{"id":215,"date":"2012-09-12T15:47:47","date_gmt":"2012-09-12T15:47:47","guid":{"rendered":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=215"},"modified":"2012-12-27T18:04:23","modified_gmt":"2012-12-27T18:04:23","slug":"marx-und-%e2%80%9edas-kapital-heute-gedanken-anlasslich-des-145-jahrestages-des-erscheinens-des-1-bandes-am-11-september-1867","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=215","title":{"rendered":"Marx  und \u201eDas Kapital\u201c heute"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gedanken zum 145. Jahrestag des Erscheinens des 1. Bandes<br \/>\nam 11. September 1867<\/strong><\/p>\n<p>Zu beobachten ist nach wie vor ein anhaltendes Interesse an Marx, das zwar gewissen konjunkturellen Schwankungen unterliegt, aber seit Erscheinen des 1. Bandes des \u201eKapitals\u201c  nie v\u00f6llig erloschen ist, nachdem die Startschwierigkeiten bei seiner Kenntnisnahme erst einmal \u00fcberwunden waren. Momentan hat die j\u00fcngste Weltwirtschaftskrise ein Hoch der Marx-Rezeption provoziert, die f\u00fcr sich genommen aber keinesfalls ein Novum darstellt, sondern vielmehr zeigt, dass es inzwischen Generationen sind, die in der Marxschen Theorie etwas erkennen k\u00f6nnen, das ihnen Antworten auf gestellte und ungestellte Fragen zu geben vermag. Unter der vor einigen Jahren vom ZDF aufgestellten Rankingliste der ber\u00fchmtesten Deutschen rangiert Karl Marx hinter Konrad Adenauer und Martin Luther auf Platz 3. So sahen ihn zumindest die 1,5 Millionen seinerzeit Befragten verortet.<!--more--><br \/>\nMarx\u2019 \u00f6konomisch fundierte Gesellschaftsanalyse des Kapitalismus ist zu unterscheiden von bestimmten Schlussfolgerungen, die einige seiner Anh\u00e4nger gezogen haben. Was Marx im \u201eKapital\u201c geleistet hat, ist keine Begr\u00fcndung des wissenschaftlichen Sozialismus oder gar Kommunismus, sondern, was er anstrebte und was ihm auch gelang, ist eine theoretisch fundierte Analyse der Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produktionsweise, die er in Auseinandersetzung  mit der klassischen Politischen \u00d6konomie vornahm; nicht umsonst lautet der Untertitel seines Werkes \u201eZur Kritik der Politischen \u00d6konomie\u201c. Gegen bestimmte Vereinnahmungen kann er sich nicht mehr wehren; das konnte er \u00fcbrigens auch zu Lebzeiten nicht. Jedenfalls verstehe ich seine durch Friedrich Engels in einem Brief an Conrad Schmidt kolportierte \u00c4u\u00dferung \u201eTout ce que je sais, c\u2019est que je ne suis pas Marxiste\u201c genau in diesem auf falsche Freunde gem\u00fcnzten Sinne.<br \/>\nDie Auffassung von der immanenten Krisenbehaftetheit des kapitalistischen  Systems teilt Marx  \u00fcbrigens mit vielen anderen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern, die vor und nach ihm diese Ansicht vertreten haben und vertreten, und die man wegen des eventuellen Anachronismus, aber auch sonst, kaum als marxistisch einordnen d\u00fcrfte. Allein schon das Interesse an Aufkl\u00e4rung im Theoriendschungel w\u00e4re also ein hinreichender Grund, um die Marxsche Theorie als eine von vielen Alternativen im gegenw\u00e4rtigen Krisenerkl\u00e4rungsspektrum einer erw\u00e4genden Analyse zu unterziehen. Ab ovo ist sie ja nicht weniger wahr und nicht weniger falsch als andere Ans\u00e4tze auch. Welche M\u00f6glichkeiten bieten sich in einer solchen Situation?  Marx hat uns im 4. Band des \u201eKapitals\u201c, den  von Kautsky herausgegebenen \u201eTheorien \u00fcber den Mehrwert\u201c (gegen Malthus) folgende \u00c4u\u00dferung hinterlassen: \u201eEinen Menschen aber, der die Wissenschaft einem nicht aus ihr selbst (wie irrt\u00fcmlich sie immer sein mag), sondern von au\u00dfen, ihr fremden, \u00e4u\u00dferlichen Interessen entlehnten Standpunkt zu akkommodieren sucht, nenne ich \u201cgemein\u201d.<br \/>\nWorum es Marx also unmissverst\u00e4ndlich  ging, war eine wissenschaftliche und schon deshalb kritische Theorie, nicht um eine Ideologie, die der wissenschaftlichen  Kritik nicht zug\u00e4nglich ist. Damit aber sind wir bei der Frage, ob seine eigene Theorie der Kritik standgehalten hat oder ob sie nicht doch zu verwerfen ist.<br \/>\nUm die von Marx im \u201eKapital\u201c entwickelte Theorie zu verstehen, kommt man nicht um ihren Kern herum, n\u00e4mlich die arbeitswerttheoretische Fundierung. Ohne hier ins Detail zu gehen, sei festgestellt, dass nicht nur Marx\u2019 krisentheoretische Argumente auf der Werttheorie basieren. Ihr unmittelbarer Ausfluss ist die Mehrwerttheorie, die in der verteilungstheoretischen Interpretation als Ausbeutungslehre rasch zum Stein des Ansto\u00dfes und damit zu einer normativ aufgeladenen Debatte gef\u00fchrt hat. Was lag also n\u00e4her f\u00fcr die Gegner der Arbeitswerttheorie, als jene rasch ad absurdum f\u00fchren zu wollen, um damit zugleich die ungeliebte Ausbeutungslehre loszuwerden.<br \/>\nDie wissenschaftliche Gegnerschaft basiert auf einem zur Arbeitswerttheorie alternativen Ansatz, n\u00e4mlich der subjektiven Wertlehre, die bis heute die Grundlage der Mikro\u00f6konomik bildet. Einer ihrer fr\u00fchen Vertreter, n\u00e4mlich Eugen von B\u00f6hm-Bawerk, meinte bereits 1896, einen gravierenden logischen Mangel in der Marxschen Theorie festgestellt zu haben, n\u00e4mlich einen Widerspruch zwischen der Werttheorie im Band 1 und der Preistheorie in Band 3 des \u201eKapitals\u201c. Zu diesem Punkt muss man allerdings feststellen, dass sich gewisse Vorurteile hartn\u00e4ckig halten. Wie man heute durch die umfangreich erforschte Geschichte des Transformationsproblems wei\u00df, gibt es diesen von B\u00f6hm-Bawerk und seinen Anh\u00e4ngern behaupteten Widerspruch \u00fcberhaupt nicht, so dass man eigentlich erwarten sollte, dass nur noch die Uninformierten diesem Fehlurteil aufsitzen. Bedauerlicherweise ist dem nicht so, denn auch in der akademischen Lehre wird mitunter immer noch verbreitet, die Marsche Theorie sei widerlegt. Dazu lassen sich jedoch weder logische Argumente anf\u00fchren noch sind stichhaltige empirische Widerlegungen bekannt.<br \/>\nIm Grunde stehen wir heute also vor der gleichen Situation wie einst Schumpeter, der sich dieser allerdings dadurch entzog, dass er die Marxsche Theorie alt und begraben nannte und deshalb f\u00fcr unbrauchbar (nicht aber falsch) hielt.<br \/>\nDoch hier genau liegt der Punkt: Sind andere Theorien wirklich besser? Wie kann man ernsthaft eine (nicht falsifizierte) Theorie in den Orkus des Vergessens werfen wollen, solange man keine andere wirklich ad\u00e4quate Erkl\u00e4rung f\u00fcr die ihr zugrunde liegenden Ph\u00e4nomene hat? Man muss kein Marxist sein, um diese einfache Frage aufzuwerfen, denn sie trifft nat\u00fcrlich analog auch f\u00fcr andere Theorien zu, z.B. die von Keynes, die von Hayek usw. usf.<br \/>\nDies tangiert die sicher unkomfortable Situation, dass es innerhalb der \u00d6konomik die Supertheorie schlechthin  nicht gibt und wahrscheinlich so schnell auch nicht geben wird. Was existiert, das ist ein heterogenes B\u00fcndel miteinander konkurrierender Theorien. Der gegenw\u00e4rtig wiederholt ausgebrochene Methodenstreit ist ein untr\u00fcgliches Zeichen daf\u00fcr, dass der neoklassische Mainstream zunehmend kritisch hinterfragt und nicht nur vereinzelt als unzureichend zur\u00fcckgewiesen wird. Die nach wie vor vorhandene Dominanz in der etablierten Zunft und institutionalisierten Wissenschaft wirkt hier jedoch hemmend und verz\u00f6gernd auf die allgemeine Wahrnehmung dieses Ph\u00e4nomens.<br \/>\nDoch die Tendenz eines Hineinr\u00fcckens auch in die Hochschulen l\u00e4sst sich nicht dauerhaft unterdr\u00fccken. Das zeigen z.B. solche Initiativen  wie der Offene Brief  des  Netzwerkes  Plurale \u00d6konomik an den Verein f\u00fcr Socialpolitik .auf seiner diesj\u00e4hrigen Tagung.  Hinter den Initiatoren verbergen sich vor allem Studierende der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften von rund einem Dutzend  Hochschulen, darunter Hochburgen des neoklassischen Mainstreams  \u2013 die  Leipziger sind  \u00fcbrigens nicht dabei, aber das ist eine andere Geschichte. Inhalt ist das Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine grunds\u00e4tzliche Neugestaltung der Volkswirtschaftslehre. Zu den vernachl\u00e4ssigten, aber viel versprechenden Ans\u00e4tzen z\u00e4hlen die Verfasser auch die Theorie von  Marx. Generell werden solche Forderungen artikuliert wie Theorien- und Methodenvielfalt in Forschung und Lehre, Erweiterung des Curriculums um Lehrveranstaltungen zur Geschichte des \u00f6konomischen Denken, Wissenschaftstheorie und interdisziplin\u00e4re Veranstaltungen, Integration pluraler Lehrb\u00fccher in das Studium, Abkehr von Thomson Reuters Impact Factor als alleinigem Ma\u00dfstab f\u00fcr gute Forschung und Besetzung von mindestens  20% der Lehrst\u00fchle mit heterodoxen \u00d6konomen.<br \/>\nWas indes bleibt vom Marxschen \u201eKapital\u201c? Aus (nicht nur) theoriehistorischer Sicht ein imposantes Oeuvre eines zweifellos gro\u00dfen Theoretikers, das Denkanst\u00f6\u00dfe f\u00fcr die heutige \u00d6konomie dadurch vermittelt, dass es brisante Fragen aufgeworfen und  zu beantworten versucht hat. Unstrittig ist Marx zudem Vorl\u00e4ufer moderner Theorien, beispielsweise der Evolutorischen \u00d6konomik oder der wirtschaftlichen Kreislauftheorie. Aus wissenschaftstheoretischer Perspektive sind es besonders die kritische Denk- und Arbeitsweise, die Marx meisterlich als Einheit von logischer und historischer Methode zu praktizifieren verstand sowie sein Wissenschaftsbegriff mit der Orientierung an Wahrheit und nicht an Glauben, die sein \u00f6konomisches Hauptwerk auch weiterhin lesenswert machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gedanken zum 145. Jahrestag des Erscheinens des 1. Bandes am 11. September 1867 Zu beobachten ist nach wie vor ein anhaltendes Interesse an Marx, das zwar gewissen konjunkturellen Schwankungen unterliegt, aber seit Erscheinen des 1. 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