{"id":577,"date":"2021-03-25T11:58:23","date_gmt":"2021-03-25T10:58:23","guid":{"rendered":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=577"},"modified":"2021-04-02T08:53:52","modified_gmt":"2021-04-02T06:53:52","slug":"spaeter-nachruf-auf-volker-caysa-24-06-1957-03-08-2017","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=577","title":{"rendered":"Sp\u00e4ter Nachruf auf Volker Caysa (24.06.1957-03.08.2017)"},"content":{"rendered":"<p>Leben hei\u00dft Sterben. Friedrich Engels, den ich soeben zitiert habe, <!--more--><\/p>\n<p>war ein Prozessdenker. Die Bewegung charakterisierte er als Sein und Nicht-Sein an einem Ort, beides zugleich und in ein und derselben Beziehung. Zwar meinte er damit die Ortsver\u00e4nderung eines K\u00f6rpers \u2013 doch trifft diese Charakteristik nicht auch auf das menschliche Leben zu? An einem Ort zu sein und zugleich nicht zu sein, ist das nicht ein Merkmal des lebendigen menschlichen K\u00f6rpers? Mit diesem Objekt hatte Volker Caysa seinen Gegenstand gefunden, \u00fcber den er auch andere nachdenken lassen wollte. \u201eDer Leib leibt\u201c steht f\u00fcr viele Ausdrucksformen des menschlichen Lebens, die er damit zur Darstellung bringen wollte. Zugegeben, nicht gerade eine rationale Beschreibung, doch ist Engels philosophische Charakteristik der Bewegung (nach Hegels Logik) rationaler? <\/p>\n<p>Mit Volker Caysa verband mich eine kurze Zeit des Lebens, seine Jahre als Student bis zu seiner Promotion. Wir lernten uns beim sogenannten \u201eStudentensommer\u201c \u2013 Kartoffellesen auf den mecklenburgischen Feldern \u2013 kennen, als ich Aspirant und Betreuer der neu immatrikulierten Philosophie-Studenten des Jahrgangs 1975 war. Als Assistent im Lehrstuhlbereich Dialektischer Materialismus betreute ich seine ersten studentischen Arbeiten. Halbe N\u00e4chte haben wir an meinem K\u00fcchentisch philosophiert und dabei dem s\u00e4chsischen Bier zugesprochen. Es war ein politisches, nicht ganz ungef\u00e4hrliches Philosophieren. Wir beide waren Suchende nach der Wahrheit \u00fcber den real existierenden Sozialismus. Volker faszinierte nicht nur durch seine Aufnahmef\u00e4higkeit f\u00fcr philosophische Texte, sondern vor allem durch die r\u00fccksichtslose Konsequenz seines Denkens. Was er dachte, das lebte er; und was er lebte, machte er zum Gegenstand seines Denkens. Genau so stellen sich viele Menschen einen Philosophen vor. <\/p>\n<p>Das Leben hat uns nach ca. 10 Jahren getrennt. Volker wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter am Franz-Mehring-Institut und ging seinen eigenen Weg. Doch genauer besehen war es die Philosophie, die uns trennte. Bei meinen Kollegen war unser geistig-intimes Verh\u00e4ltnis bekannt. So bekam ich den Auftrag von einem der Gutachter, der zugleich mein Chef war, eine Analyse der Promotionsschrift Volker Caysas zu schreiben, in der ich vor allem die positiven Seiten hervorhob, nicht ahnend, dass diese Zuarbeit dann mit wenigen \u00c4nderungen zum Gutachten avancierte. Was mir nicht gefiel, wollte ich ihm pers\u00f6nlich sagen. Das tat ich wenige Minuten nach seiner erfolgreichen Verteidigung und warf ihm dabei u.a. Kriegsverherrlichung &#224; la Hegel vor. Das war das Ende unseres geistigen Austausches. <\/p>\n<p>Im Zuge der Abwicklung staatsnaher Einrichtungen wurde Volker, wie viele andere an der Universit\u00e4t auch, unfair behandelt. Da die Zeit im Berufsleben f\u00fcr ihn zu kurz war, um den Status eines Hochschullehrers zu erlangen, verlor er ohne viel Federlesens seinen Job als Assistent. Hinzu kam, dass ihm die aus Ostdeutschen bestehende Personal-\/Moral-Kommission Vorw\u00fcrfe wegen seines Dienstes in den DDR-Grenztruppen machte. Meines Wissens nach hat er dabei unter Einsatz seines Lebens Minen ger\u00e4umt. \u2013 Zuf\u00e4lliger Weise trafen wir uns wenige Stunden nach dem vernichtenden Urteil dieser nachweislich in arbeitsrechtlichen Frage inkompetenten Kommission. Da diente ich als Blitzableiter seines berechtigten Frustes. Ein Auftritt, f\u00fcr den er sich nach Jahren telefonisch entschuldigte. <\/p>\n<p>Ich kann nicht beurteilen, ob die von fern zu beobachtenden Lebensentscheidungen Volker Caysas von wachsender Klugheit eines Freundes der Weisheit durchdrungen waren. Ich will es gern so sehen. Ich bin \u00fcberzeugt, wir h\u00e4tten uns theoretisch viel zu sagen gehabt, als wir uns wenige Jahre vor seinem Tod trafen. Wir bekundeten uns unsere gegenseitige Hochachtung \u2013 und belie\u00dfen es beim Schweigen. Ich, aus Respekt vor dem Leben und Denken des anderen, aber wahrscheinlich auch aus Desinteresse an den Gegenst\u00e4nden und der Art, mit ihnen umzugehen, die der andere gew\u00e4hlt hatte. So wie ich Volker kennengelernt habe, w\u00fcrde ich vermuten, dass dasselbe Motiv f\u00fcr ihn zutrifft. <\/p>\n<p>Ein Leben ist zu Ende gegangen, fr\u00fch, zu fr\u00fch. Nur wenige werden wissen, ob man es als gl\u00fccklich preisen oder als zerrissen bedauern soll. Doch das spielt jetzt keine Rolle mehr. Er hat Spuren hinterlassen, denen man folgen kann, denen man aber die Ehre einer kritischen Reflexion nicht versagen sollte. Volker Caysa hat ein Leben gef\u00fchrt, das ohne Philosophie nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Er hat die Philosophie, seine Philosophie, gelebt. Insofern ist eine Darstellung seiner Philosophie, der empraktischen, ohne wahrheitsgem\u00e4\u00dfe Darstellung seines Lebens und den darin getroffenen Entscheidungen nicht m\u00f6glich. Ich hoffe, dazu einen kleinen Beitrag geleistet zu haben.<\/p>\n<p>Georg Quaas<br \/>\nLeipzig, den 25.M\u00e4rz 2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leben hei\u00dft Sterben. 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