{"id":170,"date":"2012-04-09T12:52:12","date_gmt":"2012-04-09T12:52:12","guid":{"rendered":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=170"},"modified":"2012-11-26T07:21:36","modified_gmt":"2012-11-26T07:21:36","slug":"zur-theorie-des-stopp-punktes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wissenschaftlichefreiheit.de\/?p=170","title":{"rendered":"Zur Theorie des Stopp-Punktes"},"content":{"rendered":"<p>von Georg Quaas (Version vom 21. Juni 2010)<\/p>\n<p><strong>Vorl\u00e4ufige Begriffsbestimmung<\/strong><\/p>\n<p>Der Begriff des Stopp-Punktes (hier in jedem Casus mit SP abgek\u00fcrzt) assoziiert bekannte Vorstellungen aus dem Stra\u00dfen- und Bahnverkehr. Insofern scheint eine Kl\u00e4rung des Begriffes \u00fcberfl\u00fcssig zu sein. Allerdings wird er im Folgenden auf die wissenschaftliche Diskussion, auf den wissenschaftlichen und philosophischen Diskurs und auf allt\u00e4gliche Kommunikationsprozesse bezogen, die durch andere Strukturen des miteinander Verkehrens definiert sind. Im Sinne der transzendental-realistischen Wissenschaftskonzeption <!--more-->handelt es sich um eine Analogie, die uns mit einem gewissen Vorverst\u00e4ndnis ausstattet, wor\u00fcber gesprochen wird. Um die Spezifik eines SP in den genannten Bereichen zu beschreiben, m\u00fcssen diese zun\u00e4chst charakterisiert werden.<\/p>\n<p><strong>Die allt\u00e4gliche Kommunikation<\/strong><\/p>\n<p>Der Begriff der Kommunikation im Alltag wird hier als Dia-, Tria- oder Multilog zwischen den Mitgliedern einer \u2013 in einem sehr weiten Sinne &#8211; gemeinsam handelnden Gruppe verstanden. Die Annahme, dass die miteinander Kommunizierenden gemeinsam handeln, also auch ein Interesse an der Gruppenbildung und an der Kommunikation haben, um eben jenes gemeinsame Handeln zu koordinieren, hat Bedeutung f\u00fcr die Frage, welche Folgen SP haben. Sollten Kommunikationsprozesse denkbar sein, die auch nicht im entferntesten Sinne der Handlungskoordination dienen, so m\u00fcsste die Bedeutung von SP m\u00f6glicherweise anders eingesch\u00e4tzt werden. <\/p>\n<p><strong>Wissenschaftlicher Diskurs und wissenschaftliche Diskussion<\/strong><\/p>\n<p>Der Begriff des Diskurses wird in der neueren Philosophie vor allem von den Poststrukturalisten, aber auch im Rahmen der Theorie des Kommunikativen Handelns verwendet. Um die hier unn\u00f6tige Auseinandersetzung mit diesem schillernden Begriff zu vermeiden, soll er unter Bezug auf den Kritischen Rationalismus neu definiert werden. Als Ankn\u00fcpfungspunkt dient der Begriff der Welt 3. In Abgrenzung zur sog. \u201eK\u00fcbeltheorie des Geistes\u201c und allgemein zur psychologischen Deutung des Erkenntnisprozesses versteht Popper darunter die Gesamtheit der m\u00f6glichen und realisierten gedanklichen Inhalte, die durch von Menschen erzeugte Symbole (in B\u00fcchern, im Internet, auf Fahnen etc.) impliziert sind, einschlie\u00dflich der logischen Folgerungen daraus. Wissenschaftliche Theorien und ihre Folgerungen, empirisch gewonnene Daten, politische und andere Ideen sind Bestandteile der Welt 3. Um nicht in den Platonismus abzugleiten, betont Popper, dass die Welt 3 einen materiellen Tr\u00e4ger hat, n\u00e4mlich die von Menschen produzierten und verwendeten Symbole, also vor allem die Sprache. Jean-Fran\u00e7ois Lyotard, zwar ein postmoderner Kritiker der franz\u00f6sischen Strukturalisten, teilt mit diesen und Popper die Auffassung, dass der Mensch als Tr\u00e4ger des Wissens nicht in Frage kommt.<\/p>\n<p>Als \u201ewissenschaftlichen Diskurs\u201c m\u00f6chte ich begrifflich, logisch und assoziativ  zusammenh\u00e4ngende Gebiete der Welt 3 bezeichnen, die in zeitlicher Abfolge entstanden sind. Zu einem Diskurs geh\u00f6ren beispielsweise eine Theorie und ihre Folgerungen, und zwar solche, die tats\u00e4chlich gezogen worden sind, aber nicht die Folgerungen, die man noch ziehen k\u00f6nnte. Zum selben Diskurs geh\u00f6ren alternative Erw\u00e4gungen, die in Zusammenhang mit jener Theorie tats\u00e4chlich angestellt worden sind, also falsifizierende Hypothesen und alternative Theorien, die wirklich aufgestellt worden sind. Beispiel f\u00fcr einen Diskurs in der \u00d6konomik ist die lange Debatte \u00fcber die Phillipskurve. Ob ein Diskurs wissenschaftlich ist oder nicht, ist eine Frage der Bewertung, die sich auf der Grundlage einer Analyse, also eines weiteren Diskurses ergibt und somit von vielem abh\u00e4ngt, u. a. vom wissenschaftstheoretischen und historischen Standpunkt des Betrachters. Sind die Platonischen Dialoge wissenschaftliche Diskurse? Diese Frage kann hier offen bleiben. Niemand wird jedoch ernsthaft bestreiten, dass es sich um einen philosophischen Diskurs handelt. <\/p>\n<p>Der Diskursbegriff scheint dem Begriff der wissenschaftlichen Diskussion sehr nahe zu stehen. Unter einer wissenschaftlichen Diskussion m\u00f6chte ich jedoch in Abgrenzung zum Diskurs den Kommunikationsprozess zwischen Wissenschaftlern verstehen, die dabei einen Diskurs (oder die Fortf\u00fchrung eines Diskurses) produzieren. Unter einem Wissenschaftler (damit sind hier immer auch die Wissenschaftlerinnen gemeint) verstehe ich in diesem Zusammenhang einen Menschen, der \u2013 ob mit oder ohne Titel \u2013 die Suche nach Wahrheit und Erkenntnis in einem bestimmten Kontext \u00fcber seine anderen Interessen (Freiheit, Leben, Erl\u00f6sung, Harmonie, Wohlstand, Ehre etc.) stellt und dabei ein systematisches, f\u00fcr andere bei entsprechender Ausbildung nachvollziehbares, zweckm\u00e4\u00dfiges und selber diskutierbares Vorgehen w\u00e4hlt. Diese Definition ber\u00fccksichtigt die Rolle des Menschen bei der Produktion wissenschaftlicher Diskurse und rekurriert wie der Kritische Rationalismus auf intrinsische Werte, die zwar auch in nicht-wissenschaftlichen Diskussionen gelten (k\u00f6nnen), in der Wissenschaft aber die Grundstruktur darstellen.<\/p>\n<p>Wissenschaftliche Diskussionen, in denen Symbole verwendet, neu kombiniert und erzeugt werden, sind demnach die Generatoren wissenschaftlicher Diskurse, die \u2013 sozusagen losgel\u00f6st vom Sprechen und Schreiben lebendiger Menschen \u2013 die  dadurch produzierten, zusammenh\u00e4ngenden Symbolstr\u00e4nge sind und ihrerseits einen abgegrenzten Bereich in der Welt 3 definieren.<\/p>\n<p><strong>Wissenschaftspolitischer Diskurs<\/strong><\/p>\n<p>Diskussionen \u00fcber wissenschaftspolitische Fragen \u2013 zum Beispiel \u00fcber die Frage, wie ein Studiengang strukturiert sein sollte, ob ein Ruf an eine bestimmte Person ergehen sollte usw.  \u2013 erzeugen einen wissenschaftspolitischen Diskurs. Der Unterschied zum wissenschaftlichen Diskurs besteht zun\u00e4chst vor allem im Gegenstand, den man ganz grob als \u201eGestaltung der h\u00f6heren Bildung\u201c bezeichnen k\u00f6nnte. Wissenschaftspolitische Diskurse k\u00f6nnen zugleich aber auch wissenschaftliche Diskurse sein, wenn sie von Wissenschaftlern mit wissenschaftlichen Methoden produziert werden. Insofern sind die Grenzen flie\u00dfend.   <\/p>\n<p><strong>Stopp-Punkte in der allt\u00e4glichen Kommunikation<br \/>\n<\/strong><br \/>\nKommunikationsprozesse haben, da von endlichen Wesen betrieben, einen Anfang und ein Ende. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen sie Pausen enthalten, um beispielsweise dem Kommunikationspartner Zeit zum Nachdenken zu geben. Unter einem SP ist in Abgrenzung vom nat\u00fcrlichen Ende und von den Pausen in der allt\u00e4glichen Kommunikation ein themengebundener Abbruch der Kommunikation durch einen Beteiligten zu verstehen. Daf\u00fcr mag es die verschiedensten Gr\u00fcnde geben, wie beispielsweise der Schutz des eigenen psychischen Wohlbefindens oder der k\u00f6rperlichen Unversehrtheit desjenigen, der es wagt, unangenehme Fragen zu stellen und dadurch im Begriffe ist, eine unkontrollierte Reaktion zu provozieren. Im Hinblick auf den Zweck der Kommunikation, die Koordination des Handelns, bedeuten SP die Verringerung der Chance, zum Ziel zu kommen. Doch diese Beurteilung mag zu eindimensional sein. Wenn sich verschiedene Koordinationsaufgaben \u00fcberlagern, gef\u00e4hrdet der Abbruch einer Kommunikation m\u00f6glicherweise den Erfolg auf einer Handlungsebene, w\u00e4hrend er zugleich die Fortf\u00fchrung von gemeinsamen Handlungen auf anderen Ebenen sichert. Insofern kann Respekt vor den SP, die ein Kommunikationspartner setzt, eine moralische Regel sein, die eine \u00fcberwiegend erfolgreiche Koordination in komplexen Handlungszusammenh\u00e4ngen erm\u00f6glicht. <\/p>\n<p>Allerdings darf in diesem Nutzeneffekt keine Begr\u00fcndung der moralischen Regel, \u201eDu sollst in der allt\u00e4glichen Kommunikation die SP des Anderen respektieren\u201c gesehen werden: Ansonsten handelte es sich um einen naturalistischen Fehlschluss. Die moralische Begr\u00fcndung jener Regel ergibt sich nach der Ethik von Richard M. Hare daraus, dass und insoweit man die Konsequenzen dieser Regel auch dann noch akzeptieren kann, wenn man selber betroffen ist. \u201eBetroffenheit\u201c kann hier zweierlei bedeuten: Entweder, dass man von anderen erwartet, dass sie die von mir gesetzten SP respektieren, oder aber, dass andere erwarten, dass ich die von anderen gesetzten SP respektiere. Eine moralische Attit\u00fcde bedeutet hier in jedem Falle, beide Erwartungen symmetrisch zu behandeln \u2013 welche Haltung zum SP man immer auch einnimmt. Allerdings ist diese Entscheidung, wie mir scheint, in hohem Ma\u00dfe von anderen Moralurteilen abh\u00e4ngig, so dass hier kaum ein Spielraum bleibt, die Frage, soll ich die SP anderer respektieren oder nicht, unabh\u00e4ngig von anderen Vorentscheidungen zu beantworten.<\/p>\n<p><strong>Stopp-Punkte in der wissenschaftlichen Diskussion<\/strong><\/p>\n<p>Die wissenschaftliche Diskussion ist ein Kommunikationsprozess und \u00e4hnelt dabei der allt\u00e4glichen Kommunikation. Insofern k\u00f6nnte man meinen, dass \u00e4hnliche Prinzipien anzuwenden sind. Allerdings findet dieser Prozess zwischen Menschen statt, die als Wissenschaftler \u201eamtieren\u201c und insofern auf andere Interessen nur bedingt R\u00fccksicht nehmen (k\u00f6nnen). Setzt ein Teilnehmer an einer wissenschaftlichen Kommunikation einen SP, weil die Er\u00f6rterung eines Themas andere Interessen als die der Wahrheitssuche verletzt, so steigt er damit als Wissenschaftler aus der Debatte aus. Das gilt auch dann, wenn er meint, dass das Thema bereits hinl\u00e4nglich von ihm oder von anderen er\u00f6rtert worden ist, und er die weitere Diskussion f\u00fcr Zeitverschwendung h\u00e4lt. In diesem Fall leidet die f\u00fcr alle Teilnehmer an der Diskussion wichtige Suche nach der Wahrheit darunter, dass derjenige, der die Wahrheit angeblich schon kennt, aus anderen Gr\u00fcnden als der Wahrheitssuche aus der Diskussion ausscheidet.    <\/p>\n<p>Ein Wissenschaftler kann eine Diskussion \u2013 bedingt durch das jeweilige Thema &#8211;  auch aus dem Grund abbrechen, dass er keine M\u00f6glichkeit sieht, mit seinen kognitiven Kompetenzen weiterhin zur Wahrheitsfindung beizutragen. Einen anderen legitimen Grund f\u00fcr einen Diskussionsabbruch kann es in einem Prozess, der dominant wissenschaftlicher Natur ist, nicht geben. Die Legitimit\u00e4t dieses Abbruches besteht in der disziplin\u00e4ren und dar\u00fcber hinaus themengebundenen Bedingtheit wissenschaftlicher Kompetenz, deren \u00dcberschreitung dem Erkenntnisprozess abtr\u00e4glich w\u00e4re.<\/p>\n<p>Aus welchen Gr\u00fcnden SP in einer wissenschaftlichen Diskussion auch immer gesetzt werden, sie bedeuten einen Ausstieg des Betreffenden aus der Kommunikation und aus seiner Funktion als Wissenschaftler. Was \u00fcbrig bleibt ist ein Mensch, der sich von einem professionellen Schuhmacher, Klempner, Versicherungsvertreter etc. nur noch dadurch unterscheidet, dass er (eventuell) die Potenzen (noch) besitzt, in die Diskussion (etwas sp\u00e4ter wieder) einzusteigen. Die Frage, ob dieser Mensch moralisch handelt, wenn er SP setzt, erscheint in diesem Kontext als irrelevant, insofern niemand gezwungen werden kann, fortw\u00e4hrend als Wissenschaftler zu agieren. Eine moralische Dimension k\u00f6nnte sich allerdings dann ergeben, wenn der Betreffende zwar de facto aufh\u00f6rt, als Wissenschaftler zu amtieren und zu argumentieren, er aber trotzdem auf seinen sozialen Status als Wissenschaftler pocht. Indem er sich ausdr\u00fccklich weigert, zu einem bestimmten Thema sein Wissen und seine F\u00e4higkeiten unter Beweis zu stellen und anzuwenden, obgleich er gleichzeitig einen wissenschaftlichen Anspruch auf dieses Thema erhebt, t\u00e4uscht er sein soziales Umfeld, behindert die wissenschaftliche Diskussion und damit die Produktion neuer Diskurse durch das Setzen von SP. Allerdings sind mir keine \u2013 zumindest keine einklagbaren \u2013 Regeln bekannt, die ein solches Verhalten \u00e4chten w\u00fcrden. \u201eDu sollst alles unterlassen, was die Fortf\u00fchrung wissenschaftlicher Diskussion behindert\u201c w\u00e4re sicher eine f\u00fcr alle Wissenschaftler annehmbare Regel, wenn sie sich an die grundlegende Funktion erinnern, die sie zu Wissenschaftlern macht. In Ermangelung einer solchen Regel haben wir es im Bereich der Wissenschaft oft mit Diskussionen zu tun, die zwar von sozial definierten Wissenschaftlern gef\u00fchrt werden, aber eher den Charakter von Kommunikationsprozessen des Alltags tragen. SP sind hier Produkte des Selbstschutzes, insbesondere des Schutzes der sozialen Position des Wissenschaftlers, der sich durch das Aufrufen gewisser Themen angegriffen f\u00fchlt. <\/p>\n<p><strong>Stopp-Punkte im wissenschaftlichen Diskurs<\/strong><\/p>\n<p>Kurz gesagt: Im wissenschaftlichen Diskurs kann es keine SP geben. Zwar sind wissenschaftliche Diskurse oft in hohem Ma\u00dfe fragmentiert und haben einen Anfang und ein Ende, aber einen Punkt, an dem der Diskurs nicht fortgesetzt werden kann oder darf, gibt es nicht. Das hat verschiedene Gr\u00fcnde, soziale, definitorische und evolutorische. Zwar mag es traditionelle, religi\u00f6se oder staatlich verordnete Tabuisierungen geben, aber diese k\u00f6nnen nur schwer durchgesetzt werden. Wird der Wissenschaftler als ein Mensch definiert, der Erkenntnis und Wahrheit \u00fcber seine anderen Interessen stellt, so wird er sich weder von prophezeiten Fegefeuern noch von angedrohten Gef\u00e4ngnisstrafen daran hindern lassen, den Diskurs an einem beliebigen Punkt aufzugreifen und fortzusetzen \u2013 gegebenenfalls als Anonymus. <\/p>\n<p>Aus kritisch-rationalistischer Sicht w\u00fcrde ein SP im wissenschaftlichen Diskurs die Ausf\u00fchrung einer zentralen, definitionsartigen Funktion unterbinden (wollen), n\u00e4mlich die \u00dcberpr\u00fcfung des betreffenden Themas. Das w\u00e4re gleichbedeutend mit dem Ende der wissenschaftlichen T\u00e4tigkeit an diesem Thema \u00fcberhaupt. Die in dem Thema enthaltenen Behauptungen w\u00e4ren nicht mehr kritisierbar und damit \u2013 unwissenschaftlich. Mit dem Ausscheiden des durch einen SP markierten Themas aus dem Bereich des Wissenschaftlichen in der Welt 3 verschwindet auch dieser SP aus diesem Bereich. <\/p>\n<p>Vom Standpunkt der Kuhnschen Wissenschaftsauffassung w\u00fcrde ein SP in der vorparadigmatischen Phase das Aufkommen von wissenschaftlichen Leistungen, an denen andere sich orientieren k\u00f6nnen, behindern, und damit die Entstehung einer normalwissenschaftlichen Tradition verz\u00f6gern. Innerhalb der \u201enormalen\u201c Wissenschaft w\u00fcrde der SP einen Ort markieren, an dem die disziplin\u00e4re Matrix nicht weiter entwickelt werden kann, so dass Einschnitte, Verwerfungen und Verzerrungen die Evolution der betroffenen Disziplin charakterisieren werden. Die Wirkung d\u00fcrfte auf Dauer dieselbe sein wie bei einer Anomalie: Wenn sich SP in einer Disziplin anh\u00e4ufen, ger\u00e4t sie in die Krise.<\/p>\n<p>Problem 1: <em>Definiert die disziplin\u00e4re Struktur der Wissenschaft Stopp-Punkte?<\/em><\/p>\n<p>Das Denken im Rahmen einer bestimmten Tradition oder einer bestimmten Disziplin erzeugt eine bestimmte Kompetenz, die eben auf den gegebenen traditionellen oder disziplin\u00e4ren Rahmen beschr\u00e4nkt sein kann. Das \u00dcberschreiten dieser Grenzen f\u00fchrt den Wissenschaftler in Bereiche, in denen er m\u00f6glicherweise zur Wahrheitsfindung nur wenig beitragen kann. Definieren die disziplin\u00e4ren Grenzen deshalb eine ganze Klasse von SP, die legitimer Weise nicht \u00fcberschritten werden d\u00fcrfen? Nein. Gerade die Geschichte der \u00d6konomik belegt (so wie nat\u00fcrlich auch andere Disziplinen), dass ein \u00dcberschreiten der disziplin\u00e4ren Grenzen fruchtbar sein kann. Werden hier SP gesetzt, so behindert das die Entwicklung der Wissenschaft im Ganzen. Dass SP an den disziplin\u00e4ren und traditionellen Grenzen illegitim sind, bedeutet andererseits nicht, dass solche Grenzen nicht beachtet werden m\u00fcssen. Entscheidend ist hierf\u00fcr wiederum weniger die Venia Legendi und die Approbation, sondern die Frage, ob ein Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs der anderen Disziplin geleistet worden ist.<\/p>\n<p>In \u00e4hnlicher Weise wird manchmal das Denken in einem Axiomensystem oder im Rahmen eines Algorithmus\u2019 mit der Anerkennung von SP in der Wissenschaft verwechselt. Oft geschieht das von mathematischen Laien, die nicht wissen, dass das Aufstellen eines Axiomensystems ein st\u00e4ndiges \u00dcberschreiten und Ausprobieren anderer Ans\u00e4tze erfordert.<\/p>\n<p>Problem 2: <em>Sind SP zur Absicherung einer wissenschaftlichen Lehrmeinung erforderlich?<\/em><\/p>\n<p>Hier m\u00fcsste ich wiederholen, was ich zur  Bewertung eines SP durch den Kritischen Rationalismus bereits gesagt habe: SP tragen demnach nicht zur Absicherung einer wissenschaftlichen Lehrmeinung bei, sondern zerst\u00f6ren ihre wissenschaftliche Qualit\u00e4t. Die Lehrmeinung wird zu einem Glaubensartikel.<\/p>\n<p>Es gibt aber noch einen anderen Aspekt, der hier zu er\u00f6rtern ist. Die Leistungsf\u00e4higkeit wissenschaftlicher Theorien und Methoden ist \u2013 wie die aller Artefakte \u2013 begrenzt. Muss der Wissenschaftler, zum Beispiel in der Lehre, nicht zwangsl\u00e4ufig SP setzen, um die \u00dcberdehnung der von ihm vertretenen und vermittelten Inhalte zu verhindern? Um beispielsweise zun\u00e4chst einmal die Leistungsf\u00e4higkeit seines Ansatzes zu demonstrieren? Wird der Wissenschaftler in einem Kommunikationsprozess beispielsweise durch das Einbringen von anderen Problemen an der Demonstration der Leistungsf\u00e4higkeit seines Ansatzes behindert, so ist es nicht er, der SP setzt. Dabei ist vorausgesetzt, dass die Leistungsf\u00e4higkeit auch wirklich demonstriert wird. In diesem Prozess wird es immer auch die Chance geben m\u00fcssen, die Grenzen des Ansatzes zu diskutieren. Setzt der Wissenschaftler an dieser Stelle einen SP, so scheidet er \u2013 wie oben bereits begr\u00fcndet \u2013 aus dem Wissenschaftsspiel aus und setzt sich der moralischen Kritik aus, etwas darstellen zu wollen, was man nicht mehr ist. Andere Wissenschaftler werden wom\u00f6glich den Diskurs an dieser Stelle fortf\u00fchren (m\u00fcssen).<\/p>\n<p><strong>Stopp-Punkte als Mittel zur Kontrolle des wissenschaftlichen Diskurses<\/strong><\/p>\n<p>Die Unm\u00f6glichkeit von SP im wissenschaftlichen Diskurs ist ein billiger Trost f\u00fcr den, der den real existierenden Stopp-Punkten in der wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Diskussion ausgesetzt ist. Das Ausscheiden eines Wissenschaftlers, der SP setzt, aus der wissenschaftlichen Diskussion kann nicht verhindern, dass er in seiner sozialen Position als berufener Wissenschaftler verharrt und die Diskussion mit anderen Mitteln fortsetzt, und zwar um andere Interessen (siehe die Definition des Wissenschaftlers) durchzusetzen. Damit verliert die Diskussion zwar ihren wissenschaftlichen Charakter, was aber nicht verhindert, dass sie Folgen f\u00fcr den wissenschaftlichen Diskurs hat.<\/p>\n<p>Um diese Ph\u00e4nomene zu verstehen, muss noch einmal daran erinnert werden, dass Symbole die Schnittstelle zwischen Welt 3, Welt 2 und Welt 1 darstellen. Der wissenschaftliche Diskurs ist wesentlich durch die zeitliche Abfolge der Produktion von Symbolen bestimmt und nur zum Teil durch die logischen Beziehungen, die ansonsten die Welt 3 konstituieren. Da Symbole (Diskurse) in Diskussionen produziert werden, und diese von vielseitig interessierten und abh\u00e4ngigen Menschen gef\u00fchrt werden, lassen sich Diskurse \u00fcber Diskussionen und dem damit verbundenen  personalen Aspekt steuern. Einsch\u00fcchterung (nach Johan Galtung eine Art psychischer Gewalt), Disziplinierung, \u00dcberredung, Bestechung, Drohung, Erpressung, Folter, u. v. a. m. sind Mittel, durch die \u00fcber die personale Schnittstelle auf die Welt 3 eingewirkt werden kann. <\/p>\n<p>Warum wenden Menschen solche Mittel an, um auf die nur virtuelle Welt, in der sich wissenschaftliche Diskurse bewegen, Einfluss zu nehmen? Weil diese auf die anderen Welten zur\u00fcckwirken. Im allgemeinen, so stellt Popper fest, orientieren die Artefakte der Welt 3 menschliches Handeln und wirken so \u2013 d.h. rein technisch \u2013 vermittelt \u00fcber die Psyche auf die physische Welt ein. Im Umkreis der Wissenschaft als soziale und verrechtlichte Institution sind jedoch auch noch andere Beziehungen wichtig. Bestimmte, formal charakterisierbare Diskurse (Bachelor- und Masterarbeiten, Dissertationen, Gutachten etc.) sind in Entscheidungsprozessen relevant, die soziale Positionen von Menschen als Wissenschaftler determinieren. Insofern ist die Kontrolle \u00fcber die Produktion von Diskursen Bestandteil eines reproduktiven Kreislaufes, in dem Diskurse die soziale Position bestimmen und soziale Positionen und Netzwerke Chancen darstellen, Diskurse zu produzieren und zu beeinflussen.<\/p>\n<p>Ist der Prozess der Produktion von Diskursen zur Erlangung einer Position, aus der heraus man Diskurse noch besser produzieren kann, erst einmal in Gang gekommen, so verst\u00e4rkt er sich selbst und gewinnt ein Eigenleben, das unter Umst\u00e4nden mit der Eigenlogik eines wissenschaftlichen Diskurses mit dem prim\u00e4ren Ziel der Wahrheitsfindung nur noch wenig zu tun hat.   <\/p>\n<p><strong>Die offene Flanke der sozial definierten Wissenschaft<\/strong><\/p>\n<p>Die sich selbst reproduzierende Diskursproduktion in der sozial, rechtlich und ethisch verfassten Institution Wissenschaft kann nur funktionieren, solange wenigstens der Schein aufrecht erhalten wird, im Bereich wissenschaftlicher Diskurse zu operieren. In diesem Bereich gibt es keine SP. Das bedeutet, dass ein sozial verfestigter Anspruch, der sich auf bestimmte Diskurse st\u00fctzt, durch Disqualifizierung dieser Diskurse als unwissenschaftlich angegriffen und abgewiesen werden kann. Darin besteht die offene Flanke der sozial verfassten Wissenschaft und ihrer honorablen Repr\u00e4sentanten. Es gibt nichts, das geeignet w\u00e4re, ihre Diskurse, die sie in m\u00f6glichst hoher Auflage gedruckt sehen wollen und neuerdings noch massenhaft ins Internet stellen, zu sch\u00fctzen. Zum einen ist da schon der normale wissenschaftliche Fortschritt, der bestehende Diskurse schnell veralten l\u00e4sst. Noch gef\u00e4hrlicher ist, dass Diskurse dem Zweck der Erkenntnis- und Wahrheitsfindung dienen (sollen) und in dem Ma\u00dfe leichte Beute anderer Diskurse werden k\u00f6nnen, wie sich ihre Produktion von jenen Zielen bereits entfernt hat und anderen Zielen dient \u2013 zum Beispiel dem Sammeln von Geld, Titeln oder Punkten im Handelsblattranking.  <\/p>\n<p><strong>Die Freiheit des Wissenschaftlers<\/strong> <\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte meinen, dass der Wissenschaftler an keine anderen \u201eGesetze\u201c und moralische Maximen als dem Gebot der Wahrheitsfindung gebunden ist, solange er im Bereich der wissenschaftlichen Diskurse operiert. Aber das verkennt die oben skizzierte technische und soziale R\u00fcckwirkung, die Diskurse auf die anderen Welten haben. In dieser \u2013 und nur in dieser Beziehung ist \u201edie \u00fcbliche Moral\u201c auch auf Theorien anzuwenden (Lenk \/ Maring 2008). Um dies genauer zu sagen: Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnen auch Diskurse moralisch bewertet werden, insofern sie einen moralisch bewertbaren Gegenstand thematisieren oder moralisch relevante Handlungen steuern. Insofern kann auch eine wahre Theorie moralisch verwerflich sein, wenn sie einen Sachverhalt behauptet, der Menschen in ihrer W\u00fcrde verletzt. Wenn jedoch andere Werte als die Wahrheit ins Spiel kommen, bleibt es nicht beim Wert der pers\u00f6nlichen W\u00fcrde und Ehre, so dass eine Interessenabw\u00e4gung stattfinden muss zwischen der ehrverletzenden Wahrheit und dem Interesse, das andere daran haben k\u00f6nnen, diese Wahrheit zu kennen. In der Bundesrepublik Deutschland schlie\u00dft der Gesetzgeber tadelnde Urteile \u00fcber wissenschaftliche, k\u00fcnstlerische und gewerbliche Leistungen von der Strafverfolgung aus (\u00a7 193 StGB), sofern sich nicht aus der Form der \u00c4u\u00dferung ein zus\u00e4tzlicher Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr eine Ehrverletzung ergibt. <\/p>\n<p>F\u00fcr den Umgang mit Diskursen kann zun\u00e4chst prinzipiell festgestellt werden, dass es sich um Sachen und nicht um Personen handelt, so dass das Strafrecht keine unmittelbare Bedeutung haben kann: K\u00f6nnte man Diskurse beleidigen, besch\u00e4digen oder t\u00f6ten, so g\u00e4be es keine Grundlage, diese Missetaten strafrechtlich zu verfolgen. Diese Bemerkung scheint absurd, gewinnt aber sofort auf dem Hintergrund des evolution\u00e4ren Vorteils des Menschen vor dem Tier, wie er von Popper herausgestellt wird, einen Sinn. Popper meint, dass sich Menschen wie Tiere von ihren Erwartungen (Theorien) leiten lassen, dass aber die Tiere mit ihren falschen Theorien (Erwartungen) untergehen, w\u00e4hrend Menschen die Theorien an ihrer Stelle sterben lassen. Im Kontext seiner Wissenschaftstheorie d\u00fcrfte dabei klar sein, dass er die Falsifikation von Theorien meint, also einen aktiven, von Menschen betrieben Vorgang, durch die wir Theorien \u201esterben\u201c lassen \u2013 wof\u00fcr man in Bezug auf Personen den Begriff der vors\u00e4tzlichen T\u00f6tung, also Mord, verwenden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wie werden Theorien \u2013 im Rahmen dieser Er\u00f6rterung also spezifische Diskurse &#8211;  \u201eermordet\u201c? Da Diskurse so lange bestehen, wie ihre Tr\u00e4ger existieren, diese bei der Falsifikation aber gar nicht beseitigt werden (sollen), kann der \u201eMord\u201c an einem wissenschaftlichen Diskurs nur in seiner Verbannung aus dem Bereich der wissenschaftlichen Diskurse in der Welt 3 bestehen. Komplette B\u00fccherverbrennungen vernichten die Tr\u00e4ger der Symbole, aber sie schaffen neue Diskurse, die auf jene Symbole hinweisen, deren Existenz eigentlich beseitigt werden sollte \u2013 insofern haben die so vernichteten Diskurse nach wie vor einen Platz in der Welt 3, wenn auch nur als logische M\u00f6glichkeit. <\/p>\n<p>Poppers Satz vom Sterben unserer Theorien dr\u00fcckt die Brutalit\u00e4t aus, die im Feld wissenschaftlicher Diskurse herrscht: Sein oder Nicht-Sein ist hier die Frage. Der \u201eMord\u201c an einer wissenschaftlichen These kommt in keinem Strafgesetzbuch vor. Strafrechtlich geringer eingestufte Delikte wie Diebstahl, Sachbesch\u00e4digung, Verleumdung etc. erst recht nicht. Insofern ist die Bezeichnung einer wissenschaftlichen These als Nonsens kein Delikt, das durch Ombudspersonen geahndet werden k\u00f6nnte. Der Diebstahl geistigen Eigentums dagegen ist ein Akt in der sozialen Welt, nicht in der Welt 3, und unterliegt nicht nur den einschl\u00e4gigen Gesetzen, sondern auch den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis. Um das, was im Bereich wissenschaftlicher Diskurse geschieht, ad\u00e4quat zu beschreiben, verwendete Lyotard die Bezeichnung des \u201eKampfes\u201c, wobei nicht ganz ausgeschlossen werden kann, dass der damit nicht nur Diskurse, sondern auch wissenschaftliche Diskussionen meint.<\/p>\n<p>Poppers Diktum ist aber auch nur die halbe Wahrheit: Mit dem Sterben unserer Theorien stirbt auch ein St\u00fcck unserer Reputation, die \u2013 wenn auch vermittelt \u00fcber eine Reihe von sozialen Prozessen \u2013 unsere soziale Position als Wissenschaftler definiert. F\u00fcr Wissenschaftler gilt: Als Wissenschaftler sterben sie mit ihren Theorien, wenn auch etwas sp\u00e4ter.<\/p>\n<p><strong>Kritik an Popper und Habermas<\/strong><\/p>\n<p>Der oben beschriebene Fakt, die sich verst\u00e4rkende und eine Eigenlogik gewinnende Selbstreproduktion von Diskursen und Diskussionen, und nicht die oft bem\u00fchte menschliche Eitelkeit oder andere psychologische Faktoren, ist es, der die methodologische Maxime des Kritischen Rationalismus, die eigenen Theorien kritisch zu \u00fcberpr\u00fcfen und gegebenenfalls preiszugeben, ins Leere laufen l\u00e4sst. Die soziale Reproduktion der Diskursproduktion erfordert, in erster Linie die Theorien der Anderen zu kritisieren. Nur so ist wissenschaftlicher Fortschritt (die Ann\u00e4herung an die objektive Wahrheit) mit den sozialen Reproduktionsbedingungen (die Erlangung und Festigung der Position eines gesellschaftlich anerkannten Wissenschaftlers) vereinbar.<\/p>\n<p>Der herrschaftsfreie Dialog, als empirisches Konzept zur Erfassung wissenschaftlicher Diskussionen aufgrund der vielf\u00e4ltigen Interessenlagen wohl kaum geeignet, kann programmatisch gedeutet und als Beschreibung der sozialen Bedingungen angesehen werden, die realisiert werden m\u00fcssten, um in der wissenschaftlichen Diskussion die Verh\u00e4ltnisse herzustellen, die im wissenschaftlichen Diskurs sowieso existieren. Wenn aber der wissenschaftliche Diskurs an sich herrschaftsfrei ist, wozu brauchen wir dann noch den herrschaftsfreien Dialog? Bedenkt man, dass Macht- und Herrschaftsanspr\u00fcche in der Kommunikation und in der wissenschaftlichen Diskussion vor allem durch SP durchgesetzt werden, und SP ein Abgleiten des \u201eDialogs\u201c in den nicht- und unwissenschaftlichen Bereich bewirken, so dient die Forderung nach einem herrschaftsfreien Dialog unmittelbar der Sicherung der Rahmenbedingungen, die f\u00fcr die Produktion wissenschaftlicher Diskurse notwendig (m\u00f6glicherweise aber nicht hinreichend) sind.    <\/p>\n<p><strong>Kritik in der Welt 3 und Kritik als Institution<\/strong> <\/p>\n<p>Das Streben nach Erkenntnis erfordert die Fortf\u00fchrung wissenschaftlicher Diskurse, wenn die absolute Wahrheit niemals erreicht und \u2013 h\u00e4tten wir sie erreicht \u2013 sie als solche niemals erkannt werden kann (Unm\u00f6glichkeit des Gottesstandpunktes). Die Fortf\u00fchrung eines Diskurses muss ihn zwangsl\u00e4ufig \u00fcberschreiten, nicht nur in dem Sinne, dass neue sinnvolle Symbole produziert werden, sondern vor allem in dem Sinne, das bestehende Geltungsanspr\u00fcche relativiert, also kritisiert werden. Kritik ist demnach eine notwendige Bedingung wissenschaftlichen Fortschritt. Niemand braucht einen neuen Diskurs, wenn der alte nicht kritisiert werden muss, weil sein Geltungsanspruch berechtigt ist. Doch auch die Tatsache, dass innerhalb eines Diskurses ein Geltungsanspruch berechtigterweise erhoben worden ist, erfordert Kritik in dem Sinne, dass er zu anderen Diskursen in Beziehung gesetzt wird \u2013 im  Bereich der empirischen Wissenschaften z.B. zu einem Diskurs, der die relevanten Daten enth\u00e4lt. Wenn im Kritischen Rationalismus die Kritisierbarkeit als allgemeines Abgrenzungskriterium zwischen Wissenschaft und Metaphysik definiert wird, so folgt daraus mit Notwendigkeit, Kritik als die wissenschaftliche Diskursmethode und Institution \u00fcberhaupt anzusehen. Im Bereich der Welt 3 handelt es sich jedoch um keine Institution, sondern um einen Diskurs, der mindestens zwei weitere Diskurse miteinander konfrontiert und damit auch in einen Zusammenhang bringt. Ist das Ergebnis der Kritik, dass ein bereits bestehender Diskurs mit seinen Geltungsanspr\u00fcchen zur\u00fcckgewiesen und aus dem Bereich wissenschaftlicher Diskurse verbannt werden muss, so entsteht das interessante Ph\u00e4nomen, dass geltender und verbannter Diskurs eng zusammenh\u00e4ngen, obwohl zwischen ihnen eine Grenze verl\u00e4uft. Der Wissenschaftler \u201ewohnt\u201c deshalb meistens an einem schmalen Steg, der vom Land der Wissenschaft zum Land der nicht- und unwissenschaftlichen Artefakte f\u00fchrt, ohne allzu genau zu wissen, auf welcher Seite er sich gerade befindet \u2013 was den einen oder anderen jedoch nicht daran hindert, mit dem pastoralen Gestus eines Hohenpriesters auf andere herabzublicken und bei kritischen Fragen SP zu setzen.<\/p>\n<p>Und um noch ein anderes Bild zu bem\u00fchen und zugleich richtig zu stellen: Man sollte sich den Bereich wissenschaftlicher Diskurse in der Welt 3 nicht wie eine einsame Insel in einem Ozean unwissenschaftlicher Artefakte (Beispiele gef\u00e4llig? Pegasus, das Platonische H\u00f6hlengleichnis, etc.) vorstellen, sondern eher als eine Gruppe von kultivierten Inseln auf einem Wandelstern, die sich st\u00e4ndig in ihrer Ausdehnung und Lage ver\u00e4ndern, wobei die wissenschaftlichen Diskurse nur einen Teil dieser Inseln ausmachen, der im Unterschied zu anderen Teilen nach ganz besonderen Prinzipien geordnet worden ist. Auch in diesem Punkt k\u00f6nnte ich Lyotard zitierend bem\u00fchen.<\/p>\n<p><strong>Nachbemerkung\/Literaturverzeichnis<\/strong><\/p>\n<p>Auf den Nachweis allgemein bekannter Thesen habe ich verzichtet. Weniger bekannt d\u00fcrfte sein:<\/p>\n<p>Hans Lenk \/ Matthias Maring: Ethik der Wissenschaft \u2013 Wissenschaft der Ethik. In: Erw\u00e4gen Wissen Ethik. Jg. 19\/2008 Heft 4. S. 493 (13).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Georg Quaas (Version vom 21. Juni 2010) Vorl\u00e4ufige Begriffsbestimmung Der Begriff des Stopp-Punktes (hier in jedem Casus mit SP abgek\u00fcrzt) assoziiert bekannte Vorstellungen aus dem Stra\u00dfen- und Bahnverkehr. Insofern scheint eine Kl\u00e4rung des Begriffes \u00fcberfl\u00fcssig zu sein. 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