{"id":527,"date":"2021-01-27T09:05:07","date_gmt":"2021-01-27T08:05:07","guid":{"rendered":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=527"},"modified":"2021-01-27T09:06:36","modified_gmt":"2021-01-27T08:06:36","slug":"das-deutsche-impf-desaster-eine-erste-recherche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=527","title":{"rendered":"Das deutsche Impf-Desaster &#8211; eine erste Recherche"},"content":{"rendered":"<p>Friedrun &#038; Georg Quaas, 20.01.2021<\/p>\n<p>F\u00fcr bekennende Europ\u00e4erinnen und Europ\u00e4er ist es eine Frage der Solidarit\u00e4t, das national ben\u00f6tigte Impfkontingent gemeinsam mit den anderen EU-L\u00e4ndern zu bestellen. Die Rahmenbedingungen werden dabei konsensual festgelegt. So hatten osteurop\u00e4ische Sparf\u00fcchse Probleme mit dem Preis<sup>1<\/sup> <!--more--> und dar\u00fcber hinaus mit der notwendigen K\u00fchlung des Impfstoffes von Biontech-Pfizer. Nationale wirtschaftspolitische Interessen sollen den Ausschlag gegeben haben, bei einem bislang noch nicht erfolgreichen franz\u00f6sischen Unternehmen 300 Mio. Impfdosen zu bestellen. Nach Aussagen des Gesundheitspolitikers Karl Lauterbach waren die Verhandlungen der EU durch die Tatsache belastet, dass f\u00fcr die Vorvertr\u00e4ge lediglich eine Summe von 2 Mrd. Euro zur Verf\u00fcgung stand. \u201eTrump hat zum gleichen Zeitpunkt 12 Mrd. Dollar eingesetzt\u201c, so Lauterbach in \u201eHart aber fair\u201c (im Weiteren: HaF).<sup>2<\/sup>  <\/p>\n<p>Dass der Preis beim Bestellen sehr gro\u00dfer Mengen durch die \u00f6ffentliche Hand eine gewichtige Rolle spielt, steht au\u00dfer Frage. Die Verhandlerinnen der Europ\u00e4ischen Union haben das im Juni 2020 erfolgende Angebot von Biontech \u00fcber 500 Mio. Dosen ausgeschlagen (Malcher 14.01.2021) und im Laufe von 4 Monaten durch Abwarten und Verhandeln den Preis gedr\u00fcckt. Offiziell gibt es keine Auskunft \u00fcber dessen H\u00f6he. Ein ranghoher EU-Beamter habe gegen\u00fcber der Nachrichtenagentur Reuters durchsickern lassen, man zahle weniger als die USA. Der Deal spiegele teilweise die finanzielle Unterst\u00fctzung der EU (Kredit \u00fcber 300 Mio. Euro) und Deutschlands (Investitionszuschuss \u00fcber 375 Mio. Euro, Lau et al. 14.01.2021) f\u00fcr die Entwicklung des Impfstoffs wider. Allerdings liege er deutlich \u00fcber der 10-Euro-Marke. (Manager Magazin 13.11.2020, im Folgenden MM) Berichtet wird von einer belgischen Staatssekret\u00e4rin, die \u00f6ffentlich gemacht habe, dass eine Dosis des Vakzins von Biontech-Pfizer 12 Euro koste,<sup>3<\/sup> das Mittel von AstraZeneca nur 1,78 Euro. (tagesschau.de 28.12.2020)<sup>4<\/sup>  <\/p>\n<p>Die EU hat sich am 11.11.2020 bis zu 300 Millionen Dosen gesichert, wovon Deutschland anteilig rund 56 Millionen Dosen zustehen, ausreichend f\u00fcr 28 Millionen Menschen. Biontech-Pfizer will 2021 weltweit bis zu 2 Mrd. Dosen Impfstoff ausliefern, davon 1,3 an die EU. Ein Gro\u00dfteil davon ist durch die bisher abgeschlossenen Abkommen mit verschiedenen Staaten ausgebucht. (MM 13.11.2020) Nach Aussagen des FDP-Politikers Volker Wissing (HaF) bestand f\u00fcr Deutschland die M\u00f6glichkeit, neben der EU eine eigene Bestellung abzugeben, ohne das EU-Kontingent zu schm\u00e4lern. Es wird vermutet, dass die Bundesregierung aufgrund einer umstrittenen bilateralen Vereinbarung mit Biontech \u00fcber zus\u00e4tzlich 30 Mio. mit 90 bis 100 Mio. Impfdosen rechnet. (MM 13.11.2020)<sup>5<\/sup> <\/p>\n<p>Bestellung ist zumeist mit Vorkasse verbunden. Auch wenn der Impfstoff gar nicht zugelassen wird, muss er bezahlt werden (Lauterbach in HaF). Fr\u00fchzeitiges Bestellen bei Firmen, die schon im 3. Quartal 2020 die ersten Testphasen durchlaufen hatten (nach Frauke Zipp: Biontech, CureVac, Moderna, AstraZeneca), hat es den Unternehmen erm\u00f6glicht, Impfdosen massenhaft vorzuproduzieren. Donald Trump hat bereits im Sommer massiv bei Biontech und Moderna bestellt (Kontraste 14.01.2021: 600 Mio. Dosen) und bis Mitte Januar 2021 bereits 30 Millionen Dosen erhalten (CNN 14.01.2021). \u00c4hnlich agierte Borris Johnson. Dadurch war es m\u00f6glich, dass die USA, das United Kingdom und Israel in kurzer Zeit massiv beliefert wurden \u2013 Israel trotz sp\u00e4ter Bestellung am 13.11.2020, aber aufgrund eines fast doppelt so hohen Preises. (Lau et al. a.a.O., MM 13.11.2020)<\/p>\n<p>Tagesschau.de (28.12.2020) berichtete, dass Deutschland mit Biontech-Pfizer und Moderna Vertr\u00e4ge \u00fcber die Lieferung von 136,3 Millionen Impfdosen abgeschlossen hat und diese nahezu komplett im laufenden Jahr geliefert werden sollen. Dieser vertraglich zugesicherte Impfstoff w\u00fcrde rechnerisch f\u00fcr 68,2 Millionen Menschen reichen. F\u00fcr eine Herdenimmunit\u00e4t (60-70%) w\u00fcrde das gerade gen\u00fcgen, aber die w\u00e4re nach Lieferung des letzten Impfstoffes \u2013 und das kann Ende Dezember 2021 sein \u2013 erreicht. Die EU soll bis zum September 2021 zwei Drittel (200 Millionen) geliefert bekommen. Dazu kommen sukzessive 160 Mio. bei Moderna bestellte Dosen (Lauterbach in HaF). F\u00fcr diese Bestellungen h\u00e4ngt die Lieferung von den Produktionskapazit\u00e4ten ab. Sie erfolgt nicht nur viel sp\u00e4ter als in den genannten drei L\u00e4ndern, sondern angesichts der rund 450 Millionen Menschen in den EU-Staaten auch in zu geringer Menge. Zwar gibt es Hoffnung darauf, dass die Zulassungen der Vakzine von AstraZeneca, Curevac, Sanofi-GSK und Johnson &#038; Johnson, bei denen die EU weitere 400 Millionen bestellt hat, bald erfolgen wird, aber sicher ist das nicht.<\/p>\n<p>Am 13.01.2021 ver\u00f6ffentlicht Lars Petersen im Business Insider eine \u00dcbersicht \u00fcber die in Deutschland zu erwartenden Lieferungen von Moderna und Biontech bis zur 8. Kalenderwoche. Das Ergebnis ist ern\u00fcchternd: Es handelt sich bis Ende Februar um 6,4 Millionen Dosen f\u00fcr rund 8,6 Impfberechtigte allein in der obersten Priorit\u00e4tengruppe. Selbst diese Zahlen d\u00fcrften durch Lieferschwierigkeiten (PZ 15.01.2021) obsolet geworden sein.<\/p>\n<p>Jens Spahn behauptete am 13.01.2021 im deutschen Bundestag, die zu geringen Liefermengen seien durch die Produktionskapazit\u00e4ten und nicht durch die Bestellung verursacht. Angesichts dessen, dass in den USA ganze Kolonnen von Lastwagen den Impfstoff verteilen und im Land der Entwickler nur ab und zu mal ein kleinerer Lieferwagen ankommt, ist diese Behauptung nicht sehr glaubhaft. Fr\u00fchzeitige Bestellung h\u00e4tte die Produktionsl\u00e4nge erweitert und mehr Impfstoff h\u00e4tte nach Zulassung geliefert werden k\u00f6nnen. Ein h\u00f6herer Preis h\u00e4tte zu einer anderen Verteilung gef\u00fchrt. Die kolportierte urspr\u00fcngliche Vorstellung des Gesundheitsministers, dass der in Deutschland entwickelte Impfstoff auch zuerst in Deutschland angeboten werden m\u00fcsse, stie\u00df angeblich nicht auf die Zustimmung der Kanzlerin. Angela Merkel sprach in Anlehnung an Uno-Generalsekret\u00e4r Ant\u00f3nio Guterres schon im Sommer davon, dass der Impfstoff ein \u201eglobales \u00f6ffentliches Gut\u201c werden m\u00fcsse. Auch die WHO mahne, \u201eImpfstoffnationalismus\u201c zu vermeiden, um den Erfolg bei der Bek\u00e4mpfung der Pandemie nicht zu gef\u00e4hrden. (MM 13.11.2020)<\/p>\n<p>Angesichts eines mehrere hundert Milliarden Euro umfassenden Corona-Hilfsprogramms der EU darf man fragen, warum geknausert und gefeilscht worden ist, wenn es um die Gesundheit und das Leben der Bev\u00f6lkerung geht. Man h\u00e4tte richtig Geld in die Hand nehmen und im Sommer 2020 bei mehreren Firmen je 500 Mio. Dosen (je 2 f\u00fcr 60 Prozent der Bev\u00f6lkerung) bestellen m\u00fcssen. Bei einem Preis von 23 EUR, den Israel gezahlt hat (FAZ vom 02.01.2021), sind das 11,5 Milliarden je Firma. Wenn man bei den 3 oder 4 Favoriten bestellt h\u00e4tte, also weniger als 50 Mrd. Euro. W\u00e4re das Geldverschwendung gewesen? Wenn man bedenkt, dass allein die deutsche Regierung 2020 mehr als 200 Mrd. Euro an St\u00fctzungsma\u00dfnahmen ausgegeben hat \u2013 eine Lappalie. Tausende Menschenleben h\u00e4tten gerettet werden k\u00f6nnen. Der wirtschaftliche und kulturelle Schaden w\u00e4re wesentlich geringer gewesen. Die eventuell \u00fcberfl\u00fcssigen Impfdosen h\u00e4tte man an bed\u00fcrftige L\u00e4nder verschenken k\u00f6nnen. (Brinkmann 10.01.2021)<\/p>\n<p>Quellen<\/p>\n<p>Brinkmann, Viola in der Sendung \u201eAnne Will\u201c der ARD 10.01.2021.<br \/>\nCable News Network 14.01.2021.<br \/>\nFAZ 02.01.2021: Wie schafft Israel das rasante Tempo beim Impfen?<br \/>\n\u201eHart aber fair\u201c, Sendung der ARD 04.01.2021.<br \/>\nLauterbach, Karl in \u201eHaF\u201c.<br \/>\nMalcher, Ingo in der Sendung \u201eKontraste\u201c.<br \/>\n\u201eKontraste\u201c, Sendung der ARD 14.01.2021.<br \/>\nManager Magazin (MM) 05.08.2020: Impfstoff-Disruptor Bancel verspricht &#8222;Preis unter Wert&#8220;.<br \/>\nMM 10.11.2020: Biontech kann auf fast zehn Milliarden Euro hoffen.<br \/>\nMM 13.11.2020: Biontech und Pfizer liefern Impfstoff in drei Preisklassen aus.<br \/>\nPetersen, Lars: Diese internen Listen zeigen, wie viel Impfstoff in Deutschland in den n\u00e4chsten Wochen in Eurem Bundesland ankommt, Business Insider 13.01.2021.<br \/>\nLau, Mariam; Ingo Malcher, Mark Schieritz 14.01.2021, DIE ZEIT Nr. 3, S. 9.<br \/>\nPharmazeutische Zeitung (PZ) 15.01.2021: Massive Lieferengp\u00e4sse beim Biontech\/Pfizer-Impfstoff erwartet.<br \/>\nSpahn, Jens 13.01.2021: Rede im deutschen Bundestag.<br \/>\ntagesschau.de 28.12.2020: Wer, wann und wo &#8211; alles zum Impfen.<br \/>\ntranskript.de 21.12.2020: Politikerin leakt Preise f\u00fcr Impfstoffe in der EU.<br \/>\nWissing, Volker in \u201eHaF\u201c.<br \/>\nZipp, Frauke 03.01.2021, auf SWR 1, RLP. <\/p>\n<p>1)  Biontech-Pfizer bietet den Impfstoff in drei verschiedenen Preisklassen an. (Manager Magazin 13.11.2020, im Weiteren: MM) Unterschieden wird dabei zwischen zahlungskr\u00e4ftigen L\u00e4ndern, L\u00e4ndern mit mittlerem Einkommen und L\u00e4ndern mit geringen finanziellen Mitteln &#8211; diese sollen den Impfstoff deutlich g\u00fcnstiger bekommen als Industriel\u00e4nder. F\u00fcr die erste Charge lag der Preis f\u00fcr Industriel\u00e4nder bei 19,50 US-Dollar, also 39 US-Dollar f\u00fcr einen Patienten, da zweimal geimpft werden muss. Moderna hatte bereits im Sommer erkl\u00e4rt, dass es im Preis \u00fcber den von den USA avisierten rund 20 Dollar je Dosis liegen w\u00fcrde. Die bis August schon abgeschlossenen Liefervereinbarungen (z.B. mit der Schweiz) liegen zwischen 32 und 37 Dollar je Dosis. Das bezeichnete das Unternehmen als \u201ePreis weit unter dem Wert\u201c. (MM 05.08.2020)<br \/>\n2) Die USA haben mit Biontech-Pfizer im Juli einen Vertrag \u00fcber 100 Millionen Dosen (mit einer Option auf weitere 500 Mio.) abgeschlossen, durch den der Preis von 19, 50 Dollar pro Dosis Impfstoff (etwa 16,50 EUR) als \u201eBenchmark\u201c gesetzt wurde, d.h., die Unternehmen wollten nicht darunter verkaufen. Eine Dosis von AstraZeneca soll dagegen nur rund 2,50 Dollar kosten, daf\u00fcr haftet AstraZeneca aber auch nur sehr begrenzt, wenn durch die Impfung Komplikationen auftreten sollten. (MM 13.11.2020)<br \/>\n3) Nach Lau et al. 15,50 Euro.<br \/>\n4) Die Information bezieht sich vermutlich auf eine inzwischen wieder gel\u00f6schte Twitter-Nachricht, von der es aber einen Screenshot gibt. \u201eSpitzenreiter auf dieser Preisliste ist Moderna mit 18 US-Dollar, gefolgt von Biontech-Pfizer mit 12 Euro und Curevac mit 10 Euro. Zudem sind Preise von Sanofi-GSK (7,56 Euro), Johnson &#038; Johnson (8,50 US-Dollar) und AstraZeneca (1,78 Euro) genannt. Ein US-Dollar kostet derzeit etwa 0,82 Euro (Interbankenkurs vom 21.12.2020).\u201c (transkript.de)<br \/>\n5) Welche Mengen Deutschland tats\u00e4chlich bestellt hat, ist nicht ganz eindeutig. Der Business Insider ver\u00f6ffentlichte eine \u00dcbersicht mit Impfstoff-Kontingenten, die sich Deutschland gesichert haben soll. \u201eVon AstraZeneca knapp 56,3 Millionen, Johnson &#038; Johnson knapp 37,3 Millionen und Biontech-Pfizer knapp 39 Millionen&#8230; Angepeilt seien \u2026 von Moderna mindestens 15 Millionen, von Sanofi-GSK mindestens 56 Millionen und von Curevac mindestens 42 Millionen Dosen\u2026 Hinzu k\u00e4men national bestellte Kontingente.\u201c (transkript.de)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Friedrun &#038; Georg Quaas, 20.01.2021 F\u00fcr bekennende Europ\u00e4erinnen und Europ\u00e4er ist es eine Frage der Solidarit\u00e4t, das national ben\u00f6tigte Impfkontingent gemeinsam mit den anderen EU-L\u00e4ndern zu bestellen. Die Rahmenbedingungen werden dabei konsensual festgelegt. 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