{"id":236,"date":"2012-09-27T08:45:08","date_gmt":"2012-09-27T08:45:08","guid":{"rendered":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=236"},"modified":"2012-09-27T08:45:08","modified_gmt":"2012-09-27T08:45:08","slug":"zum-zustand-der-volkswirtschaftslehre","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=236","title":{"rendered":"Zum Zustand der Volkswirtschaftslehre"},"content":{"rendered":"<p>Vorbemerkung<\/p>\n<p>Die unabh\u00e4ngige Zeitung Student! berichtete im Mai 2012 \u00fcber die problematische Diskussionskultur an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakult\u00e4t <!--more-->der Universit\u00e4t Leipzig. (Auf dieser Webseite wurde unter der \u00dcberschrift &#8222;Aus studentischer Perspektive&#8220; dar\u00fcber informiert.) Unter den Kommentaren (Nr.8) ist am 26. September ein pers\u00f6nlicher Bericht \u00fcber eine Fakult\u00e4tsratssitzung aufgetaucht, in der ein ganzer Masterstudiengang gema\u00dfregelt wurde. <\/p>\n<p>http:\/\/www.student-leipzig.de\/artikel\/zweifel-an-freiheit-der-wissenschaft#comments<\/p>\n<p>Erw\u00e4hnt wird in diesem Bericht ein Papier aus meiner Feder, das der Herr Prof. Steger &#8222;verurteilen&#8220; lassen wollte. Hier ist das Original. Obwohl 2010 geschrieben, erscheint es mir &#8211; von erl\u00e4uterungsbed\u00fcrftigen Einzelheiten abgesehen &#8211; immer noch brandaktuell.<\/p>\n<p><strong>Einige Anmerkungen zum Zustand der Volkswirtschaftslehre<\/strong> <\/p>\n<p>von Georg Quaas <\/p>\n<p><strong>Wissenschaftstheoretische Charakteristik<\/strong> <\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einige wissenschaftstheoretisch relevanten Fakten: Neben dem Mainstream (neoklassische Synthese, Teile der Institutionen\u00f6konomik u.a.m.) gibt es andere Ans\u00e4tze wie z.B. die Neoricardianische Schule. Seit ca. 30 Jahren findet eine Bewegung statt weg vom Mainstream, die mit den unrealistischen Annahmen eines Denkens in Gleichgewichtszust\u00e4nden und gewisser mathematischer Modelle (Voraussicht, Rationalit\u00e4t, Pr\u00e4ferenzen etc. betreffend) unzufrieden ist (\u00e0 Postkeynesianismus, Evolutorische \u00d6konomik, Bewegung der Postautisten). F\u00fcr die Charakterisierung der Volkswirtschaftslehre als \u201enormale Wissenschaft\u201c (Thomas S. Kuhn) w\u00e4re erforderlich, dass sich der sog. Mainstream gegen\u00fcber anderen Ans\u00e4tzen\/Schulen durchgesetzt h\u00e4tte. <\/p>\n<p>Befindet sich die VWL also in einer Krise? Trotz der Kritik, die in der Folge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise an den \u00d6konomen ge\u00fcbt wird, fehlt eine allgemein anerkannte Liste von Anomalien, also derjenigen wissenschaftlichen Probleme, die trotz zahlreicher Bem\u00fchungen bislang nicht gel\u00f6st werden konnten. (Das wirtschaftspolitisch wohl wichtigste Problem, die Arbeitslosigkeit, h\u00e4ngt laut makro\u00f6konomischen \u201eTextbooks\u201c vom Mark-up ab \u2013 ist also systembedingt. Und wer will \u201edas System\u201c schon noch grundlegend \u00e4ndern?) Ist die Evolutorische \u00d6konomik als eine wissenschaftliche Revolution zu interpretieren? Dazu fehlen wissenschaftliche Leistungen, die &#8211; zumindest von den bekennenden Vertretern dieses Ansatzes &#8211; allgemein als vorbildlich f\u00fcr die neue Art, \u00f6konomische Probleme zu analysieren, anerkannt w\u00e4ren (das Nelson-Winter Modell ist noch zu unentwickelt, und dar\u00fcber hinaus f\u00fcr viele abschreckend, weil \u2013 ebenfalls mathematisch. Und mit dem VSB-Schema allein kommt man nicht weit\u2026) Befindet sich die \u00d6konomik etwa noch im vorparadigmatischen Stadium? Dagegen sprechen mehrere Indikatoren, insbesondere, dass die meisten \u00d6konomen ziemlich genau zu wissen scheinen, welche Gegenst\u00e4nde untersucht werden sollen und welche Methoden dabei zur Anwendung kommen m\u00fcssen. <\/p>\n<p>Die VWL hat demnach Merkmale aller von Kuhn definierten Phasen, wobei der normalwissenschaftliche Charakter zwar \u00fcberwiegt, zugleich aber krisenhafte Z\u00fcge auftreten (Konkurrenz verschiedener Schulen, nicht von allen anerkannte Anomalien, Fluchtbewegungen). Offenbar passt die VWL nicht in das Schema, das der Wissenschaftshistoriker bereit legt, und nat\u00fcrlich erst recht nicht in das Entwicklungsschema des Kritischen Rationalismus. Trotzdem l\u00e4sst sich auf der Grundlage dieser skizzenhaften Beschreibung die gegenw\u00e4rtige Situation charakterisieren als<\/p>\n<p><strong>Aufstand des Mainstreams<\/strong><\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig erleben wir einen Versuch, die Dominanz des Mainstreams zu festigen. Genauer gesagt handelt es sich dabei um eine Macht\u00fcbernahme durch den Teil der Wissenschaftlergemeinschaft, deren Wissenschaftsverst\u00e4ndnis durch folgende Werte gepr\u00e4gt ist: Eine Theorie muss<br \/>\n(i) ein theoretisches (nicht unbedingt ein praktisch-volkswirtschaftliches) Problem bearbeiten,<br \/>\n(ii) mathematisch formuliert,<br \/>\n(iii) zumindest mittelfristig an einigen empirischen Daten \u00fcberpr\u00fcft<br \/>\n(iv) und international pr\u00e4sentierbar sein.<\/p>\n<p>Die Mittel, dieses Ideal durchzusetzen, sind:<br \/>\n(i) referierte Zeitschriften in englischer Sprache,<br \/>\n(ii) Rankings und Ratings,<br \/>\n(iii) eine Neuausrichtung der Berufungspolitik und<br \/>\n(iv) die Erlangung der Kontrolle \u00fcber die Verteilung von Mitteln, des Personals und \u2013 sehr wichtig \u2013 des wissenschaftlichen Nachwuchses.<\/p>\n<p>Gegen wen oder was richtet sich der \u201eAufstand des Mainstreams\u201c? Gegen alle, die nicht mitmachen wollen oder k\u00f6nnen, also vor allem gegen Vertreter von F\u00e4chern, die nicht hineinpassen. Zum Beispiel gegen konkurrierende Schulen. So wurde der Hinweis der Akkreditierungskommission auf die fehlende Produktionstheorie schlichtweg ignoriert. Wer kennt schon dieses Produkt der Neoricardianischen Schule?  Ein weiteres Beispiel dieser Art sind die vom Aussterben bedrohten Ordnungstheoretiker. Stichwort: der Streit der K\u00f6lner Ordnungstheoretiker mit den Makro\u00f6konomen. Wer wird die Auseinandersetzung wohl gewinnen bzw. hat schon l\u00e4ngst gewonnen? \u00dcbrigens ein merkw\u00fcrdiger Verlauf der Geschichte, angesichts dessen, dass die globale Krise ein Ordnungsproblem deutlich gemacht hat. Auch die empirische Wirtschaftsforschung ist betroffen, insofern sie n\u00e4mlich mit wirtschaftspolitischen Ambitionen verbunden ist. Man sagte mir, wir halten \u201enichts von diesen gro\u00dfen Modellen\u201c.  Entsprechend richtet sich die \u00dcbernahme auch gegen die empirische Grundlage dieser Modelle, die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, die gerade noch als Wahlfach geduldet werden. Ziemlich generell kann man sagen: Sie richtet sich gegen alle sozio\u00f6konomischen F\u00e4cher wie Wirtschaftsgeschichte, Dogmengeschichte, Wirtschaftssysteme, aber auch Umwelt\u00f6konomik etc., denen m\u00f6glicherweise unterstellt wird, dass sie wenig geeignet sind, die drei S\u00e4ulen zu festigen, sondern eher ablenken k\u00f6nnten. Zum Teil werden auch regional orientierte Statistiker und Finanzwissenschaftler in Mitleidenschaft gezogen, die es objektiv schwer haben, sich in den internationalen Zeitschriften zu platzieren. Das Schicksal dieser F\u00e4cher ist \u2013 falls sie nicht schon aus dem Lehrkanon beseitigt wurden \u2013 Randst\u00e4ndigkeit. <\/p>\n<p>Jeder, der die Entwicklung unter den Volkswirten in den letzten 5 Jahren verfolgt hat, wird leicht nachvollziehen k\u00f6nnen, in welcher Weise diese Mittel im mikrosozialen Umfeld umgesetzt wurden (ob planm\u00e4\u00dfig bewusst oder als spontan umgesetzte \u201efunktionale Notwendigkeit\u201c sei dahingestellt):<br \/>\n(i) Beseitigung des Konsens als Entscheidungsprinzip der Fachgruppe; aber auch Ignoranz gegen\u00fcber Mehrheitsbeschl\u00fcssen, wenn diese nicht ins Konzept passen;<br \/>\n(ii) Hinausdr\u00e4ngen der \u00e4lteren Generation aus der Lehre (haupts\u00e4chlich bewirkt durch akkreditierte und damit f\u00fcr strukturelle Ver\u00e4nderungen tabuisierte und gegen Konkurrenz abgeschirmte Studieng\u00e4nge &#8211; von Einzelma\u00dfnahmen einzelner Personen gegen andere ganz abgesehen)<br \/>\n(iii) Entwertung der Forschungsleistung mit den entsprechenden Konsequenzen f\u00fcr die F\u00f6rderung; daf\u00fcr sorgt vor allem das Handelsblattranking. Zus\u00e4tzlich findet bundesweit eine Marginalisierung der Zeitschriften statt, die sich den \u201ealten\u201c Themen widmen;<br \/>\n(iii) Versuch einer Monopolisierung der Doktorandenausbildung (in Leipzig bislang gescheitert);<br \/>\n(v) \u00dcbernahme der Kontrolle \u00fcber die Auswahl der Studierenden.<br \/>\n(vi) Monopolisierung der paradigmatisch wichtigen F\u00e4cher.<\/p>\n<p><strong>Die Probleme der sog. Reformer<\/strong><\/p>\n<p>Das generelle Problem der sog. Reformer besteht darin, dass sie mehr als 30 Jahre zu sp\u00e4t kommen. Die Macht\u00fcbernahme ist international bereits Geschichte. Insofern aus diesen Prozessen bereits etwas gelernt worden ist (die Gegenbewegungen!), wirkt die \u201eReform\u201c f\u00fcr alternative Ans\u00e4tze daher konter-revolution\u00e4r. Damit ger\u00e4t die nachholende \u201ewissenschaftliche Revolution\u201c zwangsl\u00e4ufig in Konflikt nicht nur mit den oben genannten Gruppierungen, sondern auch mit denjenigen, die zwar das oben beschriebene Ideal entweder teilen oder respektieren (wie der Autor dieser Zeilen), aber dar\u00fcber hinaus Bew\u00e4hrtes erhalten, Neues f\u00f6rdern und vor allem: wissenschaftliche Kritik und Pluralit\u00e4t nicht geopfert sehen wollen. <\/p>\n<p>Die relative Unerfahrenheit der neuberufenen \u201eReformer\u201c in wissenschaftspolitischen Fragen, aber auch ihrer sich lange unterdr\u00fcckt f\u00fchlenden Unterst\u00fctzer, ist ein weiteres Problem. Diese Eigenschaft verleitet sie dazu, das Ideal zu \u00fcberziehen. Werden beispielsweise drei S\u00e4ulen (Mikro-, Makro\u00f6konomie und Empirische Wirtschaftsforschung\/Statistik) als paradigmatisch wichtig definiert, so wird f\u00fcr jeden Studierenden der VWL im Masterstudiengang ihr nochmaliges (nat\u00fcrlich: vertieftes) Studium zur Pflicht gemacht (von den Wiederholungen f\u00fcr die Vergesslichen und die \u201eschlechter\u201c Ausgebildeten abgesehen). Zwar sollte sich der \u201ewissenschaftliche Nachwuchs\u201c im Masterstudiengang spezialisieren, aber daf\u00fcr bleibt vergleichsweise wenig Raum (siehe Pl\u00e4doyer der Studierenden des Masterstudienganges). Ein anderer Punkt. Englisch ist heute die Sprache der Wissenschaft. Aber was n\u00fctzen Kurse, in denen einige Professoren ihre fremdsprachigen K\u00fcnste offerieren, die Studierenden aber in Deutsch fragen und antworten? Oder: F\u00fcr den einen oder anderen \u00d6konomen mag die Mathematik ein Vorbild sein, ohne dass er diese Disziplin selber studiert hat. Man muss ein solches Studium wohl erlebt haben, um zu wissen, dass dadurch wie im Leistungssport ein gewisses Trainingsniveau erreicht,  gehalten und ausgebaut werden soll. Zu fragen w\u00e4re schon, ob dieses Niveau erforderlich ist, um die f\u00fcr die \u00d6konomik wesentlichen Ableitungen beherrschen zu k\u00f6nnen. Des Weiteren: Unkenntnis der Funktionsmechanismen einer Universit\u00e4t liegt wahrscheinlich zugrunde, wenn neue Werte (Rankings) von einem Tag zum anderen in einem Umfeld eingef\u00fchrt werden, das bislang ganz anderen folgte (zum Beispiel, B\u00fccher zu schreiben, sich gesellschaftlich zu engagieren etc.). &#8211; Die Liste der \u201epolitischen\u201c Fehler unserer \u201eReformer\u201c lie\u00dfe sich seitenweise fortsetzen.<\/p>\n<p>Es bleibt abzuwarten, wie die nachholende Macht\u00fcbernahme der \u201eEnglisch sprechenden Professoren\u201c (zur Zeit kursierende Persiflage) ausgehen wird. Ordnet man das vorliegende Pl\u00e4doyer der Studierenden des Masterstudienganges in diesen Prozess ein, so erkennt man leicht die zugrunde liegenden Ursachen und die Bedeutung des Protests. M\u00f6glicherweise wird \u201edas Pl\u00e4doyer\u201c dazu f\u00fchren, das Curriculum ein wenig zu lockern, ein grunds\u00e4tzliches Umdenken ist \u2013 trotz weltweiter \u00d6konomenschelte und globalen Herausforderungen an die \u00f6konomische Wissenschaft \u2013 wohl nicht in Sicht. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung Die unabh\u00e4ngige Zeitung Student! berichtete im Mai 2012 \u00fcber die problematische Diskussionskultur an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakult\u00e4t<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9,6],"tags":[],"class_list":["post-236","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-vwl","category-wissenschaftstheorie"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/236","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=236"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/236\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":239,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/236\/revisions\/239"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=236"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=236"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=236"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}