{"id":565,"date":"2021-02-02T11:10:12","date_gmt":"2021-02-02T10:10:12","guid":{"rendered":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=565"},"modified":"2021-02-02T11:10:12","modified_gmt":"2021-02-02T10:10:12","slug":"covid-19-und-das-europaeische-impf-desaster","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=565","title":{"rendered":"COVID-19 und das europ\u00e4ische Impf-Desaster"},"content":{"rendered":"<p>Friedrun Quaas \/ Georg Quaas<\/p>\n<p>Ein knappes Jahr nach dem Beginn der Corona-Pandemie und ein halbes Jahr nach den ersten erfolgreichen Tests eines Gegenmittels stellt sich heraus, <!--more--> dass die Staaten der Europ\u00e4ischen Union bei der Versorgung mit dem dringend ben\u00f6tigten Impfstoff im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern benachteiligt werden. Der Beitrag versucht, den Ursachen dieser Misere, die Tausende Menschen unn\u00f6tiger Weise das Leben kosten wird, nachzugehen.<\/p>\n<p><strong>Corona und das \u00f6ffentliche Bewusstsein<\/strong><\/p>\n<p>Als die Autoren ihre Studie<sup>1<\/sup> \u00fcber den Ausbruch des Coronavirus und die erste Welle der Pandemie im November 2020 zum Druck gegeben haben, hatte die zweite Welle bereits an Fahrt aufgenommen, Deutschland befand sich im Lockdown-light und es gab noch keinen zugelassenen Impfstoff.<\/p>\n<p>Seither haben sich die Ereignisse in einer Weise \u00fcberst\u00fcrzt, die nicht nur zu einem harten Lockdown wegen explodierender Infektionszahlen und zu an Bergamo erinnernden Zust\u00e4nden gef\u00fchrt haben, sondern auch eine Grenze auf der Ebene der Reflexion der Coranakrise deutlich machen. Ein in sich geschlossenes Narrativ \u00fcber die Geschehnisse ist kaum noch zu leisten. Informationen \u00fcber Daten, Kennziffern und Verl\u00e4ufe der Pandemie scheinen auf Grund der sich in rasantem Tempo ver\u00e4ndernden Realsituation mitunter gar nicht zu jener zu passen. Markante Eckpunkte der Entwicklung der Pandemie geben den Takt daf\u00fcr vor, wie die Gesellschaft reagieren m\u00fcsste, um heil aus dem Schlamassel zu kommen, aber der vorgef\u00fchrte Tanz ist alles andere als elegant.<\/p>\n<p>Dabei fehlt es den meisten Entscheidungstr\u00e4gern nicht am guten Willen. Doch Widerspr\u00fcche, Fehlentscheidungen, Vers\u00e4umnisse und irrelevante Verhaltensmuster durchkreuzen eine schl\u00fcssige Coronapolitik in einem Ma\u00dfe, dass die sich darauf beziehende Berichterstattung kaum noch in der Lage ist, ein Gesamtbild der Situation zu liefern, das nicht selbst inad\u00e4quat erscheint.<br \/>\nDennoch w\u00e4re es falsch, w\u00fcrde nicht wenigstens versucht werden, die wesentlichen Aspekte des Geschehens jenseits nur diffuser oder emp\u00f6rter Wahrnehmung einer Analyse zuzuf\u00fchren.<br \/>\nEin solcher Aspekt r\u00fcckte ins \u00f6ffentliche Bewusstsein, als im Dezember 2020 die ersten Impfstoffe zugelassen wurden. Das gesamte Jahr \u00fcber wurde dieser Termin herbeigesehnt, auch wenn kaum zu erwarten war, dass er letztlich so schnell eintreten w\u00fcrde. Schlie\u00dflich kn\u00fcpften sich daran alle Hoffnungen auf ein rasches Ende der Pandemie, das f\u00fcr den Zeitpunkt in Aussicht gestellt wurde, an dem hinreichend viele Menschen geimpft sind und eine entsprechende Herdenimmunit\u00e4t gegen das Corona\u00acvirus aufgebaut werden konnte. Wochen nach der euphorischen Nachricht \u00fcber den Impfbeginn, der dieses Szenario in Gang setzen sollte, hat sich die Hoffnung auf ein rasches Eintreten der angestrebten Situation nahezu in Luft aufgel\u00f6st. Dabei ist es nicht in erster Linie das Auftreten der als gef\u00e4hrlich eingestuften Mutanten des Coronavirus, das den ber\u00fchmten Strich durch die Rechnung macht \u2013 bisher gibt es Anhaltspunkte, dass die Impfstoffe auch gegen die Mutanten wirken \u2013 sondern es geht um ein durch menschliches Handeln erzeugtes hausgemachtes Problem, das man nicht anders als ein Impf-Desaster bezeichnen kann.<\/p>\n<p><strong>Das Agieren der Politik<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr bekennende Europ\u00e4erinnen und Europ\u00e4er ist es eine Frage der Solidarit\u00e4t, das national ben\u00f6tigte Impfkontingent gemeinsam mit den anderen EU-L\u00e4ndern zu bestellen. Die Rahmenbedingungen werden dabei konsensual festgelegt. So hatten osteurop\u00e4ische Sparf\u00fcchse Probleme mit dem Preis<sup>2<\/sup> und dar\u00fcber hinaus mit der notwendigen K\u00fchlung des Impfstoffes von Biontech-Pfizer. Nationale wirtschaftspolitische Interessen sollen den Ausschlag gegeben haben, bei einem bislang noch nicht erfolgreichen franz\u00f6sischen Unternehmen 300 Mio. Impfdosen zu bestellen. Nach Aussagen des Gesundheitspolitikers Karl Lauterbach waren die Verhandlungen der EU durch die Tatsache belastet, dass f\u00fcr die Vorvertr\u00e4ge lediglich eine Summe von 2 Mrd. Euro zur Verf\u00fcgung stand. \u201eTrump hat zum gleichen Zeitpunkt 12 Mrd. Dollar eingesetzt\u201c, so Lauterbach in \u201eHart aber fair\u201c (im Weiteren: HaF).<sup>3<\/sup><\/p>\n<p>Dass der Preis beim Bestellen sehr gro\u00dfer Mengen durch die \u00f6ffentliche Hand eine gewichtige Rolle spielt, steht au\u00dfer Frage. Die Verhandlerinnen der Europ\u00e4ischen Union haben das im Juni 2020 erfolgende Angebot von Biontech \u00fcber 500 Mio. Dosen ausgeschlagen (Malcher 14.01.2021) und im Laufe von 4 Monaten durch Abwarten und Verhandeln den Preis gedr\u00fcckt. Offiziell gibt es keine Auskunft \u00fcber dessen H\u00f6he. Ein ranghoher EU-Beamter habe gegen\u00fcber der Nachrichtenagentur Reuters durchsickern lassen, man zahle weniger als die USA. Der Deal spiegele teilweise die finanzielle Unterst\u00fctzung der EU (Kredit \u00fcber 300 Mio. Euro) und Deutschlands (Investitionszuschuss \u00fcber 375 Mio. Euro, Lau et al. 14.01.2021) f\u00fcr die Entwicklung des Impfstoffs wider. Allerdings liege er deutlich \u00fcber der 10-Euro-Marke. (Manager Magazin 13.11.2020, im Folgenden: MM) Berichtet wird von einer belgischen Staatssekret\u00e4rin, die \u00f6ffentlich gemacht habe, dass eine Dosis des Vakzins von Biontech-Pfizer 12 Euro koste,<sup>4<\/sup>  das Mittel von AstraZeneca nur 1,78 Euro. (tagesschau.de 28.12.2020)<sup>5<\/sup><\/p>\n<p>Die EU hat sich am 11.11.2020 bis zu 300 Millionen Dosen gesichert, wovon Deutschland anteilig rund 56 Millionen Dosen zustehen, ausreichend f\u00fcr 28 Millionen Menschen. Biontech-Pfizer will 2021 weltweit bis zu 2 Mrd. Dosen Impfstoff ausliefern, davon 1,3 Mrd. an die EU. Ein Gro\u00dfteil davon ist durch die bisher abgeschlossenen Abkommen mit verschiedenen Staaten ausgebucht. (MM 13.11.2020) Nach Aussagen des FDP-Politikers Volker Wissing (HaF) bestand f\u00fcr Deutschland die M\u00f6glichkeit, neben der EU eine eigene Bestellung abzugeben, ohne das EU-Kontingent zu schm\u00e4lern. Es wird vermutet, dass die Bundesregierung aufgrund einer umstrittenen bilateralen Vereinbarung mit Biontech \u00fcber zus\u00e4tzlich 30 Mio. mit 90 bis 100 Mio. Impfdosen rechnet.<sup>6<\/sup> (MM 13.11.2020) Jedoch wurde \u00fcber diese zus\u00e4tzlichen 30 Mio. im Januar noch verhandelt. (Trappe 2021)<\/p>\n<p>Eine Bestellung ist in diesen F\u00e4llen oft mit einer Abnahmegarantie und Vorauszahlungen verbunden. Auch wenn der Impfstoff gar nicht zugelassen wird, muss er bezahlt werden. (Lauterbach in HaF) Fr\u00fchzeitiges Bestellen bei Firmen, die schon im 3. Quartal 2020 die ersten Testphasen durchlaufen hatten (nach Frauke Zipp: Biontech, CureVac, Moderna, AstraZeneca), hat es den Unternehmen erm\u00f6glicht, Impfdosen massenhaft vorzuproduzieren. Donald Trump hat bereits im Sommer massiv bei Biontech und Moderna bestellt (Kontraste 14.01.2021: 600 Mio. Dosen) und bis Mitte Januar 2021 bereits 30 Millionen Dosen erhalten (CNN 14.01.2021). \u00c4hnlich agierte Borris Johnson. Dadurch war es m\u00f6glich, dass die USA, das United Kingdom und Israel in kurzer Zeit in gro\u00dfem Umfang beliefert wurden \u2013 Israel trotz sp\u00e4ter Bestellung am 13.11.2020, aber aufgrund eines fast doppelt so hohen Preises. (Lau et al. a.a.O., MM 13.11.2020) Die EU hatte ebenfalls recht fr\u00fch (am 27.08.2020) mit AstraZeneca einen Vertrag geschlossen.<\/p>\n<p>Tagesschau.de (28.12.2020) berichtete, dass Deutschland mit BiontechPfizer und Moderna Vertr\u00e4ge \u00fcber die Lieferung von 136,3 Millionen Impfdosen abgeschlossen hat und diese nahezu komplett im laufenden Jahr 2021 geliefert werden sollen. Dieser vertraglich zugesicherte Impfstoff w\u00fcrde rechnerisch f\u00fcr 68,2 Millionen Menschen reichen. F\u00fcr eine Herdenimmunit\u00e4t (60-70%) w\u00fcrde das gerade gen\u00fcgen, aber die w\u00e4re nach Lieferung des letzten Impfstoffes \u2013 und das kann Ende Dezember 2021 sein \u2013 erreicht.<\/p>\n<p>Die EU soll bis zum September 2021 zwei Drittel (200 Millionen) geliefert bekommen. Dazu kommen sukzessive 160 Mio. bei Moderna bestellte Dosen (Lauterbach in HaF). F\u00fcr diese Bestellungen h\u00e4ngt die Lieferung von den Produktionskapazit\u00e4ten ab. Sie erfolgt nicht nur viel sp\u00e4ter als in den genannten drei L\u00e4ndern au\u00dferhalb der EU, sondern angesichts der rund 450 Millionen Menschen in den EU-Staaten auch in zu geringer Menge. Zwar gibt es Hoffnung darauf, dass die Zulassungen der Vakzine von AstraZeneca, Curevac, Sanofi-GSK und Johnson &#038; Johnson, bei denen die EU mindestens weitere 400 Millionen bestellt hat, bald erfolgen wird, aber sicher ist das \u2013 au\u00dfer f\u00fcr die inzwischen erfolgte Zulassung von AstraZeneca \u2013 nicht.<\/p>\n<p>Am 13.01.2021 ver\u00f6ffentlicht Lars Petersen im Business Insider eine \u00dcbersicht \u00fcber die in Deutschland zu erwartenden Lieferungen von Moderna und Biontech bis zur 8. Kalenderwoche. Das Ergebnis ist ern\u00fcchternd: Es handelt sich bis Ende Februar um 6,4 Millionen Dosen f\u00fcr rund 8,6 Mio. Impfberechtigte allein in der obersten Priorit\u00e4tengruppe. Selbst diese Zahlen d\u00fcrften durch Lieferschwierigkeiten (Spohrer 2021) obsolet geworden sein.<\/p>\n<p>Jens Spahn behauptete am 13.01.2021 im deutschen Bundestag, die zu geringen Liefermengen seien durch die Produktionskapazit\u00e4ten und nicht durch die Bestellung verursacht. Angesichts dessen, dass in den USA ganze Kolonnen von Lastwagen den Impfstoff verteilen und im Land der Entwickler nur ab und zu mal ein kleinerer Lieferwagen ankommt, ist diese Behauptung nicht sehr glaubhaft. Fr\u00fchzeitige Bestellung h\u00e4tte die Produktionsl\u00e4nge erweitert und mehr Impfstoff h\u00e4tte nach Zulassung geliefert werden k\u00f6nnen. Ein h\u00f6herer Preis h\u00e4tte zu einer anderen Verteilung gef\u00fchrt. Die kolportierte urspr\u00fcngliche Vorstellung des Gesundheitsministers, dass der in Deutschland entwickelte Impfstoff auch zuerst in Deutschland angeboten werden m\u00fcsse, stie\u00df angeblich nicht auf die Zustimmung der Kanzlerin. Angela Merkel sprach in Anlehnung an UNO-Generalsekret\u00e4r Ant\u00f3nio Guterres schon im Sommer davon, dass der Impfstoff ein \u201eglobales \u00f6ffentliches Gut\u201c werden m\u00fcsse. Auch die WHO mahne, \u201eImpfstoffnationalismus\u201c zu vermeiden, um den Erfolg bei der Bek\u00e4mpfung der Pandemie nicht zu gef\u00e4hrden. (MM 13.11.2020)<\/p>\n<p>Angesichts eines mehrere hundert Milliarden Euro umfassenden Coronahilfsprogramms der EU zur Abwendung wirtschaftlicher Sch\u00e4den darf man fragen, warum geknausert und gefeilscht worden ist, wenn es um die Gesundheit und das Leben der Bev\u00f6lkerung geht. Man h\u00e4tte richtig Geld in die Hand nehmen und im Sommer 2020 bei mehreren Firmen je 500 Mio. Dosen (je 2 f\u00fcr 60 Prozent der Bev\u00f6lkerung) bestellen m\u00fcssen. Bei einem Preis von 23 EUR, den Israel gezahlt hat (FAZ vom 02.01.2021), sind das 11,5 Milliarden je Firma. Wenn man bei den 3 oder 4 Favoriten bestellt h\u00e4tte, also weniger als 50 Mrd. Euro. W\u00e4re das Geldverschwendung gewesen? Wenn man bedenkt, dass allein die deutsche Regierung 2020 mehr als 150 Mrd. Euro an St\u00fctzungsma\u00dfnahmen ausgegeben hat \u2013 eine Lappalie. Tausende Menschenleben h\u00e4tten gerettet werden k\u00f6nnen. Der wirtschaftliche und kulturelle Schaden w\u00e4re wesentlich geringer gewesen. Die eventuell \u00fcberfl\u00fcssigen Impfdosen h\u00e4tte man an bed\u00fcrftige L\u00e4nder verschenken k\u00f6nnen. (Brinkmann 10.01.2021)<\/p>\n<p><strong>Eine \u00f6konomischer Erkl\u00e4rungsversuch<\/strong><\/p>\n<p>In Gro\u00dfbritannien herrschen seit Auftreten der Coronavariante B.1.1.7 Zust\u00e4nde der Zunahme an Infektionen, die man sich in Deutschland nicht w\u00fcnscht. Schaut man dagegen auf die Impfsituation, sieht das Bild ganz anders aus. In Gro\u00dfbritannien kann millionenfach geimpft werden, weil sich die britische Regierung Kaufoptionen auf alle erwartbaren Pr\u00e4parate sichern konnte. Bei Pfizer-Biontech hat Gro\u00dfbritannien beispielsweise mehr Dosen bestellt als die ganze Europ\u00e4ische Union zusammen (Schwennicke 2021). In Deutschland dagegen sind die n\u00e4chsten zuverl\u00e4ssigen Impftermine nicht vor M\u00e4rz zu erwarten. Man muss deshalb nicht gleich argw\u00f6hnen, dass es einer Volkswirtschaft au\u00dferhalb der EU besser gehen w\u00fcrde, aber Fragen und Antworten, die in diese Richtung gehen, hat es bereits gegeben. (Schulz 2021)<\/p>\n<p>Politik sollte mit der Analyse der Realit\u00e4t beginnen (M\u00fcllerVogg 2021) und die hat es in sich. Es ist nicht genug Impfstoff besorgt worden, es ist nicht interveniert worden, als die EU-Kommission mehr auf den Preis als auf die Versorgung geschaut hat, die vulnerablen Gruppen (insbesondere in den Alten und Pflegeheimen) sind nicht ausreichend gesch\u00fctzt worden. Das von Angela Merkel am 21.01.2021 auf der Bundespressekonferenz gegebene Versprechen, jedem B\u00fcrger und jeder B\u00fcrgerin bis zum Sommer 2021 ein Impfangebot machen zu k\u00f6nnen, ist l\u00e4ngst schon im Wanken. Nicht nur Biontec bricht mit seinem Lieferungsversprechen, auch AstraZeneca h\u00e4lt seine Versprechen gegen\u00fcber der EU nicht ein, liefert jedoch nach Gro\u00dfbritannien vollumf\u00e4nglich (Liese 2021).<\/p>\n<p>Die schleppende Verteilung von Impfstoffen war aber schon viel fr\u00fcher erkennbar. Dieser Fehler, so Marcel Fratzscher, der Vorsitzende des Deutschen Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung (DIW), h\u00e4tte vermieden werden k\u00f6nnen. Fratzscher (2021) will dazu entlang eines Beitrags argumentieren, der bereits im Mai 2020 in der New York Times erschienen war und hier kurz vorgestellt wird, um Fratzschers Argumentation nachzuvollziehen. <\/p>\n<p>Die Autoren (Athey; Kremer; Snyder; Tabbarrok 2020), von denen einer zu den Nobelpreistr\u00e4gern f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften 2019 geh\u00f6rt, weisen auf die nicht auszuschlie\u00dfende Absurdit\u00e4t hin, dass man letztlich zwar einen funktionierenden Impfstoff, aber zu wenig Produktionskapazit\u00e4ten haben k\u00f6nnte. Damit antizipieren sie genau jenen Fall, der nun \u2013 allerdings f\u00fcr Europa und nicht f\u00fcr die USA \u2013 eingetreten zu sein scheint. Zur rechtzeitigen Vermeidung einer solchen Sachlage haben sie folgende \u00dcberlegungen angestrengt:<\/p>\n<p>&#8222;Usually, to avoid the risk of investing in capacity that eventually proves worthless, firms invest in largescale capacity only after the vaccine has proved effective. But in the middle of a pandemic, there are huge social and economic advantages to having vaccines ready to use as soon as they have been approved. If we leave it entirely to the market, we will get too little vaccine too late.&#8220; (Ebd.) <\/p>\n<p>Wenn nicht alles vollst\u00e4ndig dem Markt \u00fcberlassen werden soll, kommt die Politik ins Spiel, und hier empfehlen die Autoren f\u00fcr die Versorgung mit Impfstoff eine Push-and-pull-Strategie.<br \/>\nDer Push-Anreiz soll den Firmen eine Teilerstattung f\u00fcr Produktionskapazit\u00e4ten garantieren, die auf Risiko aufgebaut oder umgewidmet wurden, sowie eine Teilerstattung, wenn sie Meilensteine bei der Entwicklung des Impfstoffs erreichen. Das Instrument der Teilerstattung soll sicherstellen, dass die Unternehmen bei der Stange bleiben und sie gleichzeitig dazu veranlassen, gro\u00dfe Produktionskapazit\u00e4ten aufzubauen, bevor die Zulassung des Impfstoffs sicher ist.<\/p>\n<p>Der Pull-Anreiz ist nachfrageorientiert, indem er die Verpflichtung betrifft, eine bestimmte Menge von Impfdosen zu einem bestimmten Preis zu kaufen. Mit einer derart vorgezogenen Marktverpflichtung, so das Argument, w\u00fcrde ein gewisses Risiko auf den \u00f6ffentlichen Sektor verlagert und zugleich der Anreiz bei den Unternehmen nicht unterbunden. Auf empirische Erfahrungen mit diesem Instrument kann bereits aufgebaut werden. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts waren sogenannte Advance Market Commitments (AMCs) konzipiert worden, durch die die Entwicklung und der Vertrieb von Impfstoffen gegen besonders in Entwicklungsl\u00e4ndern auftretende Krankheiten gef\u00f6rdert werden sollte. Die Vereinbarungen sahen eine Aufstockung der Gewinnmarge vor, wenn Unternehmen Impfstoffe entwickeln und sie den Entwicklungsl\u00e4ndern zu einem Preis nahe den Herstellungskosten anbieten. Konkret ging es bei dem Pilotprojekt um die Entwicklung eines Impfstoffes gegen Pneumokokken, f\u00fcr das inzwischen gro\u00dfe Erfolge erzielt wurden. (Kremer; Levin; Snyder 2020)<\/p>\n<p>Die Variante, die Athey et al. der Regierung der USA f\u00fcr den Fall von COVID-19 mit der Gr\u00fcndung eines AMC-Fonds empfohlen haben, umfasst die Verpflichtung zum Kauf von 300 Millionen Impfstoffdosen zu einem Preis von 100 USDollar pro Person, wenn die Impfstoffe innerhalb eines bestimmten Zeitraums produziert werden. Wenn mehrere Impfstoffe entwickelt werden, kann der AMC-Fonds ausw\u00e4hlen, welche Produkte gekauft werden, soll sich dabei aber von ihrer Wirksamkeit, der ausreichenden Verf\u00fcgbarkeit f\u00fcr eine rechtzeitige Impfung oder der Eignung f\u00fcr verschiedene Bev\u00f6lkerungsgruppen leiten lassen. Die Firmen konkurrieren folglich darum, die ersten 300 Millionen zu produzieren, und diese Pull-Komponente bietet starke Anreize sowohl hinsichtlich der Geschwindigkeit der Entwicklung als auch der Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Was ist in Europa und Deutschland, die die Push-and-pull-Strategie ebenfalls praktiziert haben, schiefgelaufen? Im Mai 2020 war Deutschland dem Spendenaufruf der Weltgesundheitsorganisation und der Europ\u00e4ischen Kommission gefolgt und hatte 525 Mio. EUR zugesagt, die zum Teil nach der Push-Strategie f\u00fcr die Entwicklung von Impfstoff vorgesehen waren, organisiert durch die internationale Impfstoffinitiative CEPI (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations). Unter anderen ist das T\u00fcbinger Unternehmen Curevac mit CEPI-Mitteln unterst\u00fctzt worden.<\/p>\n<p>Ein Teil des Geldes war f\u00fcr die Impfallianz GAVI (Global Alliance for Vaccines and Immunisation) gedacht, die gem\u00e4\u00df der Pull-Strategie mit dem Ausarbeiten von Vorvertr\u00e4gen \u00fcber die Abnahme gro\u00dfer Impfstoffmengen eine Absatzgarantie intendiert. Weitere Mittel sind \u00fcber das Bundesforschungsministerium geflossen. (Wildermuth 2021)<\/p>\n<p>Eine durch die Push-and-pull-Strategie erzeugte Winwin-Situation, wie Athey et al. sie beschrieben haben, hat sich \u2013 bisher jedenfalls \u2013 trotzdem nicht abgezeichnet.<\/p>\n<p>Fratzscher (2021) sieht den Hauptfehler des deutschen Impf-Desasters \u201ein einer v\u00f6llig verqueren \u00f6ffentlichen Fehlerkultur\u201c. Was soll das sein? Zuallererst pl\u00e4diert der Autor f\u00fcr Versachlichung in der Diskussion, ein Anliegen, das zweifellos berechtigt ist. Dies darf aber nicht bedeuten, dass die Politik vor der Kritik der Fehler, von denen Fratzscher konzediert, dass sie passiert sind, gefeit ist. Sicher ist es besonders f\u00fcr die wissenschaftliche Analyse auch wichtig, auf der Metaebene dar\u00fcber zu sprechen, wie ein Sachverhalt diskutiert wird, aber der Sachverhalt als solcher darf dadurch nicht in den Hintergrund r\u00fccken. Es n\u00fctzt jenseits von Beschwichtigungsformeln also nicht viel, wenn betont wird, dass Politik und Wirtschaft in der Coronakrise vieles richtig gemacht h\u00e4tten (ebd.), denn das wird nicht bezweifelt, auch nicht, dass Politiker keine Hellseher sind. Wenn Fratzscher allerdings ermahnt, dass der Umgangston der Diskussion nicht dazu f\u00fchren d\u00fcrfe, dass Politiker aus lauter Angst davor, Fehler zu machen, gar nicht mehr handeln, dann wird nicht nur ein merkw\u00fcrdiges Politikerbild gezeichnet, sondern dar\u00fcber hinaus der Schwarze Peter den Diskutierenden zugeschoben.<\/p>\n<p>Fratzscher selbst will sich einer Fehleranalyse jedoch nicht entziehen und nutzt daf\u00fcr den oben vorgestellten Push-and-pull-Ansatz und kommt zu folgenden Ergebnissen. <\/p>\n<p>Hinsichtlich des PullFaktors sei die Strategie Deutschlands und Europas erfolgreich gewesen, vor allem durch die massive F\u00f6rderung der Impfstoffforschung. Ganz bewusst habe sie eine Strategie verfolgt, bei der die Risikostreuung hoch war, weil niemand wissen konnte, welche der Kandidaten erfolgreich sein w\u00fcrden. Auch die Bestellung in \u00dcberdimensionen (2 Milliarden Dosen bei 450 Millionen Menschen) sei richtig gewesen.<\/p>\n<p>Als falsch wird dagegen die sp\u00e4te Bestellung zwar einger\u00e4umt, aber zugleich wieder relativiert, weil der Unmut der Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber der Politik, eventuell auf die falschen Entwickler gesetzt zu haben, einkalkuliert werden m\u00fcsse. Und so kommt Fratzscher zu dem Resultat, dass der zentrale Fehler der Politik die Vernachl\u00e4ssigung des Push-Faktors gewesen sei, indem sie die Erh\u00f6hung der Produktionskapazit\u00e4ten nicht ernsthaft genug betrieben habe. Dazu h\u00e4tte sie den gr\u00f6\u00dften Teil der Kosten \u00fcbernehmen sollen, was sie aber nicht getan und stattdessen zu sehr auf die Pharmakonzerne vertraut habe. <\/p>\n<p>Einen R\u00fcffel verdienen nach Fratzscher auch jene, die seiner Meinung nach zu stark auf den PullFaktor gesetzt h\u00e4tten:<\/p>\n<p>&#8222;Viele Kritiker behaupten, eine h\u00f6here Bestellung (also der PullFaktor) allein h\u00e4tte ausgereicht, um die Unternehmen dazu zu bringen, ihre Kapazit\u00e4ten auszuweiten. Das ist ein fataler Fehler, denn es verkennt, wie M\u00e4rkte und Unternehmen funktionieren. Die Firmen haben finanziell einen relativ geringen Anreiz, Impfstoffe fr\u00fcher zu produzieren, wenn sie bereits einen Vertrag f\u00fcr eine fixe Anzahl von Dosen haben. Denn ein Aufbau von Produktionskapazit\u00e4ten ist extrem teuer.&#8220; (Ebd.)<\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass Fratzscher nicht n\u00e4her ausf\u00fchrt, wer denn behauptet, dass allein der Pull-Faktor ausgereicht h\u00e4tte, kann man wohl kaum ernsthaft die Meinung vertreten, dass die praktizierte Strategie des Abwartens und Feilschens erfolgreich war. Dass mit Produktionsengp\u00e4ssen auf Grund weltweit hoher Nachfrage zu rechnen ist, d\u00fcrfte jedem bekannt gewesen sein, der sich nur einigerma\u00dfen mit der Materie vertraut gemacht hat. Bekannt war auch die Bereitschaft der Unternehmen, bei ausreichenden Garantien und rechtzeitiger Bestellung in eine Vorabproduktion zu gehen, die zu erwartende Engp\u00e4sse zumindest \u00fcberbr\u00fcckt h\u00e4tte. In der Tat war es Europas \u201efataler Geiz\u201c (Kaiser 2021), der sich bei dem Bedienen des Pull-Faktors ins Abseits man\u00f6vriert hat.<\/p>\n<p>Da Fratzscher in der Zurechtweisung der Kritiker auf \u00f6konomischen Sachverstand abhebt, muss er sich unabh\u00e4ngig von der entstandenen Situation fragen lassen, wo der generelle Anreiz f\u00fcr ein Unternehmen denn liegen sollte, ohne vertragsm\u00e4\u00dfig abgesicherte Bestellungen massenhaft Impfstoff zu produzieren, selbst wenn es die entsprechenden Produktionskapazit\u00e4ten h\u00e4tte. Das Risiko einer eventuellen, in Unkenntnis der Produktionspl\u00e4ne der Konkurrenten vorstellbaren \u00dcberproduktion einzugehen, sind wohl die wenigsten bereit. Dass das Fenster der momentanen \u00dcbernachfrage nach Impfstoff sich bald schlie\u00dft, ist aus epidemiologischer Perspektive zwar mehr als w\u00fcnschenswert, aber aus unternehmerischer Perspektive w\u00e4re ein nicht kostendeckend absetzbares \u00dcberangebot der Vorbote einer \u00f6konomischen Krisensituation.<\/p>\n<p>Unternehmen wie AstraZeneca, Biontech etc. investieren, wenn sie eine Nachfrage f\u00fcr ihre Produkte erwarten, die ihre vorhandenen Kapazit\u00e4ten \u00fcbersteigen. Im Fall eines dringend ben\u00f6tigten Impfstoffes gegen COVID19 scheint diese Nachfrage \u2013 abstrakt gesehen \u2013 gesichert zu sein. Jedoch h\u00e4ngt die M\u00f6glichkeit eines Vertriebes von den nationalen und \u00fcbernationalen Zulassungsbeh\u00f6rden ab. Dass unter diesen Bedingungen Unternehmen das Risiko einer existenzgef\u00e4hrdenden Investition nicht auf sich nehmen wollen, ist nachvollziehbar. Die Staaten sind auf dieses Problem durchaus eingegangen, indem sie durch Kreditvergabe, Forschungsf\u00f6rderung und Kauf noch nicht zugelassener Impfdosen den Unternehmen sowohl Investitionen als auch Vorabproduktionen erm\u00f6glicht haben. Im Gegensatz zu Fratzschers \u201efatalem Fehler\u201c, dass Investitionen im Fall von zugesicherten Bestellungen nicht zu erwarten gewesen seien, haben viele Unternehmen genau dies getan. Insofern ist seine Kritik an mangelhafter Investitionsf\u00f6rderung faktisch gegenstandslos. Im Fall von Biontech kam der Vertrag mit der EU erst im November zustande, Investitionen zur Erweiterung der Produktion wurden im Dezember in Angriff genommen. Wie konnte man erwarten, dass zu diesem Zeitpunkt schon gr\u00f6\u00dfere Mengen zur Verf\u00fcgung stehen sollten? <\/p>\n<p><strong>Der Fall AstraZeneca<\/strong><\/p>\n<p>Etwas anders liegen die Dinge bei AstraZeneca. Zwar haben auch hier die Briten und die USA ihre Vertr\u00e4ge \u00fcber 100 Mio. bzw. 300 Mio. Dosen schon Monate vor den Europ\u00e4ern in der Tasche gehabt. (Wildermuth 2020) Doch immerhin stammt auch deren Vertrag mit AstraZeneca vom Sommer 2020. Laut Pressemitteilung der Europ\u00e4ischen Kommission wurde am 27. August auf Initiative von Deutschland, Italien, Frankreich und den Niederlanden, den L\u00e4ndern der \u201einklusiven Impfallianz\u201c, ein Vertrag \u00fcber 300 Mio. Dosen mit einer Option auf weitere 100 Mio. Dosen geschlossen. Davon sollten nach Aussagen der EU 80 Mio. im ersten Quartal 2021 geliefert werden, wof\u00fcr Vorauszahlungen im dreistelligen Millionenbereich vereinbart worden seien. (Finke 2021)<\/p>\n<p>Auch in diesem Fall wurde in Erwartung einer sp\u00e4teren Zulassung des Impfstoffes vorab produziert, aber diese Mengen wurden nicht f\u00fcr die EU in Reserve gehalten, sondern nach Gro\u00dfbritannien geliefert, da ja \u2013 so der vermutliche rationale Grund \u2013 in der EU keine Zulassung vorlag. Dieses Vorgehen des Unternehmens basiert angeblich auf einer (geheim gehaltenen) vertraglichen Vereinbarung zwischen AstraZeneca und der britischen Regierung. (Bonse 31.01.2021) <\/p>\n<p>Folglich sieht sich die Firma im Januar 2021 nicht in der Lage, ihre gro\u00dfspurige Ank\u00fcndigung (AstraZeneca 17.08.2020) zu realisieren und will stattdessen im ersten Quartal nur 31 Mio. Dosen an die Europ\u00e4er liefern. Zugleich wird durch Vorstandschef  Pascal Soriot behauptet, dass es sich im Vertrag mit der EU angesichts des \u201eehrgeizigen Zeitplans\u201c gar nicht um ein Lieferversprechen fester Mengen, sondern nur um \u201ebest effort\u201c handele. (Finke 2021) <\/p>\n<p>Da Gro\u00dfbritannien anscheinend jedoch nicht von den Lieferschwierigkeiten betroffen ist (Wildermuth et al. 2021), besteht hier der einzig sichtbare \u00f6konomische Unterschied im Preis. AstraZeneca macht (angeblich) durch die Lieferung an die EU keinen Profit. Die Firmenleitung hat heftig dementiert, dass Impfstoff aus der EU zu lukrativeren Kunden exportiert worden sei. \u00dcberhaupt mache man nirgendwo Gewinn, das sei so im Vertrag mit den Forschern aus Oxford vereinbart worden. (Finke 2021)<\/p>\n<p>Die Vermutung, dass Staaten, die einen h\u00f6heren Preis als die EU bieten, bevorzugt werden, ist dennoch nicht ausger\u00e4umt. Der w\u00e4hrend des eskalierenden Streits zwischen der EU und AstraZeneca am Mittag des 29. Januar 2021 ver\u00f6ffentlichte Vertrag tr\u00e4gt zur Aufkl\u00e4rung vorerst nicht viel bei, die entsprechenden Stellen des 34 Seiten (ohne Anhang) umfassenden Papiers sind geschw\u00e4rzt. Offenbar sollten weder die bestellten Mengen noch der vereinbarte Preis einschlie\u00dflich der Vorauszahlungen transparent gemacht werden.<\/p>\n<p>Aufgrund einer Panne konnte man in einer zun\u00e4chst ver\u00f6ffentlichten, dann rasch zur\u00fcckgenommenen Version einige der geschw\u00e4rzten Stellen per PDF-Reader doch lesen: Laut Focus.de vom 29.1.2021 sind darin auch Informationen enthalten, die bisher kaum bekannt waren. Der geplante Warenwert zur Herstellung des Impfstoffs liege bei rund 870 Mio. EUR. Sollten bei der Lieferung diese Kosten \u00fcberstiegen werden, d\u00fcrfe AstraZeneca kein Verlust entstehen. Der Konzern habe sich verpflichtet, Vertr\u00e4ge mit anderen Unternehmen zu schlie\u00dfen, wenn die vertraglich vereinbarten Liefermengen nicht eingehalten werden k\u00f6nnten. Eine Preissteigerung von \u00fcber 20 % m\u00fcsse \u00fcberpr\u00fcfbar gemacht werden. Die EU habe sich verpflichtet, 336 Mio. EUR zu zahlen, von denen zwei Drittel bereits im August \u00fcberwiesen wurden. Die Restsumme muss gezahlt werden, sobald AstraZeneca die Verwendung der ersten Rate nachgewiesen hat. Eine verbindliche Bestellung der Mitgliedstaaten musste seitens der EU 30 Tage nach Inkrafttreten des Vertrages nachgewiesen werden.<\/p>\n<p>Auch ohne Schw\u00e4rzungen zu entziffern, geht aus dem ver\u00f6ffentlichten Vertrag hervor, dass die \u201ebest reasonable efforts\u201c verankert sind, eine Formulierung, die AstraZeneca im Streit auch bem\u00fcht hatte. Nicht sichtbar ist dagegen auch nach der Ver\u00f6ffentlichung, wie eventuell vereinbarte terminliche Lieferverpflichtungen aussehen und ob sie \u00fcberhaupt vorkommen. (Reitz 2021) Von Seiten der EU wird dagegen von einem \u201eglasklaren Vertrag\u201c gesprochen. Spielraum f\u00fcr Interpretationen scheint also nach wie vor zu bleiben. (MM 29.01.2021) <\/p>\n<p>Aus juristischer Sicht ist die Position der EU gegen\u00fcber AstraZeneca sogar als die schlechtere beurteilt worden. Alexander Ehlers \u00e4u\u00dferte sich diesbez\u00fcglich am 29.01.2021 im Interview gegen\u00fcber tagesschau.de: <\/p>\n<p>\u201eEs steht die bestellte Menge drin: 300 Millionen plus 100 Millionen und die erste Teillieferung im ersten Quartal 2021. Aber immer unter der Bedingung \u2013 und das ist der entscheidende Punkt \u2013 \u201enach bestem Bem\u00fchen\u201c. Also wir haben es hier nicht mit einem Vertrag zu tun, in dem AstraZeneca sagt: Wir liefern 80 Millionen in der gegebenen Qualit\u00e4t sp\u00e4testens zum 31. M\u00e4rz. Wir haben den gesamten Vertrag gescannt, da findet sich so etwas nicht.\u201c<\/p>\n<p>Der Impfstoff von AstraZeneca ist am 29. Januar von der Europ\u00e4ischen Arzneimittelkommission (EMA) zur Zulassung empfohlen und noch am gleichen Tag durch die Europ\u00e4ische Kommission zugelassen worden. Was bedeutet das f\u00fcr das Impfprogramm? <\/p>\n<p>AstraZeneca hat sich um ein Einlenken im Streit bem\u00fcht, und zugesichert, kurzfristig die erste Charge zu liefern. Ob diese in H\u00f6he der von Spahn angek\u00fcndigten drei Mio. Dosen f\u00fcr Deutschland ausf\u00e4llt, bleibt abzuwarten. Da BiontecPfizer und inzwischen auch Moderna ebenfalls Lieferengp\u00e4sse angek\u00fcndigt haben, ist der Zeitplan der deutschen Impfkampagne zus\u00e4tzlich zu den organisatorischen Schwierigkeiten in den einzelnen Bundesl\u00e4ndern mehr als in Verzug.<\/p>\n<p>Als Instrument zur besseren Nachverfolgung der in Europa produzierten Mengen will die Kommission kurzfristig ein Transparenzregister einf\u00fchren, dass die Hersteller verpflichtet anzuzeigen, was und wieviel sie in Drittstaaten exportieren. Auch von einer Genehmigungspflicht der Exporte ist die Rede. (Riedel 2021) Ein von Bundesgesundheitsminister Spahn in die Debatte eingebrachtes Exportverbot (Drewes 2021) ist dagegen vorerst nicht vorgesehen. Das \u201esch\u00e4rfste Schwert der Au\u00dfenwirtschaftspolitik\u201c wird nicht gez\u00fcckt, zumal es wohl auch nur ein Ablenkungsman\u00f6ver von dem \u201eblame game\u201c des Impf-Desasters in Deutschland und Europa w\u00e4re. (Reccius 2021)<\/p>\n<p><strong>Verweise<\/strong><\/p>\n<p>1) Quaas, Friedrun; Quaas, Georg (2021): Corona \u2013 Der unsichtbare Feind. Wie Wissenschaft und Gesellschaft reagieren, Marburg.<\/p>\n<p>2) Biontech-Pfizer bietet den Impfstoff in drei verschiedenen Preisklassen an. (Mana-ger Magazin 13.11.2020) Unterschieden wird dabei zwischen zahlungskr\u00e4ftigen L\u00e4n\u00acdern, L\u00e4ndern mit mittlerem Einkommen und L\u00e4ndern mit geringen finanziellen Mit\u00acteln \u2013 diese sollen den Impfstoff deutlich g\u00fcnstiger bekommen als Industriel\u00e4n\u00acder. F\u00fcr die erste Charge lag der Preis f\u00fcr Industriel\u00e4nder bei<br \/>\n19,50 US-Dollar, also 39 US-Dollar f\u00fcr einen Patienten, da zweimal geimpft werden muss. Moderna hatte bereits im Sommer erkl\u00e4rt, dass es im Preis \u00fcber den von den USA avisierten rund 20 Dollar je Dosis liegen w\u00fcrde. Die bis August schon abgeschlossenen Lieferver\u00aceinbarungen (z.B. mit der Schweiz) liegen zwischen 32 und 37 Dollar je Dosis. Das bezeichnete das Unternehmen als \u201ePreis weit unter dem Wert\u201c. (MM 05.08.2020)<\/p>\n<p>3) Die USA haben mit Biontech-Pfizer im Juli einen Vertrag \u00fcber 100 Millionen Dosen (mit einer Option auf weitere 500 Mio.) abgeschlossen, durch den der Preis von 19,50 Dollar pro Dosis Impfstoff (etwa 16,50 EUR) als \u201eBenchmark\u201c gesetzt wurde, d.h., die Unternehmen wollten nicht darunter verkaufen. Eine Dosis von AstraZeneca soll dagegen nur rund 2,50 Dollar kosten, daf\u00fcr haftet AstraZeneca aber auch nur sehr begrenzt, wenn durch die Impfung Komplikationen auftreten sollten. (MM 13.11.2020)<\/p>\n<p>4) Nach Lau et al. 15,50 Euro.<\/p>\n<p>5) Die Information bezieht sich vermutlich auf eine inzwischen wieder gel\u00f6schte Twitter-Nachricht, von der es aber einen Screenshot gibt. \u201eSpitzenreiter auf dieser Preisliste ist Moderna mit 18 US-Dollar, gefolgt von Biontech-Pfizer mit 12 Euro und Curevac mit 10 Euro. Zudem sind Preise von Sanofi-GSK (7,56 Euro), Johnson &#038; Johnson (8,50 US-Dollar) und AstraZeneca (1,78 Euro) genannt. Ein US-Dollar kostet derzeit etwa 0,82 Euro (Interbankenkurs vom 21.12.2020).\u201c (transkript.de)<\/p>\n<p>6) Welche Mengen Deutschland tats\u00e4chlich bestellt hat, ist nicht ganz eindeutig. Der Business Insider ver\u00f6ffentlichte eine \u00dcbersicht mit Impfstoff-Kontingenten, die sich Deutschland gesichert haben soll. \u201eVon AstraZeneca knapp 56,3 Millionen, John\u00acson &#038; Johnson knapp 37,3 Millionen und Biontech-Pfizer knapp 39 Millionen&#8230; Angepeilt seien \u2026 von Moderna mindestens 15 Millionen, von Sanofi-GSK min\u00acdestens 56 Millionen und von Curevac mindestens 42 Millionen Dosen\u2026 Hinzu k\u00e4men national bestellte Kontingente.\u201c (transkript.de)<\/p>\n<p><strong>Quellen<\/strong><\/p>\n<p>AstraZeneca 17.08.2020: \u201eDas erste Abkommen der Europ\u00e4ischen Kommission \u00fcber den COVID19Impfstoff erm\u00f6glicht allen EUMitgliedsstaaten den Zugang zum Impfstoff w\u00e4hrend der Pandemie zum Selbstkostenpreis\u201c.<br \/>\nAthey, Susan; Kremer, Michael; Snyder, Christopher; Tabarrok, Alex (2020): In the Race for a Coronavirus Vaccine, We Must Go Big. Really, Really Big, The New York Times vom 4. Mai 2020.<br \/>\nBonse, Eric 31.01.2021 in der Sendung \u201eInternationaler Fr\u00fchschoppen\u201c von Ph\u00f6nix.<br \/>\nBrinkmann, Viola in der Sendung \u201eAnne Will\u201c der ARD 10.01.2021.<br \/>\nCable News Network (CNN) 14.01.2021.<br \/>\nDrewes, Delef (2021): Streit um CoronaVakzine: EU plant Transparenzregister \u2013 und Exportverbot, \u00c4rzteZeitung vom 26.01.2021.<br \/>\nEU-Kommission, Pressemitteilung vom 27.08.2020: Corona-Impfstoff: Kommission unterzeichnet Vertrag mit AstraZeneca.<br \/>\nFAZ 02.01.2021: Wie schafft Israel das rasante Tempo beim Impfen?<br \/>\nFinke, Bj\u00f6rn (2021): Streit um Corona-Impfstoff eskaliert, S\u00fcddeutsche Zeitung (SZ.de) vom 27.01.2021.<br \/>\nFocus.de vom 29.01.2021: Geschw\u00e4rzte Passagen: Das steht im EUVertrag mit AstraZeneca<br \/>\nFratzscher, Marcel (2021): Das Impfdesaster, an dem wir alle Mitschuld tragen. Spiegel, Wirtschaft vom 06.01.2021.<br \/>\n\u201eHart aber fair\u201c, Sendung der ARD 04.01.2021.<br \/>\nKaiser, Stefan (2021): Europas fataler Geiz, Spiegel online vom 03.01.2021.<br \/>\nKremer, Michael; Snyder, Jonathan D.; Snyder, Christopher M. (2020): Advance Market Commitments: Insights from Theory and Experience, National Bureau of Economic Research (NBER), Workingpaper 26775.<br \/>\nLauterbach, Karl in \u201eHaF\u201c.<br \/>\nMalcher, Ingo in der Sendung \u201eKontraste\u201c.<br \/>\n\u201eKontraste\u201c, Sendung der ARD 14.01.2021.<br \/>\nManager Magazin (MM) 05.08.2020: Impfstoff-Disruptor Bancel verspricht \u201ePreis unter Wert\u201c.<br \/>\nMM 10.11.2020: Biontech kann auf fast zehn Milliarden Euro hoffen.<br \/>\nMM 13.11.2020: Biontech und Pfizer liefern Impfstoff in drei Preisklassen aus.<br \/>\nMM 29.01.2021: Aussage gegen Aussage \u2013 und das steht im Vertrag.<br \/>\nM\u00fcllerVogg, Hugo (2021): Impf-Desaster: Ein Satz in der Beschlussvorlage wird f\u00fcr Regierung zum Offenbarungseid, Focus-Online vom 21.01.2021.<br \/>\nPetersen, Lars (2021): Diese internen Listen zeigen, wie viel Impfstoff in Deutschland in den n\u00e4chsten Wochen in Eurem Bundesland ankommt, Business Insider vom 13.01.2021.<br \/>\nLau, Mariam; Ingo Malcher; Mark Schieritz (2021): DIE ZEIT Nr. 3 vom 14.01.2021, S.9.<br \/>\nLiese, Peter (2021): \u201eAstraZeneca ist vertragsbr\u00fcchig!\u201c heute-Journal vom 25.01.2021.<br \/>\nReccius, Stefan (2021): Und wieder schnappt die Falle zu, Kommentar zum Kampf um die Impfstoffe, B\u00f6rsenzeitung vom 27.01.2021.<br \/>\nReitz, Ulrich (2021): Der geheime Impfvertrag: Ein Satz zeigt, wo Br\u00fcssel im AstraZenecaStreit falsch liegt, Focus online vom 30.01.2021.<br \/>\nRiedel, Donata (2021): Impfstoff-Lieferkontrolle: Die EU begibt sich auf d\u00fcnnes Eis, Handelsblatt online vom 27.01.2021.<br \/>\nRohrer, Benjamin (2021: Massive Lieferengp\u00e4sse beim Biontech.Pfizer.Impfstoff erwartet, in: Pharmazeutische Zeitung (PZ) vom 15.01.2021<br \/>\nSchulz, Bettina (2021): Die beste Werbung f\u00fcr den Brexit, Zeit-online vom 27.01.2021.<br \/>\nSchwennicke, Christoph (2021): Knapper Impfstoff ist ein doppeltes Desaster, Kommentar in NDR-Nachrichten vom 10.01.2021.<br \/>\nSpahn, Jens 13.01.2021: Rede im deutschen Bundestag.<br \/>\ntagesschau.de 28.12.2020: Wer, wann und wo \u2013 alles zum Impfen.<br \/>\ntagesschau.de 29.01.2021: Die EU ist in der schw\u00e4cheren Position.<br \/>\ntranskript.de 21.12.2020: Politikerin leakt Preise f\u00fcr Impfstoffe in der EU.<br \/>\nTrappe, Thomas (2012): Doch keine feste Zusage f\u00fcr 30 Millionen zus\u00e4tzliche Biontech-Impfdosen. Der Tagesspiegel 22.01.2021.<br \/>\nWildermuth, Volkart (2020): Wie kann ein COVID-19-Impfstoff gerecht verteilt werden? Deutschlandfunk vom 04.06.2020.<br \/>\nWildermuth, Volkart et al. (2021): Corona-Impfstoffe in der \u00dcbersicht, Deutschlandfunk vom 29.01.2021.<br \/>\nWissing, Volker in \u201eHaF\u201c vom 04.01.2021.<br \/>\nZipp, Frauke 03.01.2021, auf SWR 1, RLP.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Friedrun Quaas \/ Georg Quaas Ein knappes Jahr nach dem Beginn der Corona-Pandemie und ein halbes Jahr nach den ersten erfolgreichen Tests eines Gegenmittels stellt sich heraus,<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23,4],"tags":[24,25,26],"class_list":["post-565","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-covid-19","category-recherche","tag-corona","tag-impf-desaster","tag-push-and-pull-ansatz"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/565","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=565"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/565\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":570,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/565\/revisions\/570"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=565"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=565"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=565"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}