Corn on the Profits of Stock\u201d (1815) scheint diese Erkenntnis bei Ricardo auf, die er als Resultat einer theoretischen Auseinandersetzung mit Malthus \u00fcber Wert- und Verteilungsfragen gewann.<\/p>\n<p>Hintergrund des Disputs waren die 1815 eingef\u00fchrten Korngesetze. Ricardo vertritt hier gegen Malthus die These, dass nicht das Angebot an und die Nachfrage nach Kapital die Profitrate in den produktiven Sektoren bestimmt, von der wiederum die Profitrate in der Landwirtschaft determiniert sei, sondern umgekehrt lege die Profitrate in der Landwirtschaft die Profitraten der anderen Sektoren fest, und zwar auf der Grundlage des inversen Verh\u00e4ltnisses zwischen Renten und Profiten und der Tendenz zum Ausgleich der Profitraten. <\/p>\n<p>In seinem zwei Jahre sp\u00e4ter erscheinenden Hauptwerk vertieft Ricardo die Analyse zu Verteilungsfragen im Kontext der Ausarbeitung seiner Werttheorie. An den Anfang seiner \u201ePrinciples\u201c hat Ricardo die These gestellt, dass das Auffinden jener Gesetze, welche die Verteilung des Produktionsergebnisses im Zusammenspiel von Arbeit, Maschinerie und Kapital bestimmen, das Hauptproblem der politischen \u00d6konomie darstellt. Er geht von jener Klassenstruktur der Gesellschaft aus, wie sie unter anderen von William Petty und Adam Smith bereits in die Analyse eingef\u00fchrt worden war, n\u00e4mlich die soziale Gliederung in die Klassen der Lohnarbeiter, Kapitalisten und Grundeigent\u00fcmer. <\/p>\n<p>Wie jene Autoren hat auch Ricardo die Wirtschaft zun\u00e4chst am Beispiel der Landwirtschaft analysiert. Grund und Boden stellen in einer agrarkapitalistischen Gesellschaft das dominante Kapital dar, so dass sich das Verteilungsproblem auf Grundeigent\u00fcmer, P\u00e4chter und l\u00e4ndliche Lohnarbeiter ausrichtet. Grundeigent\u00fcmer streichen als Besitzer des Bodens f\u00fcr dessen Verpachtung Grundrente ein. Die Klasse der P\u00e4chter stellt die eigentlichen unternehmerischen Kapitalisten dar, die auf dem von den Grundeigent\u00fcmern gepachteten Boden Lohnarbeiter besch\u00e4ftigen. Sie erwarten sich von dieser Funktion ein Einkommen in Form von Profit, den Landarbeitern wird ein Lohn gezahlt. Jenseits dieser Feststellung geht es um die Frage nach den Mechanismen, durch die sich der Anteil der drei Klassen am erwirtschafteten Produkt regelt. Verteilung in diesem Sinne wird von Ricardo nicht als Machtkampf der Klassen aufgefasst, auch nicht wie bei John Stuart Mill als ein Mechanismus, in den die Gesellschaft korrigierend eingreifen k\u00f6nnen darf, sondern als ein quasi naturgesetzlich geregelter Prozess, den es zu durchschauen gilt, ohne auf metaphysische Begr\u00fcndungen zur\u00fcckgreifen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Als einschr\u00e4nkende Annahme der von Ricardo modellierten Wirtschaft wird die Existenz nur eines einzigen Gutes, n\u00e4mlich Getreide, herangezogen. Piero Sraffa, der Begr\u00fcnder der neoricardianischen Schule (s. u.) und Herausgeber der unter Mitarbeit von Maurice H. Dobb zwischen 1951 und 1973 erschienenen elfb\u00e4ndigen Werkausgabe Ricardos, hat dessen Verteilungstheorie daher als \u201eKornmodell\u201c (oder Getreidemodell) bezeichnet. Im Kornmodell werden die L\u00f6hne in Getreide gezahlt. Sie stellen Unterhalts- und Reproduktionsmittel dar und m\u00fcssen au\u00dfer dem zum Lebenserhalt n\u00f6tigen Konsummittel auch das Saatgut f\u00fcr die n\u00e4chste Periode enthalten. Alles Getreide, das \u00fcber dieses f\u00fcr die Reproduktion der Wirtschaft erforderliche notwendige Produkt hinaus geerntet wird, stellt einen \u00dcberschuss (Surplus) dar, der als Mehrprodukt zwischen P\u00e4chtern und Grundeigent\u00fcmern, also als Profit und Rente aufgeteilt wird. Profite und Renten stellen damit eine Gr\u00f6\u00dfe dar, die sich aus der Differenz zwischen Gesamtprodukt und notwendigem Produkt ergibt. <\/p>\n<p>Dabei geht Ricardo von der in der klassischen politischen \u00d6konomie \u00fcblichen These des \u201eMinimum de Salaire\u201c aus, also einem Lohn, der es den Lohnarbeitern und ihren Familien gerade noch erspart, verhungern zu m\u00fcssen und der somit einen Subsistenzlohn darstellt. In Anerkennung des Malthusianischen Bev\u00f6lkerungsgesetzes ist ein folgenloses Herabdr\u00fccken des Reallohniveaus unter diese Marge nicht m\u00f6glich, sondern die Reall\u00f6hne schwanken um das Existenzminimum. Sie k\u00f6nnen somit als relativ starr und langfristig konstant angenommen werden. Diese Ansicht ist sp\u00e4ter von Ferdinand Lassalle als \u201eehernes Lohngesetz\u201c \u00fcbernommen worden.<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Schritt wird von Ricardo untersucht, wie sich der Surplus zwischen Grundeigent\u00fcmern und P\u00e4chtern aufteilt. Was die Grundrente angeht, nutzt Ricardo zwei Hypothesen, erstens die Annahme einer schon bei Sir William Petty auftauchenden Differentialrente und zweitens das von dem Physiokraten Anne Robert Jacques Turgot formulierte Ertragsgesetz. Nach der in zwei Varianten formulierten Differentialrententheorie erhalten die Bodenbesitzer Renteneinkommen in Abh\u00e4ngigkeit von Fruchtbarkeit und\/oder Lage der von ihnen verpachteten B\u00f6den. Der jeweils beste Boden hinsichtlich der Ertragsf\u00e4higkeit respektive Lage zum Markt erzielt die h\u00f6chste Rente, w\u00e4hrend der jeweils schlechteste Boden leer ausgeht. Die damit verbundene Ignoranz gegen\u00fcber einer absoluten Rente ist von Karl Marx scharf kritisiert worden, spielt aber f\u00fcr die von Ricardo in diesem Kontext benutzte Argumentation keine gr\u00f6\u00dfere Rolle. Dagegen liefert das Ertragsgesetz, das von abnehmenden Grenzertr\u00e4gen ausgeht, eine Begr\u00fcndung daf\u00fcr, dass bei steigender Nachfrage nach Korn weitere B\u00f6den bebaut werden m\u00fcssen, die bisher keine Ber\u00fccksichtigung gefunden haben, weil ihre Qualit\u00e4t zu schlecht war, um eine Rente abzuwerfen. Mit zunehmender Bewirtschaftung immer schlechterer B\u00f6den steigt das Rentenaufkommen dagegen insgesamt, weil immer mehr Grundbesitzer in den Genuss von Differentialrente gelangen. <\/p>\n<p>Abstrakt logisch muss die Konstanz der Reall\u00f6hne (bei m\u00f6glicherweise steigenden Nominall\u00f6hnen) sowie die Erh\u00f6hung des Rentenaufkommens zwangsl\u00e4ufig die Folge eines in Relation zu den Grundrenten abnehmenden Anteils der Profite am Surplus haben. Die Profite erscheinen daher noch st\u00e4rker als die Renten als Residualeinkommen und so wird Ricardo gew\u00f6hnlich die Formulierung in den Mund gelegt, dass die Profite zwischen L\u00f6hnen und Grundrenten \u201ezerrieben\u201c werden, die Profitraten somit eine Tendenz zum Sinken haben. Das ist eine Schlussfolgerung, die Ricardo nicht nur auf das Kornmodell beschr\u00e4nkt. Die H\u00f6he der Profitrate in der landwirtschaftlichen Produktion und die Profitraten in Industrie und Handel sind nach Ricardo weitgehend ausgeglichen, weil es sonst zu Wanderungsbewegungen in der Kapitalanlage k\u00e4me. Die Idee einer allgemeinen oder Durchschnittsprofitrate hat hier ihren Ursprung. Wegen deren von Ricardo postulierten Neigung zum Sinken wurde er oft als Vorl\u00e4ufer des Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate bezeichnet, das sp\u00e4ter Marx ausformuliert hat. In Wirklichkeit hat Ricardo bez\u00fcglich der Einkommensh\u00f6hen aber nicht nur dieses, sondern viele Szenarien entworfen. Je mehr er sich vom reinen Kornmodell entfernte und eine industriekapitalistische Wirtschaft ins Auge fasste, desto deutlicher hob er, wie z. B. im Kapitel VI (\u00dcber die Profite) der \u201ePrinciples\u201c hervor, wie stark die Entwicklung sowohl der industriellen als auch der agrikolen Profite insbesondere von der Entwicklung der L\u00f6hne und damit der Getreidepreise sowie der Preise der Rohprodukte abh\u00e4ngt, und er hat deutlich ausgesprochen, dass die Rente immer den Konsumenten und niemals den P\u00e4chter belastet. Der \u201cnat\u00fcrlichen Tendenz\u201c des Profits zu fallen, die er durchaus als Gefahr f\u00fcr die Akkumulation sah, hat er, wie \u00fcbrigens auch Marx, den technischen Fortschritt als entgegenwirkendem Faktor entgegenzusetzen gewusst. Die Akkumulationswirkungen sah er dabei f\u00fcr unterschiedliche Szenarien als sehr verschieden an, aber es stand f\u00fcr ihn fest, dass ein gro\u00dfes Land, in dem der Boden schlecht ist und die Lebensmitteleinfuhr unterbunden wird, von sinkenden Profitraten und steigenden Renten betroffen sein wird, selbst wenn seine Kapitalzufuhr und damit die besch\u00e4ftigte Arbeit gering ist. Ein kleines, aber fruchtbares Land k\u00f6nnte dagegen bei unbegrenzten Lebensmittelimporten eine gr\u00f6\u00dfere Kapitalakkumulation ohne gr\u00f6\u00dferen R\u00fcckgang der Profitrate und ohne gr\u00f6\u00dferes Ansteigen der Grundrente vornehmen.<br \/>\nDie Argumentation h\u00e4lt dem empirischen Befund seiner Zeit durchaus stand. Der realhistorische Hintergrund liegt in der Praxis der 1806 von Napoleon mit dem Berliner Dekret eingeleiteten Praxis der Kontinentalsperre, die bis zu ihrer Aufhebung 1813 weitgehend verhinderte, dass Getreide aus Kontinentaleuropa, vor allem aus dem Ostseeraum, von England importiert werden konnte. England war aber von Getreideimporten abh\u00e4ngig und konnte den Ausfall nur zum Teil kompensieren.  Durch die l\u00e4ngeren Transportwege stiegen in England nicht nur die Getreidepreise enorm an, sondern es wurde auch der Druck erh\u00f6ht, die landwirtschaftliche Produktion auszudehnen. W\u00e4hrend Hungersunruhen und steigende Preise die Folge waren, stieg der Anteil der Renten am zu verteilenden Surplus bei gleichzeitiger fortschreitender Industrialisierung. <\/p>\n<p><strong>Ricardos werttheoretischer Ansatz<\/strong><br \/>\nOb Ricardo ein Arbeitswerttheoretiker war oder doch eher nicht, wird in der Literatur nicht einheitlich beantwortet. Fest steht, dass er, wie andere Klassiker auch, nach letzten Bestimmungsgr\u00fcnden f\u00fcr die Preise suchte. Ricardo ma\u00df wie Adam Smith der f\u00fcr die Herstellung einer Ware verausgabten menschlichen Arbeit eine determinierende Funktion f\u00fcr die H\u00f6he ihres Tauschwerts zu. Er hielt diese Erkenntnis f\u00fcr einen Lehrsatz von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung und bedauerte, dass die diffusen Vorstellungen, die sich in der politischen \u00d6konomie um den Wertbegriff ranken w\u00fcrden, zur stetigen Quelle von Irrt\u00fcmern und Meinungsdifferenzen werden. Der \u201enat\u00fcrliche Preis\u201c als eine bereits bei William Petty verwendete Metapher f\u00fcr den durch Arbeit gebildeten Wert steht daher auch bei Ricardo f\u00fcr eine langfristige Gr\u00f6\u00dfe, an der, mit Abweichungen nach oben oder unten, sich der kurzfristige Marktpreis orientiert. <\/p>\n<p>Damit ist zum einen die Vorstellung einer objektiven Wertlehre verbunden, die eine gewisse Verbindlichkeit der Wertmessung erlaubt. Dinge, deren Tauschwert ausschlie\u00dflich nach der subjektiv wertenden Anerkennung der Akteure bemessen wird, wie etwa der Wert von Gem\u00e4lden oder seltenen Weinen, sind f\u00fcr Ricardo nicht repr\u00e4sentativ genug, um die Gesetze der Preisbildung zu finden. Zum anderen h\u00e4lt er die Vorstellung, dass Angebot und Nachfrage nicht nur den Marktpreis, sondern auch den \u201enat\u00fcrlichen Preis\u201c bilden, f\u00fcr eine blo\u00dfe Redensart, wie er gegen Malthus einwendet. <\/p>\n<p>Tauschwertver\u00e4nderungen genau zu messen, erscheint ihm gleichwohl schwierig, denn Tauschwerte sind relative Werte, die den Wert einer Ware in Bezug auf eine andere Ware verk\u00f6rpern. Wenn sich der Tauschwert einer Ware ver\u00e4ndert, k\u00f6nnte es daran liegen, dass sich tats\u00e4chlich der zu messende Warenwert ge\u00e4ndert hat, es k\u00f6nnte aber auch sein, dass sich der Ma\u00dfstab ver\u00e4ndert hat, mit dem gemessen wird, so dass man letztlich immer noch vor dem ungel\u00f6sten Problem steht, welchen Wert die interessierende Ware hat.  Von einem zuverl\u00e4ssigen Wertma\u00dfstab \u2013 so zuverl\u00e4ssig wie das in Paris lagernde Urmeter f\u00fcr die L\u00e4ngenmessung \u2013 erwartet Ricardo vor allem, dass er sich nicht mit der Verteilung des Wertprodukts auf Arbeits- und Nichtarbeitseinkommen (L\u00f6hne und Profite) \u00e4ndert. Die Suche Ricardos nach einem solchen unver\u00e4nderlichen Wertma\u00dfstab schlie\u00dft daher den Versuch ein, die Wert- von der Verteilungstheorie so zu separieren, dass absolute Wertmessungen nicht durch Verteilungsver\u00e4nderungen verhindert werden. <\/p>\n<p>Ricardo hat dazu verschiedene Wertma\u00dfst\u00e4be diskutiert, unter ihnen Gold, Warenk\u00f6rbe und auch Arbeit. In dem Manuskript \u201eAbsoluter Wert und Tauschwert\u201c, das er kurz vor seinem Tod verfasst hat und das erst viele Jahre sp\u00e4ter durch Piero Sraffa im Nachlass eines Nachfahren von James Mill entdeckt wurde und somit f\u00fcr Generationen von \u00d6konomen unbekannt blieb, kommen Ricardo Zweifel daran, dass Arbeit als geeigneter Wertma\u00dfstab taugen k\u00f6nnte, obwohl er ihn noch immer f\u00fcr geeigneter h\u00e4lt als die anderen von ihm und weiteren Klassikern vorgeschlagenen Wertma\u00dfst\u00e4be. Aber resigniert stellt er fest, dass es in der Natur so etwas wie ein vollkommenes Wertma\u00df nicht gibt, auf das man zuverl\u00e4ssig zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Was ist die tiefere Ursache f\u00fcr Ricardos Zweifel an einem Wertma\u00dfstab, der die Ware nach der zu ihrer Produktion verausgabten Arbeit bemisst? Folgen wir dazu seiner Argumentation. Falls Arbeit ein den Anforderungen erf\u00fcllender Wertma\u00dfstab w\u00e4re, so m\u00fcssten zwei Waren, die gleich viel Arbeit enthalten, gleich viel wert sein, enthalten sie dagegen unterschiedliche Mengen an Arbeit, w\u00e4re auch ihr Wert verschieden. In der Realit\u00e4t meint Ricardo jedoch etwas anderes beobachten zu k\u00f6nnen, n\u00e4mlich, dass Tauschwerte und damit Preise jenseits der Ber\u00fccksichtigung von Angebot und Nachfrage berechnet werden nach der H\u00f6he des vom Produzenten vorgeschossenen Gesamtkapitals in Form von Sachkapital und Arbeit plus der darauf bezogenen Profitrate. Ricardo geht zus\u00e4tzlich davon aus, dass gleich gro\u00dfe Kapitale gleich gro\u00dfe Profite abwerfen, eine Position, hinter der sich die Idee einer allgemeinen oder Durchschnittsprofitrate verbirgt. Die Formel f\u00fcr die H\u00f6he des Tauschwerts resp. Preises w\u00e4re dann: P = c+v+r(c+v), wobei r die Durchschnittsprofitrate, c das konstante Kapital (Sachkapital) und v das variable Kapital (L\u00f6hne f\u00fcr die geleistete Arbeit) darstellen. Ricardo bemerkt richtig, dass das Verh\u00e4ltnis von c und v in unterschiedlichen Produktionszweigen, deren Gesamtkapital gleich gro\u00df ist, sehr unterschiedlich sein kann. Unter der Annahme einer Durchschnittsprofitrate w\u00fcrde sich diese sp\u00e4ter als organische Zusammensetzung des Kapitals bezeichnete Struktur aber gar nicht auswirken, denn alle Zweige w\u00fcrden gem\u00e4\u00df der Durchschnittsprofitrate denselben Profit erzielen, der sich auf ihr identisches Gesamtkapital bezieht, unabh\u00e4ngig davon, ob sie viel oder weniger Arbeit anwenden. Damit ist f\u00fcr Ricardo klar, dass Arbeit kein geeigneter Wertma\u00dfstab sein kann. <\/p>\n<p>Ricardos Zweifel ist, nachdem Karl Marx diese Fragestellung im Rahmen seiner Werttheorie sp\u00e4ter wieder aufgegriffen hatte, letztlich zum Ausl\u00f6ser des ber\u00fchmten Transformationsproblems geworden, in dem unter anderem die Frage zu beantworten war, wie das Wertgesetz und die Existenz einer allgemeinen Profitrate in Einklang zu bringen sind, um die Produktionspreise ermitteln zu k\u00f6nnen. Unabh\u00e4ngig davon, ob man das Transformationsproblem als gel\u00f6st und die Arbeitswerttheorie dadurch gerettet oder zumindest nicht falsifiziert ansieht oder das Transformationsproblem als Scheinproblem betrachtet, konnte Ricardo seinen Zweifel nicht beseitigen, obwohl er sich ernsthaft um eine L\u00f6sung bem\u00fcht hatte. Die Frage, ob man Ricardo mit guten Gr\u00fcnden als Arbeitswerttheoretiker bezeichnen darf, h\u00e4ngt also auch davon ab, welchen Stellenwert man diesen Bem\u00fchungen beimisst. <\/p>\n<p><strong>Das Theorem der komparativen Kostenvorteile<\/strong><br \/>\nDieser Kernsatz der Au\u00dfenwirtschaftstheorie gilt in der \u00d6konomik als nahezu organisch mit dem Namen von Ricardo verbunden, so dass vermutlich nicht nur Studierende sofort eine entsprechende Assoziation herstellen. In der modernen Interpretation des Theorems wird nicht immer eindeutig gesagt, dass Ricardo auf arbeitswerttheoretischer Grundlage argumentiert, sondern man spricht von einer Ein-Faktoren-Theorie. Dieser eine Faktor jedoch ist Arbeit, so dass die Darstellung durch Ricardo als ein Anwendungsbeispiel der surplustheoretischen Zusammenh\u00e4nge verstanden werden kann, die er in den Kapiteln 1 bis 6 der \u201ePrinciples\u201c entwickelt hat. Das 7. Kapitel (\u00dcber den ausw\u00e4rtigen Handel) enth\u00e4lt das Theorem der Sache nach, wobei der Terminus \u201ekomparativer Kostenvorteil\u201c von Ricardo darin zwar nicht benutzt wird, aber als entsprechender Sachverhalt implizit in der Darstellung enthalten ist. Es erfolgt in diesem Kapitel kein direkter Bezug auf Adam Smith, von dem man wei\u00df, dass er den ausw\u00e4rtigen Handel mit absoluten Kostenvorteilen erkl\u00e4rte. Auf jeden Fall greift Ricardo dieses Prinzip, das Spezialisierung und internationalem Handel bereits nahelegt, als impliziten Ansatzpunkt auf. Im Grunde aber geht es ihm um die interessantere, weil nichttriviale Frage, wie sich die Handelssituation gestaltet, wenn ein Handelspartner in der Arbeitsproduktivit\u00e4t aller f\u00fcr den Handel in Frage kommenden G\u00fcter dem anderen gegen\u00fcber \u00fcberlegen ist. Warum sollte es G\u00fcter einf\u00fchren, die es selber billiger produzieren kann? Und wie kommt das unproduktivere Land in die Situation, sich durch Spezialisierung f\u00fcr den Handel zu qualifizieren, wenn es doch in allen Produktionszweigen einen absoluten Kostennachteil hat? Die Beantwortung genau dieser Fragen, auch wenn sie durch Ricardo nur partiell und implizit erfolgt, macht exakt die Substanz des Theorems der komparativen Kostenvorteile aus: Unter bestimmten Bedingungen lohnt sich der Handel zwischen zwei L\u00e4ndern f\u00fcr beide auch dann, wenn ein Land dem anderen gegen\u00fcber f\u00fcr die in Frage kommenden Handelsg\u00fcter die bessere Kostenkonstellation besitzt. Wenn sich jedes Land auf die Spezialisierung und den Export der G\u00fcter konzentriert, f\u00fcr deren Herstellung es die vergleichsweise h\u00f6heren Kostenvorteile bzw. niedrigeren Kostennachteile hat, profitieren demnach beide.<\/p>\n<p>Das Theorem der komparativen Kostenvorteile mit Bezug auf Ricardo wird in modernen Darstellungen meist in tabellarischer Form pr\u00e4sentiert, in der Kopfzeile und -spalte der Tabelle tauchen zwei L\u00e4nder und zwei G\u00fcter auf, die Tabellenfelder sind mit vier \u201emagischen Zahlen\u201c (Paul A. Samuelson) ausgef\u00fcllt. Eine solche Darstellung gibt es bei Ricardo allerdings nicht. Stattdessen hat er durchaus modellhaft, aber verbal entwickelt, was letztlich inhaltlich an die Aussage des Theorems heranf\u00fchrt. Die beiden L\u00e4nder im Modell sind England und Portugal, die beiden G\u00fcter sind Tuch und Wein. W\u00e4hrend es in England w\u00e4hrend eines Jahres die Arbeit von 100 Arbeitskr\u00e4ften erfordert, um Tuch herzustellen und 120 Arbeitskr\u00e4fte n\u00f6tig sind, um Wein zu produzieren, ben\u00f6tigt Portugal nur 90 Arbeitskr\u00e4fte f\u00fcr die Tuchproduktion und 80 Arbeitskr\u00e4fte f\u00fcr die Weinherstellung. Ricardo unterstellt also, dass Portugal in beiden Produktionszweigen produktiver ist als England, womit zwangsl\u00e4ufig die Frage entsteht, ob Portugal sich \u00fcberhaupt auf ein Produkt spezialisieren sollte oder sich besser mit beiden Produkten selbst versorgt. Ricardos Zahlenbeispiel zeigt, dass es sich f\u00fcr Portugal durchaus lohnt, Wein im Austausch f\u00fcr Tuch zu exportieren, weil es, spezialisiert auf die Weinproduktion, von England mehr Tuch bekommt, als es selbst produzieren k\u00f6nnte, wenn es Teile seines Kapitals in der Tuchfabrikation eingesetzt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Mit diesem Hinweis Ricardos auf den Kapitaleinsatz deutet sich daher bereits an, dass das Modell nicht streng auf ein 1-Faktor-Modell in dem Sinne reduziert werden darf, dass Kapital \u00fcberhaupt nicht vork\u00e4me. Die Ber\u00fccksichtigung des Produktionsfaktors Kapital in diesem Zusammenhang wird noch deutlicher, wenn Ricardo die Situation des Handelspartners England analysiert. Die Teilnahme Englands am Au\u00dfenhandel erkl\u00e4rt er n\u00e4mlich keineswegs mit einem gegen\u00fcber der Weinproduktion vergleichsweise geringeren Kostennachteil Englands in der Tuchproduktion, was eine explizite Darstellung der gegenseitigen komparativen Kostenvorteile w\u00e4re, sondern damit, dass sich die Gewinnsituationen, die innerhalb eines Landes gelten, von denen unterscheiden, die zwischen den L\u00e4ndern entstehen. England gibt das Arbeitsprodukt von 100 Leuten gegen das von 80 Leuten, weil es Tuch gegen Wein exportiert. Im Inland, so Ricardo, w\u00e4re ein solches Austauschverh\u00e4ltnis niemals der Fall, weil das Kapital wandern w\u00fcrde, um sich die profitablere Anlage zu suchen. Kapitalwanderungen ins Ausland w\u00e4ren ungleich schwieriger.<\/p>\n<p>Lediglich in einer Fu\u00dfnote, die er aber nicht weiter kommentiert, deutet Ricardo fragend an, ob es sich nicht f\u00fcr beide Handelspartner (die in diesem Szenario zwei Individuen sind, die beide H\u00fcte und Schuhe herstellen) trotz des absoluten Kostenvorteils des sowohl in der Schuh- als auch der Hutproduktion Produktiveren f\u00fcr beide lohnen w\u00fcrde, sich zu spezialisieren, der \u00dcberlegene dort, wo der Vorteil am gr\u00f6\u00dften ist, der Unterlegene in dem anderen Produktionsbereich. Dass Ricardo diese Frage nicht auch f\u00fcr das England-Portugal-Beispiel aufwirft, und damit unbeantwortet l\u00e4sst, ob England als der unterlegene Handelspartner ebenfalls vom Handel profitiert, sollte nicht dazu verf\u00fchren zu behaupten, Ricardo habe den Vorteil ausschlie\u00dflich bei Portugal gesehen. Genau das ist aber passiert und hat zu einigen Verwirrungen beigetragen, die letztlich auch den weiter unten behandelten Priorit\u00e4tenstreit um das Theorem der komparativen Kostenvorteils betreffen.<\/p>\n<p>So haben einige darin einen Fehler Ricardos erkennen wollen, der angeblich erst zu Tage getreten sei, nachdem James Mill ihn wiederholt habe. Mill, der die Fu\u00dfnote von Ricardo ernster als dieser selbst genommen hat, illustriert das entsprechende Kapitel in seinen \u201eElements of Political Economy\u201c von 1821 mit einem \u00e4hnlichen Beispiel wie Ricardo, diesmal sind die L\u00e4nder Polen und England, die beiden G\u00fcter sind Korn und Tuch. Ungl\u00fccklicherweise w\u00e4hlt Mill die \u201emagischen Zahlen\u201c so, dass die Ausgangsverh\u00e4ltnisse daf\u00fcr sorgen, dass bei Spezialisierung am Ende tats\u00e4chlich nur ein Land vom Handel profitieren w\u00fcrde, und zwar dasjenige, das in der Produktivit\u00e4t beider G\u00fcter absolut unterlegen ist. Dazu die Zahlen: England ben\u00f6tigt f\u00fcr die Produktion von Tuch 150 und f\u00fcr die Produktion von Korn 200 Arbeitskr\u00e4fte. Polens Aufwendungen liegen bei 100 und 100. Das ist ein Beispiel daf\u00fcr, dass beim Austausch der durch die jeweilig erforderlichen Arbeitskr\u00e4fte produzierten und auf 1 normierten Mengeneinheiten der Tausch zwar f\u00fcr England, aber nicht f\u00fcr Polen gewinnbringend ist, weil es auch bei Spezialisierung auf Korn die gesamten 200 Arbeitskr\u00e4fte ben\u00f6tigen w\u00fcrde, um eine Mengeneinheit f\u00fcr das Inland und eine f\u00fcr das Ausland im Austausch gegen eine Mengeneinheit Tuch produzieren zu k\u00f6nnen. Da Mill andererseits aber \u00fcberzeugt war, dass beide L\u00e4nder von den komparativen Vorteilen profitieren werden, die f\u00fcr England bei Tuch und f\u00fcr Polen bei Korn liegen, l\u00e4sst er sich zu der falschen Aussage hinrei\u00dfen, dass der gesamte Vorteil (gemessen in Arbeitskr\u00e4ften) sowohl dem einen als auch dem anderen Handelspartner zukommt.<\/p>\n<p>Interessanterweise sollen auch John Stuart Mill und David Ricardo das Manuskript der \u201eElements\u201c vor dem Druck gelesen haben, aber keiner hat den Denkfehler bemerkt. Erst in der dritten Auflage von 1826 erfolgte die Korrektur dahingehend, das bei Vorliegen komparativer Kostenvorteile  der Gewinn sich normalerweise auf beide Handelspartner verteilt. F\u00fcr das obenstehende Beispiel ist das wie gezeigt nicht der Fall, was zeigt, dass es auch Grenzen gibt, au\u00dferhalb derer das Theorem der komparativen Kostenvorteile nicht zutrifft. Hinzu kommt verwirrenderweise, dass John Stuart Mill, der zwar Ricardo die Verursachung der Unzul\u00e4nglichkeit in die Schuhe schob, aber dennoch sowohl ihn als auch seinen Vater verteidigen wollte, indem er nicht von einem Fehler, sondern von einem blo\u00dfen Versehen sprach. Es war Piero Sraffa, der klarstellte, dass weder ein Fehler noch ein Versehen vorlag. Sraffa, auf den eine der ersten tabellarischen Darstellungen des Ricardo-Beispiels zur\u00fcckgeht, zeigt an den Zahlen, dass nicht nur Portugal, sondern auch England von dem gegenseitigen Handel profitiert. Seine Argumentation ist kurz und schl\u00fcssig: England tauscht Tuch, das von 100 Engl\u00e4ndern produziert wurde, f\u00fcr Wein, produziert von 80 Portugiesen. Weil die Weinproduktion in England 120 Arbeitskr\u00e4fte erfordern w\u00fcrde, werden in England bei Spezialisierung auf Tuch 20 Arbeitskr\u00e4fte gespart. Portugal tauscht Wein, der von 80 Portugiesen erzeugt wurde f\u00fcr von 100 Engl\u00e4ndern hergestelltes Tuch. Da die Tuchproduktion die Portugiesen 90 Arbeitskr\u00e4fte gekostet h\u00e4tte, sparen sie bei Spezialisierung 10 Arbeitskr\u00e4fte, die zus\u00e4tzlich in der Weinproduktion eingesetzt werden k\u00f6nnen. Sraffa zeigt also, weshalb an Ricardo in logischer Hinsicht absolut gar nichts auszusetzen ist. Wendet man das Argumentationsschema Sraffas auf Mills Beispiel an, so zeigt sich, dass der gesamte Vorteil der Einsparung von 50 Arbeitskr\u00e4ften England zukommt, w\u00e4hrend Polen nichts von der Spezialisierung h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Eine andere, oben schon angedeutete Frage ist es, ob Ricardo trotz dieser \u00dcberlegenheit mit der numerischen Illustration tats\u00e4chlich der Urheber des Theorems ist. Edwin R. A. Seligman sieht in einem Aufsatz von 1903 einen anderen Stammvater, n\u00e4mlich seinen Zeitgenossen Robert Torrens. In dessen bereits 1815, also zwei Jahre vor Ricardos Werk erschienenem Buch \u201eAn Essay on External Corn Trade\u201c sei nicht nur das Prinzip selbst, sondern mehrere Anwendungen enthalten und Torrens habe am Beispiel eines freien Getreidehandels auch die vorteilhaften Konsequenzen der Ausnutzung komparativer Vorteile aufgezeigt. Torrens selbst schreibt 1829 im Vorwort zur vierten Auflage dieses fast 500 Seiten umfassenden Werkes, dass Ricardo dieses Prinzip \u00fcbernommen habe und dass es die Grundlage f\u00fcr jene Kapitel in dessen Hauptwerk bilde, die sich mit Au\u00dfenhandel besch\u00e4ftigen. Zu diesem Zeitpunkt konnte Torrens noch nicht wissen, dass in der Theoriegeschichte sp\u00e4ter nicht sein Name, sondern vorwiegend der von Ricardo mit dem Theorem der von John Stuart Mill als Terminus eingef\u00fchrten \u201ekomparativen Kostenvorteile\u201c verbunden werden wird. Torrens, der selbst explizit von komparativen Vorteilen und Nachteilen der Produktion gesprochen hat, meinte aber schon zu seinen Lebzeiten zu bemerken, dass er durch Ricardos Publikation in den Hintergrund gedr\u00e4ngt wurde und alle Welt glaube, dass Ricardo es sei, der die fehlerhafte Theorie von Smith berichtigt habe. Dies merkt er 1857 im Vorwort zur 2. Auflage eines weiteren Buches, das die Peel\u2019sche Bankakte zum Gegenstand hat, nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit an.<\/p>\n<p>Als Jakob H. Hollander eine Monographie \u00fcber Ricardo ver\u00f6ffentlicht, in der er Seligmans Behauptung \u00fcber Torrens\u2018 Urheberschaft gegen\u00fcber dem Theorem der komparativen Kostenvorteile massiv in Frage stellt, bekommt Seligman die Chance, umgehend zu reagieren und in der Zeitschrift \u201eThe Economic Journal\u201c seine Position noch einmal darzustellen, die von Hollander an gleicher Stelle aber wiederum sch\u00e4rfstens zur\u00fcckgewiesen wird. In der Folgezeit ist das Priorit\u00e4tenproblem wiederholt aufgegriffen worden. Jacob Viner, Lionel Robbins und John S. Chipman erkennen die entsprechenden Passagen in Torrens\u2018  Buch von 1815 als so klar an, dass der Autor als der erste auf diesem Gebiet gelten d\u00fcrfe. Andere, wie Piero Sraffa und Roy Ruffin, folgen Hollanders Pl\u00e4doyer f\u00fcr Ricardo.<\/p>\n<p>Die oben erw\u00e4hnte Fu\u00dfnote nimmt im Priorit\u00e4tenstreit noch immer eine Art Schl\u00fcsselfunktion ein. Roy Ruffin will aus ihr herauslesen, dass hier von Ricardo der harte Kern des Theorems dargestellt wurde, der besage, dass arme L\u00e4nder und reiche L\u00e4nder miteinander Handel betreiben k\u00f6nnen und beide Seiten davon profitieren. Nur \u2013 es ist in dem Teil dieser Fu\u00dfnote, der die Vorteilhaftigkeit anspricht, eben nicht von L\u00e4ndern, sondern von Individuen die Rede. Au\u00dferdem muss man wohl Ernst nehmen, dass es sich um eine Fu\u00dfnote handelt, deren Existenz einen eher komplement\u00e4ren als substanziellen Charakter f\u00fcr den Text darstellt, und die au\u00dferdem noch als Frage formuliert ist.<\/p>\n<p>Wem also geb\u00fchrt die Ehre eines Entdeckers der Idee der komparativen Kostenvorteile \u2013 David Ricardo, Robert Torrens, James und John Stuart Mill oder jedem von ihnen, wie John Aldrich in Anlehnung an George Stigler vorschl\u00e4gt? Bezieht man insbesondere die Weiterentwicklungen des Theorems ein, das Paul A. Samuelson als eines der wenigen wirklichen Gesetze der \u00d6konomik f\u00fcr w\u00fcrdig befunden hat, und das in seiner modernen Form die Spuren der Ricardo\u2019schen Arbeitswertlehre abgesch\u00fcttelt hat, ist es wahrscheinlich ratsam, darin einen Fall multipler Vaterschaft zu sehen, zu der Ricardo aber unbedingt geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Jenseits der Frage nach seiner Genese steht das Theorem der komparativen Kostenvorteile zweifellos auch deshalb von jeher im Zentrum des Interesses, weil es eine wirtschaftspolitische Botschaft impliziert, die da lautet: Freier Handel kann wohlstandsf\u00f6rdernd sein. W\u00e4hrend Skeptiker des Freihandelsprinzips nicht m\u00fcde werden, die Restriktionen und einschr\u00e4nkenden Bedingungen des Theorems der komparativen Kostenvorteile zu diskutieren und seine Relevanz wegen mangelnder empirischer Evidenz zu bezweifeln, sollte an diesem Punkt daran erinnert werden, dass Ricardo seine au\u00dfenhandelstheoretischen \u00dcberlegungen im Kontext der Verteilungsfrage anstellte. Worauf er in dem gesamten 7. Kapitel abzielt, das ist die Feststellung der Wirkungen einer h\u00f6heren oder niedrigeren Arbeitsproduktivit\u00e4t, die durch Ausnutzung entsprechender Handelsbeziehungen Auswirkung auf die Verteilung im eigenen Lande hat. Wenn lebensnotwendige G\u00fcter (produziert im Lohng\u00fctersektor) billiger eingef\u00fchrt werden k\u00f6nnen als man sie selbst produzieren kann, werden die Preise f\u00fcr Lebensmittel sinken und die Profite in Relation zu den Subsistenzl\u00f6hnen steigen. Ricardo hat klar ausgedr\u00fcckt, dass sich die Lohnrate (und damit die Profitrate) nicht ver\u00e4ndert, wenn die gehandelten Waren ausschlie\u00dflich Luxusg\u00fcter sind, die von den Reichen konsumiert werden. Insofern spiegeln sich in seiner Feststellung der Vorteilhaftigkeit freien Handels mehrere Grunds\u00e4ulen seiner Theorie, n\u00e4mlich sein surplustheoretischer Ansatz, das Aufzeigen von M\u00f6glichkeiten, wie der von ihm im Allgemeinen angenommene Fall der Profitrate aufgehalten werden kann und die f\u00fcr seine Zeit \u00fcbliche Annahme von Subsistenzl\u00f6hnen als \u201eMinimum de Salaire\u201c. Erg\u00e4nzt werden Ricardos au\u00dfenhandelstheoretische \u00dcberlegungen auch von seiner geldtheoretischen Position einer durch Gold gedeckten und an Gold gebundenen W\u00e4hrung, die daf\u00fcr sorgt, dass die im Au\u00dfenhandel durch Export- oder Import\u00fcbersch\u00fcsse entstehenden Wechselkursver\u00e4nderungen wieder ausgeglichen werden und tendenziell zu einer ausgeglichenen Handelsbilanz f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Weiterentwicklung des Theorems, zun\u00e4chst durch Heckscher und Ohlin, die den Produktionsfaktor Kapital einbezogen haben, \u00fcber die Betrachtung von mehr als zwei G\u00fctern, die Einbeziehung von Transportkosten und nicht-konstanten Skalenertr\u00e4gen usw., hat daf\u00fcr gesorgt, dass das Theorem der komparativen Kostenvorteile zu einem kaum wegzudenkenden Bestandteil der modernen Au\u00dfenwirtschaftslehre geworden ist, auch wenn einige meinen, dass es ein fataler Irrtum sei.<\/p>\n<p><strong>Freisetzungstheorie versus Kompensationstheorie<\/strong><br \/>\nRicardo ist \u00fcber seine gesamte Lebensdauer ein Zeitzeuge der Periode, die als industrielle Revolution bezeichnet wird. Das ber\u00fchmte Kapitel \u201e\u00dcber Maschinerie\u201c, und damit die Analyse der Wirkung von technischem Fortschritt auf die Besch\u00e4ftigung, wurde von Ricardo allerdings erst in der 3. Auflage seiner \u201ePrinciples\u201c von 1821 eingef\u00fcgt. In diesem \u201eMaschineriekapitel\u201c untersucht Ricardo die Wirkung des durch technischen Fortschritt m\u00f6glichen erh\u00f6hten Kapitaleinsatzes, und offensichtlich hat er dazu einen Positionswechsel vorgenommen, den er selbst wie folgt beschreibt.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst sei er der Meinung gewesen, dass arbeitssparender Einsatz von Maschinerie das Gemeinwohl in dem Sinne f\u00f6rdert, dass alle sozialen Klassen davon profitieren, weil die Preise der produzierten Konsum- und Investitionsg\u00fcter sinken. F\u00fcr die Klasse der Arbeiter nahm er dezidiert an, dass auch bei einer Substitution von Arbeit durch Kapital deren Reallohnniveau erstens nicht sinkt, weil durch den Einsatz von mehr Maschinen die Subsistenzg\u00fcter billiger werden und zweitens die Nachfrage nach Arbeit nicht geringer w\u00fcrde, weil die Bed\u00fcrfnisse nach Konsum- und Luxusg\u00fctern unersch\u00f6pflich seien, so dass sie in immer weiteren Produktionszweigen Besch\u00e4ftigung finden w\u00fcrden. <\/p>\n<p>Diese Auffassung \u00e4nderte Ricardo, weil er meint, einen Fehler gemacht zu haben. Der Fehler bestehe in der Annahme, dass immer dann, wenn sich das zu verteilende Nettoeinkommen einer Gesellschaft vergr\u00f6\u00dfere, aus dem Profite und Renten gezahlt werden, sich auch das Bruttoeinkommen erh\u00f6hen m\u00fcsse, das die Lohng\u00fcter umfasst. Im Maschineriekapitel demonstriert Ricardo an einem konstruierten Beispiel, dass Produktion und Verwendung von Maschinen bei gleichbleibendem Nettoeinkommen von einer Verringerung des Bruttoeinkommens begleitet sein k\u00f6nnen. Durch eine Ver\u00e4nderung der Produktionsstrukturen, indem z.B. mehr Investitionsg\u00fcter und weniger Lohng\u00fcter hergestellt werden, m\u00fcssen sich zwar die Profite nicht ver\u00e4ndern, aber es steht weniger zirkulierendes Kapital zur Zahlung von L\u00f6hnen (in Form von Lohng\u00fctern) zur Verf\u00fcgung. Da, so Ricardo, die F\u00e4higkeit einer Gesellschaft, ihre Bev\u00f6lkerung zu erhalten und Arbeit zu besch\u00e4ftigen stets vom Bruttoprodukt und nicht vom Nettoprodukt abh\u00e4ngt, wird eine Verringerung der Nachfrage nach Arbeit notwendigerweise eine Verringerung des Bruttoprodukts nach sich ziehen. Ein Teil der  Besch\u00e4ftigten verliert den Arbeitsplatz, was einem echten Freisetzungsprozess gleichkommt. Ein malthusianischer Bev\u00f6lkerungs\u00fcberschuss und Pauperisierung w\u00e4ren die zu bef\u00fcrchtenden Folgen.<\/p>\n<p>Eine wachsende Bev\u00f6lkerung, die sich in den Jahren zwischen Ricardos Geburt und seinem Tod fast verdoppelte, und erh\u00f6hter Kapitaleinsatz bei technischem Fortschritt unterst\u00fctzen die Freisetzungsthese ebenso wie der Protest, den die englischen Ludditen zwischen 1811 und 1817 in der Zerst\u00f6rung der mit technischem Knowhow ausgestatteten Maschinen vor allem der Textilindustrie ausdr\u00fcckten. Ricardo konzediert jedenfalls, dass die bei Arbeitern vorherrschende Meinung, dass die Verwendung von Maschinen ihnen nicht n\u00fctze, sondern schade, sich nicht auf Vorurteil und Irrtum st\u00fctze, sondern mit den Prinzipien der politischen \u00d6konomie vereinbar sei. Marx sah derartige Formen des Protests sp\u00e4ter als verfehlte Verwechslung der Maschinerie mit ihrer kapitalistischen Anwendung an, w\u00e4hrend Eric Hobsbawm die Maschinenst\u00fcrmerei als einen ganz bewussten Widerstand gegen die Maschinenbesitzer betrachtet, mit der die Verhandlungsmacht der Arbeiter gest\u00e4rkt worden sei.<\/p>\n<p>Ricardo jedenfalls l\u00f6ste mit seiner Analyse den Beginn der Diskussion zwischen den Anh\u00e4ngern der Freisetzungstheorie gegen die Vertreter der Kompensationstheorie aus. Sein Verdienst besteht dabei darin, die Wirkung technischen Fortschritts theoretisch er\u00f6rtert zu haben. Er selbst hat die Freisetzungsthese auch nicht als Absolutum vertreten, sondern als einen m\u00f6glichen Fall, eine Situation, die denkbar sei. Gegen die Freisetzungsthese f\u00fchrt er erstens die M\u00f6glichkeiten an, die bei Ersparnis von Nettoeinkommen und damit erh\u00f6hter Nettoinvestition entstehen, sowie zweitens die erh\u00f6hte Produktivit\u00e4t der Maschinen bei der Produktion von Lebensmitteln und notwendigen G\u00fctern, mit der Arbeitslosigkeit und Bev\u00f6lkerungs\u00fcberschuss verhindern werden k\u00f6nnten. W\u00e4hrend  Ricardo bis 1817 der Kompensationstheorie zuneigte, zieht er durch die Ver\u00f6ffentlichung des Maschineriekapitels auch die Freisetzungstheorie in Betracht.<\/p>\n<p>Nicht zu verwechseln mit der Freisetzungsthese, die Ricardo im Kapitel \u201e\u00dcber Maschinerie\u201c entwickelt hat, ist ein anderer von ihm erfasster Zusammenhang zwischen L\u00f6hnen, Preisen und Profiten. Eine Verbindung zur Freisetzungsthese besteht f\u00fcr diesen Zusammenhang aber immerhin darin, dass ein Anstieg des Lohnniveaus die Unternehmer veranlassen k\u00f6nnte, Arbeit durch Maschinen zu substituieren, weil ihre Profite sinken. Aber gibt es dar\u00fcber hinaus \u00fcberhaupt einen entsprechenden Kontext, der es erlauben w\u00fcrde, von einem Ricardo-Effekt zu sprechen?<\/p>\n<p><strong>Wirrwarr um den \u201eRicardo-Effekt\u201c<\/strong><br \/>\nDer Begriff \u201eRicardo-Effekt\u201c stammt von Friedrich A. von Hayek und ist nicht frei von Doppeldeutigkeiten. Was Hayek zum einen im Sinn hat, ist der folgende Zusammenhang, den er selbst im Rahmen seiner Konjunkturtheorie untersuchte. Wenn die Nominall\u00f6hne rigide sind und freiwillig gespart wird, fallen durch den Anstieg der Ersparnis und m\u00f6gliche Nettoinvestitionen die Konsumg\u00fcterpreise. Dadurch steigen die Reall\u00f6hne und die Profite fallen. Unter der Bedingung flexibler oder fallender Investitionsg\u00fcterpreise besteht der Anreiz, Arbeit durch Kapital zu substituieren. Nach Hayek wird dadurch die Produktionsstruktur verl\u00e4ngert (\u201eProduktionsumwege\u201c), die Produktion wird kapitalintensiver und zeigt eine negative Besch\u00e4ftigungswirkung.<\/p>\n<p>Aber was hat das alles mit Ricardo zu tun? Hayek hat mehrfach zum Besten gegeben, dass es Joseph A. Schumpeter gewesen sei, der ihm gegen\u00fcber wohlwollend vom \u201eHayek-Effekt\u201c gesprochen h\u00e4tte, und dass er, Hayek, daraufhin den Vorschlag gemacht habe, besser die Bezeichnung \u201eRicardo-Effekt\u201c zu w\u00e4hlen. Die grundlegenden \u00dcberlegungen w\u00fcrden von Ricardo stammen, so dass dies gerechtfertigt sei, auch wenn er sich nicht l\u00e4nger dagegen str\u00e4uben w\u00fcrde, dass sein Namen mit dem von Ricardo in diesem Zusammenhang genannt w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das Problem dabei ist nur, dass Hayek selbst an verschiedenen Stellen Interpretationen des Ricardo-Effekts anbietet, die erstens nicht unwidersprochen geblieben sind und zweitens Zweifel daran erlauben, ob der Bezug zu Ricardo \u00fcberhaupt sinnvoll ist.<\/p>\n<p>In \u201eThe Ricardo-Effect\u201c (1942) taucht die Bezeichnung zuerst auf und Hayek erl\u00e4utert, dass er sich auf den \u201ebekannten Ricardianischen Satz\u201c beziehe, nach dem \u201eein Steigen der L\u00f6hne die Kapitalisten ermuntern wird, Arbeit durch Kapital zu ersetzen\u201c. Dieser Satz, so Hayek, sei zwar von zahlreichen Autoren bekr\u00e4ftigt worden, aber wohl noch nie zureichend begr\u00fcndet dargestellt worden. Eine solche Darstellung will Hayek daher selbst vornehmen. Allerdings stellt er dann einen ganz anderen Zusammenhang als Ricardo dar, der in Abschnitt 5 des 1. Kapitels der \u201ePrinciples\u201c den Anreiz zur Anwendung von Maschinen bei steigenden L\u00f6hnen zwar erw\u00e4hnt, den dabei aber vor allem die Wirkung von Lohnver\u00e4nderungen bei unterschiedlichen Kapitalintensit\u00e4ten und unterschiedlicher Lebensdauer der verwendeten  Maschinen auf die relativen Preise der Waren interessierte. Da die L\u00f6hne nicht ohne ein Sinken der Profite steigen k\u00f6nnen (und vice versa), schlie\u00dft Ricardo auf die Verteilungsabh\u00e4ngigkeit der relativen Preise. Hayek schlie\u00dft daraus, dass die urspr\u00fcngliche Formulierung des Ricardo-Effektes besage, dass eine Steigerung der L\u00f6hne relativ zu den Warenpreisen die kapitalintensiveren Industrien oder Methoden weniger in ihrer Rentabilit\u00e4t treffen werde.<\/p>\n<p>Das ist bereits eine Akzentverschiebung, die aber noch dadurch \u00fcbertroffen wird, dass Hayek sich eigentlich f\u00fcr den inversen Satz interessiert, n\u00e4mlich dass ein allgemeines Sinken der L\u00f6hne die entgegengesetzte Wirkung haben w\u00fcrde, also die kapitalintensiveren Industrien und Methoden st\u00e4rker in ihrer verbesserten Gewinnsituation betroffen seien als jene Zweige und Methoden, in denen weniger fixes Kapital und mehr Arbeit angewandt wird. Hayek kehrt die Fragestellung von Ricardo somit gewisserma\u00dfen um. Der Effekt, den er demonstrieren will, ist eine durch Erh\u00f6hung der Nachfrage nach Konsumg\u00fctern hervorgerufene allgemeine Steigerung der Preise dieser G\u00fcter. Die Geldl\u00f6hne werden als konstant angenommen, wobei die Reall\u00f6hne wegen der Steigerung der Preise der Konsumg\u00fcter fallen. In  den \u201eDrei Erl\u00e4uterungen zum Ricardo-Effekt\u201c (1969), beschreibt Hayek das Theorem als unter Bedingungen der Vollbesch\u00e4ftigung eintretenden Effekt der Verringerung (Erh\u00f6hung) der Investition, der durch ein Ansteigen (Sinken) der Konsumg\u00fcternachfrage hervorgerufen werde, verbunden mit dem \u00dcbergang von kaptalintensiven zu weniger kapitalintensiven Methoden und umgekehrt.<\/p>\n<p>Hayek hat permanent versucht, den von ihm als Ricardo-Effekt bezeichneten Zusammenhang in die \u00f6sterreichische Konjunktur- und Kapitaltheorie einzubinden. Da deren Sto\u00dfrichtung mit ihrer Warnung vor einer Abweichung des Zinssatzes vom nat\u00fcrlichen Zins aber eine ganz andere ist als die der Wert- und Verteilungstheorie des Klassikers David Ricardo, sollte man wohl doch eher von einem \u201eHayek-Effekt\u201c sprechen. Folgt man der Kritik von Nicolas Kaldor, so hat Hayeks \u201eRicardo-Effekt\u201c weder von den Annahmen, noch von der Herangehensweise noch von den Geltungsbedingungen her etwas mit Ricardos Intentionen zu tun. Kaldor vergleicht den \u201eHayek-Effek\u201c wegen der Denkfigur der verl\u00e4ngerten oder verk\u00fcrzten Produktionsumwege (Roundabout) mit der Funktionsweise einer Ziehharmonika und gibt ihm den metaphorischen Namen \u201eConcertina-Effekt\u201c, wobei sich ein solcher Ziehharmonika-Effekt realiter in einem Konjunkturzyklus aber gar nicht nachweisen lasse.<\/p>\n<p>In Ricardos Schriftwerk jedenfalls wird ein solcher Effekt schwerlich zu finden sein. F\u00fcr Mark Blaug ist der Name indes auch gar nicht wesentlich, und er verweist auf eine ganze Ahnengalerie von \u00d6konomen, denen f\u00e4lschlich die Ehre der Erfindung eines Theorems zugeordnet wird, weil diese sie entweder nicht zuerst formulierten oder ihre theoretische Aussagen allenfalls locker mit den behaupteten verbunden sind. Halten wir daher fest, dass Ricardos \u00c4u\u00dferungen \u00fcber Kapitalintensit\u00e4ten, die von Hayek nicht ganz uneigenn\u00fctzig zum \u201eRicardo-Theorem\u201c stilisiert werden, zwar in den Rahmen der klassischen Wert- und Verteilungstheorie einzuordnen sind, aber keinen Pfeiler der Konjunktur- und Kapitaltheorie Hayeks darstellen.<\/p>\n<p><strong>Die Ricardianische \u00c4quivalenz<\/strong><br \/>\nDas Theorem der Ricardianischen \u00c4quivalenz bezieht sich auf einen makro\u00f6konomischen Zusammenhang und geht von der Gleichwertigkeit zwischen der vom Staat erhobenen Steuer und dem Staatsdefizit als Referenzpunkt f\u00fcr das Handeln der Wirtschaftsakteure aus. <\/p>\n<p>Angenommen, aus \u00f6konomischen oder politischen Gr\u00fcnden w\u00fcrde eine Steuererh\u00f6hung (Steuersenkung) f\u00fcr notwendig gehalten, so w\u00fcrde dies unter sonst unver\u00e4nderten Bedingungen einer Verringerung (Erh\u00f6hung) der Staatsschulden entsprechen. Normalerweise, d.h. ohne Ber\u00fccksichtigung der Ricardianischen \u00c4quivalenz, w\u00fcrde davon ausgegangen werden, dass eine Ver\u00e4nderung der H\u00f6he der Steuern das mikro\u00f6konomische Verhalten der Haushalte (Konsumenten) in einer bestimmten Richtung ver\u00e4ndert. Sollten beispielsweise die Steuern gesenkt werden, um die Konsumnachfrage zu erh\u00f6hen, w\u00fcrde man annehmen, dass die Sparquote der Haushalte zur\u00fcckgeht, weil sich das f\u00fcr Konsumzwecke verf\u00fcgbare Einkommen erh\u00f6ht hat.<\/p>\n<p>In Abweichung von dieser Denkweise besagt der \u201eRicardianische \u00c4quivalenz\u201c genannte Zusammenhang, dass die Konsumenten beispielsweise bei einer Steuersenkung antizipieren w\u00fcrden, dass sie zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt f\u00fcr das dadurch entstandene oder vergr\u00f6\u00dferte Staatsdefizit zur Kasse gebeten werden, weil der Staat die Steuern wieder erh\u00f6hen wird. Unter diesen Bedingungen w\u00fcrde nicht, wie erwartet, der Konsum, sondern die Ersparnis relativ zum Einkommen steigen. Im umgekehrten Fall der Erh\u00f6hung von Steuern, beispielsweise um dringende Ausgaben zu bestreiten ohne sich weiter zu verschulden, m\u00fcsste der kluge Konsument gem\u00e4\u00df der Ricardianischen \u00c4quivalenz die Indifferenz zwischen Steuer- und Schuldenfinanzierung erkennen und nicht mit einer Steuererh\u00f6hung hadern, weil er wei\u00df, dass er im Fall einer Staatsverschuldung f\u00fcr die anfallenden Zinsleistungen ebenfalls aufkommen m\u00fcsste, wenn auch zeitverz\u00f6gert.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Erfolg einer zielgerichteten Wirtschafts- und Finanzpolitik ist es also nicht ganz unerheblich, ob der behauptete Zusammenhang der Ricardianischen \u00c4quivalenz gilt. W\u00e4hrend keynesianische Makro\u00f6konomen wie Paul Krugman der Ansicht sind, dass die Ricardianische \u00c4quivalenz in der Praxis selten festgestellt werden kann, unter anderem, weil sich Erh\u00f6hung oder Verminderung von Konsum bzw. Ersparnis statistisch nicht eindeutig bestimmten Faktoren zuordnen lassen, wird dem Theorem in der neuklassischen Makro\u00f6konomie empirische G\u00fcltigkeit attestiert.<\/p>\n<p>Aber welcher der Positionen folgt nun eigentlich Ricardo? \u00c4hnlich wie beim Ricardo-Effekt ist beim Ricardianische \u00c4quivalenz genannten Theorem eine relativierende Vorbemerkung angebracht. Ricardo hat zwar \u00dcberlegungen angestellt, die unmissverst\u00e4ndlich in die Richtung des behaupteten Zusammenhangs weisen, aber er hat sie im Fortgang seiner Argumentation wieder verworfen. Damit ist die eigenartige Situation entstanden, dass ein Theorem nach ihm benannt ist, als dessen  Begr\u00fcnder er zu Recht bezeichnet werden darf, weil er die entsprechende Argumentation entwickelt hat, aber es gilt auch, dass er die auf das Verhalten der entsprechenden Akteure gerichtete Grundaussage letztlich bezweifelt.<\/p>\n<p>Die in der \u00f6konomischen Literatur erw\u00e4hnte Fundstelle f\u00fcr die Ricardianische \u00c4quivalenz ist eine kleinere Schrift aus dem Jahr 1820, die Ricardo als Supplement f\u00fcr die Encyclopaedia Britannica geschrieben hat und die als \u201eEssay on the Funding System\u201c bereits in die von McCulloch herausgegebene erste Gesamtausgabe des Werkes von Ricardo aufgenommen wurde. McCulloch schreibt dazu in seinem Vorwort, dass Ricardo sich im Hinblick auf eine Kriegsfinanzierung als entschiedener Freund des Plans einer Finanzierung der Kriegsausgaben durch ein entsprechendes Wachstum der Steuern bekenne. Wie ist das in den Kontext der Ricardianischen \u00c4quivalenz einzuordnen?<\/p>\n<p>Ricardo hat in dieser Schrift die Frage diskutiert, welchen Unterschied es macht, die Beteiligung an einem Krieg \u00fcber zus\u00e4tzliche Steuern oder zus\u00e4tzliche Staatsverschuldung zu finanzieren. In dem von ihm konstruierten Beispiel sind die j\u00e4hrlichen Kriegskosten auf 20 Millionen Pfund angesetzt, die Zinsrate liegt bei 5 Prozent. Ricardo diskutiert drei Finanzierungsoptionen.<\/p>\n<p>Im ersten Fall soll die Finanzierung durch eine zus\u00e4tzliche Steuerhebung von 20 Millionen Pfund j\u00e4hrlich erfolgen. Das Land w\u00e4re bei R\u00fcckkehr zum Frieden vollst\u00e4ndig von dieser Last befreit.<\/p>\n<p>Die zweite Option schl\u00e4gt die Ausgabe von st\u00e4ndigen Staatsanleihen in H\u00f6he von 20 Millionen Pfund vor. F\u00fcr jedes weitere Kriegsjahr wiederholt sich die Prozedur. F\u00fcr die jeweils ausgeliehenen Summe von 20 Millionen Pfund entsteht eine ewige Steuerbelastung von einer Million Pfund j\u00e4hrlich, um die Zinsen auf die Staatsschuldenpapiere zahlen zu k\u00f6nnen. Es w\u00fcrde keine Entlastung von der Zinszahlung geben, selbst wenn l\u00e4ngst Frieden w\u00e4re oder ein neuer Krieg gef\u00fchrt w\u00fcrde. F\u00fcr jedes weitere Kriegsjahr steigt somit die Zinslast. Angenommen, der Krieg dauert 20 Jahre, so l\u00e4uft von diesem Zeitpunkt immer noch eine j\u00e4hrliche Zinslast von 20 Millionen Pfund auf, die durch Steuern aufgebracht werden muss. <\/p>\n<p>Im dritten Fall soll die Finanzierung ebenfalls durch j\u00e4hrlich aufzunehmende Staatsschulden von 20 Millionen Pfund erfolgen. Im Unterschied zum zweiten Fall soll es jedoch einen durch Steuern gebildeten Finanzierungsfonds geben, der zus\u00e4tzlich zu der in Fall 2 erforderlichen Summe von einer Million Zinsen noch einen Betrag f\u00fcr die Tilgung (Zinseszinsen) enth\u00e4lt. Ricardo simuliert eine zus\u00e4tzliche Geldmenge von 200.000 Pfund j\u00e4hrlich. F\u00fcr Zinsen und Tilgung der Schuld kommen also j\u00e4hrlich 1,2 Millionen Pfund Steuergelder in den Fonds. Die Staatsanleihe w\u00fcrde dann auf 45 Jahre befristet, denn nach dieser Frist w\u00e4re bei einer j\u00e4hrlichen Verzinsung von 5 Prozent die Staatsschuld aus dem angewachsenen Fonds getilgt.<\/p>\n<p>Vom rein \u00f6konomischen Standpunkt aus, so Ricardo, mache es f\u00fcr den Steuerzahler nicht wirklich einen Unterschied, ob 20 Millionen auf einmal, eine Million j\u00e4hrlich f\u00fcr immer oder 1,2 Millionen f\u00fcr 45 Jahre gezahlt werden. <\/p>\n<p>Bis hierher wird die Position gest\u00fctzt, Ricardo habe das \u00c4quivalenztheorem nicht nur begr\u00fcndet, sondern h\u00e4nge ihm auch an. Doch Ricardo meint auch, dass die unterstellte  \u00c4quivalenz der Finanzierungsoptionen wahrscheinlich keine praktischen Konsequenzen zeitigen w\u00fcrde, weil die Menschen die Steuern gar nicht gem\u00e4\u00df einer Weise bewerten w\u00fcrden, in der eine solche Gleichwertigkeit \u00fcberhaupt erwogen wird. Vielmehr w\u00fcrden sie einer fiskalischen Illusion erliegen, indem sie die Steuerlast nur kurzsichtig betrachten. Es d\u00fcrfte schwierig sein, einen Mann, der 20.000 Pfund oder irgendeine andere Summe besitzt, davon zu \u00fcberzeugen, dass eine j\u00e4hrliche Steuerzahlung von 50 Pfund gleichwertig zur Belastung einer Einmalsteuer von 1.000 Pfund sei. Vor die Wahl gestellt, w\u00fcrde Ricardo selbst zwar f\u00fcr die Realisierung der ersten Variante pl\u00e4dieren, er h\u00e4lt ihre Realisierung aber letztlich f\u00fcr unwahrscheinlich, weil die \u00c4quivalenz vermutlich nicht gesehen und einer Verschuldungsvariante der Vorzug gegeben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Gerald P. O\u2019Driscoll hat wegen dieser von Ricardo ge\u00e4u\u00dferten Skepsis gegen Robert Barro und James Buchanan, die den Begriff Ricardianische \u00c4quivalenz in Umlauf gebracht haben, den Einwand erhoben, dass Ricardo in diesem Kontext kein \u201eRicardianer\u201c gewesen sei und eigentlich ein Non-\u00c4quivalenz-Theorem vertreten habe. Barro, der sich in einem die Diskussion ausl\u00f6senden Artikel von 1974 seiner \u201eSchuld\u201c gegen\u00fcber Ricardo \u00fcberhaupt nicht bewusst war, zumal es den Terminus Ricardianische \u00c4quivalenz noch gar nicht gab, hat 20 Jahre sp\u00e4ter unter dem Eindruck der umfassenden Verankerung der Ricardianischen \u00c4quivalenz in der Makro\u00f6konomik diese Schuld l\u00e4ngst beglichen und ist einer derjenigen, die das Konzept am reifsten ausgearbeitet haben.<\/p>\n<p>Wenn Ricardo als Bef\u00fcrworter des \u00c4quivalenztheorems gelten darf, dann vor allem deswegen, weil er als Vertreter des englischen Parlaments nach der Beendigung der Napoleonischen Kriege den Vorschlag gemacht hatte, die gesamte aufgelaufene Staatsschuld auf einen Schlag durch eine Verm\u00f6genssteuer zu beseitigen. Dieser Vorschlag wurde nicht in die Praxis umgesetzt. <\/p>\n<p><strong>War Ricardo ein Schulenbildner?<\/strong><br \/>\nWie diese Frage zu beantworten ist, h\u00e4ngt davon ab, wie eng oder weit der Begriff einer wissenschaftlichen Schule gefasst wird.<\/p>\n<p>Schumpeter, der selbst ein \u201eSchulverweigerer\u201c war, weil er in seiner Eigendarstellung weder einer Schule angeh\u00f6ren wollte noch eine zu begr\u00fcnden anstrebte, spricht von der Ricardianischen Schule und ihren Ausl\u00e4ufern. Der ersten w\u00fcrden au\u00dfer Ricardo genau vier weitere Autoren angeh\u00f6ren, n\u00e4mlich James Mill, John Robert McCulloch, Thomas Quincey und mit einem gewissen Abstand Edward West, der in der Wertung von Schumpeter ebenb\u00fcrtig zu Ricardo war, aber nicht die Anerkennung fand, die ihm geb\u00fchrte.<\/p>\n<p>Zu den Ausl\u00e4ufern der Ricardianischen Schule z\u00e4hlt Schumpeter die Ricardianischen Sozialisten. Im engeren Sinne ist das eine Gruppe von Autoren, die sich in den 20er und 30er Jahren des 18. Jahrhunderts als Interessenvertreter der Lohnarbeiterklasse verstand. Zentraler Punkt ist eine strikte Auslegung der Wertlehre Ricardos, indem Arbeit als einziger wertschaffender Produktionsfaktor gegen das Kapital verteidigt werden m\u00fcsse und entsprechend zu entlohnend sei. Zu den Vertretern geh\u00f6ren John Gray, John Francis Bray, Thomas Hodgskins, Charles Hall, Percy Ravenstone und William Thompson.<\/p>\n<p>Die Aufnahme und Weiterentwicklung der Arbeitswertlehre durch Karl Marx hat zu einer eigenst\u00e4ndigen Schule gef\u00fchrt, die eben wegen dieser Weiterentwicklung zwar mit Ricardo sympathisiert, sich aber nicht als ricardianisch versteht. Insbesondere die L\u00f6sung des von Ricardo hinterlassenen Profitratenr\u00e4tsels, n\u00e4mlich zu zeigen, wie sich Preise gem\u00e4\u00df einer einheitlichen Profitrate nicht nur nicht in Verletzung zum Wertgesetz, sondern auf der Grundlage der Arbeitswerttheorie bilden, wird als Weiterentwicklung verstanden, die Marx geleistet habe. Dass die Marx\u2019sche L\u00f6sung aber selbst strittig ist, hat die mehr als hundertj\u00e4hrige Geschichte des Transformationsproblems gezeigt. Ein Ausfluss der Marx\u2019schen Wertlehre ist die Mehrwerttheorie, die als Ausbeutungstheorie interpretiert, \u00dcberschneidungen zur Gruppe der Ricardianischen Sozialisten zeigt. Insgesamt ist die Schule der Marxisten viel zu umfangreich und vielf\u00e4ltig als dass sie sich im engeren Sinne nur an Ricardo orientieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Eine enge Bezugnahme zu Ricardo liegt dagegen bei der Schule der Neoricardianer vor, die als Gegenst\u00fcck zum neoklassischen Mainstream an den Fragestellungen und L\u00f6sungsans\u00e4tzen der Klassik und insbesondere Ricardos preis- und verteilungstheoretische Grundlagen ansetzen. Begr\u00fcndet durch Piero Sraffa \u2013 weshalb die Bezeichnungen Neoricardianer und Sraffianer nahezu synonym verwendet werden \u2013 ist diese Schule innerhalb der kapitaltheoretischen Kontroverse angetreten, den Kapitalbegriff der Neoklassiker und die Bestimmung des Zinssatzes als Grenzproduktivit\u00e4t des Kapitals als zirkul\u00e4r zu verwerfen. In der neoricardianischen Theorie sind der Wert des Kapitals und die Zinsrate simultan zu bestimmen. Die ricardianische Vorstellung einer allgemeinen Profitrate wird von den Neoricardianern aufrechterhalten. Ein Transformationsproblem im Sinne der Berechnung von Produktionspreisen aus Werten besteht nach ihrem Daf\u00fcrhalten dagegen nicht. Auch die Annahme einer tendenziell sinkenden Profitrate findet keine Beachtung. Die Neoricardianer sind eine Schule, die zwar international aufgestellt ist, aber dennoch nur eine sehr begrenzte Anzahl von Mitgliedern umfasst. Zu ihnen geh\u00f6ren Luigi Pasinetti, Pierangelo Garegnani, John Eatwell, Ian Steedman, Krishna Bharadwaj, Geoffrey Harcourt, Edward J. Nell, Heinz D. Kurz, Bertram Schefold und Alessandro Roncaglia. In der Kritik der Neoklassik  bestehen \u00dcberschneidungen zu Postkeynesianern wie Joan Robinson oder Jan Kregel.<\/p>\n<p><strong>Ricardo als Zielscheibe dogmenhistorischer Gesamturteile<\/strong><br \/>\nBedeutende Repr\u00e4sentanten der \u00d6konomik haben sich daran versucht, Ricardos Verortung in der \u00f6konomischen Theoriegeschichte pauschal auf den Punkt zu bringen. Auch wenn derartige Blitzbeurteilungen im Grunde genommen immer der n\u00e4heren \u00dcberpr\u00fcfung bed\u00fcrfen, haben sie doch den Vorteil eines eing\u00e4ngigen Erkennungswerts gegen\u00fcber der betreffenden Person, aber auch gegen\u00fcber demjenigen, der das Urteil f\u00e4llt. Man kann in ihnen nicht nur Anerkennung oder Ablehnung erkennen, sondern erf\u00e4hrt auch einiges dar\u00fcber, was in der Entwicklung des Fachs f\u00fcr von einschneidender Bedeutung gehalten wird. Drei Beispiele sollen dies verdeutlichen.<br \/>\nF\u00fcr Marx endet mit Ricardo die klassische englische politische \u00d6konomie. Was er damit ausdr\u00fccken wollte, ist nicht weniger, als Ricardo anders als dessen Nachfolgern und einigen Zeitgenossen, die sich mit \u00e4hnlichen Themen befassten, die F\u00e4higkeit zu unbefangener wissenschaftlicher Forschung, n\u00e4mlich frei von Apologetik und Ideologie f\u00fcr die Interessen des Kapitals, zu attestieren. Der Stellenwert, den Marx, der bekanntlich zwischen wissenschaftlicher \u00d6konomie und Vulg\u00e4r\u00f6konomie unterscheidet, dem Klassiker Ricardo hier einr\u00e4umt, ist der eines echten Wissenschaftlers, der nach Erkenntnis strebt und nicht nach rechtfertigender Begr\u00fcndung.<\/p>\n<p>Keynes steht als Nachfragetheoretiker nicht nur der gesamten angebotsorientierten Klassik skeptisch gegen\u00fcber, sondern insbesondere Ricardo. Bekannt und viel zitiert ist sein klagender Wunsch: W\u00e4re doch Malthus und nicht Ricardo die Stammwurzel der National\u00f6konomie des 19. Jahrunderts geworden, ein um wie viel weiserer und wohlhabender Platz w\u00e4re die Welt dann heute. Hintergrund f\u00fcr diese Differenzierung zwischen Malthus und Ricardo ist die Haltung zum ber\u00fchmten Say\u2019schen Theorem, nach dem sich jedes Angebot seine Nachfrage schaffe. W\u00e4hrend Ricardo es in einigen Varianten sogar selbst formulierte, lehnte Malthus es strikt ab und wird in diesem Punkt ein Vorl\u00e4ufer von Keynes. Bis heute ist das Say\u2019sche Gesetz eines der signifikanten Merkmale, nach denen angebotsorientierte und nachfrageorientierte \u00d6konomik sich unterscheiden, mit Folgewirkungen f\u00fcr wirtschaftspolitische Empfehlungen.<\/p>\n<p>Die Methodik von Ricardo ist es, die f\u00fcr Schumpeter zum Stachel einer wertenden Pauschalaussage wird. Schumpeter spricht vom \u201eRicardianischen \u00dcbel\u201c (\u201eRicardian Vice\u201c), das er darin sieht, dass Ricardo in seiner Art, abstrakt und modellartig zu argumentieren, h\u00e4ufig von unrealistischen Annahmen ausgehe, unzul\u00e4ssige Konstanten annehme und auf dieser Basis wirtschaftspolitische Empfehlungen treffen w\u00fcrde. Au\u00dferdem gehe Ricardo g\u00e4nzlich unhistorisch vor, ihm fehle der wichtige Sinn f\u00fcr Geschichte, den auch ein Faktenstudium nicht ersetzen k\u00f6nne. An einem Beispiel ironisiert Schumpeter, was er von der theoretischen Methode Ricardos h\u00e4lt. Ricardo sage, dass der Profit vom Weizenpreis abh\u00e4nge. Unter den gemachten Annahmen sei das, so Schumpeter, aber nicht nur zutreffend, sondern unleugbar und sogar eine Trivialit\u00e4t. Der Profit k\u00f6nne von gar nichts anderem abh\u00e4ngen, da alles andere gegeben und unver\u00e4nderlich sei. Was herauskomme, sei eine fabelhafte Theorie, die niemals widerlegt werden kann und die alles habe, nur keinen Sinn.<\/p>\n<p>Dass Schumpeter hier v\u00f6llig unsachlich und ungerechtfertigt argumentiert, ist beispielsweise von Heinz D. Kurz gezeigt worden, der statt von einem \u201eRicardianischen \u00dcbel\u201c lieber von einem \u201eSchumpeterianischen Unverst\u00e4ndnis\u201c sprechen m\u00f6chte. Es ist aber nicht zu \u00fcbersehen, dass derartige Methodenkritiken gegen\u00fcber Modellbildung und Mathematik auch in j\u00fcngster Zeit wieder verst\u00e4rkt unter einigen \u00d6konomen greifen, die die Tautologie analytischer S\u00e4tze dahingehend missverstehen, dass sie meinen, dass sie sinnlos seien, weil nichts herauskomme, was man nicht schon hineingesteckt habe. W\u00e4re das so, w\u00e4ren Mathematik und Logik keine Wissenschaften. In der \u00d6konomik steht als zus\u00e4tzliches und hilfreiches Mittel die empirische \u00dcberpr\u00fcfung, d.h. die Konfrontation mit den Fakten zur Verf\u00fcgung. In diesem Sinne kann, wie Ricardo intendierte, eine gute Theorie zur besten Praxis werden. <\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><br \/>\nAldrich, John (2004): The Discovery of Comparative Advantage, in: Journal of the History of Economic Thought, 26 (3), S. 379\u2013399.<br \/>\nBarro, Robert J. (1974): Are Government Bonds Net Wealth?, in: Journal of Political Economy , 82 (6), S. 1095\u20131117.<br \/>\nBarro, Robert J. (1996): Reflections on Ricardian Equivalence, in: NBER Working Paper Series, 5502.<br \/>\nBlaug, Mark (1998): Economic Theory in Retrospect, 5. Aufl., Cambridge University Press.<br \/>\nBuchanan, James M. 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