{"id":508,"date":"2019-12-11T10:28:21","date_gmt":"2019-12-11T09:28:21","guid":{"rendered":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=508"},"modified":"2019-12-16T10:37:38","modified_gmt":"2019-12-16T09:37:38","slug":"carta-und-die-mmt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=508","title":{"rendered":"Carta und die MMT"},"content":{"rendered":"<p>Man sollte meinen, dass die Redaktion einer \u00fcberparteilichen, sozial-engagierten und feuilletonistischen Plattform wie Carta <!--more--> in wissenschaftlicher Hinsicht ein breites Spektrum von Standpunkten zulassen wird. In geldtheoretischen Fragen ist das nicht der Fall. In dieser Hinsicht vertraut die Redaktion ihrem Kollegen Stefan Heidenreich, der zusammen mit seinem Bruder Ralph ein Buch \u00fcber das Geld geschrieben hat. Es hei\u00dft: \u201eMehr Geld\u201c. Wer versucht, auf diesem Forum etwas zu aktuellen finanz- und geld-politischen Fragen zu publizieren, kommt an Heidenreich nicht vorbei. Doch dieser vertritt, wie unten gezeigt wird, eine besonders simplifizierte, platte Version der Modern Monetary Theory. Da hat man keine Chance, wenn man deren verhei\u00dfungsvollen, aber leider wissenschaftlich unhaltbaren Konsequenzen f\u00fcr die Sozialpolitik zur Sprache bringen m\u00f6chte.  <\/p>\n<p>Hier ein paar Kommentare zu den geldtheoretischen Thesen der Br\u00fcder Heidenreich.<\/p>\n<p>1. These: \u201eGeld gibt ein Kommando. Seine Order lautet \u201aMehr!\u2018 Denn Geld z\u00e4hlt. Z\u00e4hlen aber hat eine Richtung. Wir z\u00e4hlen nicht 0-1-0-1, sondern 1-2-3-4&#8230;. Das Z\u00e4hlen verlangt ganz von selbst nach Mehr.\u201c  <\/p>\n<p>Von einem Autor, der unter anderem Philosophie studiert hat, darf man erwarten, dass er den Unterschied zwischen einem Imperativ (\u201eKommando\u201c) und einem Sachverhalt, der einen \u00f6konomischen Wert darstellt, kennt. Dieser Unterschied wird verwischt, wenn man den Verk\u00f6rperungen oder Repr\u00e4sentanten von Wert die F\u00e4higkeit unterstellt, z\u00e4hlen zu k\u00f6nnen. Wenn Geld, wie die Br\u00fcder Heidenreich weiter schreiben, eine Zahl ist, fragt man sich: Seit wann kann eine Zahl z\u00e4hlen? Sind es nicht wir Menschen, die mit Hilfe der Zahlen andere Dinge z\u00e4hlen? Sind es nicht Menschen, die manchmal nach immer mehr Geld verlangen? Den meisten Menschen gen\u00fcgt das, was monatlich auf ihrem Konto eingeht. Einige m\u00f6chten etwas mehr haben, einfach, weil sie zu wenig haben, um \u00fcber die Runden zu kommen. Und noch andere k\u00f6nnen nie genug bekommen. Geld erm\u00f6glicht es ihnen, ihre Gier zu befriedigen. Aber dem Geld selber ist es v\u00f6llig egal, ob es noch mehr davon gibt. Im Gegenteil! Wenn Geld einen Willen h\u00e4tte, w\u00e4re es strikt gegen mehr Geld: denn dadurch verliert es an Wert.<\/p>\n<p>2. These: \u201eGeld entsteht als Schuld.\u201c<\/p>\n<p>In dieser apodiktischen Allgemeinheit ist die These falsch. Historisch gesehen entstand Geld auf die vielf\u00e4ltigsten Weisen und diente vor allem dazu, Schulden zu tilgen (Br\u00e4utigam 2015) \u2013 also das genaue Gegenteil von dem, was die Br\u00fcder Heidenreich behaupten. Geld hatte vor dem Entstehen des zweistufigen Geldsystems selber einen Wert \u2013 eben deshalb konnte man damit Schulden tilgen (Greitens 2019). Das moderne Geld \u2013 ob nun in Form von Banknoten, M\u00fcnzen oder als Betrag auf einem Konto \u2013 repr\u00e4sentiert \u00f6konomische Werte, ohne selbst einen Wert zu haben. Zum Teil entsteht es tats\u00e4chlich als Schuld, wenn sich Gesch\u00e4ftsbanken bei der Zentralbank gegen Hingabe von Sicherheiten Geld borgen, aber zum anderen Teil gelangt Geld in den Kreislauf, indem die Zentralbank den Banken Sicherheiten (verschiedene Arten von Wertpapieren) abkauft. Das ist die in den USA bevorzugte Methode, und sie bedeutet, dass Geld keinesfalls immer als Schuld entsteht. Auch das \u201eQuantitative Easing\u201c der EZB operiert nach dieser Methode, erzeugt also keineswegs neue Schulden und ist auch nicht als Schuld zu deuten.   <\/p>\n<p>3. These: \u201eWenn A an B ein Geld verleiht, entsteht kein neues Geld. Wenn aber eine Bank \u2026 Geld verleiht, das sie nicht hat, dann ist neues Geld entstanden.\u201c<\/p>\n<p>Eine Bank kann immer nur das Geld verleihen, das sie momentan hat, genauer gesagt: das sie von anderen bekommen hat. Eben das ist das Gesch\u00e4ftsmodell einer Bank \u2013 hier von den Gebr\u00fcdern Heidenreich v\u00f6llig verkannt. Klarerweise hat die Bank das Geld nicht mehr, wenn sie es verliehen hat und muss sich dann darum k\u00fcmmern, neue Einlagen einzuwerben. Die Br\u00fcder meinen wahrscheinlich, dass das Geld, das Banken verleihen, nicht ihr Eigentum ist. Der Eigent\u00fcmer hat es der Bank \u00fcbergeben, wohl wissend, dass die Bank damit Gesch\u00e4fte machen wird. Das Geld ist dann im Besitz der Bank. Offenbar haben die Autoren die Geldtheoretiker Heinsohn und Steiger (2008) nicht zur Kenntnis genommen, wenn sie Eigentum und Besitz in einen Topf werfen. <\/p>\n<p>4. These: \u201eAm Anfang ist Geld nichts als Zahlen in einer Tabelle.\u201c <\/p>\n<p>Das ist eine typische Aussage der deutschen Anh\u00e4nger und Verflacher der Modern Monetary Theory. So schreibt auch Dirk Ehnts (2016: 91): \u201eAufgrund der Tatsache, dass sowohl Reserven wie auch Bankeinlagen am Computer mithilfe einer gro\u00dfen Tabelle erzeugt werden, sind weder Reserven noch Bankeinlagen durch irgendeine Art physischer Grenzen beschr\u00e4nkt.\u201c Physischen Grenzen der Geldsch\u00f6pfung sind zum Beispiel die Mauern der Geb\u00e4ude von Banken. Aber was soll dieses Argument? Hier kommt es auf die banktechnischen Bedingungen an, die die Geldsch\u00f6pfung \u2013 \u00fcbrigens trotz Negativzinsen \u2013 im Zaum halten, also die Verf\u00fcgbarkeit \u00fcber Sicherheiten (bei Reserven und Krediten) und anderweitig verdientes Geld (bei externen Einlagen). F\u00fcr die MMT ist charakteristisch, dass sie die komplexen Bedingungen, die der Geldsch\u00f6pfung existenziell zugrunde liegen, ignoriert. So auch die These 4: Die Zahlen in einer von einer Bank gef\u00fchrten Tabelle registrieren lediglich, wer \u00fcber monet\u00e4re Werte verf\u00fcgt und in welchem Ma\u00dfe, sind aber keine. Auch hier liegt wie bei der These 1 eine unsaubere Semantik vor.  <\/p>\n<p>5. These: \u201eDie Zentralbank sch\u00f6pft Geld, indem sie einer anderen Bank eine Zahl ins Buch schreibt.\u201c<\/p>\n<p>Eine Bank verschuldet sich bei der Zentralbank und bekommt die Schuld dann ins eigene Hauptbuch geschrieben? Wenn sie es dann wegwirft ist die Schuld getilgt?  F\u00fcr so viel Humbug kann man eigentlich nur Spott \u00fcbrig haben. &#8211; Es handelt sich um einen Betrag, der der Bank auf einem Konto gutgeschrieben wird, das sie bei der Zentralbank halten muss. Und die Zentralbank macht das nur, wenn die Bank ausreichend Sicherheiten hinterlegt hat, um ein Ausfall abdecken zu k\u00f6nnen. Solche Dinge \u201evergessen\u201c die deutschen MMT-ler gern. Bei den f\u00fchrenden Vertretern der MMT werden sie zwar nicht vergessen, aber in ihrer Bedeutung nicht gew\u00fcrdigt. Diese Vergesslichkeit erm\u00f6glicht es den Anh\u00e4ngern der MMT, die Geldsch\u00f6pfung als einen v\u00f6llig unproblematischen, nur von der Willk\u00fcr der Bank abh\u00e4ngigen Akt auszudeuten. <\/p>\n<p>6. These: \u201e\u2026bis vor 30 Jahren h\u00e4tte der Konsument nie der Letzte in der Kette sein d\u00fcrfen, der Schuldner der letzten Instanz.\u201c<\/p>\n<p>Es gibt unter den ca. 10 Mio. B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern, die ein niedriges Haushaltseinkommen haben, tats\u00e4chlich viele, die hoch verschuldet sind. Aber f\u00fcr den Rest der Bev\u00f6lkerung trifft das nicht zu. Der gibt nur Geld aus, das vorher verdient worden ist. Mithin haben die meisten selten Schulden. Doch hier ist etwas Prinzipielles gemeint: Allein dadurch, dass Menschen Geld besitzen, sind sie Schuldner. Vom Standpunkt des Mainstreams stehen den Geldbesitzern Schuldner gegen\u00fcber \u2013 also genau das Gegenteil. Vom Standpunkt einer Geldtheorie, die Geld als verdinglichtes Verh\u00e4ltnis auffasst (Quaas 2018), irren die Vertreter beider Standpunkte: Wer ein Wertpapier sein eigen nennt \u2013 und modernes Geld kann jederzeit diese Form annehmen \u2013 der kann damit Schulden tilgen, aber er kann an niemand, der nichts verkaufen will, eine Forderung stellen. Nicht einmal an die Bank, die das Geld gesch\u00f6pft hat \u2013 die Zentralbank. Geld in den H\u00e4nden der Kunden und Kundinnen von Banken ist weder eine Forderung noch eine Schuldverschreibung, und es basiert nur dann auf Schulden, wenn dem ein Kredit zugrunde liegt. Was keineswegs immer der Fall ist. Die Behauptung, dass es den Inhaber zu einem Schuldner mache, ist ein St\u00fcck aus dem Tollhaus, das die Leserschaft in Erstaunen versetzen soll.<\/p>\n<p>7. These: \u201eMehr Schulden = mehr Geld = mehr Umsatz = mehr Gewinn\u201c<\/p>\n<p>Der erste Teil \u201eMehr Schulden = mehr Geld\u201c ist mit der These 2 bereits widerlegt worden. Dass der zweite Teil, \u201emehr Geld = mehr Umsatz = mehr Gewinn\u201c nicht zutrifft, k\u00f6nnen wir seit geraumer Zeit beobachten. Die Geldmenge M1 ist seit 1991 um durchschnittlich 7 Prozent pro Jahr gestiegen, das BIP ist aber kaum \u00fcber 2 Prozent Wachstum hinaus gekommen. In jeder Krise sinkt (!) der Gewinn absolut, obwohl die Schulden steigen. \u2013 Das sind alles leicht nachpr\u00fcfbare Fakten, die gegen jene laienhaften Fantasien sprechen, die der These 7 zugrunde liegen. <\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Was kann man von einem Buch erwarten, das gleich auf den ersten zwei bis drei Seiten derart jenseits einer realistischen und wissenschaftlichen Betrachtungsweise und \u2013 nebenbei bemerkt \u2013 auch jenseits der geldtheoretischen und fiskalpolitischen Diskussion liegt? Jedenfalls nichts, was eine an harten Fakten interessierten Leserschaft interessieren k\u00f6nnte. Mag sein, dass das Buch Tr\u00e4umern von einer geldlosen Welt manches Unterhaltsame zu bieten hat. Unrealistische und schlecht informierte Tr\u00e4ume haben sich noch nie in etwas Reales verwandelt. Bedauerlich ist nur, dass eine ernsthafte geldtheoretische Debatte auf Carta verhindert wird, wenn Redakteure, die von der Geldtheorie nichts verstehen, das Sagen haben.<\/p>\n<p>Verweise:<\/p>\n<p>Lars Br\u00e4utigam (2015): Geld, Macht und Herrschaft. Hamburg<br \/>\nDirk Ehnts (2016): Geld und Kredit &#8211; eine Euro-p\u00e4ische Perspektive. Marburg<br \/>\nJan Greitens (2019): Geld-Theorie-Geschichte, Marburg<br \/>\nRalph Heidenreich, Stefan Heidenreich (2011): Mehr Geld. Berlin<br \/>\nGunnar Heinsohn, Otto Steiger (2008): Eigentums\u00f6konomik, Marburg<br \/>\nGeorg Quaas: Relationale Geldtheorie (2018). Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man sollte meinen, dass die Redaktion einer \u00fcberparteilichen, sozial-engagierten und feuilletonistischen Plattform wie Carta<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14,3,8],"tags":[15,16,17],"class_list":["post-508","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geldtheorie","category-grundsatzfragen","category-okonomik","tag-carta","tag-geldtheorie","tag-meinungsfreiheit"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/508","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=508"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/508\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":515,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/508\/revisions\/515"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=508"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=508"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=508"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}