{"id":646,"date":"2022-06-15T22:43:53","date_gmt":"2022-06-15T20:43:53","guid":{"rendered":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=646"},"modified":"2022-06-15T22:43:53","modified_gmt":"2022-06-15T20:43:53","slug":"zunehmende-kritikresistenz-im-wissenschaftsbetrieb","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=646","title":{"rendered":"Zunehmende Kritikresistenz im Wissenschaftsbetrieb"},"content":{"rendered":"<p>Am Beispiel des Propaganda-Feldzuges von Dirk Ehnt f\u00fcr die Modern Monetary Theory. Ein Kommentar zum Heft 2 (2022) der Berliner Debatte Initial mit dem Titel &#8222;Neue Geldpolitik&#8220;.<\/p>\n<p>2017 kritisierte ich das Buch von Dirk Ehnts \u201eGeld und Kredit: eine \u20ac-p\u00e4ische Perspektive\u201c (Marburg 2014) und bem\u00e4ngelte 49 (!) zum Teil <!--more-->gravierende theoretische Fehler und empirische Irrt\u00fcmer.<sup><a href=\"#fn-1\" id=\"fnref-1\">1<\/a><\/sup> Im Forum \u201e\u00d6konomenstimme\u201c ver\u00f6ffentlichte ich mehrere Kritiken, die einzelne Thesen des Autors aufgriffen. Dort fand eine intensive Diskussion mit oft mehreren hundert Kommentaren statt, die von Herrn Ehnts sicherlich nicht unbemerkt geblieben ist, da er dieses Forum selbst nutzt. Auch im Ehnts-freundlichen Wirtschaftsdienst durfte eine Kritik an der MMT ver\u00f6ffentlicht werden, auf die er ausnahmsweise sogar reagierte.<sup><a href=\"#fn-2\" id=\"fnref-2\">2<\/a><\/sup> Schlie\u00dflich schrieb ich und ver\u00f6ffentlichte 2018 ein ganzes Buch, in dem die Kritik der MMT an g\u00e4ngigen Thesen der modernen Geldtheorie zur\u00fcckgewiesen wird.<sup><a href=\"#fn-3\" id=\"fnref-3\">3<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2022 interviewten Ulrich Busch und Rainer Land den Autor. Dort stellt Dirk Ehnts unverfroren und unwidersprochen fest: \u201eBei den Staatsausgaben sind wir noch nicht so weit, aber eine Kritik an unserer Sicht der Dinge w\u00e4re mir nicht bekannt.\u201c<sup><a href=\"#fn-4\" id=\"fnref-4\">4<\/a><\/sup>  <\/p>\n<p>Mehr oder weniger fundierte Kritik an der deutschen und der amerikanischen Version der MMT gab es selbstverst\u00e4ndlich nicht nur von mir, und sie ist auch in jenem Heft zur \u201eNeuen Geldpolitik\u201c zu finden. Autoren, die sich kritisch zur MMT ge\u00e4u\u00dfert haben, werden sich sicherlich freuen, von Ehnts so eingesch\u00e4tzt zu werden: \u201eViele lesen ein oder zwei Artikel, die oft noch nicht mal von uns verfasst wurden, und schreiben dann einen Artikel \u00fcber die MMT.\u201c (S.107) <\/p>\n<p>Dirk Ehnts erkl\u00e4rt, dass die MMT in Europa bereits gravierende Fortschritte erzielt hat, um die Geld- und Finanzpolitik zu beeinflussen. Er lobt die Geldpolitik der EZB: \u201eEbenfalls sehr weit gekommen ist die MMT mit ihrer Einsicht, dass die Zentralbank \u00fcber die Ank\u00e4ufe die Liquidit\u00e4t und Solvenz der nationalen Regierungen in der Eurozone sicherstellen kann. Die H\u00f6he der Staatsverschuldung und die H\u00f6he von Zins und Wachstumsrate sind dabei irrelevant. Die griechische Regierung hat so die Pandemie gut \u00fcberstanden, trotz eines Schuldenstandes von mehr als 200 Prozent des BIP. Das waren 50 Prozent mehr als 2010, am Beginn der Eurokrise. Die EZB versteht jetzt, dass sie die nationalen Regierungen unterst\u00fctzen muss. Die Zinsdifferenzen \u2026 d\u00fcrfen nicht zu hoch werden und die EZB hat das seit 2012 unter Mario Draghi verstanden. Inzwischen sagt sie das auch mehr oder weniger offen. In meinem Buch zur Geldsch\u00f6pfung in der Eurozone, das zuerst 2014 erschienen ist, hatte ich in jeder Auflage gefordert, dass die EZB diese Rolle annehmen muss.\u201c (S.105 f.)<\/p>\n<p>Zwar ist nicht anzunehmen, dass Herr Draghi die Brosch\u00fcre von Dirk Ehnts gelesen oder sich gar danach gerichtet hat, aber es ist festzuhalten, dass die geschichtsvergessene Modern Monetary Theory den Zeitgeist ausdr\u00fcckt, worauf auch der publizistische Erfolg des Autors zur\u00fcckzuf\u00fchren ist.  <\/p>\n<p>Die wichtigste Aufgabe der EZB, n\u00e4mlich die Inflation mit Hilfe der Zinspolitik in Grenzen zu halten, spielt bei Ehnts keine Rolle mehr, denn nach seiner (auch von Fritz Helmedag im gleichen Heft geteilten und sogar mit Hilfe seines l\u00e4ngst widerlegten \u201esaldenmechanischen Modells\u201c begr\u00fcndeten) Meinung, ist eine Zentralbank dazu gar nicht in der Lage: \u201eNiemand glaubt heute noch ernsthaft, dass die Leitzinsen der EZB einen sehr gro\u00dfen Einfluss auf die Wirtschaft haben,\u201c meint Ehnts. (S.105) Nun, zumindest offiziell glaubt der EZB-Rat und mit ihm fast alle seri\u00f6sen \u00d6konomen an diesen Zusammenhang. Wie anders soll man die anhaltende Kritik an der Geldpolitik trotz steigenden Inflationsraten verstehen? Und wenn auch die EZB wie Dirk Ehnts glauben sollte, dass ihre Zinspolitik keinen gro\u00dfen Effekt auf die Volkswirtschaften hat, warum hat sie dann dem Mainstream in Sachen Geldpolitik nicht den Gefallen getan und die Zinsen um einen minimalen Schritt erh\u00f6ht? Griechenland und Italien h\u00e4tten dies sicherlich finanziell verkraftet, zumal sie ja massiv durch die EZB unterst\u00fctzt werden. <\/p>\n<p>Mangelhafte Faktenkenntnis ist in Ehnts Schriften schon immer die Grundlage gewesen, auf der sich seine Propaganda f\u00fcr die MMT vollzieht. Zum Gl\u00fcck f\u00fcr ihn schaut das breite Publikum nicht sehr oft in das reiche statistische Datenmaterial des Statistischen Bundesamtes. Ansonsten w\u00fcrde es sofort bemerken, wie falsch die Aussage ist, dass die jetzige \u201eSondersituation mit hoher Inflation \u2026 fast einzig und allein auf steigende Energiepreise und deren Folgen zur\u00fcckgeht\u2026\u201c (S.108) Im gleichen Heft findet man \u2013 anschaulich aufbereitet \u2013 eine Grafik, aus der hervorgeht, dass die Inflation Mitte 2021 begann, also ein halbes Jahr vor dem Ukraine-Krieg und der explosionsartigen Entwicklung der Energiepreise. (S.21) Dass sich die Inflation derartig heftig durchsetzt, ist der \u00fcber 10 Jahre w\u00e4hrenden lockeren Geldpolitik der EZB und anderer Zentralbanken dieser Welt zu verdanken. Es war keine Kunst, dies vorherzusagen. Fakt ist jedenfalls: Die Sparer werden durch Inflation schleichend enteignet, die Bezieher geringer Einkommen in Not gebraucht, der Schuldenberg der Staaten ohne deren Zutun abgebaut \u2013 und wir alle zahlen die Zeche f\u00fcr die Unterst\u00fctzung \u00fcberschuldeter Staaten, die nach wie vor von der Zentralbank gepampert werden.     <\/p>\n<p>Verweise<\/p>\n<ol>\n<li id=\"fn-1\"><a href=\"https:\/\/mpra.ub.uni-muenchen.de\/82759\/17\/MPRA_paper_82759.pdf\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">MPRA-Paper 82759<\/a><a href=\"#fnref-1\">&uarr;<\/a><\/li>\n<li id=\"fn-2\"><a href=\"https:\/\/www.wirtschaftsdienst.eu\/pdf-download\/jahr\/2017\/heft\/9\/beitrag\/die-aktuelle-kritik-an-der-makrooekonomischen-geldtheorie.html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Beitrag im Wirtschaftsdienst<\/a><a href=\"#fnref-2\">&uarr;<\/a><\/l2>\n<li id=\"fn-3\"><a href=\"https:\/\/www.metropolis-verlag.de\/Relationale-Geldtheorie\/1369\/book.do\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Buch im Metropolis-Verlag<\/a><a href=\"#fnref-3\">&uarr;<\/a><\/l2>\n<li id=\"fn-4\">Berliner Debatte Initial. 33. Jg. 2022, Heft 2. Neue Geldpolitik. S.107. Im Folgenden werden bei Verweisen auf diese Publikation nur die Seitenzahlen angegeben.<a href=\"#fnref-4\">&uarr;<\/a><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Beispiel des Propaganda-Feldzuges von Dirk Ehnt f\u00fcr die Modern Monetary Theory. 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